Union Berlin siegt im DFB-Pokal - Mit viel Ruhe ins Halbfinale

Mi 02.03.22 | 08:16 Uhr | Von Till Oppermann
SPieler von Union Berlin bejubeln ihren Sieg im DFB-Pokal-Viertelfinale gegen den FC St. Pauli (Bild: imago images/O.Behrendt)
Video: Morgenmagazin | 02.03.2022 | Jörg Hellwig | Bild: imago images/O.Behrendt

Es ist das nächste Highlight: Union Berlin steht im Halbfinale des DFB-Pokals. Gegen St. Pauli zeigten die Eisernen keine Gala-Leistung, bewiesen aber trotzdem, warum sie zurecht unter den vier besten Teams des Wettbewerbs stehen. Von Till Oppermann

Nur wenige Minuten, nachdem Union Berlin den FC St. Pauli im Viertelfinale des DFB-Pokals mit 2:1 geschlagen hatte, setzte Christopher Trimmel überraschende Prioritäten. Der Einzug ins Halbfinale sei schon etwas Besonderes, klar, aber: "Wir haben uns natürlich auch schon gefreut, dass wir ein Pokal-Heimspiel hatten, das kommt ja auch nicht so oft vor", sagte der Kapitän gewohnt trocken. Das könnte man auch mit "dabei sein ist alles" übersetzen, aber Union hat andere Ansprüche. Ein Ausscheiden wäre eine herbe Enttäuschung gewesen.

Union bleibt ruhig

Das Spiel gegen den Hamburger Zweitligisten machte bewusst, warum der 1. FC Union nach fast drei Jahren in der Bundesliga in der Außenwahrnehmung längst zu den Großen gehört. Nicht etwa, weil die Köpenicker ihrem Gegner haushoch überlegen gewesen wären. Auch nicht, weil sie fußballerisch geglänzt hätten. Viel mehr wegen des Spielverlaufs und wie die Mannschaft darauf reagierte.

Obwohl die Eisernen druckvoll begonnen hatten - nach nur 93 Sekunden musste St. Pauli schon zum zweiten Mal zur Ecke klären - mussten sie in der 21. Minute das 0:1 hinnehmen. Trotzdem spielte Union unbeirrt weiter, verließ sich auf die eigenen Stärken und drehte das Spiel.

Rönnow ist am Rückstand nicht allein schuldig

Mehrere vermeidbare Union-Fehler begünstigten die St. Pauli-Führung durch Daniel Kyereh. Paul Jaeckel verlor zuvor in der gefährlichen Zone mittig vor dem eigenen den Ball, weil er im Spielaufbau nicht schnell genug abgespielt hatte. Sein Innenverteidiger-Kollegen Timo Baumgartl konnte den enteilenden Kyereh nur mit einem Foul kurz vor dem Strafraum stoppen und St. Pauli verwandelte den fälligen Freistoß nach einer Variante flach ins lange Eck.

Torwart Frederik Rönnow, der erneut im Pokal statt Stammkeeper Andreas Luthe das Vertrauen bekam, sah dabei nicht gut aus. Erst machte er einen Schritt in die falsche Richtung, dann rutschte der Ball durch seine Arme und schlug in der Torwart-Ecke ein. Zur Wahrheit gehört aber auch: Sowohl Trimmel als auch Sheraldo Becker hätten den Schuss blocken können, haben sich aber weggedreht.

St. Pauli stellt Union vor taktische Probleme

Dass Union danach große Probleme hatte, wieder ins Spiel zu finden, war das Ergebnis eines taktischen Kniffs des Gästetrainers. In 24 Zweitligaspielen hatte Timo Schultz seine Mannschaft in dieser Zweitligasaison mit einer Viererkette spielen lassen. Gegen Union setzte St. Pauli dagegen auf eine Fünferkette und reagierte so auf eine der größten Qualitäten in Unions Offensive. Kapitän Leart Paqarada erklärte: "Wir wussten, dass Union lange Bälle auf die schnellen Spitzen spielt." Durch den zusätzlichen Innenverteidiger war St. Pauli so meist in der Überzahl und hatte einen Verteidiger, der als letzter Mann gegen Sheraldo Beckers und Taiwo Awoniyis Tiefenläufe absichern sollte.

