Union Berlins Offensive ohne Max Kruse - Eine Frage des Systems und der Effektivität

So 06.02.22 | 18:13 Uhr
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Union Berlins Trainer Urs Fischer am Rande des Spiels gegen Mönchengladbach im Januar (Bild: IMAGO/Revierfoto)
Video: rbb24 | 06.02.2022 | Philipp Büchner | Bild: IMAGO/Revierfoto

In Spiel eins nach dem Abgang von Max Kruse verlor Union Berlin torlos gegen Augsburg. Laut Taktik-Experte und Mitbetreiber des Blogs Textilvergehen Daniel Roßbach ist das allerdings kein Grund zur Panik. Von Jakob Lobach

Im roten T-Shirt vor einer roten Wand sitzend guckt Daniel Roßbach freundlich in die Kamera. Das Setting passt also perfekt zum Gesprächsthema, für das der Taktik-Experte und Mitbetreiber des Blogs und Podcasts Textilvergehen [textilvergehen.de] zugeschaltet ist: Union Berlin. Genauer gesagt geht es um die Analyse der 0:2-Niederlage gegen den FC Augsburg vom Samstag und die Frage, wie der Abgang von Leistungsträger und Offensivmann Max Kruse die Taktik und das Angriffsspiel der Köpenicker schon verändert hat und noch weiter verändern wird.

Die Ausgangslage

Um beurteilen zu können, wie der Abgang des 33-Jährigen das Unioner Spiel verändert, braucht es ein Verständnis von dessen Rolle in der Mannschaft und der Taktik von Trainer Urs Fischer. Auffällig hierbei: Kruse war bis zuletzt zwar Unions individuell klar bester Akteur und einer dieser vielzitierten "Unterschiedsspieler", aber dennoch niemand, der aus dem Spielsystem herausstach oder dieses gar für sich beanspruchte. "Max Kruse hatte keine so herausragende Stellung, dass alles, was in Union Berlins Spiel passiert ist, auf ihn und seine Qualitäten zugeschnitten war", erklärt Daniel Rossbach.

Im Gegenteil: Unter Urs Fischer spielt die Mannschaft einen sehr Prinzipien-geleiteten Fußball. "Sehr stringent und mit dem eigenen System verbunden", so Rossbach. So hat auch Max Kruse seine Tore in der Regel nicht durch außergewöhnliche Einzelaktionen und Dribbelsolos erzielt, sondern aus dem System Fischer und Situationen heraus, in denen sich auch andere Unioner Offensivakteure regelmäßig wiederfinden. So war gegen Augsburg keinesfalls zu beobachten, dass Urs Fischer in Abwesenheit Kruses sein System komplett über den Haufen wirft und neu gestaltet.

Die Säulen der Unioner Offensive

Stattdessen verließ Fischer sich auch gegen Augsburg in seinem Matchplan auf die Offensivmittel, die das Spiel seiner Mannschaft prägen. "Drei Kernpunkte" ließen sich dabei im Unioner Angriffsspiel beobachten, so Rossbach: Lange Bälle aus der Abwehrreihe in Richtung der Stürmer, dazu umtriebige Offensivkräfte auf den Flügeln sowie die wichtige Rolle der Außenverteidiger. Am meisten bemerkbar machte sich Kruses Fehlen am Wochenende, wenn es darum ging, die oft erfolgreichen Bälle aus der defensiven Dreierreihe durch das Mittelfeld in Richtung Offensivreihe nach der Annahme weiterzuverarbeiten.

"Das sind die Momente, in denen die individuelle Qualität der Passempfänger entscheidend dafür ist, wie der Angriff weitergeht", sagt Rossbach. Und in genau diesen Momenten brilliert Kruse regelmäßig mit guter Technik und vor allem guten Ideen. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass nun andere Spieler vermehrt kreativ als Spielgestalter und Initiatoren tätig werden müssen. Gegen Augsburg drängte sich diesbezüglich noch kein Akteur bemerkenswert auf.

Die Schlüsselrolle des Sheraldo Becker

Was noch nicht ist, kann ja aber bekanntlich noch werden. So hat Union gleich mehrere Spieler in den eigenen Reihen, die gerne offensiv eine größere individuelle Rolle einzunehmen und mehr Verantwortung übernehmen werden. Allen voran der Name Sheraldo Becker muss hier genannt werden. Wenn Union gegen Augsburg offensiv gefährlich wurde, ging dem oft eine Aktion Beckers auf dem Flügel voraus. "Es ist ihm gut gelungen, sich in den Halbräumen anspielbereit anzubieten und dann mit seinem Tempo Durchbrüche zu schaffen", analysiert auch Rossbach.

