Skaterhockey-Klub unterstützt Ukrainer - "Wie oft hat man die Chance, wirklich helfen zu können?"

So 27.03.22 | 11:12 Uhr | Von Shea Westhoff
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Skatehockey
IMAGO / Pressefoto Baumann
rbb UM6 | 27.03.2022 | Torsten Michels | Bild: IMAGO / Pressefoto Baumann

Ukrainische Skaterhockey-Spieler wie der 14-jährige Valentin haben bei den Berliner Spreewölfen vorläufig eine neue Heimat gefunden. Wohnen können sie in einem ehemaligen Justizgebäude - das ihnen ein Imker bereitstellte.

In einem Regal stapeln sich zusammengerollte Matratzen, noch sind sie eingeschweißt. In manchen Zimmern stehen leere Holzbetten nebeneinander und warten auf neue Gäste. Sätze auf Ukrainisch hallen durch die hohen Flure des ehemaligen Justizgebäudes von Jüterbog im Landkreis Teltow-Fläming.

Was sich aktuell im ehrwürdigen Verwaltungshaus abspielt, ist eine irre Geschichte. Sie wurde möglich, weil sich Menschen aus Brandenburg, Berlin und Kiew vernetzt und füreinander eingesetzt haben. Ermöglicht wurde sie nicht zuletzt durch die Leidenschaft fürs Inline-Skaterhockey, dem Hockeysport auf Rollen.

Der Imker hilft der Skaterhockey-Spielern

Eine zentrale Rolle dabei spielte Rolf-Friedrich Stengel, der vorher eigentlich gar nichts mit diesem Sport zu tun hatte. Der Berliner ist Berufs-Imker, verkauft seinen Honig am Marktstand. Vor wenigen Wochen habe ihm eine Stammkundin erzählt, ihr Ehemann habe Kontakt aufgebaut zum ukrainischen Rollhockeyverband, der in Kiew sitzt. Aufgrund des russischen Angriffskriegs müssten viele die Stadt verlassen. Ihr Ehemann selber sei der Vereinspräsident des Skaterhockey-Klubs Berliner Spreewölfe, Jörg Ogilvie.

Was die Kundin am Honig-Marktstand nicht ahnte: Ihr Lieblings-Imker Rolf-Friedrich Stengel ist in Besitz einer großen Immobilie in Jüterbog, einem Justizgebäude von verwelkter Schönheit - mit viel Platz.

Im Gespräch mit dem rbb sagt der Lockenkopf Stengel maximal sachlich - und deswegen maximal anrührend: "Der Bedarf ist gegeben. Die Leute brauchen ein Dach über den Kopf, das habe ich zur Verfügung. Wenn man in der glücklichen Situation ist, helfen zu können, dann sollte man sie nutzen." Er fügt hinzu: "Wie oft im Leben kommt man zur Chance, wirklich helfen zu können?"

Dann ging alles ganz schnell, die Spreewölfe informierten den Partnerverband in der Ukraine, nach und nach machten sich Menschen aus Kiew mit dem Auto auf den Weg in Richtung Jüterbog.

Skate-Hockeyspieler Valentin aus der UkraineDer 14-jährige Valentin aus der Ukraine ist begeisterter Skaterhockey-Spieler.

20 Zimmer sind nun bewohnt

Mittlerweile sind rund 30 Ukrainer ins große Haus eingezogen: Männer und Frauen, Kinder, Greise. Die meisten haben einen näheren oder erweiterten Bezug zum ukrainischen Skaterhockey-Verband. Sie wohnen aktuell in zirka 20 Zimmern. "Es ist schwer, den Überblick zu behalten, denn ein paar Räume werden derzeit noch aktiviert", sagt Stengel, der täglich am Werkeln ist, um die Zimmer bewohnbar zu machen. Vom Platz her wäre sogar noch Luft für noch weitere Gäste. "Die Frage ist nur, wie schnell wir das alles ausgestattet bekommen", sagt er.

Um den Aufwand zu finanzieren, habe er Gespräche geführt mit dem Kreis-Sozialamt. Einen "sehr geschrumpften Satz", habe man ihm zur Verfügung gestellt. Doch er werde "je nachdem, wie sich die Energiekosten entwickeln, schon klarkommen", sagt Stengel schulterzuckend.

Trainieren bei den Spreewölfen

Einer der neuen Bewohner ist Valentin, 14 Jahre alt. Vor zwei Wochen floh er gemeinsam mit Oma Maria und Opa Oleg, die nun mit ihm am Küchentisch sitzen. Jüterbog gefalle ihm gut, sagt er. Es erinnere ihn an Podil, einem historischen Kiewer Stadtteil. Dieser wurde mittlerweile von russischen Luftangriffen in weiten Teilen zerstört.

Maria pflichtet ihrem Enkel bei: "Die Menschen in Jüterbog sind nett, sehr höflich. Trotzdem will ich gerne nach Hause." Ihre Hoffnung ist, in zwei oder drei Wochen zurückzukehren. Valentin ist weniger optimistisch, er glaubt, man müsse mit der Heimkehr noch lange warten, vielleicht bis ins nächste Jahr.

Hiflreich sei für ihn nun der Sport. Joggen oder mit dem Fahrrad fahren, das ihm gestellt wurde. Aber am wichtigsten sind ihm die Trainingseinheiten mit dem Skaterhockey-Team der Spreewölfe. Viermal pro Woche ist er bislang mit dem Zug zur Rollsportanlage des Berliner Poststadions gefahren, zusammen mit weiteren geflüchteten Ukrainern, zum gemeinsamen Training.

Ein ukrainisches und deutsches Stimmenwirrwarr

"Es war kein Problem, die Spieler hier zu integrieren, das ging ganz schnell", sagt Spreewölfe-Nachwuchskoordinatorin Valerie Keller. Als die ersten beiden Geflüchteten aus Kiew in Jüterbog ankamen, wollten sie bereits am Tag darauf ins Training einsteigen. Alltag zurückgewinnen durch den Sport? Zumindest lasse sich dadurch etwas Struktur zurückgeben, findet Keller. Vielleicht helfe es auch beim Ankommen. Außerdem lerne man neue Menschen kennen.

Hinter der Trainerin absolvieren die Berliner Hockeyskater gemeinsam mit ihren neuen Teamkollegen bereits die ersten Trainingseinheiten. Schläger klackern auf dem Feld, ein ukrainisches und deutschen Stimmenwirrwarr.

Nach dem Training sagt der 14-jährige Valentin, ein wenig aus der Puste: Eine interessante Erfahrung sei es ja, einmal im Ausland zu leben. "Aber ich will gerne nach Hause. So schnell es geht."

Sendung: rbb24, 27.03.2022, 18 Uhr

Beitrag von Shea Westhoff

1 Kommentar

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  1. 1.

    Was für eine tolle Aktion von allen Beteiligten!
    Ein -vielleicht brauchbarer- Tipp für die Ausstattung: bei ebay-Kleinanzeigen werden laufend gute bis neuwertige Möbel und Einrichtungsgegenstände verschenkt.....
    Weiterhin viel Freude und Erfolg an diesem schönen Einsatz!

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