Insbesondere nach dem Rückstand stellte das die Eisernen vor große Probleme. Weil Union derzeit die Qualität fehlt, tiefstehende Abwehrketten im Kombinationsspiel zu überwinden, versuchte Urs Fischers Mannschaft diesen Nachteil mit mehr angreifenden Spielern auszugleichen. Selbst die Innenverteidiger Baumgartl und Jaeckel tauchten immer wieder am gegnerischen Strafraum auf. Jedoch führte dieser große Aufwand nicht zu besseren Torchancen.

Ausrutscher bringt Union zurück ins Spiel

So war Beckers Ausgleich mit dem Pausenpfiff kein Ertrag des kontrollierten Offensivspiels seiner Mannschaft. Als St. Pauli etwas aufgerückt war, nutzte Baumgartl die erste Chance für einen langen Ball hinter die Kette. Diesen hätte Awoniyi aber wohl kaum erreicht, wäre nicht der herauseilende Gästetorwart Dennis Smarsch, ein gebürtiger Berliner, ausgerutscht.

Über Umwege kam der Ball zu Becker, der lupfte ihn ins Tor, und die große Mehrheit der 10.000 Zuschauer in der Alten Försterei feierte den unverhofften Ausgleich. "Sowas darf man sich gegen diesen Gegner nicht erlauben", schimpfte Kyereh und drückte damit einerseits seinen Ärger über den Fehler aus, aber machte Union damit gleichzeitig ein Kompliment. Denn Union war ruhig geblieben und nutzte den ersten Raum, den St. Pauli anbot, eiskalt aus.

Ein Joker sticht

Vielleicht bewog dieses Tor Urs Fischer der zweiten Hälfte auf St. Paulis Fünferkette zu reagieren. Vielleicht hätte er sowieso etwas umgestellt, um die Gäste zu locken. Jedenfalls stand seine Mannschaft nach dem Seitenwechsel deutlich tiefer. Gleichzeitig begann St. Pauli Mann gegen Mann zu verteidigen, um bereits in Unions Hälfte den Ball zu gewinnen.

Für die Gastgeber hatte das eine negative und eine positive Folge. Unter dem Eindruck des höheren Drucks wurden ungewohnt viele Klärungsversuche der Köpenicker zu Querschlägern. Aber es öffneten sich gleichzeitig weitere Räume hinter St. Paulis Abwehr. In der 75. Minute versuchte Jaeckel das mit einem hohen Pass in die Spitze auszunutzen. Eigentlich war sein Ball leichte Beute für die St. Pauli Abwehr, aber beim Versuch zu klären rutschte Jakov Medic aus, der eingewechselte Andreas Voglsammer eroberte den Ball und erzielte die Führung.

Union ist reifer

"Da muss man das Näschen haben, dass sowas passiert", kommentierte Voglsammer sein Tor nicht ohne Stolz. Aber natürlich gebührt dem Torschützen das größte Lob für den Siegtreffer. Schließlich sei Jaeckels Ball zu mittig gespielt gewesen, wie auch Voglsammer feststellte. Eine weitere Aussage deutet darauf hin, dass das Tor nicht nur aus dem Fehler von Medic resultierte. "Den hätte er nach außen spielen sollen, so war es vorgegeben", erkläre Voglsammer.

Union lauerte also nur auf die passende Chance für einen weiteren langen Ball. Der unterlegene Kyereh sagte: "Da wo wir hinwollen, werden solche Fehler bestraft." Union hat St. Pauli vorgemacht, was eine Bundesligamannschaft auszeichnet. Ruhe, Konzentration und die konsequente Umsetzung des eigenen Plans. Auch ohne Galaleistung war der Heimsieg der Köpenicker hochverdient. Grund genug, dass Trimmel vor keinem möglichen Halbfinalgegner Angst hatte: "Wir sind froh, dass wir weiter sind, wer im Endeffekt der Gegner wird, werden wir sehen." Ob Union zuhause oder auswärts spielt, ist dem Kapitän wahrscheinlich sowieso wichtiger.

Sendung: Inforadio, 2. März 2022, 8 Uhr

Beitrag von Till Oppermann

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