Analyse | Torflaute in Köpenick - Wie Union seine spielerischen Probleme lösen könnte

Mi 23.02.22 | 09:13 Uhr | Von Till Oppermann
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Union-Trainer Urs Fischer (Mitte) diskutiert mit seinem Trainerteam über die Strategie (imago images/Matthias Koch)
Bild: imago images/Matthias Koch

Drei Spiele in Serie ohne eigenes Tor: Derzeit erlebt der 1. FC Union Berlin den schlimmsten Negativlauf seiner jungen Bundesliga-Geschichte. Eine Umstellung in der Offensive könnte gleich mehrere Probleme der Mannschaft lösen, analysiert Till Oppermann.

Viele Unioner dürften sich derzeit freuen, dass der Februar der kürzeste Monat des Jahres ist. Nachdem der überraschende Wechsel von Max Kruse nach Wolfsburg am Ende der Januar-Transferperiode dunkle Schatten vorauswarf, folgten in den vergangenen drei Wochen die wohl schwächste Phase der jüngeren Vereinsgeschichte. Mit drei Niederlagen ohne eigenes Tor rutschte die Mannschaft in der Tabelle um fünf Plätze ab. Wirklich bitter wurde es dann am Montag: Mit Grischa Prömel wird ein weiterer Leistungsträger die Eisernen im Sommer verlassen.

Kruses Verlust bleibt das große sportliche Thema

Damit sorgte Prömel eher unfreiwillig für die Erfüllung eines Wunsches, den er selbst geäußert hatte: "Wir haben jetzt drei Wochen über Max Kruse gesprochen, wir haben das Thema abgehakt." Nun ist sein eigener Abschied das große Thema in Köpenick – zumindest emotional. Mit Prömel verlässt einer der letzten Aufstiegshelden den Verein. Sollte es allerdings in den kommenden Spielen nicht gelingen, sportlich wieder erfolgreicher zu spielen, kann sich das schnell ändern. Dass Union Kruses geniale Momente in der Offensive vermisst, machten die Niederlagen gegen Augsburg (0:2), Dortmund (0:3) und zuletzt bei Arminia Bielefeld (0:1) allzu schmerzlich bewusst.

Wie versuchte Urs Fischer Kruse zu ersetzen?

Als Reaktion auf den Kruse-Wechsel kaufte Union am Deadline-Day Zweitliga Topscorer Sven Michel vom SC Paderborn. "Sven ist mit seiner Torgefahr und Kreativität eine echte Verstärkung", begründete Manager Oliver Ruhnert den Transfer. Nachdem er sein Debüt für Union als Joker in Augsburg gab, durfte in den letzten beiden Spielen von Beginn an auflaufen.

Wie Kruse hält sich Michel gerne im linken offensiven Halbraum auf. Anders als Kruse stößt der Siegerländer selbst gerne mit Tiefenläufen in die Spitze. Für Michel änderte Urs Fischer sein System. Um nicht auf die Durchschlagskraft von Toptorschütze Taiwo Awoniyi oder das Tempo und die Kreativität von Sheraldo Becker verzichten zu müssen, stellte er in eigenem Ballbesitz von gewohnten 5-3-2-System auf eine 5-2-3-Formation mit drei Stürmern um. Gegen den Ball blieb das 5-3-2 bestehen, Becker rutschte zurück ins Mittelfeld.

Warum funktionierte die Umstellung nicht?

Diese Maßnahme hatte bestenfalls mäßigen Erfolg. Insbesondere Michel fehlte gegen Bielefeld die Anbindung an die Mannschaft, als die Unioner entweder versuchten, lange Bälle auf Awoniyi zu schlagen oder Becker mit Steilpässen in Sprintduellen an der Seitenlinie schickten. Aber auch defensiv sah man beim Gegentor "einmal mehr" nicht gut aus, wie Urs Fischer kritisierte. Ohne Kruse fehlt der Mannschaft aktuell die Balance. Unter anderem, weil Fischer einen Mittelfeldspieler opfern muss, um Becker, Michel und Awoniyi spielen zu lassen und zeitgleich nicht auf die Offensivstärke seiner Flügelverteidiger verzichten zu müssen, die in einer Viererkette mehr defensive Aufgaben erfüllen müssen.

Viel Aufwand für wenig Ertrag

Dabei war nicht alles so schlecht, wie die nackten Fakten – drei Niederlagen ohne eigenes Tor – vermuten lassen. Auch gegen Bielefeld erkämpften sich die Köpenicker einige gute Chancen. Fischer kritisierte: "Am Schluss wiederhole ich mich, was ich nach den vergangenen beiden Spielen schon sagen musste: Wenn du bei so vielen Möglichkeiten kein Tor erzielst, wird es schwierig, einen Punkt mitzunehmen." Union hatte 58 Prozent Ballbesitz und lief mit 122,7 Kilometern trotzdem etwas mehr als Bielefeld. Die Mannschaft betrieb viel Aufwand für wenig Ertrag.

