Lena Gohlisch vor Albas Aufstiegspiel - "Ich habe bei Alba damals noch im Jungs-Team gespielt"

Do 14.04.22 | 13:28 Uhr | Von Shea Westhoff
Alba-Kapitänin Lena Grohlisch bei einem Doppelspieltag 2019 (Alba Berlin/Florian Ullbrich)
Bild: Alba Berlin/Florian Ullbrich

Die Assistenzärztin Lena Gohlisch ist Kapitänin von Albas Frauenmannschaft. Am Freitag spielt die um den Aufstieg in die Bundesliga, vor großer Kulisse im Rahmen eines Doppelspieltags mit Albas Männern. Eine Chance für den Sport, glaubt Gohlisch.

rbb|24: Am Freitag geht es für Ihr Team gegen die Rhein-Main Baskets um den Aufstieg. Gespielt wird nachmittags in der Mercedes Benz Arena, bevor die Männer abends im Topspiel gegen Ratiopharm Ulm antreten. Eine angemessene Bühne für die Alba-Frauen?

Lena Gohlisch: Ich denke schon. In der Vorsaison durften wir corona-bedingt nur ein Ligaspiel machen, in der laufenden Spielzeit hatten wir fast gar kein Publikum. Es ist sehr, sehr schön, nun ein Heimspiel vor dieser großen Kulisse zu haben. Ich war vor drei Jahren dabei, als wir schon einmal in der Mercedes Benz Arena gespielt haben, damals vor 2.000 Leuten (Anm.: im November 2019 gegen die Opladen Hawks). Das ist noch mal etwas Besonderes. Es ist nicht der Standard für den Frauenbasketball, auch nicht für die erste Liga.

Lena Gohlisch

Gohlisch
imago images/Camera 4

Lena Gohlisch, 27 Jahre alt, arbeitet hauptberuflich als Assistenzärztin in einer geriatrischen Klinik in Berlin, oft mehr als 40 Stunden pro Woche. Die gebürtige Berlinerin ist im Prenzlauer Berg aufgewachsen, hat dort das Basketballspielen erlernt. Seit drei Jahren spielt sie für Alba Berlin, ist mittlerweile Kapitänin. Spielort der Alba-Frauen ist üblicherweise eine Nebenhalle der Max-Schmeling-Halle, vor 300 bis 400 Zuschauern.

Der anstehende Doppelspieltag mit den Männern soll laut Albas Sportdirektor Himar Ojeda dem Frauenbasketball zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen. Wie bewerten Sie diese Maßnahme?

Das ist eine tolle Möglichkeit. Wir merken schon jetzt: Dadurch, dass wir Erfolg haben, aber auch dadurch, dass insgesamt der weibliche Bereich bei Alba wächst, ist das Interesse viel größer geworden. Ich glaube, das anstehende Spiel vor großer Kulisse ist eine tolle Chance für unser Team, für Alba als Verein und insgesamt für den deutschen Frauen-Basketball.

Alba Berlin betont seit mehreren Jahren das Engagement im Frauenbereich. Wie macht sich das bemerkbar?

Ich habe ja auch bei Alba mit dem Basketballspielen angefangen und damals noch im Jungs-Team gespielt, weil es einfach noch keine Mannschaft für Mädchen gab. Deswegen kann ich auch gut beurteilen, wie es sich entwickelt hat. Vor allem seit Himar Ojeda hier ist (Anm.: der Spanier ist seit 2016 Sportdirektor bei Alba) und durch die spanischen Trainer haben sich die Dinge verändert. Der Frauen-Basketball hat in Spanien einen anderen Stellenwert, glaube ich. Da herrscht ein anderes Interesse, ein anderer Anspruch.

Wie äußert sich der neue Anspruch?

Wir haben in diesem Jahr drei Profi-Spielerinnen, die zwar jung sind, aber tatsächlich nur für Basketball hier sind. Angefangen hatten wir vor drei Jahren noch mit einer Spielerin. Auch drumherum merken wir, dass wir mehr Möglichkeiten haben: Ob es jetzt das Individualtraining mit den Trainern der Männer ist, ob es um finanzielle Möglichkeiten geht oder die Wohnung, da ist Jahr für Jahr etwas passiert.

Inwiefern sehen Sie gerade in Berlin das Potenzial für einen Frauen-Basketballboom?

