Interview | Ex-Trainer Eduard "Ede" Geyer - FIFA-Klub-Weltmeisterschaft "interessiert keine Sau"

Mi 09.02.22 | 17:38 Uhr | Von Shea Westhoff
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Eduard "Ede" Geyer
Bild: imago images / VIADATA

Der ehemalige Trainer Eduard "Ede" Geyer ist bekannt für seine klare Sprache und harte Analysen. Im Interview erklärt er, warum man nicht gegen Union Berlin sein kann und teilt gegen die WM in Katar aus.

rbb|24: Am Wochenende steht das Finale der FIFA-Klub-Weltmeisterschaft an. Werden Sie es schauen?

Eduard Geyer: Ich weiß gar nicht, auf welchem Sender das kommt. Mich interessiert es auch nicht. Um ehrlich zu sein, es interessiert keine Sau. Sicher ist "Klub-Weltmeister" schon ein Titel. Wenn eine südamerikanische Mannschaft gegen eine europäische Mannschaft im Finale steht, ist das schon ein gewisser Höhepunkt. Aber insgesamt ist es nicht berauschend.

Welchen Fußball verfolgen Sie stattdessen?

Ich schaue vor allem die Partien der ostdeutschen Mannschaften aus der Bundesliga und der zweiten Liga, ich gehe zu den Heimspielen von Dynamo Dresden. Ich verfolge den gesamten Ostfußball, bis hinunter in die Regionalliga, also Energie Cottbus, Chemie Leipzig, Lok Leipzig und Carl Zeiss Jena. Das beobachte ich nach wie vor mit Interesse, ohne fanatisch zu sein.

1. FC Magdeburg ist einsamer Tabellenführer der Dritten Liga, Hansa Rostock und Dynamo Dresden haben im Vorjahr die Rückkehr in die Zweite Bundesliga geschafft, und in der Bundesliga sorgt Union Berlin für Furore. Könnte schlechter laufen für den Fußball im Osten.

Sie sind sehr optimistisch. Die Lage des Ostfußballs ist eigentlich katastrophal. Der internationale Fußball, von dem man in den Zeitungen liest, der ist vom Ostfußball so weit weg wie die Erde vom Mond. Sie brauchen bloß den Kicker aufzuschlagen: Da kommt zunächst die Bundesliga, dann kommt die Zweite Bundesliga, außerdem der internationale Sport, dann noch die Dritte Liga, und bei der Regionalliga wird es schon ganz dünn. So stellt es sich für den Fußball im Osten momentan dar. Klar: Union Berlin spielt eine gute Rolle.

Zur Person

Das ist "Ede" Geyer

Als Spieler war Eduard "Ede" Geyer ausschließlich für Dresdner Vereine aktiv, dafür gleich bei vier verschiedenen Klubs. Am längsten und erfolgreichsten war Geyer dabei für Dynamo Dresden aktiv (1968-1975), mit denen er je zweimal Meister der DDR und Pokalsieger wurde. Auch als Trainer blieb Geyer Dynamo verbunden. Er betreute den Klub zwischen 1986 und 1990, ehe er zum letzten Nationaltrainer der DDR wurde. Seine wohl erfolgreichste Zeit als Trainer hatte Geyer jedoch mit Energie Cottbus, die er zwischen 1994 und 2004 von der Regionalliga bis in die Bundesliga führte.

Und RB Leipzig?

Man muss sagen, wie sie das bisher gemacht haben, ist das beispielhaft. Wenn der Verein weiter so klug arbeitet, kann er auf lange Sicht immer zu den ersten drei, vier Mannschaften der Bundesliga gehören.

Wie erklären Sie den gegenwärtigen Erfolg von Union Berlin?

Union Berlin ist die Mannschaft, die aus der ganzen Fußball-Szene ausbricht. Die muss man einfach gerne haben. Wer dagegen ist, hat keine Ahnung. Der Klub hat sich hochgekämpft. Es wird immer wieder gemäkelt, dass die Mannschaft zu viele lange Bällen spielt – alles Quatsch. Am Schluss musst du Spiele gewinnen, Union hat das hingekriegt. Und mittlerweile haben sie sich etabliert. Sie sind ein bisschen ein Aushängeschild. Für andere Mannschaften ist das vielleicht ein kleiner Fingerzeig, wie man es machen könnte.

Vergleichbar mit Energie Cottbus vor gut 20 Jahren, als die Mannschaft mit Ihnen als Trainer in die Bundesliga aufgestiegen ist und sich dort für drei Saisons hielt?

