Rücktrittsjahrestag - Was (vielleicht) passiert wäre, hätte Jürgen Klinsmann Hertha nicht verlassen

Fr 11.02.22 | 10:47 Uhr
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Ex-Hertha-Coach Jürgen Klinsmann (imago images)
Bild: imago images

Vor zwei Jahren verließ Jürgen Klinsmann den Fußball-Bundesligisten Hertha BSC so, wie er zu ihm kam: ziemlich überraschend und mit einem Knall. Was wohl passiert wäre, hätte er es sich anders überlegt - ein Gedankenspiel. Von Ilja Behnisch

Die Wirklichkeit ist selten eine Schönheit. Schon gar nicht in Berlin. Erst recht nicht mit Hinblick auf Hertha BSC. Da tut es gut, dass der Weltenlauf eine Vergangenheit eingerichtet hat, in der es sich wohlig schwelgen lässt, dazu die Hoffnung auf eine bessere Zukunft und: den Konjunktiv.

Dabei ist der Konjunktiv gerade im Fußball eine besonders harte Währung. Ja, wenn der Schiedsrichter in der 67. nur diese eine Einwurfentscheidung richtig getroffen hätte, dann wäre das Gegentor niemals gefallen. Und das nächste und übernächste und überübernächste auch nicht, klar. Denn wenn die Köpfe erstmal hängen, ist schwer Staat zu machen. Man frage nach bei Ludwig XVI.

Die Frage nach dem "Was wäre wenn?"

Nun ist auch die aktuelle Situation beim Fußball-Bundesligisten Hertha BSC alles andere als schön. Die Millionen von Investor Lars Windhorst scheinen aufgebraucht, trotzdem steht die Mannschaft nur einen Punkt vor dem Relegationsplatz. Da trifft es sich gut, dass ein Konjunktiv biblischen Ausmaßes quasi Jahrestag feiert. Denn der 11. Februar 2020 wird für immer in den Geschichtsbüchern stehen nicht nur als der Tag, an dem Diebe 200 Kilogramm Wurst aus einer Kasseler Metzgerei stahlen (Polizeisprecherin: "Die Diebe hatten es auf die Wurst abgesehen."), sondern auch als der Tag, an dem ein gewisser Jürgen Klinsmann der verdatterten Fußball-Welt ein herzliches "Ha, Ho, He, Euer Jürgen" entgegen schleuderte und aber auch: Tschüss, Hertha BSC.

Weshalb? Tja. Aber viel spannender als die Frage nach dem "Warum?" (Nur für den Kick, für den Augenblick?) ist ohnehin die Frage: Was wäre wenn? Was wäre wenn Jürgen Klinsmann nicht hingeschmissen hätte, wenn er Trainer von Hertha BSC geblieben wäre? Ein Gedankenspiel.

Winter & Frühjahr 2020

Klinsmann hält seinen Punkteschnitt von 1,2 Zählern pro Partie aus den ersten zehn Partien als Hertha-Coach und damit souverän die Klasse. 40 Punkte sind nicht die Welt und ein Punkt weniger als Lokalrivale Union Berlin am Ende auf dem Konto hat. Aber Platz elf ist eine solide Grundlage. Wer aufholen will, muss hinten liegen, so Jürgen Klinsmann zufrieden. Seine eigentliche Arbeit beginnt: jetzt.

Sommer 2020

Nach dem freiwilligen Rücktritt von Hertha-Manager Michael Preetz ("Ich habe erkannt, dass ich Jürgen nur bremse. Ha, Ho, He, Euer Micha!") tanzt Hertha um den nun auch für Spielerverpflichtungen zuständigen Klinsmann auf dem Transfermarkt Tango. Die (Ex-)Nationalspieler und Weltmeister Julian Draxler, Mario Götze, André Schürrle kommen für die Offensive. Weil "Defense" zwar "Championships" gewinne, Hertha aber noch nicht so weit sei, um die Meisterschaft zu kämpfen, wie Klinsmann zähneknirschend zu verstehen gibt, wird die Abwehr nicht verstärkt. Peter Pekarik war aber eigentlich auch überragend die letzten Monate.

