Interview | Bob Hanning vor der Handball-EM - "Ich erwarte, dass wir wieder die Menschen vor die Bildschirme holen"

Sa 08.01.22 | 12:59 Uhr
Füchse-Manager Bob Hanning. / imago images/Fotostand
Bild: imago images/Fotostand

Bob Hanning wird die Handball-EM nach fast einem Jahrzehnt im Amt nicht mehr als DHB-Vizepräsident verfolgen. Der Füchse-Manager spricht über seine neue Rolle auf dem Sofa, deutsche Chancen - und den Ärger über die vergangenen Spiele seines Klubs.

rbb|24: Bob Hanning, seit 2013 waren Sie als Vizepräsident des Deutschen Handballbundes bei allen großen Turnieren mittendrin. Im Herbst 2021 haben Sie den DHB nach acht Jahren verlassen. Ist das vor der Europameisterschaft nun ein ungewohntes Gefühl?

Bob Hanning: Nein, überhaupt nicht. Ich freue mich darauf, es vor dem Fernseher zu sehen - und drücke genauso die Daumen und bin emotional genauso dabei, als wenn ich noch im Amt wäre.

Es wird für die Zuschauer ungewohnt sein, dass Sie auf der Tribüne fehlen - und das nicht nur wegen Ihrer stets besonderen und manchmal schrillen Outfits ...

Ich habe dazu eine klare Handhabung. Es waren acht schöne Jahre. Wir haben eine Menge bewegt und den Verband dahin gebracht, wo er heute ist. Ich habe, nachdem ich zudem noch acht Jahre im Bundesliga-Präsidium war, a) einfach auch mal das Recht, ein bisschen an mich zu denken. Und b) wäre es aus meiner Sicht nicht angemessen, beim Turnier dabeizusein. Es sind nun andere dran.

Angepasstes Hygienekonzept

Der europäische Verband hat am Donnerstag die verpflichtende Quarantäne positiv getesteter Spieler deutlich verkürzt. Betroffene Spieler dürfen demnach bereits fünf Tage nach einer Infektion bei Nachweis eines negativen PCR-Tests zum Turnier reisen. Ursprünglich betrug die Quarantänezeit zwei Wochen.

Infiziert sich ein Spieler bei der EM, muss er nach fünf Tagen zwei PCR-Tests innerhalb von zwei aufeinanderfolgenden Tagen absolvieren. Fallen beide Tests negativ aus, ist der betroffene Spieler wieder einsatzberechtigt.

Im Vorfeld der Europameisterschaft gibt es jede Menge Corona-Fälle in verschiedenen Teams. Glauben Sie, dass es am Ende ein sportlich aussagekräftiges Turnier geben wird?

Ich habe an anderer Stelle einmal gesagt, dass eigentlich die Mannschaft gewinnen wird, die die wenigsten Corona-Fälle hat. Das kann also schon maßgeblich beeinflussen.

Im deutschen Team gibt es aktuell keine positiven Fälle, aber es steckt in einem großen Umbruch. Es gab vor dem Turnier eine Menge Rücktritte und Absagen. Bundestrainer Alfred Gislason reist mit neun Debütanten an. Was für eine Rolle kann die Mannschaft bei der EM spielen?

Ich finde es erst einmal großartig, weil ich glaube, dass wir - ähnlich wie damals 2016 (Das DHB-Team wurde in Polen Europameister, Anm. d. Red.) - ganz ohne Druck und große Erwartungshaltung dieses Turnier spielen können. Ich sage normalerweise: Deutschland muss immer um die Medaillen spielen. Das muss die Zielsetzung sein. Bei diesem Mal sage ich: Ich erwarte von Deutschland keine Medaille, aber ich erwarte, dass sie wieder Freude machen und die Menschen vor die Bildschirme holen. Normalerweise sind wir ein Ergebnissport. Aber ich denke auch, gerade in der jetzigen Zeit wäre es auch schön, wenn es uns als Deutschland gelingen würde, den Zuschauern ein Erlebnis zu verschaffen.

Die Füchse-Spieler Paul Drux und Fabian Wiede haben ebenfalls abgesagt. Blutet Ihnen als Manager der Füchse Berlin vor dem Fernseher das Herz, wenn Sie nun ein deutsches Team ohne einen Ihrer Spieler sehen - oder sind Sie als Vereinsverantwortlicher womöglich auch froh, dass beide eine dringend benötigte Pause bekommen?