Das könnte man so sagen. Obwohl Union Berlin bessere Voraussetzungen hat. Die Zeiten haben sich schon verschoben, auch was die finanziellen Bedingungen angeht.

1997 erreichten Sie mit Energie Cottbus völlig überraschend das DFB-Pokal-Finale. Eine weitere Parallele zur aktuellen Situation der Unioner, die ins DFB-Pokal-Viertelfinale vorgestoßen sind?

Seit Jahrzehnten ist es ja eigentlich die Hertha, die um den Final-Einzug im eigenen Stadion kämpft und es noch nie geschafft hat. Nun kann es plötzlich Union Berlin schaffen. Das wäre für Hertha sicherlich fast eine Beleidigung. Ich wünsche es Union auf jeden Fall. Wenn man sich die Mannschaften anschaut, die noch dabei sind, dann haben sie eine reelle Chance, Pokalsieger zu werden.

Wie ist es um Ihre aktuelle Beziehung zu Energie Cottbus bestellt?

Klar verfolge ich Cottbus noch intensiver als die anderen Vereine der vierten Liga. Aber ich habe aktuell keine engere Beziehung zum Verein. Guten Kontakt habe ich vor allem zu Dieter Krein (Anm. d. Red.: Ehrenpräsident) und Klaus Stabach (Anm. d. Red.: ehemaliger Abwehrspieler und Manager bei Energie Cottbus), ab und zu telefoniere ich mit meinen ehemaligen Spielern. Aber zur aktuellen Mannschaft habe ich persönlich wenig Bezug.

Und nun die WM in Katar. Das Finale wird am 18. Dezember stattfinden – sind wir bekloppt?

Eduard Geyer

Drücken Sie Energie denn die Daumen, dass sie den Tabellenführer BFC Dynamo noch einfängt?

Natürlich wäre Energie Cottbus mir lieber als BFC Dynamo. Ich würde es ihnen gönnen. Aber es wird kompliziert für Cottbus, gerade hinsichtlich des kleinen Kaders.

Vom Fußball im Osten noch mal zum großen Ganzen. Im November und Dezember findet die Weltmeisterschaft in Katar statt. Wie bewerten Sie das und wo steuert der Fußball gerade hin?

Es ist ein Kommerz ohnegleichen. Immer mehr wollen mit dem Fußball das große Geld verdienen. Nicht nur Spieler, auch ihre Berater und Trainerstäbe. Es wird immer unerträglicher. Und nun die WM in Katar. Das Finale wird am 18. Dezember stattfinden – sind wir bekloppt? Ich kann es nicht nachvollziehen. Wenn es so weit kommt, dass wir in einem Land ohne Fußballkultur- und -struktur, ohne Fankultur, dass wir dort eine WM austragen - wenn das nichts mit Geld zu tun hat, dann fress' ich 'nen Besen.

Glauben Sie, es führt dazu, dass sich Menschen vom Fußball abwenden?

Das wäre doch das schönste, was uns passieren könnte. Dass endlich mal die Fans nicht mehr ins Stadion gehen, sondern, dass sie wirklich die Schnauze voll haben. Es gibt ja auch genügend Bestrebungen aus der Fanszene. Ich denke, es muss sich etwas ändern - aber ob sich was ändert, solange man mit dem Fußball noch so viel Geld verdienen kann und ihn so vermarkten kann auf der ganzen Welt? Da wird es ganz schwer, eine andere Richtung einzuschlagen. Die einzige Möglichkeit, die ich sehe: Die Leute gehen nicht mehr zum Fußball.

Das Interview führte Shea Westhoff.

Sendung: Inforadio, 09.02.2022, 08:15 Uhr

Beitrag von Shea Westhoff

12 Kommentare

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  1. 12.

    ... na der "Ede" bringt's mal auf'n Punkt und zwar in der Manier, wie man auch "draußen" quatscht. Als das mit der Vorweihnachts-WM rauskam habe ich auch so bei mir gedacht: Was soll das werden, Stollen mit Bier? Die Adventszeit ist eine der schönsten Zeiten des Jahres und jetzt soll Fußballdeutschland vor der Glotze hängen oder mit den Kids zum beheizten Public viewing? Mann, Mann, Mann, wo soll das alles enden...

  2. 11.

    Zweiter Anlauf:
    Schön, mal wieder was von Ede Geyer zu hören bzw. zu lesen.
    Er hat seinerzeit in Cottbus aus ziemlich wenig das Maximale herausgeholt und Energie war in aller Munde.

