Berliner US-Baseball-Profi Max Kepler - "Krieg. Ich verstehe es einfach nicht"

Mi 20.04.22 | 12:17 Uhr | Von Heiko Oldörp
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Max Kepler
Audio: Inforadio | 20.04.2022 | Heiko Oldörp | Bild: imago images/ZUMA Wire

Der Berliner Max Kepler ist der einzige Europäer in der Major League Baseball. Der Profi von den Minnesota Twins schaut derzeit täglich auf den alten Kontinent. Er hat Verwandte in Polen. Der Krieg in der Ukraine ist nicht weit weg. Von Heiko Oldörp

In der US-amerikanischen Major League Baseball (MLB) ist es üblich, dass die Medien-Vertreter auf dem Platz stehen und den Mannschaften zuschauen, wenn diese sich für ihre Spiele aufwärmen. Und sie können dies auch für Interviews oder etwas Smalltalk mit den Profis nutzen. Doch mehr als ein "Wie ist die Form?", "Was macht die Verletzung?" oder auch einfach ein "Alles ok?" kommt dabei selten heraus.

Einziger europäischer Profi

Es geht ohnehin nur darum, dass kurze Infos schnell via Twitter verbreitet werden können. Denn die MLB spielt fast täglich. Da passiert beim Warm-up selten etwas mit echtem Neuigkeitswert.

Bei Max Kepler war das kürzlich anders. Er unterhielt sich vor einem von Minnesotas vier Gastspielen bei den Boston Red Sox ausführlich mit dem rbb. Dabei ging es natürlich um Baseball, aber auch um ein Thema, das in der MLB kaum eines ist - der Krieg in der Ukraine. Kepler ist der einzige Europäer in einer Liga, deren Spieler vor allem aus den USA, der Karibik, Zentralamerika sowie aus Japan und Südkorea kommen. Die russische Invasion in die Ukraine ist für sie weit weg.

Keplers Vater kommt aus Polen

Kepler hingegen schaue ganz anders auf die Geschehnisse, sagt er. Vater Marek Rozycki, der seine texanische Ehefrau Kathy Kepler einst als Balletttänzer an der Deutschen Oper in Berlin kennen- und lieben lernte, ist Pole. "Ich habe Verwandte in Poznan, Krakau und einigen kleineren Dörfern", sagt Kepler dem rbb als er vor dem Twins-Dugout steht, dem Bereich vor der Spielerbank. Polen grenzt im Osten an die Ukraine. Der Krieg ist für ihn somit nicht tausende Kilometer entfernt, sondern ganz nahe.

Seine Mitspieler, die an ihm vorbei Richtung Schlagmal gehen, um sich für die in 90 Minuten beginnende Partie einzuschlagen, ahnen nicht, dass der Berliner an diesem herrlichen Frühlingstag und bei diesem strahlend blauen Himmel über ein dunkles Kapitel redet. Dass er von "einer traurigen Sache" spricht. Und dass die Stimme dieses 1,95 Meter großen Modellathleten, dessen muskulöse Oberarme selbst durch seinen langärmeligen Sweater gut zu sehen sind, dabei angeschlagen klingt. "Krieg. Ich verstehe es einfach nicht."

Seine polnischen Cousins haben Kleider und Lebensmittel für ukrainische Flüchtlinge gesammelt, alles zur Grenze gebracht. Sie hätten zwar selbst nicht allzu viel, betont Kepler, aber jeder versuche zu helfen, so gut es eben gehe. Und wenn er vor Ort wäre, dann würde er es genauso machen. Der Outfielder sei derzeit mehr denn je mit seinen Cousins in Kontakt. Oder er spreche mit seinem Vater, der seit Ausbruch des Krieges weitaus öfter nach Polen fährt, um seine Familie zu besuchen.

Enttäuschende Vorsaison "längst vergessen"

Sportlich will Kepler in der gerade begonnenen Spielzeit mit den Twins die schlechte Vorsaison vergessen machen. Minnesota hatte 2021 die Playoffs klar verpasst. Eine Enttäuschung für das Team, das zu den offensivstärksten der Liga zählt. Doch für Kepler ist die vergangene Spielzeit "längst vergessen". Er habe gelernt, sagt Kepler, dass man in der MLB "ein Kurzzeitgedächtnis" brauche.

Zu "80 Prozent" sei sein Sport "Kopfsache", betont er. Baseball gilt als "game of failure", also als ein Spiel des Misserfolges. Selbst die besten Profis verpassen den kleinen, weißen Hartball weitaus öfter, als sie ihn treffen. "Man hat nicht so viel Erfolg. Aber wenn es mal ein bisschen läuft, versucht man, diese Welle zu reiten", so Kepler.

Er spielt mittlerweile seine achte Saison in der besten Baseball-Liga der Welt - und ist trotzdem ein Unikat. Denn Kepler ist in der 119-jährigen Geschichte der MLB erst der zweite Deutsche. Vor ihm hatte es Donald Lutz 2013 in die Liga geschafft. Doch er konnte sich bei den Cincinnati Reds nie richtig durchsetzen. Kepler hingegen ist etabliert und respektiert.

Traum von einer Baseball-Akademie in Berlin

Damit künftig mehr Landsleute eine Chance haben, in den USA nach den Baseball-Sternen greifen zu können, bietet Kepler in der Saisonpause in Deutschland Camps für Kinder an. Im Oktober war er in Berlin und Bayern unterwegs. Die Resonanz sei überwältigend gewesen. Von Kids, die vor allem seinetwegen gekommen seien, bis hin zu welchen, die noch nie etwas von ihm gehört hätten, sondern einfach nur aus Liebe und Leidenschaft für das Spiel erschienen waren.

Kepler will seine Bühne in der MLB nutzen, um Kindern und Jugendlichen zwischen Kiel und Kempten, Berlin und Bonn zu zeigen, dass man es auch als Deutscher nach ganz oben schaffen kann. Und er will irgendwann seinen "Traum von einer Art Baseball-Akademie in Berlin" starten.

Deutschland habe bereits eine Baseball-Community, betont Kepler. Doch diese Gemeinschaft brauche "mehr Support und mehr Licht". Und deshalb will Deutschlands Baseball-Lichtgestalt weiterhin alles geben, um sein Land in der MLB gut zu repräsentieren - und seinen Sport in seiner Heimat zu etablieren.

Sendung: Inforadio, 19.04.2022, 14:15 Uhr

Beitrag von Heiko Oldörp

3 Kommentare

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  1. 3.

    Elmo: Krieg in der Ukraine interessiert dich vlt. nicht, mich aber schon, kontext-relevante Einordnungen sind aber wichtiger als Meinungen von individuellen, auf anderen Kontinenten lebenden Bürgern. Oder fändest du ein Interview mit meiner Cousine in Australien zu Putin lesenswert? :) Genau deshalb habe ich den Artikel nur überflogen und dann gerechtfertigterweise kritisiert, oder findest du Kritik an Medien etwa problematisch? Falls ja, wärst du in Russland bestimmt herzlich Willkommen! ;)

  2. 1.

    Warum wird die Meinung eines US Baseball Spielers als Nachricht eingeordnet?

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