Bodybuilding - "Die Praxen sind voll mit Fußballern, selten mit Bodybuildern"

Di 08.02.22 | 06:07 Uhr | Von Shea Westhoff
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Bodybuilder, Symbolbild (imago images/Lubo Ivanko)
Bild: imago images/Lubo Ivanko

Bodybuilding steht immer wieder im Verdacht, eine ungesunde Sportart zu sein. Der Vorsitzende der Vereinigung der Berliner Bodybuilder will mit Vorurteilen aufräumen. Ein Sportmediziner überrascht mit seinen Einschätzungen.

"Wir genießen nicht den besten Ruf", sagt Michael Williams selbstkritisch über seine eigene Zunft. Er ist Vorsitzender der "Vereinigung Berliner Bodybuilder und Fitnesssportler e.V." Die Körperqual unter den klackernden Eisen im Fitnessstudio, sie scheint zwar die Muskeln ordentlich aufzupumpen, aber der Sport gilt als nicht sonderlich gesund und soll die Gelenke verschleißen.

Vom Thema Doping ganz zu schweigen. Oft würden Bodybuilder "mit Steroiden in Verbindung gebracht", sagt auch Williams. Als der populäre Bodybuilding-Influencer Kevin Wolter im Funk-Interview im vergangenen Jahr freiheraus davon berichtete, bei Steroiden selbst einige Jahre ordentlich zugelangt zu haben [youtube.com], rückte dies die ohnehin umstrittene Sportart erneut ins Zwielicht.

"Gewicht ist relativ"

"Viele schicken ihren Körper viel zu früh zum Teufel, weil sie sich nicht damit auskennen", sagt Williams. "Einige Leute sind nicht sonderlich informiert." Dabei sei ganz wichtig: "Wenn man Bodybuilding betreibt, setzt man sich ganz kritisch mit dem Kostbarsten auseinander, das Gott uns gegeben hat - dem Körper."

Williams selbst betreibt die Sportart seit mehr als 30 Jahren, tritt in der 80-Kilo-Klasse an und verzeichnete zahlreiche Erfolge bei Wettkämpfen. 2007 wurde er Berliner Meister.

Für den 58-Jährigen bedeutet Bodybuilding deutlich mehr als mit Babyöl bestrichene Männer oder Frauen, die ihre Muskeln zur Schau stellen. Nämlich über den eigenen Körper Bescheid zu wissen und diesen durchs richtige Training und durch die richtige Ernährung zu formen. "Sobald jemand eine Hantel benutzt, macht er Bodybuilding - selbst wenn er oder sie es als Fitness bezeichnet", stellt Williams fest.

"Viele sind der Meinung, dass Muskelaufbau mit schwerem Training verbunden ist." Aber in Bezug auf die schweren Eisen sagt Williams: "Gewicht ist relativ. Es kommt immer auf die Technik an, um Verletzungen vorzubeugen. Wir sind Bodybuilder, wir kennen unseren Körper, wir kennen unsere Übungen. Wir wissen, was richtig und was falsch ist." Das mache für ihn auch den Reiz aus, daran zu tüfteln: "Was muss ich essen? Was fördert den Muskelbau? Das fördert die Gesundheit."

Er selbst nehme am Tag 2.000 bis 2.500 Kalorien zu sich, ein in der männlichen Bevölkerung seines Alters üblicher Wert. Sobald es vor Wettkämpfen in die "Aufbauphase" geht, steige der Kalorienbedarf allerdings auf bis zu 4.000. "Das erscheint vielleicht viel", sagt der Bodybuilder. "Aber wenn man es über den Tag verteilt, ist es das gar nicht mehr."

Mit 50 Jahren sei mit Handball und Basketball Schluss

Zustimmung erhält Williams überraschenderweise vom Berliner Sportmediziner Fernando Dimeo. "Die Sport-Orthopäden haben jeden Montag die Praxen voll mit Fußballern. Aber selten ist ein Bodybuilder dabei", sagt er. Bodybuilding hält er ebenfalls für sehr gesund, "wenn man sich die Zeit nimmt und vernünftig trainiert." Wichtig sei, den Körper gleichmäßig zu trainieren.

Ein stark trainierter Bizeps ohne den entsprechend ausgebildeten Trizeps auf der anderen Seite des Oberarms führe beispielsweise zu einer Fehlhaltung des Armes, sei dementsprechend ungesund. Eine Frage der Ausgewogenheit.

"Wenn man das vernünftig macht, kann man das auch sehr lange machen", sagt Dimeo. "Man kann die Belastung anpassen. Ganz anders, als bei anderen Sportarten wie Handball und Basketball, da ist mit 50 Jahren teilweise einfach Schluss."

Fürs Bodybuilding gelte aber auch das Gleiche wie für alle anderen Sportarten: Als Profisport betrieben sei das Verletzungsrisiko höher, als wenn man zwei oder drei mal die Woche im Fitnessstudio trainiere.

