0:3-Niederlage im Breisgau - Hertha geht auch in Freiburg unter: Der umgekehrte Gerland

Sa 26.02.22 | 20:51 Uhr | Von Marc Schwitzky
  8
Dong-jun Lee (l.) und Lucas Tousart (r.) enttäuscht nach Herthas Niederlage in Freiburg. Quelle: imago images/Jan Huebner
Audio: inforadio | 27.02.2022 | Astrid Kretschmer | Bild: imago images/Jan Huebner

Hertha BSC bleibt 2022 weiter sieglos - und das zu Recht. Gegner Freiburg reicht eine höchst durchschnittliche Leistung, um die Berliner mit 0:3 zu schlagen. Eine Niederlage, die Angst machen muss. Von Marc Schwitzky

"Bei Hertha weiß man, dass man besser ist als der Tabellenstand", behauptet Sky-Kommentator Kai Dittmann nach Abpfiff. Man hätte ihn gerne gefragt, worauf diese These beruht. Denn nein, Ende Februar 2022 ist Hertha BSC keinesfalls besser als Tabellenplatz 15 der Fußball-Bundesliga. Die gerade erlebte 0:3-Auswärtsniederlage beim SC Freiburg am 24. Spieltag macht diesen Umstand noch einmal mehr als deutlich.

So muss es momentan eher mit Hermann Gerland, Trainerlegende des deutschen Fußballs, gehalten werden. Er hatte einst gesagt: "Immer Glück ist Können", und damit ein ewig gültiges Zitat geschaffen. Bei Hertha muss Gerlands Spruch in Perspektive der vergangenen drei Jahre und vor allem der laufenden Saison umgekehrt gedacht werden: Immer Pech ist fehlendes Können.

Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung

So könnte der Hauptstadtklub momentan beispielsweise auf seine massiven Personalprobleme verweisen. Der Trainer Tayfun Korkut zur Verfügung stehende Kader ist merklich geschrumpft. So durfte Herthas etatmäßige Nummer fünf, der 20-jährige Marcel Lotka, aufgrund der zahlreichen Ausfälle in Berlins Tor sein Bundesliga-Debüt feiern. Lotka macht jedoch ein hervorragendes Spiel. Mit starken Paraden und einer mitreißenden Körpersprache ist er am Samstagnachmittag vermutlich sogar Herthas bester. Doch auch Lotka ist in der 12. Minute machtlos, als Freiburgs Vincenzo Grifo die Hausherren per Elfmeter zur Führung schießt. Zuvor soll es ein Foul von Linus Gechter an Roland Sallai im Berliner Strafraum gegeben haben - eine zweifelhafte Entscheidung.

Dennoch ist es mittlerweile eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, dass die "alte Dame" sich selbst ein Bein stellt - sei es durch ein kollektiv schlechtes Abwehrverhalten, einen individuellen Fehler oder einen verursachten Elfmeter - und den Gegner damit einlädt. Nach zwölf Minuten liegt Hertha mit 0:1 hinten, ohne dass sich Freiburg groß hätte anstrengen müssen.

Herthas Bemühungen wirken zahnlos

Im Anschluss sind die Blau-Weißen zwar um den Ausgleich bemüht, doch jeder Vorstoß ist mit einer riesigen Anstrengung verbunden. Nichts fällt Hertha leicht, sämtliche Angriffe tragen ein bleiernes Gewicht am Fußgelenk - kein Tempo, kein Druck, keine Idee. So reicht Freiburg im ersten Durchgang eine durchschnittliche Leistung, um Hertha in Schach zu halten. Der SC hat mehr vom Ball, geht in dem Wissen, dass Hertha defensiv ohnehin etwas anbieten wird, aber kein großes Risiko ein. Es reichen einfache Flanken, um in Berlins Strafraum Chaos auszulösen - so gesehen in der 26. Minute, als sowohl Gechter als auch Dedryck Boyata eine Hereingabe einfach passieren lassen und Glück haben, dass Grifo anschließend nur den Pfosten trifft.

