Spielanalyse | Hertha bringt sich gegen Bochum um den Lohn - How to Schwolow

Sa 05.02.22 | 11:17 Uhr
  13
Hertha-Torwart Alexander Schwolow blickt enttäuscht ins Leere. (Quelle: imago/Eibner)
Audio: Inforadio | 04.02.2022 | Tabea Kunze | Bild: imago/Eibner

Hertha BSC lieferte gegen den VfL Bochum eine hervorragende erste Halbzeit ab. Nur um dann mit einem individuellen Fehler den Ausgleich zu kassieren. Das 1:1 (1:0) am Freitagabend lieferte positive Erkenntnisse, aber auch viel Ernüchterung. Von Marc Schwitzky

"Mutig, griffig, offensiv" – diese Attribute wählte DAZN-Kommentator Max Siebald, um Herthas Auftritt in der ersten Halbzeit gegen den VfL Bochum zu beschreiben. Spätestens bei diesen Worten zur Halbzeitpause werden sich Fans der "alten Dame" in einer anderen Realität gewähnt haben.

Tatsächlich war die Leistung der Blau-Weißen im ersten Durchgang des Freitagabendspiels mit wenig zuvor Gesehenem in dieser Saison zu vergleichen. Allein die ersten 15 Minuten der Berliner waren ein Quantensprung, vergleicht man sie mit vielen zurückliegenden Anfangsphasen. Oftmals kommt Hertha zu Beginn einer Partie auffällig phlegmatisch daher: Es fehlt an Konzentration, Körperspannung und Kommunikation. So gerieten die Berliner in sämtlichen Partien des neuen Kalenderjahres schon von der ersten Minute an unter Druck.

Hertha kommt ungewohnt gut ins Spiel

Doch gegen Bochum war zunächst vieles anders. Hertha war von der ersten Minute an hellwach. Das Heimteam wirkte deutlich griffiger im Zweikampf, gefällig im Passspiel. Das krampfige Element der gewohnten Hertha-Anfangsphase, es muss in der Länderspielpause geblieben sein. Auffällig war der vom Trainerteam gewählte Ansatz gegen Bochum. Hertha presste im ersten Durchgang immer wieder bemerkenswert hoch. Der balltragende Bochumer und sein näheres Umfeld wurden teilweise von vier Spielern in blau-weiß gleichzeitig angelaufen und unter Druck gesetzt. Dafür schoben entweder Vladimir Darida oder Santiago Ascacibar zusätzlich in den jeweiligen Raum.

So musste der VfL immer wieder auf lange Bälle im Spielaufbau setzen, um sich zu befreien. Zwar agiert die Mannschaft von Trainer Thomas Reis ohnehin gerne mit weiten Abschlägen, unter Herthas Druck wurden diese jedoch völlig unkontrolliert gespielt, was in frühen Berliner Ballgewinnen mündete. Sollte ein langer Ball doch einmal sein Ziel erreichen, hielt Herthas Viererkette exzellent die Höhe, um sofort den Zweikampf annehmen zu können. So klärte vor allem Abwehr-Verstärkung Marc Oliver Kempf zahlreiche Situationen souverän.

Hertha gewinnt die Basics und dominiert

Es schien, als hätten die Spieler das 4-2-2-2 Korkuts erstmals vollständig aufgesaugt. Hertha machte dafür vor allem die Grundlagen des Fußballs zu ihrer Hauptaufgabe: eine stabile Organisation in allen Ketten, aggressives Anlaufen, griffig und gallig im Zweikampf sein, das emsige Aufsammeln der zweiten Bälle. Herthas disziplinierte Arbeit gegen den Ball kaufte Bochum, das diese Elemente ebenfalls als Kerndisziplin erachtet, somit den Schneid ab.

Auch mit dem Ball ging der Plan größtenteils auf. Vor allem die sehr aktive linke Seite von Maximilian Mittelstädt und Myziane Maolida entfachte immer wieder Dynamik, der Bochum wenig entgegenzusetzen hatte. Auch der wiedergenese Stevan Jovetic unterstrich seinen enormen Wert für die Mannschaft, indem er sich konstant in den Zehnerraum fallen ließ und dort das Spiel an sich riss. Die Offensivabläufe wirkten einstudiert und gut geölt, bis zum gegnerischen Strafraum zeigte Hertha eine ihrer besten Saisonleistungen. Ein Manko: Das Team brach regelmäßig durch sehenswerte Kombinationen und Tempoläufe in Bochums Sechszehner, doch eine zielsichere Vorlage blieb oft aus.