Damit sich das wieder ändert, könnte den Eisernen die Rückbesinnung auf eine alte Stärke helfen: die Dominanz in der Luft und bei zweiten Bällen. Die neue Staffelung, bei der Sheraldo Becker zwischen seiner defensiven Position in der Mittelfeldreihe und seiner offensiven als Flügelstürmer schwimmen muss, verringert den Zugriff im Gegenpressing und bei zweiten Bällen. Verliert Union in der Offensive den Ball, sind sofort drei Spieler überspielt, die nur mit hohem Kraftaufwand wieder hinter den Ball kommen können. Zwangsläufig entstehen Löcher zwischen Mittelfeld und Abwehr, die gegnerische Mannschaften leicht bespielen können.

Fischer könnte einen Stürmer opfern

Es wäre also eine naheliegende Lösung, einen der drei Angreifer für einen zusätzlichen zentralen Mittelfeldspieler zu opfern. Mit Genki Haraguchi, Kevin Möhwald und Winterneuzugang Andras Schäfer stehen Fischer dafür einige Kandidaten zur Verfügung. Insbesondere Haraguchi, der in vielen seiner 21 Saisoneinsätze hinter Max Kruse ausputzen musste, könnte zusätzlich seine eigene Kreativität einbringen. Bei seinem letzten Verein Hannover 96 war er der Dirigent im offensiven Mittelfeld, aber auch bei Union hat Haraguchi diesbezüglich statistisch gute Werte: mit 0,15 erwarteten Vorlagen pro Spiel ist er laut den Daten von Statsbomb besser als 87 Prozent der Mittelfeldspieler in den besten fünf Ligen Europas.

Eine andere Option ist Andras Schäfer. Ungarns Fußballer des Jahres 2021 gilt als Box-to-Box-Mittelfeldspieler, der viel läuft und mit seinem Aktionsradius große Teile des Feldes zwischen den Strafräumen überbrücken kann. Auch Möhwald könnte sich bei einer Umstellung Hoffnungen machen. Immerhin ist er der einzige Unioner, der im Februar ins Tor traf, aber sein Kopfballtreffer gegen Dortmund wurde wegen eines Fouls seines Mitspielers Anthony Ujah aberkannt.

Wie geht es weiter für Union?

Das Ziel bleibe der Klassenerhalt, wiederholten Urs Fischer und sein Kapitän Christopher Trimmel während der Niederlagenserie mantraartig. Böse Zungen behaupten schon, Union sei ohne Kruse sowieso nicht gut genug, um sich andere Ziele zu setzen. Doch auch ohne einen genialen Verbindungsspieler wie Kruse gibt der Kader noch viele Möglichkeiten her, wieder besser zu spielen.

Sven Michel konnte seine vollen Qualitäten wegen der fehlenden Anbindung ans Spiel noch nicht zeigen, Sheraldo Becker fühlte sich gerade gegen Dortmund in seiner verteidigenden Rolle sichtlich unwohl und die Innenverteidiger litten unter den großen Löchern zwischen Abwehr und Mittelfeld. Auch wenn es paradox klingt: Nach drei Spielen ohne eigenes Tor könnte Union auf einen Stürmer verzichten, um wieder erfolgreich zu werden. Das Heimspiel gegen den punktgleichen FSV Mainz 05 wäre eine passende Gelegenheit, um den Februar versöhnlich zu beenden.

Sendung: rbb24, 22.02.2022, 18 Uhr

Beitrag von Till Oppermann

7 Kommentare

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  1. 7.

    Sorry, aber ich habe das Gefühl, dass hier Neid die große Rolle spielt. Sachlich ist die Aussage einfach falsch. Denn Union hat auch ohne Kruse Tore geschossen und Spiele gewonnen. Mehr gibt es dazu nicht zu bemerken

  2. 6.

    Ja wie schon gesagt , ohne den Kruse ist das spielerische potential gleich null , jeder(außer Gaudi Gerd )kann das erkennen . Gott sei Dank hat man ja eine Extra-Gute Hinrunde gespielt , so das der freie ,welcher jetzt gerade erfolgt ,nicht so schlimm werden dürfte .

  3. 5.

    seh ich genau so. Aber was ist denn an der Einschätzung so falsch? Sie spiegelt die Meinung eines einzelnen wieder, wie es eventuell gehen könnte. Und warum, wenn man sich für Fußball interessiert, kann man drauf verzichten? Wenns mich nicht interessiert, brauch ichs nicht lesen. Wenn doch, kann ich mich zur Sache äußern.

  4. 1.

    Wieder ein Bericht den man sich hätte sparen können!!!!!

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