Quidditch bei den Berlin Bluecaps - Auf der Jagd nach dem goldenen Schnatz

Do 13.01.22 | 11:35 Uhr | Von Fabian Friedmann
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Quidditch-Spiel der Berlin Bluecaps in Warschau. (Bild: Jenny Krafczyk)
Bild: Jenny Krafczyk

Quidditch war lange als krude Freizeitbeschäftigung für Harry Potter-Fans verschrien. Mittlerweile hat sich der Sport emanzipiert und zur Leistungssportart entwickelt. Nun wird sogar über eine Umbenennung diskutiert. Von Fabian Friedmann

Im Laufschritt bewegen sich drei Jägerinnen auf ein Hoop (Tor) zu, passen sich dabei in schneller Abfolge einen Quaffel (Ball) hin und her, um die gegnerischen Hüter zu verwirren, während zwei Treiberinnen mit Klatschern versuchen, ihre Gegner auszuknocken. Dabei reiten alle Spieler auf einem Broom (eine Art Besen), von dem sie nicht absteigen dürfen. Ungefähr so sieht eine Spielszene im Quidditch aus.

Quidditch basiert auf dem fiktiven Sport aus dem Harry Potter-Universum. Doch von dieser Vorlage hat sich Quidditch längst weg entwickelt zu einer Sportart mit eigener Dynamik, bei der Vollkontakt die Regel ist. "Es ist eine Mischung aus Rugby, Handball und Völkerball. Das Endgame hat auch Formen des Ringens", erklärt Hannah Wolff, Kapitänin der SCC Bluecaps, dem größten Quidditch-Verein Berlins.

Im Endgame geht's um den Schnatz

Im Endgame versucht die Sucherin eines Teams, den Schnatz zu fangen. Der Schnatz ist ein unparteiischer, oftmals sehr wendiger Spieler, der in Gelb gekleidet mit einem am Hosenbund befestigten Tennisball in einer Socke über das Spielfeld läuft. Wird der Schnatz gefangen, das heißt die Socke herausgezogen, endet das Spiel und der erfolgreiche Sucher gewinnt 30 Punkte für sein Team. Aber was zeichnet eine gute Spielerin aus? "Fangen, Werfen, Tackle-Stärke und Ausdauer. Wichtig ist aber vor allem eine gute Spielübersicht. Man muss immer wissen, wo die vier Bälle sind", sagt Hannah Wolff.

Die Kapitänin der Berlin Bluecaps kennt sie alle, die klischeebehafteten Sprüche über ihre Sportart. Erwähnt sie Quidditch im Bekanntenkreis wird sie schon mal als kleiner Zauberlehrling abgestempelt, der traumumnachtet mit Umhang und Besen über ein Feld wandelt. Doch das hat mit dem Sport rein gar nichts zu tun. Seit 2014 existiert ihr Verein, die Berlin Bluecaps. Vier Jahre später fand man beim SC Charlottenburg eine neue Vereinsheimat. Und dort sei man von den Verantwortlichen von Beginn an ernst genommen worden, meint Wolff.

Geburtsstunde 2005 in den USA

Dabei entwickelt sich der Sport ständig weiter. In den vergangenen Jahren sei das Niveau deutlich besser geworden, dazu viel athletischer, auch die Strukturen seien professioneller. Überwiegend wird draußen auf Rasen gespielt, da die Tackle auf einem Hallenboden zu viele Schmerzen verursachen würden. Darüber hinaus tragen alle Spieler einen Mundschutz. Bei Regelverstößen gibt es Blaue, Gelbe und Rote Karten in Verbindung mit Zeitstrafen.

Erst 2005 hielt Quidditch Einzug in die reale Welt, als Studenten in Middlebury (USA), einen Weg fanden, den Harry-Potter-Sport an eine Welt anzupassen, in der Besen nicht fliegen können. Seitdem sind sowohl der Sport selbst als auch die Gemeinschaft, die ihn umgibt, enorm gewachsen. Dabei gilt die Regel, dass in gemischtgeschlechtlichen Teams gespielt wird. Maximal vier Spieler einer Mannschaft dürfen das gleiche Geschlecht besitzen. "Damit möchte man verhindern, dass es zu kompetitiv wird und am Ende nur noch muskuläre Männer auf dem Feld stehen", erklärt die Kapitänin der Berlin Bluecaps.