Genau das wird auch in Zukunft Kernaufgabe des 26-Jährigen bleiben. "Ich glaube gar nicht, dass Spieler wie Becker ohne Kruse anders spielen müssen", sagt Rossbach. Vielmehr werden sie ihre Stärken in Zukunft schlichtweg häufiger einsetzen dürfen und müssen. Ein zusätzliches Plus in Beckers Fall wäre, wenn dieser seine zwischenzeitlichen Schwankungen in der Entscheidungsfindung am Ball und bei seinen Hereingaben noch etwas reduzieren würde.

Der Faktor Effektivität

Neben der Konstanz wird es für Union Berlin in den kommenden Wochen und Monaten vor allem auf den Faktor Effektivität ankommen. Zuletzt war dies die große Stärke der Köpenicker – auch dank Max Kruse. "Kruse war in der Lage, das gut funktionierende Unioner System noch effektiver zu machen", erklärt Rossbach. Sprich: der Ex-Unioner war offensiv in der Lage, aus verhältnismäßig wenig verhältnismäßig viel für seine Mannschaft herauszuholen. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass fortan andere Unioner ähnlich effektiv agieren müssen, wenn man so erfolgreich weiterspielen möchte wie zuletzt.

Dass dies keine Selbstverständlichkeit ist, hat das Augsburg-Spiel zumindest angedeutet. Zumal Union in der aktuellen Bundesligasaison so effizient und gut Fußball spielt, dass es – gemessen an den eigenen Möglichkeiten – nicht viel besser geht. Auch Daniel Rossbach vermutet, dass die Effektivität mitsamt der spielerischen Performance insgesamt bis zum Saisonende eher sinken als steigen wird. Ein bisschen Sorge würde ihm das bereiten, aber bei weitem keine Panik auslösen, sagt er. Denn: "Selbst, wenn Union noch fünf oder gar acht Tabellenplätze verlieren würde, wäre die Saison immer noch keine große Enttäuschung."

Sendung: rbb UM6, 06.02.2022, 18 Uhr

9 Kommentare

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  1. 9.

    Zitat: "Einfach nur den Ball nach vorne ballern wird auf Dauer für die obere Tabellenhälfte zu wenig sein ."

    Wann haben Sie in letzter Zeit ein Spiel des FCU komplett verfolgt? Ich tippe mal auf: noch nie. Ihre "Analyse", der FCU würde nur Bälle "nach vorne ballern", ist absoluter Tinnef, denn das würde ja sehr wenige Ballkontakte bzw. Pässe bedeuten. Komischerweise liegt der FCU in dieser Statistik aber noch vor Hertha, deren Fan Sie ja offenbar sind, Ule.

  2. 8.

    Ja,Ulle,so wird es vielleicht kommen,aber alles vom 10. - 14. ist immer unser Ziel.Da haben andere ,andere Ziele u. müssen dafür tiefer in die Tasche greifen.
    Also den BVB ärgern .Bis Sonntag

  3. 7.

    Ohne den Kruse fehlt die eh schon schwache spielerische Komponente komplett . Einfach nur den Ball nach vorne ballern wird auf Dauer für die obere Tabellenhälfte zu wenig sein . Jetzt wird man sich Schritt für Schritt der Hertha in der Tabelle annähern.

  4. 5.

    Ein Philosoph der Lausitzer Rundschau ist Taktikexperte - wird irgendwo noch Fachkompetenz abgefragt?

  5. 4.

    Soso, der Mitbetreiber vom " Textilvergehen " also, seines Namens Taktikexperte. Bedeutungsschwanger. Der Herr sollte besser hier bei den Kommentaren zu Worte kommen.

  6. 3.

    Genau Alfred,
    ich gehe sogar noch weiter und sage, jede Saison in der 1.BuLi, ist die geilste Saison.
    U.N.V.E.U.

  7. 2.

    Der FCU hat 14 Punkte Abstand auf einen direkten Abstiegsplatz. Also selbst wenn nun eine Phase mit mehreren Niederlagen nacheinander eintreten würde, wovon ich nicht ausgehe, käme er sicher nicht mehr in Abstiegsnot. ;)

    Der FCA hat das vom Trainer im Vorfeld Beschriebene sehr gut gespielt; ist aggressiv-stressig angelaufen und hat beim ersten Tor vom nicht so tollen Luthe Pass profitiert. Beim zweiten Gegentor hat die Verteidigung ein bisschen gepennt, und Hahn hatte einen "Sonntags-Schuss" auf dem Fuss. Wenn der Dauerläufer Prömel und der 'Aussen' Ryerson zurückkehren und sich vorne noch einiges besser einspielt, wird es für jeden Gegner weiterhin schwer sein, den FCU zu schlagen.

    Sehr schöner Artikel, rbb24.

  8. 1.

    …und selbst wenn die Saison mit dem Abstieg enden würde (was zum Glück aus heutiger Sicht mehr als unwahrscheinlich erscheint), wäre das dritte Jahr in der Bundesliga mehr als alle jemals erwartet hätten.
    U.N.V.E.U.

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