Erfahrungsbericht von den Olympischen Winterspielen - In der verbotenen Stadt

Do 03.02.22 | 06:17 Uhr | Von Dirk Walsdorff
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Volunteers stehen für ein Selfie vor den olympischen Ringen in Peking (Bild: dpa/Peter Kneffel)
Video: rbb|24 | 03.02.2022 | Autor: Dirk Walsdorff | Bild: dpa/Peter Kneffel

Über die Situation und Rahmenbedingungen bei den Olympischen Winterspielen in China wird viel gesprochen. Der Leiter der rbb-Sportredaktion, Dirk Walsdorff, ist nach Peking gereist und berichtet hautnah von seinen Erfahrungen.

"Negative." Es dauert ein bisschen bis der junge Mann an der Rezeption die Antwort auf die wichtigste aller Fragen in den Tiefen seines Computers findet. Aber auf dieses Wort warte ich gern. Es wird dann - warum auch immer – sogar von einer Computerstimme gesprochen, auf englisch. "Negative." Danke.

Über vier oder fünf Stunden habe ich mich nicht getraut, die Koffer auszupacken, stattdessen im Hotelzimmer gesessen, diverse Zeitungsartikel und ein Buch über Xi Jinping gelesen und gewartet. Es hieß wir würden Bescheid bekommen, wenn die Ergebnisse des PCR-Tests vom Flughafen vorliegen. Erst dann dürfe man das Zimmer nach der Ankunft überhaupt verlassen. Letztlich muss ich aber selbst zur Rezeption, weil unser ARD/ZDF "Covid Liaison Officer" mir telefonisch empfiehlt, genau dies zu tun und beharrlich nachzufragen. Die erste Hürde ist also geschafft. Anders als mein Kollege Claus Lufen oder der Berliner Eiskunstläufer Nolan Seegert muss ich nicht ins Quarantäne-Hotel, um dort auf unbestimmte Zeit eingesperrt zu werden. Aber frei bin ich deswegen noch lange nicht und werde es bei diesen seltsamen Olympischen Spielen auch nicht mehr werden.

Leben wie auf einem anderen Planeten

Über die "Blase" in Peking ist in Deutschland schon berichtet worden. Hier vor Ort bedeutet dies: Wir, die Journalisten, Athletinnen und alle anderen in irgendeiner Funktion Teilnehmenden der Spiele sind vom Rest der Welt entkoppelt. Wir leben wie auf einem anderen Planeten, dürfen uns ausschließlich in Olympia-Shuttle-Bussen und Olympia-Taxis zwischen Olympia-Orten fortbewegen. Dies gilt selbst für kürzeste theoretisch fußläufige Distanzen. Auch der kurze Gang zum Luftschnappen vor die Tore des Hotels ist kategorisch ausgeschlossen. Kontakt zu "normalen" Einheimischen ist damit ausgeschlossen. Genauso wie jedes Szenario, irgendetwas von China zu sehen, was nicht direkt mit den Olympischen Spielen zu tun hat.

Peking ist für uns tatsächlich die Verbotene Stadt. Diese auf verschiedene Arten und Weisen ausnehmend faszinierende Metropole können wir nicht betreten. Wir sehen Museen, Geschäfte, Parks, Plätze und Tempel wenn, dann nur aus Fahrzeugen oder durch Zäune hindurch. Denn bei diesen Olympischen Spielen ist alles umzäunt. Das Hotelgelände genau so wie jede Sportanlage. Die Blase wird von der Außenwelt abgetrennt. Nach zwei Tagen hier merke ich, dass diese Trennung viel bedrückender ist, als all die anderen Dinge, die wir vor der Reise auf uns nehmen mussten und hier fortlaufend auf uns nehmen müssen. Zuhause versuchten wir vielleicht noch mehr als andere darauf achten, uns bloß nicht mit Corona zu infizieren. Ein positiver Test und wir wären sofort raus aus dem Olympia-Team – und die ARD hätte auch keine Chance Ersatz zu nominieren, die Anmeldeformalien für China sind viel zu kompliziert, als dass dies kurzfristig möglich wäre.

Allumfassende Überwachung über Video und per Funk

Schon 14 Tage vor Abflug mussten wir anfangen, unsere Gesundheitsdaten in einer tatsächlich nur bedingt vertrauenswürdigen chinesischen App einzutragen. Körpertemperatur und allgemeines Befinden: Husten? Schnupfen? Jemand in der Familie mit Symptomen? Jeden Morgen angeben. Und die Impfzertifikate hochladen. Und kurz vor der Abreise über eine schlecht programmierte Webseite noch viel mehr von sich Preis zu geben, um einen grünen Gesundheits-QR-Code und einen braunen Zoll-QR-Code zu erhalten. Ach und in Peking sollen die deutschen Smartphones am besten offline bleiben, warnen ARD, ZDF, DOSB und BKA unisono wegen irgendwelcher böser Software.