Nach 30 Minuten kann Hertha das Spiel ausgeglichener gestalten, ohne aber einnehmenden Druck zu erzeugen. Einzig die Chance von Peter Pekarik in der 38. Minute, als der Slowake von Stevan Jovetic spektakulär bedient wird, kann als zwingend bezeichnet werden. Insgesamt wirkt aber alles, was Hertha im ersten Abschnitt versucht, zahnlos. Nahezu bezeichnend ist der Umstand, dass die Berliner bei Freiburger Ecken mit der gesamten Mannschaft im eigenen Strafraum verteidigen, aber eigentlich auf Konter spielen wollen und somit die Spieler für die Umschaltbewegung fehlen - Angst frisst Seele, respektive Spielplan.

Eine Leipzig-eske zweite Halbzeit

Nach dem Wiederanpfiff hat Hertha von der 55. bis zur 70. Minute die beste Periode - doch auch diese kann nicht als Sturm- und Drangphase betitelt werden. Zu wenig Zusammenhängendes bringt Hertha zustande, einzig Einzelaktionen und lange Bälle kreieren ansatzweise Gefahr. Bis auf den Schuss von Marco Richter in der 63. Minute muss Freiburgs Schlussmann Marc Flekken nicht eingreifen.

Es ist die Verletzung von Abwehrtalent Gechter in der 71. Minute, die Herthas beste Phase abrupt beendet. Herthas Rhythmus ist daraufhin gebrochen, an die zarten Offensivbemühungen kann nicht mehr angeknüpft werden. Stattdessen fällt die Mannschaft einmal mehr auseinander, in der 83. Minute fällt das 0:2 durch Kevin Schade, drei Minuten später erhöht Lucas Höler auf 0:3. In diesen Minuten erinnert das kampflose Hinnehmen der Niederlage an die 1:6-Niederlage gegen RB Leipzig vom vorherigen Wochenende. Ein Stemmen gegen Widerstände ist einmal mehr nicht zu spüren. Hertha verliert mit 0:3.

Hertha ist derzeit nicht konkurrenzfähig

Es ist die dritte Niederlage infolge, mit einem Torverhältnis von 2:11. In 2022 haben die Berliner noch kein einziges Spiel gewonnen, zwei Punkte sind es aus sieben Rückrundenpartien. Es sind diese Zahlen gepaart mit der abermals ernüchternden Leistung aus dem Freiburg-Spiel, die eine bittere Erkenntnis verhärten: Hertha BSC ist momentan in keinem Aspekt konkurrenzfähig. Die mit Abstand zweitschlechteste Defensive und der drittschlechteste Sturm der Liga unterstreichen das. Es reicht schlicht nicht.

Es braucht eine höchst durchschnittliche Darbietung des SC Freiburg, um Hertha den Zahn zu ziehen. Die eigene Leistung hingegen ist ordentlich, aber keinesfalls gut oder widerstandsfähig genug, um ein Bundesliga-Spiel zu gewinnen. Sich an den kaum sichtbaren positiven Ansätzen von Spiel zu Spiel festzuhalten, wird von der düsteren Realität gekontert, dass Hertha nach 24 Spieltagen mitten im Abstiegskampf steckt und die Argumente ausgehen, wie noch eine Partie gewonnen werden soll. Eine über 90 Minuten ansatzweise konsistente Leistung war zuletzt vor Monaten zu sehen. Eine Situation, die als klare Niederlage für Geschäftsführer Sport Fredi Bobic gewertet werden kann, dessen Trainerwechsel von Pal Dardai zu Korkut nicht den gewünschten Effekt erbracht hat.

Eine Entwicklung ist nicht mehr zu erkennen, dennoch scheint Korkut weiter im Amt bleiben zu dürfen. Womöglich ist es dieser Mut zum Risiko, den Hertha eigentlich auf dem Feld bräuchte.

Sendung: rbb24, 26.02.22, 21:45 Uhr

Beitrag von Marc Schwitzky

8 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 8.

    @ Lausitzer: Dieser interessanten Frage musste ich gerade einfach mal nachgehen und kann Ihnen nun folgende aus Hertha-Sicht doch etwas deprimierende Antwort darauf geben:
    Seit Streichs Antritt beim SCF im Januar 2012 tummelten sich bei Hertha mit (in chronologischer Reihenfolge)
    Michael Skibbe, Rene Tretschok, Otto Rehhagel, Jos Luhukay, Pal Dardai , Ante Covic, Jürgen Klinsmann, Alexander Nouri, Bruno Labbadia, Pal Dardai, Tayfun Korkut nicht weniger als elf Trainer (bzw. zehn, da Dardai ja bekanntlich zweimal die Ehre hatte) an der Seitenlinie.