    @ Werner Klingbiel: Die WM in Qatar verbietet sich allein schon von daher, dass zu unserem vermeintlichen Vergnügen tausende von Bauarbeitern auf den Baustellen im Land geopfert wurden. Diesmal stelle ich keinen Link zur Verfügung, damit mein Beitrag eine Chance auf Veröffentlichung hat, aber wer die Begriffe "Boykott" und "Katar" (oder auch "Qatar") in die Suchmaschine seiner Wahl eingibt, der wird fündig.

    @ Helmut Krüger: Frauenfußball ist in den USA seit langer Zeit so populär wie nur in wenigen anderen Ländern auf der Welt.

  3. 10.

    @Shea Westhoff: PR Leipzig hat nichts mit Ostfußball zu tun.

    Das müsste eigentlich auch Herr Geyer wissen und nicht von beispielhaftem Tun sprechen.

  4. 9.

    Weshalb wird Hertha BSC nicht erwähnt, wenn über den aktuellen Fußball in Ostdeutschland gesprochen wird? Ach ja, ist ja ein Westverein in Ostdeutschland *lach* Wohl etwas für ewig gestrige ...

  5. 8.

    Bei den Olympischen Spielel gab es viele Jahre nach der Auswahl Pekings als Austragungsort einen riesen Sufschrei und Politikerboykott. Bei Fußball ist das ganz anders, der weitgehend vom öffentlich rechtlichen Rundfunk und Katar finanzierte Profisport z.B. von Bayern München findet die Toten beim Stadionbau angemessen. Schauen wir mal, ob die Politiker das genauso sehen. Von Protesten wie in Peking habe ich jedenfalls noch nichts gehört und eine Sendung zu diesem Thema nicht gesehen oder gehört

  6. 7.

    Bei uns zu Hause wird die WM in diesem Feudalstaat keine Beachtung finden.
    Wenn das Alternativprogramm zu gruslig wird kaufe ich mir ein Aquarium und stelle das in die Ecke, wo jetzt der Fernseher steht.

  7. 6.

    Dem kann ich nur zustimmen. Um diese Zeit sind eher Biathlon, Skispringen, wenn es da wieder normal zugeht, die Sportarten, die unsere Unterstützung brauchen. Zumal da auch den anderen Sportlern der nötige Respekt entgegen gebracht wird.

  8. 5.

    Im Fussball geht es ausschließlich ums Geld. Das sollte auch der Herr Geyer aus seiner Bundesligazeit wissen.
    Wäre er jünger, würde er die heutigen Geldmengen ebenfalls nehmen.

  9. 4.

    "Die einzige Möglichkeit, die ich sehe: Die Leute gehen nicht mehr zum Fußball."

    Union - das man "einfach gern haben muss" - hatte bei den Spielen der Europa Conference League bis zu 30.000 Zuschauer. Pandemiebedingt gav´b es Obergrenzen; sonst wären es mehr gewesen. Und das ist auch nur eine kommerzielle Veranstaltung der korrupten UEFA.

  10. 3.

    Ede‘s Hoffnung geht schon in Erfüllung. Corona hat schon dazu beigetragen, daß das Fußballinteresse stark gesunken ist. Der Monetäre Aspekt spielt dabei sicher auch eine Rolle. Insgesamt hat man aber festgestellt, dass die Anzahl der Stadionbesucher deutlich zurückgegangen ist. Zumindest deutet es darauf hin, dass eine Grenze überschritten wurde und es nicht mehr so weitergeht wie bisher. Zumindest werden einige den Gürtel enger schnallen müssen.

  11. 2.

    Eine sehr ehrliche Aussage. Wenn es denn einen Inbegriff von Korruption gäbe, dann ist es die FIFA. Es gibt Länder, in denen Baseball hoch veranschlagt wird, andere Länder boßeln lieber und Europa und Südamerika hält es mit dem uns bekannten Fußballspiel. Es kann ja einzelne Länder geben, bei denen Ansätze in diese Richtung da sind, die auch befördert werden sollten: Die USA, Katar und auch China bspw. gehören definiv nicht dazu. Da ist es aus sehr durchsichtigen Gründen aufgesetzt. Nichts kann von außen implantiert werden, was vom Inneren "nicht wachsen will."



  12. 1.

    Fakt ist jedenfalls, dass ich mir diese komische WM auch nicht antun werde. Ich zumindest schaue in der Adventszeit kein Fußball, da hab ich andere Dinge vor. Zudem fehlt auch die Atmosphäre, wenn eine WM im Dezember stattfindet, ganz abgesehen davon wo die WM stattfindet. Der Ort verursacht bei mir auch Bauchschmerzen.

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