Größter Erfolg 2019 in Warschau

Die Verbandsstrukturen ähneln denen jeder anderen Sportart. Die Quidditch-Familie ist mittlerweile in der International Quidditch Association organisiert, dem weltweiten Dachverband. Diese ist auch mit den Regelanpassungen befasst, die mindestens alle zwei Jahre passieren. In Deutschland richtet der DQB die Deutsche Meisterschaft aus. Aus den sechs Regionalligen qualifizieren sich am Ende 20 Teams, die den Meister an einem Turnierwochenende ausspielen. Daneben gibt es einen Ligapokal, bei denen die Bluecaps in der letzten Auflage 2019 das Finale gegen Ruhr Pheonix mit 150 zu 60 verloren.

Den größten Erfolg feierten die Bluecaps, kurz bevor Corona auch ihre Wettkämpfe lahmlegte. 2019 siegten sie im Finale der 2. Division des European Quidditch-Cup in Warschau – damit gewannen sie quasi die Euro League des Quidditch. Die Verantwortlichen beim SCC honorierten diesen Erfolg, auch wenn sie laut Wolf von einigen Vereinsmitgliedern bei der Verleihung ihrer Leistungsnadeln doch eher belächelt wurden: "Man muss da noch viel Aufklärungsarbeit leisten", sagt Wolff.

Quidditch markenrechtlich geschützt

Um von den Harry Potter-Klischees wegzukommen, wird im Mutterland des Quidditch, den USA, bereits über eine Umbenennung der Sportart diskutiert, wobei es hier auch ums Geld geht, sprich die Vermarktung der Sportart. Schließlich ist das Wort "Quidditch" markenrechtlich von Warner Bros geschützt. Möglichen Rechtsstreitigkeiten mit dem Inhaber der Markenrechte an Harry Potter soll so aus dem Weg gegangen werden.

Die beiden großen Ligen in den USA, die MLQ und USQ, suchen deshalb bereits neue Namen. Zur Abstimmung stehen Quadball, Quidball, Quickball, Quadraball, Quidstrike und Quicker. Negative Aussagen der Potter-Schöpferin Joanne K. Rowling zu Transmenschen befeuerten zuletzt noch den Wunsch vieler Spieler nach der Umbenennung, um sich weiter von ihr abzugrenzen.

Quidditch eines Tages olympisch?

Hannah Wolff sähe die Namensänderung ihrer Sportart durchaus positiv. Allerdings sei man in Deutschland noch sehr weit weg von Profis beim Quidditch. Ihr geht es aktuell vor allem um die Nachwuchsförderung und künftige Spielergewinnung, denn bislang gibt es in ganz Berlin nur rund 60 Spieler, verteilt auf zwei Teams. Damit es bald mehr werden, veranstalten die Bluecaps regelmäßig Schnuppertrainings, das nächste am 23. Januar.

Und wer weiß, vielleicht wird Quidditch – oder wie auch immer es in Zukunft heißen mag – irgendwann olympisch. Hannah Wolff würde es befürworten. Aber ein bisschen Zeit brauche es noch, meint sie. In Afrika gebe es beispielsweise mit Uganda erst ein Land, in dem der Sport gespielt werde. Aber auch dort spielt niemand mit spitzem Hut und langem Umhang.

 

Die Berlin Bluecaps veranstalten ein Quidditch-Schnuppertraining am 23. Januar, 11 Uhr, auf dem SCC-Werferplatz in der Harbigstraße in Charlottenburg. Jeder Interesssierte ist eingeladen. Sportschuhe, warme Sportkleidung und Wasser sollten mitgebracht werden.

Sendung: Inforadio, 13.01.2022, 10.15 Uhr

Beitrag von Fabian Friedmann

3 Kommentare

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  1. 3.

    Offenbar ein schönes Spiel - und allemal mindestens so Olympia-würdig wie etwa Einzelkämpfe um das schnellste Zurücklegen einer Strecke zu Land oder zu Wasser. Ebenso ist es ein sehr positiver Ansatz, endlich die überkommene Geschlechtertrennung in den meisten Sportarten zu überwinden. Die Begründung mit den "muskulären Männern" allerdings greift wieder voll in die Klischeekiste zurück. Ebenso ärgerlich ist die Behauptung, J.K. Rowling habe "negative Aussagen zu Transmenschen" gemacht. Wahr ist, dass sie Aussagen gemacht hat, die von bestimmten lautstarken Leuten als negativ kritisiert wurden. Dies bedeutet aber nicht, dass deren Interpretation zutreffen muss. Also bitte keine En-Passant-Diffamierung der Erfinderin dieses Spiels: Es gibt viele Möglichkeiten, diesen Streit neutral und sachlich zu benennen.

  2. 2.

    Wenn die Muggel ihre Version von Quidditch spielen wollen, sollen sie es wenigstens auch beim richtigen Namen nennen.

  3. 1.

    Wie albern ist das denn?
    "Quidditch eines Tages olympisch?". Gott bewahre.

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