Dass unsere Gastgeber buchstäblich eine allumfassende Videoüberwachung betreiben und über die Akkreditierungsausweise offenbar sogar per Funk nachverfolgen, wo wir sind - geschenkt. All dies wäre Grund genug, nicht anzureisen – wozu sich viele Kolleginnen und Kollegen entschieden haben. Aber wenn man hier ist, dann ist viel störender als der allmorgendlich verpflichtende neue PCR-Test im Hotel, dass man gefangen ist.

Denn China ist spannend und schön und sehens- und erlebenswert. Ich bin mit 20 per Rucksack durch das Land gereist und war mit 30 bei meinen ersten Olympischen Spielen als Reporter schon hier. Die meisten Kolleginnen und Kollegen, die 2008 bei den Sommerspielen waren, haben überwiegend gute Erinnerungen. Wir liefen auf der Chinesischen Mauer, über den Platz des himmlischen Friedens und durch die Verbotene Stadt. Auch damals gab es genug an diesem Land zu kritisieren, aber wir standen unter dem Eindruck, dass sich die Dinge in Bezug auf Menschen- und Freiheitsrechte wenn überhaupt, dann vorsichtig in die richtige Richtung bewegten. Jetzt ist genau das Gegenteil der Fall.

China bleibt vielen fremd

Und damit kommt zum Corona-Wahnsinn eine zweite Problem-Dimension hinzu. Es ist unsere Aufgabe das Land für unsere Zuschauerinnen, Hörer und Leser auch zu einem gewissen Grad zu erklären und informiert kritisch zu hinterfragen. Beides ist erheblich schwieriger, wenn man hinter einer unauflöslichen, einen auf Schritt und Tritt begleitenden Barriere steht.

Für die Athletinnen und Athleten, um die es in unserer Berichterstattung primär gehen sollte, bedeutet diese Barriere, dass ihnen ein wesentlicher Aspekt des Olympischen Erlebnisses genommen wird. Das Eintauchen in eine andere Welt fehlt – und weil die Welt in China für die meisten von uns durchaus in manchen Aspekten etwas fremd ist, bleibt das Land so für viele ganz fremd und es entwickelt sich kein Verständnis. Von manchen Sportlern und Journalisten habe ich inzwischen schon abfällige Kommentare über unsere Gastgeber gehört, von oben herab in westlicher Überlegenheit formuliert. Eigentlich nicht böse gemeint, aber trotzdem nicht schön. Auch das könnte anders sein.

Berichterstattung steht vor einer Herausforderung

Ich selbst stehe zu Beginn dieser Spiele vor einer der größten Herausforderungen meiner journalistischen Karriere. Ich darf wie schon vor einem halben Jahr in Tokio die Eröffnungsfeier für die Radiosender der ARD übertragen. Das wird eine Veranstaltung mit tollen Bildern, großartig inszeniert und für sich genommen durchaus ein bisschen begeisternd. Aber zu Begeisterung gibt es hier keinen Anlass. Die Null-Covid Politik der Regierung sorgt für Olympische Spiele, die noch deutlich strikter sind als wir es vor einem halben Jahr in Japan erlebt haben, wo die Corona-Blase nach 14 Tagen mit negativen Tests für alle aufging. Nun stellt sich die Frage nach Sinn und Unsinn solcher Corona-Spiele noch stärker.

rbb-Abteilungsleiter Sport bei den Olympischen Winterspielen in Peking (rbb/Dirk Walsdorff)

Und dass sich hier in China eine Veranstaltung hemmungslos und ironiefrei mit den Begriffen Frieden, Inklusion, Solidarität, Gleichheit und Respekt schmückt, während auf der Ehrentribüne Xi Jinping, Thomas Bach und Vladimir Putin nebeneinander sitzen, bedarf noch viel dringender einer angemessenen Einordnung. Ich werde versuchen, am Freitagabend im Vogelnest die richtigen Worte zu finden. Und im Bus zurück ins Hotel in die Straßen gucken und daran denken, wie wir 2008 nach manchem Wettkampftag noch in kleinen Gassen in noch kleineren Restaurants aufregendes Essen und Tsing-Tao Bier aus Dosen genossen haben.