Herbst 2020

Die neue Hertha-Offensive zeigt überragenden Fußball, füttert die Stürmer Jhon Cordoba und Krzysztof Piatek mit Vorlagen, die selbst die Berliner Verwaltung ins Glück stempeln würde. Auf der Linksverteidiger-Position löst sich eine Uralt-Baustelle in überraschendes Wohlgefallen auf. Nach einer Fahrt mit der U8 zwischen Gesundbrunnen und Hermannplatz entdeckt Dodi Lukebakio seinen inneren Zweikämpfer und grätscht sich fortan ins Blickfeld von Real Madrid und Manchester City. Jürgen Klinsmanns Punkteschnitt für die Saison 2020/21 liegt nach zehn Spieltagen bei 3 Punkten pro Partie. Abgerundet.

Winter 2020

Corona legt die Welt in Ketten. Außer Hertha BSC. Jürgen Klinsmann entwickelt aus Lagerbeständen der Gegenbauer Holding SE & Co. KG von Hertha-Präsident Werner Gegenbauer erfolgreich einen Impfstoff. Geld will Klinsmann damit jedoch keines verdienen. Er gibt das Patent frei. Die Mannschaft müsse ohnehin nicht verstärkt werden, weil: "Never change a winning Team!" Einzig der ablösefreie Landon Donovan (38) kommt aus Amerika (und dem Karriere-Ende). Er soll Druck auf Peter Pekarik ausüben. Der die letzten Monate aber eigentlich überragend war.

Jürgen Klinsmann erklärt seinen Hertha-Rücktritt bei facebook (Quelle: facebook/Jürgen Klinsmann)Hinterließ letztlich mehr Eindruck auf Facebook Live denn als Hertha-Trainer: Jürgen Klinsmann

Frühjahr/Sommer 2021

Nach dem entscheidenden Elfmeter durch Stammtorhüter Jonathan Klinsmann im DFB-Pokal-Finale gegen den FC Bayern München steht fest: Hertha kann Double! Zur Feier des Tages raucht Jürgen Klinsmann ein Gulasch. Anschließend geht es ans Eingemachte. Klinsmann legt seine Tagebücher als NFT's auf, finanziert so den Stadionneubau der Hertha.

Herbst 2021

Hertha ist erneut Tabellenführer, marschiert auch durch die Champions League. Klinsmann sucht sich neue Herausforderungen, tritt mit dem Slogan "Mehrwert für alle" bei der Berliner Abgeordnetenhaus-Wahl an. Das amtliche Endergebnis weist aus: null Prozent aller Stimmen.

Winter 2022

Die Niederlage bei der Wahl zum Berliner Bürgermeister hat Klinsmann zugesetzt. Das frühere Feuer scheint erloschen. Ein Umstand, der sich auch auf die Mannschaft überträgt, die nun (wieder) Spiel um Spiel verliert. Einzig Peter Pekarik ist eigentlich überragend. Julian Draxler, Mario Götze und André Schürrle verlassen entgeistert den Verein. Am 11. Februar 2022 dann kommt es zum großen Knall: Via Facebook-Live verabschiedet sich Jürgen Klinsmann von Hertha BSC, aus der Bundesliga und Deutschland. Der neue Spielertrainer Landon Donovan versucht es mit Zweckoptimismus, sagt: "The show must go on." Während sich irgendwo am Balaton ein gewisser Pal D. seiner Telefondose nähert und das Kabel aus der Wand reißt.

Sendung: rbb24, 11.02.2022, 18 Uhr

5 Kommentare

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  1. 3.

    Hertha will nicht mehr als Mittelmaß, und kriegt es auch nicht. Klinsmann ist nicht perfekt, hat im Gegensatz zu Hertha aber seine Lorbeeren verdient. Wenn weder ein Klinsmann noch ein Rehagel was bewirken können - warum dann Hertha anfeuern? Es gibt zum Glück noch eine andere echte Mannschaft mit Feuer in der Stadt, die auch tauglich für die erste Liga ist.

  2. 2.

    Klinsmann als Spieler Nr. 1 aber als Trainer, das geht gar nicht, schon gar nicht bei Hertha,

  3. 1.

    hmmm… viel schöner wäre doch die Überlegung, was wäre, wenn er gar nicht erst hergekommen wäre und Hertha somit vielleicht noch etwas von dem Windhorst-Geld bzw. den davon geholten Spielern hätte.

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