Unabhängig von Alba ist die Stadt Berlin im Frauen-Basketball seit Jahren vorne mit dabei, wenn ich zum Beispiel an die beiden hochtalentierten Sabally-Geschwister denke, die nun in der US-amerikanischen WNBA spielen. Ich hatte ja vor Jahren bereits in Berlin in der zweiten Liga gespielt (Anm: bei TuS Lichterfelde), damals haben wir Spielerinnen einen Mitgliedsbeitrag bezahlt – in Deutschlands zweithöchster Liga. Das war alles weit weg von dem, was wir jetzt an Möglichkeiten haben. Das ist jetzt das Entscheidende: Berlin als Stadt, die einfach Spielerinnen anzieht, und Alba Berlin als Verein, der auch das Interesse hat, den Basketball weiter zu pushen.

Sie sprachen die Sabally-Schwestern an, Satou und Nyara, die nun in der Women’s NBA spielen. Welche Rolle können die beiden für den deutschen Frauen-Basketball spielen?

Die beiden stehen für die Perspektive, dass es überhaupt möglich ist, so weit zu kommen. Ich habe mit beiden ja noch in Lichterfelde zusammengespielt und sehe jetzt, wie die beiden echte Vorbilder für den Nachwuchs bei uns sind. Letztes Jahr hatte unser Team eine Video-Schalte mit Satou Sabally, das hat unsere jungen Spielerinnen einfach sehr, sehr begeistert, sich mit ihr austauschen zu können und zu realisieren, dass es möglich ist, als Frau im Basketball sehr weit zu kommen, Geld zu verdienen, erfolgreich zu sein. Es sind Perspektiven, die ich in dem Alter gar nicht hatte, weil es solche Vorbilder nicht gab, auch nicht aus Berlin.

Sie selber arbeiten neben ihrer Basketballkarriere in Vollzeit als Assistenzärztin. Wie erleben Sie die Doppelbelastung?

Es ist anstrengend, insbesondere, was den Schlaf angeht. Trotzdem macht es superviel Spaß. Ehrlich gesagt ist Basketball für mich ein sehr schöner Ausgleich. Natürlich muss man es zeitlich gut koordinieren. Aber es hilft mir, abends noch mal zwei Stunden im Training zu sein, sich auszupowern. Und durch unsere gute Teamchemie und nicht zuletzt durch unseren Erfolg war es deutlich einfacher, als ich es erwartet habe, beides zu koordinieren.

Wie würden Sie ihr aktuelles Team beschreiben, was macht die Mannschaft aus?

Wir sind sehr variabel. Es übernehmen verschiedene Spielerinnen Verantwortung. Diese Unberechenbarkeit macht uns aus. Und dass wir wirklich nie aufgegeben haben. Selbst in Partien, in denen wir mit 20 Punkten hinten gelegen haben, haben wir es teilweise geschafft, sie zu drehen, weil wir einfach weitergemacht haben.

Das Hinspiel des Playoff-Halbfinales gegen die Rhein-Main Baskets gewann Alba mit 84:70. Ins Rückspiel am Freitag gehen Sie entsprechend mit einem 14 Punkte-Vorteil, dann auch noch vor heimischer Kulisse. Was soll da noch schiefgehen?

In der ersten Playoff-Runde gegen Bamberg hatten wir das Hinspiel auch komfortabel mit elf Punkten gewonnen. Im Rückspiel lagen wir dann nach dem ersten Viertel plötzlich mit zwölf Punkten hinten. Es kann also ganz schnell gehen, das ist ja auch das Schöne am Basketball. Wir dürfen uns nicht auf dem Vorsprung ausruhen, sondern sollten das Ziel haben, wirklich das Spiel zu gewinnen.

Was für eine Partie erwarten Sie am Freitag?

Ich kann mir vorstellen, dass die ersten Minuten von Nervosität auf beiden Seiten geprägt sein werden. Das war auch im Hinspiel so, unabhängig von der Kulisse, weil es einfach ein Playoff-Halbfinale ist. Beide Teams werden sich taktisch nach dem Hinspiel noch etwas angepasst haben, weil die Teams ja in unterschiedlichen Staffeln spielen und sich vor der Playoff-Begegnung wenig gekannt haben. Das Hinspiel war auf jeden Fall sehr intensiv, sehr schnell. Ich glaube, das kann man auch für das Rückspiel in Berlin erwarten.

Das Interview führte Shea Westhoff für den rbb Sport.

Sendung: rbb|24 Inforadio, 14.04.2022, 08:15 Uhr

Beitrag von Shea Westhoff

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