Immerhin über einen Standard konnte Hertha in Führung gehen. Ishak Belfodil köpfte den präzisen Freistoß von Sturmpartner Jovetic geschickt ein (23. Minute). So ging es mit dem verdienten 1:0 in die Halbzeitpause. "Das war die beste Halbzeit seitdem ich hier bin", resümierte Trainer Korkut nach dem Spiel.

Hertha zeigt ein altbekanntes Gesicht im zweiten Durchgang

So ungewohnt spritzig Hertha den ersten Durchgang begonnen hatte, so altbekannt war das Gesicht der zweiten Halbzeit, in der die Hausherren aus dem Nichts kalt erwischt wurden. In der 48. Minute überspielte Bochum mit einem langen Ball das gesamte Feld, Kempf und Niklas Stark hatten daraufhin Probleme, Jürgen Locadia und Sebastian Polter zu verteidigen. Locadia kam außerhalb des Strafraums zum Abschluss, den Herthas Torhüter Alexander Schwolow unglücklich in die Mitte abfälschte, sodass Polter nur noch einschieben musste. Ein Fehler des ohnehin in der Kritik stehenden Schwolows, der die Torhüterdebatte bei Hertha neu entfachen wird.

Wie so oft bei der "alten Dame" wird der Gegner durch einen individuellen Fehler zum Tor eingeladen. Und wie so oft schafft es Hertha im Anschluss nicht, sich von jenem Rückschlag zu erholen. Auch an dem regnerischen Freitagabend vor 3.000 Zuschauern vermochten es die Berliner nicht, sich kurz zu schütteln und wieder an den Plan zu halten. Das aus dem ersten Durchgang erarbeitete Selbstvertrauen wurde mit dem 1:1-Ausgleichstreffer pulverisiert. Zwar reagierte Trainer Korkut mit zahlreichen offensiven Wechseln, die vielen neuen Kräfte schienen die Mannschaft jedoch nur noch konfuser agieren zu lassen. Mehr als Stückwerk kam nicht mehr zustande. Die zweite Halbzeit war von Zweikämpfen geprägt, Spielfluss kam nicht mehr auf. "Wir haben uns von der Art und Weise aus Hälfte eins entfernt und uns an das Spiel des Gegners angepasst", so das Fazit Korkuts.

Was bleibt ist Ernüchterung

So blieb es beim 1:1, das mit viel Enttäuschung seitens Hertha einhergeht. Die erste Halbzeit hätte ein Meilenstein in der Mannschaftsentwicklung werden können, die schwache zweite Hälfte schmälert den Gesamteindruck jedoch massiv. Einmal mehr konnte Hertha eine gute Leistung nicht auf 90 Minuten strecken, einmal mehr stellte man sich durch einen individuellen Fehler selbst ein Bein, einmal mehr entblößte ein Negativereignis das fragile Gebilde dieser Mannschaft. Was bleibt, ist somit Ernüchterung – und nur ein Punkt gegen einen direkten Konkurrenten um den Klassenerhalt. Gewinnt Hertha das kommende Spiel gegen Fürth nicht, wird der Druck immens. Verweise auf Ansätze der Weiterentwicklung wären angesichts der bedrohlichen Tabellenlage dann nur noch Makulatur.

Sendung: Inforadio, 04.02.2022, 22:15 Uhr

13 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 13.

    Ähem, wie viele von den gerade mal fünf Niederlagen hat denn Luthe Ihrer Meinung nach zu verantworten, Kolo? Es ist doch eher so, dass er uns einige Siege und auch Unentschieden gerettet hat. Und auch im gestrigen Spiel hat er bis auf den schlechten Pass, der aufgrund des starken Anlaufens des FCA zum Gegentor führte, mehre male sehr gut gehalten.

  2. 12.

    Könnten die verantwortlichen Herrschaften, die immer so viele positive Entwicklungen zu erkennen glauben, bitte mal einen nüchternen Blick auf die Tabelle werfen? Hertha steckt tief im Abstiegssumpf und hat die Mentalität dafür nicht. Jeder Rückschlag im Spiel bringt das Team aus dem Tritt. Da sind insbesondere schwere Torwartfehler natürlich tödlich. Wenn gegen Fürth nicht klar gewonnen wird, braucht Hertha unverzüglich einen Feuerwehrmann, auch wenn der Trainerverschleiß schon groteske Züge annimmt. Das liegt aber natürlich auch an der Qualität der "Fußballlehrer", die zuletzt verpflichtet wurden. Zeit für die Suche nach positiven Ansätzen im Status Quo bleibt nach der nächsten Niederlage jedenfalls nicht mehr.

  3. 11.