Ich bin immer ein Freund davon, dass unsere Spieler für ihre jeweiligen Nationalmannschaften spielen. Das ist auch für einen Verein wichtig - gerade bei den deutschen Nationalspielern. Teile ihres Gehaltes führen wir ja auch darauf zurück, dass sie Nationalspieler sind. Von daher möchte ich sie im deutschen Trikot sehen. Bei Fabi Wiede halte ich seine Entscheidung für richtig, die er aus persönlichen Gründen getroffen hat. Und dass Paul sich eine Auszeit nimmt, nachdem er jedes Turnier gespielt hat, ist auch absolut nachvollziehbar.

Die wichtigsten Fakten zur EM

Die Handball-EM wird vom 13. bis zum 30. Januar 2022 in Ungarn und der Slowakei ausgetragen.

Gespielt wird in Budapest, Szeged, Debrecen sowie Bratislava und Kosice.

24 Nationalmannschaften sind für das Turnier qualifiziert. Sie treten zunächst in sechs Gruppen gegeneinander an.

Das DHB-Team trifft in Bratislava in Gruppe D auf Österreich, Belarus und Polen. Die besten zwei Mannschaften aus jeder Gruppe schaffen es in die Hauptrunde.

Für Deutschland sind beide Ausfälle dennoch extrem bitter. Gerade Fabian Wiede als ordnende Kraft hätte die Mannschaft im Umbruch bestens gebrauchen können. Wie schwer treffen das DHB-Team die fehlenden Füchse?

Natürlich tut es weh. Auf der anderen Seite ist es aber auch eine Chance für viele andere Spieler, sich jetzt zu zeigen. Und wir haben ja große Aufgaben vor uns. Wir haben die eigene EM (vom 10. bis zum 28. Januar 2024, Anm. d. Red.), wir haben die Olympischen Spiele in Paris und wir haben auch noch eine eigene WM, auch wenn die erst 2027 ist. Von daher ist es einfach gut, dass wir eine Vielzahl an Spielern haben. Deutschland hat ein unglaubliches Reservoir. Warum sollen sich nicht auch Spieler profilieren? Einzelne müssen sich jetzt zeigen. Ich erwarte von Timo Kastening, dass er einen Führungsanspruch übernimmt. Marcel Schiller muss auf Linksaußen beweisen, dass er nicht nur die ewige Nummer zwei ist. Philipp Weber ist auf der Mitte gefordert. Wir haben Debütanten wie Julian Köster dabei. Es kann sich keiner verstecken, es müssen sich jetzt alle zeigen - und das finde ich persönlich ganz gut.

Für den Vereinshandball bedeutet die EM eine Pause bis Anfang Februar. Die hätte für die Füchse ausgesprochen schön werden können - wären da nicht die letzten beiden Spiele gewesen. Nur Unentschieden gegen Balingen, dann die Niederlage gegen Melsungen. Paul Drux sprach danach von einem "Scheißgefühl". Wir ist Ihre Stimmungslage?

Ich bin nach wie vor verärgert. Wir haben bis dahin eine tolle Saison gespielt, in der wir allen Anfoderungen gerecht geworden sind. Wir haben gegen Balingen während des Spiels drei Mal auf die heiße Herdplatte gepackt und nicht verstanden, worum es geht. Und gegen Melsungen haben wir in der Schlussphase der ersten und der zweiten Hälfte etwas abgeliefert, was nicht in Ordnung war. Wir sind jeweils zu früh zum Abschluss gekommen. In der ersten Hälfte Fabian Wiede und am Ende des Spiels Lasse Andersson. Da hat Anspruch und Wirklichkeit nicht miteinander Vereinbarkeit gefunden.

Der Rückschlag war unnötig und tut weh.

Bob Hanning, Manager der Füchse Berlin

Vor den beiden Spielen waren die Füchse mittendrin im Spitzenquartett im Kampf um Champions-League-Plätze. Jetzt sind es in der Summe bereits neun Minuspunkte. Die Füchse sind noch in Schlagdistanz, aber haben Boden verloren. Wie heftig ist der Rückschlag?

Der war unnötig und tut weh. Er hat uns eine überragende Ausgangsposition, auch noch um die Champions-League-Plätze spielen zu können, verwehrt.

Haben Sie Erklärungen für die Punktverluste?

Für mich hat der Fokus nicht gepasst. Und in der Crunch-Time hat sich gezeigt, dass der Anspruch einzelner und das Ergebnis in den beiden Spielen eben auch nicht gepasst haben.

Was sind mit dieser verschlechterten Ausgangslage die Ziele für die Rest-Saison, wenn es im Februar weitergeht?

Wir wollen weiter in der Spitzengruppe mitspielen, gucken, dass wir weiter an der Konstanz arbeiten - und müssen uns natürlich für Europa qualifizieren.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Johannes Mohren.

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