    Zum Spiel: Ich fand Hertha nicht schlecht. So ein Spiel kann auch anders ausgehen, der Sieg war am Ende zu hoch und spiegelt nicht realistisch das Geschehen auf dem Spielfeld wider.

  2. 6.

    Dieses Rumgeeiere ist die Hertha-DNA, da wird sich in 100 Jahren nichts ändern. Ich dachte eigentlich, dass die alte Dame schmuckes durch die Saison stolpert und ob der schwachen Konkurrenz so im unteren Mittelfeld landet. Jetzt sieht es aber schlimmer aus. Korkut wird die nächsten 4-5 Spiele verlieren, dann kommt Dardai mit einem unglaublich unattraktiven Fußball, der aber die letzten Spiele gegen die Abstiegskandidaten wirkungsvoll sein wird. Und dann dreht man sich wieder im Kreis...

  3. 5.

    Was mich wundert bei der Personalknappheit ist,dass ein so guter und hoffnungsvoller Spieler wie Marton Dardai der sehr gute Spiele in der Verteidigung abgeliefert hat nicht aufgestellt wird.Ist er verletzt oder hat Herr Bobic oder Korkug ein Problem weil es der Sohn von Hertha Urgestein PAL Dardai ist.Im übrigen bin ich mir sicher ,dass die Mannschaft mit Pal Dardai besser dastehen würde.Sie waren dann nicht der Bug City Club und Anwärter für die Meisterschaft aber solides Mittelfeld ohne Abstiegssorgen.Korkut wird Hertha nicht in die 2.Liga begleiten,ebenso wenig wie Bobic den ich als Spieler und Frankfurter Manager sehr schätze, aber hier ist er seiner Personalpolitik zum Opfer gefallen.Es gibt erfolgreichere und angenehmere Trainer die gerne bei Hertha gearbeitet hatten wenn er damals der Meinung war PAL Dardai ist der falsche in Retorik und auftreten.Menschlich,fachlich ,und als Herthaner kann ihm ein Korkut nicht annähernd das Wasser reichen

  4. 4.

    Betrachtet man die Schaltstellen des Vereins, so kann ich als Herthaner nur die Hände über den Kopg zusammen schlagen. Wir haben 10 Jahre lang keine Entwicklung gesehen (Preetz und co), doch unter der Regie von Bobic geht es anscheinend noch schlechter. Der angebliche Heilsbringer verkauft, verleiht und kauft Spieler die nur Chaos verbreiten. Ich hatte mit ihm Hoffnung in eine Trendwende, erlebe bis heute nur Enttäuschung.
    Ade Blau Weiße Hertha.

  5. 3.

    Hertha sollte sich mal an das kleine Freiburg ein Beispiel nehmen! Dort wird mit kleinen finanziellen Mitteln kontinuierlich gearbeitet! Fängt schon beim Trainer an! Wieviele Trainer hatte eigentlich Hertha seit dem der Streich in Freiburg das Zepter übernommen hat? Würde mich mal interessieren! Also Hertha erstmal kleinere Schrippen backen! Und die Sprüche von „Big City Club“ beziehungsweise von einer Weltmarke zu unterlassen! Ich weiß, darüber hat der Windhorst geträumt! Solche großspurigen Sprüche fallen bei Misserfolg Hertha immer wieder auf die Füße!

  6. 2.

    Ganz ehrlich
    Angst um Hertha braucht mann nicht zu haben
    Die steigen halt ab, irgendwann wieder auf
    Der Abstieg wäre Hochverdient
    Angst habe ich seit Donnerstag vor was anderes,und das ist ein wichtigeres Thema als Fussball, Hertha und Union und Co
    Hoffen wir auf bessere Zeiten in allen Bereichen

  7. 1.

    Die Aussage " Hertha ist derzeit nicht konkurrenzfähig " ist ja noch wohlwollend kommentiert !

Nächster Artikel