"Hohe Dunkelziffer"

Es bleibt das Problem des Dopings: Die Dunkelziffer gilt als sehr hoch, auch weil illegale leistungssteigernde Mittel unter der Hand in manchen Fitnessstudios recht einfach zu bekommen sein sollen. Bodybuilder "sterben wie die Fliegen" nach Wettkämpfen, so drückt es Influencer Kevin Wolter im Funk-Interview aus, und zwar aufgrund von Medikamenten-Missbrauch.

"Man geht davon aus, dass viele dopen, weil es den Muskelzuwachs vereinfacht", bestätigt auch Dimeo. Es sei ein großes Problem. Trotzdem warnt er vor Generalverdacht und erinnert daran, dass es Menschen gibt, die tatsächlich imstande sind, auch ohne Zuhilfenahme illegaler leistungssteigernder Mittel "unfassbare Muskelmasse aufzubauen - genauso wie es andererseits auch Menschen gibt, die können machen, was sie wollen, die bekommen einfach keine Muskeln."

"Die Dunkelziffer ist da, machen wir uns nichts vor", bestätigt auch Williams. Er selber nehme nur legale Zusatz-Substanzen, wie Aminosäuren und L-Carnitin. "Mit Steroiden kenne ich mich nicht aus." Bodybuilding solle man nicht nur aufs Dopen reduzieren, sagt er. In der Tat wäre das zu kurz gegriffen, wie es scheint.

Sendung: Inforadio, 06.02.2022, 14:15 Uhr

Beitrag von Shea Westhoff

8 Kommentare

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  1. 8.

    "Wichtig sei, den Körper gleichmäßig zu trainieren."
    Also genau das Gegenteil davon zu machen, was der Couchpotatoe macht. Ok, der macht auch Bodybuilding - nur eben in die andere Richtung.

  2. 6.

    Also ok, das Bild... der Typ... wenn der nix nimmt... oder mindestens Eiweiss-Mast im ungesunden Sinne betreibt, dann weiss ich es nicht! Oben fehlt schon ein bisschen Haar... vielleicht doch Testosteron? Hm. Mein Problem mit Bodybuildern ist, dass die Masse immer die gleiche bleibt - bei den einen wirds ins Hirn investiert, bei den anderen woanders hin *seufz*

  3. 5.

    "Mens sana in corpore sano", Juvenal (1./2. Jahrhundert)

    Mal ganz abgesehen davon, dass das Gehirn ein Teil des Körpers ist, ein (im übertragenem Sinn) krankes Gehirn mit einem gesunden Körper ist genauso schlecht wie umgekehrt.
    Ich sehe es so, dahin zu vegetieren mit einem brillianten Geist kann nicht erstrebenswert sein. Und es dürfte medizinisch unumstritten sein, gerade mit zunehmenden Alter, dass ein fitter Körper auch für geistige Frische sorgt.

    Wie es eigentlich in dem Artikel recht gut beschrieben ist: jedes Training, dass die Muskeln stärkt, ist Bodybilding. Fragen Sie doch einfach mal Ihren Hausarzt, wie wichtig eine kräftige und gesunde Muskulatur besonder für Senioren ist (aber natürlich für jede andere Altersgruppe auch). Das gibt es aber nicht, ohne etwas dafür zu tun.

    Ich halte ihre Aussage für vollkomen falsch, Gehirn, Geist, Seele und "Körper" sind unlösbar eins. Ist ein Teil davon krank, kommt der Mensch im Ganzen aus der Balance

  4. 4.

    Sehr sachlich ,offen, fundiert ,unaufgeregt und nachvollziehbar.Sehr seriöse Vertreter dieses Sport.Ein guter Freund macht seit 40 Jahren Body-Building,Schwimmen,Triathlon und genau das was Herr Williams und Herr Herr Dimeo sagen spiegelt sich auch in seiner Haltung und Auffassung wieder.Inzwischen ist er Vegatarier und kann auch ohne Fleischeiweiss seine im Alter bescheideneren Ziele verwirklichen.Doping für den Körper ist in allen Sportarten ein Problem.Kluge,reflektierende ,sachliche und vom Wesen her sehr angenehme und ausgewogene Menschen sind keine Frage des Sports, aber der Sport kann vielen helfen auf dem Weg.Für alle Menschen die hier teilweise gerade das Gegenteil darstellen in den Kommentaren

  5. 3.

    Fußballer und Bodybuilder miteinander zu vergleichen, da liegen doch Welten zwischen.

  6. 2.

    Das kostbarste ist nicht der Körper sondern das Gehirn, das aber leider zu selten richtig benutzt wird. Ja es ist ein Teil des Körpers und sitz unser Identität , unseres Bewusstsein und unseres ICH.

    Ach ja und wer ist "Gott"?

  7. 1.

    Natürlich sind die Praxen am Montag voll mit Fussballern. Zum einen weil der wettbewerbsmäßig idR am Wochenende gespielt wird. Zum anderen gibt es 6-7 Millionen Menschen, die in über 160.000 Mannschaften am Spielbetrieb teilnehmen. Das die Zahl der verletzten automatisch höher ist, als die der Bodybuilder (die über die ganze Woche verteilt trainieren) ist nur logisch. Dafür braucht man nicht mal Statistik studiert haben.

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