Beitrag von Dirk Walsdorff

9 Kommentare

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  1. 9.



    Ich als sportfan werde diese sogenannten Spiele in diesem Regime boykottieren.. Fernseher und tablet bleiben olympia frei.. Virus Ausbruch verschleiern..Menschenrechte verletzten.. Usw usw.. Traurig das die öffentlichen Sender über eine solche Veranstaltung berichten..

  2. 8.

    Die Olympiade ist die Zeit zwischen 2 Olympischen Spielen. Wie wollen Sie die boykottieren?

  3. 7.

    @Bernhard
    Ich würde mir wünschen, dass Sie Ihre konsequente Meinung auf den alltäglichen Rassismus, den Betrieb von Straflagern, Unterdrückung/ Umerziehung am Beispiel der indigenen Bevölkerung, tgl. Opfer von Waffengewalt, rücksichtslose Ausbeutung der Natur ... erweitern. Dann gäbe es nirgends mehr völkerverbindende Sportveranstaltungen. Wahrscheinlich aber mehr kriegerische Auseinandersetzungen. Deshalb objektiv bleiben, die Falten aus dem verknöchertem Gesicht und sich auch mal mit den Sportlern/Gastgebern freuen. Was meinen Sie wie gastfreundlich die Chinesen sind.


  4. 6.

    Schade das die Sportler die Unfähigkeit der Politik und des IOC ausbaden sollen. Ihnen wurde 4 Jahre vorgegaukelt wie toll doch alles sein wird. Für viele Sportler sind das wahrscheinlich die einzigen olympischen Spiele und dann werden sie von unseren Politiker-innen allein gelassen. Es tröstet auch nicht, daß es in anderen Ländern genauso läuft. P.S. Deutschland selbst wollte ja keine olympischen Spiele....dann eben China!!! oder Katar...

  5. 5.

    Wenn ARD und ZDF ungestraft, mit Gebührengeldern, über China, so in Art und Weise, Länge der Negativberichte und Manipulationen weiter macht, dann schalten die Leute einfach ab (siehe Einschaltquotenverlauf, wenn so berichtet wird). Und der kenntnisreiche Bürger ist auf die Katar-Berichterstattung, direkt aus Katar, über die dortigen Frauenrechte mit Interviews vor Ort und medienwirksamer bunter Armbinde (wie in Moskau) sehr gespannt.

  6. 4.

    Leider wieder so ein typischer Kommentar. Sicher gibt es an China etwas zu kritisieren, wie an den USA,den Eu- Staaten , Ägypten, Chile etc..
    Wer für Frieden und Völkerverständigung eintritt, sollte sich an gewisse Spielregeln halten. Dazu gehört die Nichteinmischung in innere Angelegenheiten eines Staates. Hier geht es um sportliche Wettkämpfe an denen niemand teilnehmen muss, wenn er mit dem Gastgeberland politische Probleme hat.
    Dem Frieden ist damit nicht gedient aber vielen westlichen Journalisten ist das offenbar egal.

  7. 3.

    Es wäre wesentlich besser gewesen wenn alle westlichen Sportler, Politiker und Journalisten diese Olympiade boykottiert und damit ein klares Zeichen gegen dieses menschenverachtende System gesetzt hätten.

    Die Anwesenheit westlicher Teilnehmer toleriert damit auch die Umerziehungslager in Xinjiang in denen Millionen von Uiguren, Kasachen, Kirgisen, andere Ethnien sowie Christen unter menschenunwürdigen Bedingungen willkürlich interniert sind.

  8. 2.

    Die Baerbock will ja wegen der Menschenrechtssituation da nicht hinfahren.... Laut welt.de wurden im Iran gerade 2 Schwule hingerichtet, seit der islamischen "Revolution" 1997 übrigens 4000 Schwule. In der EU ist ja DE der wichtigste Handelspartner des Iran.

  9. 1.

    Der Vergleich Peking 2008 -2022 ist ein weiterer Beleg für die vor allem vom IOC hochgehaltene Legende, dass sich durch Olympische Spiele eine menschenverachtende Diktatur "öffnen" würde - mal ganz unabhängig von den Coronamaßnahmen. Dass diese Lüge vor allem unter der Ägide des ehemaligen Tauberbischofsheimer Fechtolympiasiegers Thomas Bach zur Rechtfertigung der primär monetären Interessen des IOC geschieht, spricht nochmals extra Bände über die moralische Verfassung dieses Vereins!
    Achso: Alles Gute, Herr Walsdorff!!

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