    . Sehe ich auch sooo ..als Unioner haben wir auch das Problem daß vom Torwart L. nicht die Souveränität ausgeht und viele Fehler Niederlagen produzieren...als Berliner die Beide in der 1. LIGA
    bleiben sollten ist ein guter Torwart existenziell!
    Eisern Union
    Kolo

  4. 10.

    Danke für diesen Kommentar
    Ich bin herthaner durch und durch. Und das es seid Jahren kein Spaß mehr macht tut dies kein Abbruch.
    Aber dieses geschwafel kann ich nicht mehr ab.
    Wo ist der verantwortliche der mal mit der Faust auf den Tisch haut? Schwolow ist sehr sympathisch, aber kein Torwart der Sicherheit ausstrahlt. Jeder der selbst gespielt hat weiß was das bedeutet. Handelt endlich oder wir spielen nächste Saison gegen die alten großen die selbige Fehler gemacht haben. Ha Ho He

  5. 9.

    Warum wird immer alles auf den Torhüter geschoben ??
    Die ganze Mannschaft ist doch schlecht und steigt ab

  6. 8.

    Nun ja, kann man auch anders sehen, denn der VfL hat die erste Halbzeit leider total verschlafen und hat sich erst durch die Personalwecjsel zur Pause stabilisiert. Am Ende stand nach ausgeglichener 2 HZ ein verdienter Punkt zu Buche, mit dem der VfL angesichts der schwachen ersten HZ leben muss und kann. .

  7. 7.

    Hertha hat 9 Punkte zu Hause verschenkt. Einige davon gehen auch auf das Konto von Schwolow. Hinzu kommen Niederlagen auswärts, alles Spiele mit dem gleichen Torwart. Es soll keine Häme sein, sondern meine Verwunderung darüber, warum der Trainerstab blind oder keine Ahnung hat.
    Vom Torwart muss Sicherheit ausgehen und eine Signalwirkung bis zum Stürmer gehen. Wenn nicht ein Zeichen gesetzt wird, geht es so weiter.

  8. 6.

    "Als „alter“ Herthaner frage ich mich schon wie lange wir uns das mit diesem , menschlich durchaus sympathischen , Torhüter noch antun wollen"
    Da fehlt eindeutig der Gendertorwart, ist doch eindeutig zu erkennen. Dass das in Berlin noch nicht erkannt wurde?
    Hallo Herr Bobic wo sind Sie?

  9. 5.

    Als „alter“ Herthaner frage ich mich schon wie lange wir uns das mit diesem , menschlich durchaus sympathischen , Torhüter noch antun wollen : Das lernt man doch schon in der C-Jugend , nie nach vorne abwehren, immer links oder rechts! Ansonsten: Keine Strafraumbeherrschung , schlechtes Stellungsspiel und bei hohen Flanken 0 Zugriff! Sorry, so gehts nicht weiter! FB bitte handeln !

  10. 4.

    Mal ein Lob für diese Analyse der Herthaleistung. Sachlich, ohne Häme und (leider) genau auf den Punkt. Ist mir hier bei rbb24 schon öfter ausgefallen. Trotzdem HaHoHe

  11. 3.

    "How to Schwolow"
    How to .......lässt sich beliebig Fortsetzen.
    How to .....zu viele Jahre, ohne eine Besserung. Viel Geld verbrannt für nichts.
    So wie insgesamt in Berlin - also Passt!
    Als wirklicher Hertha Fan muß auch einmal Schluss sein, für mich jedenfalls nach Jahrzehnten.
    Freuen wir uns über Union in Berlin - meine Meinung.

  12. 2.

    Es waren Ansätze erkennbar, die gleichen wie seit Jahren schon. Über diese Ansätze kommt die hertha seit Jahren nicht hinaus. Eine wirkliche Entwicklung ist nicht zu sehen.

  13. 1.

    Natürlich war mehr Power und Struktur in der ersten Hälfte, zu sehen. Weniger konnte es ja gar nicht werden. Trotzdem waren es nur wenige Torchancen, die letztlich dabei heraussprangen. Das ist zu wenig. Ein Standard musste herhalten, um das 1:0 zu erzielen. Der Rest waren Versuche und Halbchancen. Flanken die stets verpuffen und letzte Pässe, die einfach nicht ankommen. So kam es, wie es kommen musste. Die Abwehr, einschlisslich Schwolow, ist nach wie vor ein Hühnerhaufen. Nach dem 1:1 war Bochum stabil und das Problem aus Hälfte 1 , war wieder da. Keine erspielten Torchancen. Glück war dann , das Bochum nicht noch gieriger aud Sieg spielte.

Nächster Artikel