Analyse zum Aus im DFB-Pokal - Union bleibt nur ein Ohrwurm

Do 21.04.22 | 12:10 Uhr | Von Till Oppermann
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Unions Kevin Möhwald blickt in den Abendhimmel. (Bild: imago/Matthias Koch)
Video: Sportschau | 20.04.2022 | Sebastian Hochreiner | Bild: imago/Matthias Koch

Es sollte ein unvergesslicher Abend werden. In Leipzig hatte Union Berlin die Chance, erstmals seit über 20 Jahren ins Pokalfinale einzuziehen. Im Weg standen eigene Fehler und die individuelle Klasse der Gastgeber. Von Till Oppermann

Irgendwann zwischen halb elf und elf Uhr am Mittwochabend beendete Felix Brych seinen Arbeitstag. Mit seinem Schlusspfiff besiegelte der Schiedsrichter das Pokalaus des 1. FC Union bei RB Leipzig. Die Mehrzahl der 47.069 Zuschauer in der Arena bejubelte den Finaleinzug ihrer Mannschaft – vor einer Rekordkulisse im ehemaligen Leipziger WM-Stadion. Aus den Boxen dröhnten die Beastie Boys. "You gotta fight for your right to party".

Und während auf der Heimseite die bevorstehende Reise zum Pokalfinale nach Berlin zelebriert wurde, brüllten sich die mindestens 8.000 Gäste-Fans die Seele aus dem Leib: "FC Union, unsere Liebe, unsere Mannschaft, unser Stolz, unser Verein."

Musik aus der Konserve übertönt den Jubel

"In Leipzig stirbt der Fußball", schimpften die Union-Fans schon vor Jahren, als sie in der zweiten Liga erstmals auswärts gegen den neuen Leipziger Verein antreten mussten, dessen Aufstieg ein österreichischer Getränkekonzern finanziert. Diesen Pathos kann man kritisieren, aber wer die RB-Elf in den Minuten nach dem Schlusspfiff beobachtete, bekam eine Ahnung, was damit gemeint ist. Die ohrenbetäubende Musik aus den Boxen übertönte alles, was von den Rängen kam. Da konnten die Unioner ihre Mannschaft noch so laut für eine unvergessliche Pokalsaison feiern. Im Zweifel drehte der Stadion-DJ einfach noch etwas den Ton auf.

Dazu passte die Party der siegreichen Gastgeber. Anstatt sich für die Unterstützung ihres Publikums zu bedanken, versammelte sich die Mannschaft der Leipziger im Mittelkreis. Gemeinsam mit dem Maskottchen, einem roten Bullen, passend zum Marketing, wurden mehrere Fotos geschossen, die in den sozialen Netzwerken landeten, noch bevor die Stadionbesucher mit dem Team feiern konnten. Dabei hatte das Halbfinale alles, was ein KO-Spiel für die siegreiche Mannschaft unvergesslich macht. Nach der Union-Führung durch Sheraldo Becker drehten Andre Silva per Elfmeter und Emil Forsberg per Kopf in der Nachspielzeit die Partie.

Niedergeschlagene Unioner trauern

"Es ist natürlich eine riesige Enttäuschung, wenn du in der letzten Minute das Gegentor bekommst“, trauerte Union-Kapitän Christopher Trimmel nach dem Spiel. Sein Trainer Urs Fischer legte nach: "Dass du dann mit dem letzten Angriff das Spiel verlierst, ist natürlich extrem bitter."

Noch lange nach dem Schlusspfiff saßen Sportdirektor Oliver Ruhnert und Innenverteidiger Robin Knoche mit leerem Blick auf der Auswechselbank und versuchten sich das Ausscheiden in letzter Minute zu erklären. Das Ergebnis seiner Überlegungen präsentierte Knoche am ARD-Mikrofon: "Wir haben einfach einen Fehler zu viel gemacht." In der Tat, denn auf dem Feld waren die Gäste lange die bessere Mannschaft. Davon, dass Leipzig nach nun 15 ungeschlagenen Spielen in Serie die formstärkste deutsche Mannschaft ist, war lange nichts zu sehen.

Urs Fischers Mantra von "Kompaktheit" und "Organisation" beherzigten die Berliner von Beginn an. Im gewohnten 5-3-2-System gegen den Ball machten die Mittelfeldspieler Rani Khedira, Genki Haraguchi und Grischa Prömel das Feld eng. In vorderster Linie liefen Taiwo Awoniyi und Sheraldo Becker die Gastgeber im einstudierten Mittelfeldpressing konsequent an und zwangen RBL so immer wieder zu schlecht platzieren langen Bällen. Im eigenen Ballbesitz suchte Union den Weg über die Flügel. Becker nutzte seine Freiheiten im Union-System aus auf den Seiten für Pässe in die Tiefe an. War er nicht anspielbar, machten sich die Flügelverteidiger Trimmel und Bastian Oczipka auf den Weg nach vorne.

In der 25. Minute wurde dieser Ansatz belohnt. Nach einem Pass von Awoniyi spielte Trimmel aus dem Halbfeld mit dem ersten Kontakt eine perfekte Flanke auf den zweiten Pfosten, die Becker mit einer Direktabnahme zur Führung nutzte. In der Folge lauerte Union auf Konter. Immer wieder ergaben sich aussichtsreiche Gelegenheiten auf ein zweites Tor. "Wir waren sehr nah dran, das Spiel zu gewinnen und hatten viele Tormöglichkeiten", bilanzierte Trimmel.

Leipzig spielt die individuelle Klasse aus

"Die Mannschaft hat es wirklich toll gemacht", lobte Fischer. Es sei ein ausgeglichenes Spiel gewesen, analysierte Unions Trainer. Es fällt schwer ihm zu widersprechen, denn tatsächlich war auf dem Feld kaum ein leistungsmäßiger Unterschied auszumachen. Außer in der Kategorie, die laut Knoche ursächlich für die Niederlage war. Leipzig hatte zwar keinen besonders guten Tag, aber Fehler machten die Gastgeber auch nicht. Anders als Union. In der ersten Hälfte rettete die Abseitsfahne die Eisernen noch vor einem Elfmeter, nachdem Oczipka Hendrichs gefällt hatte.

Nach der Pause hatte Union weniger Glück. In einem der seltenen Momente, als die Leipziger mit Tempo auf Union zudribbeln konnten, kreuzte Christopher Nkunku im Strafraum. Paul Jaeckel versuchte den französischen Nationalspieler zu stoppen und traf seinen Gegenspieler erst am Fuß und dann am Schienbein.

Mit Hilfe des Video-Referees entschied Schiedsdrichter Brych auf Strafstoß. Andre Silva traf zum 1:1. "Es ist ärgerlich, dass so eine Aktion in so einem Spiel passiert", haderte Knoche. Zumal sich seiner Mannschaft auch nach dem Ausgleich gute Chancen boten, wieder in Führung zu gehen. Knoche fügte an: "Wir haben es lange offen und spannend gehalten, das haben uns in Leipzig nicht viele zugetraut."

Warum Union trotz guter Bundesligasaison der Außenseiter war, verrieten die auch die Einwechslungen des Leipziger Trainers Domenico Tedesco. Mit Marcel Halstenberg, Yussuf Poulsen und Emil Forsberg brachte er drei gestandene Nationalspieler von der Bank. Und so kippte das Spiel in den letzten zehn Minuten immer mehr in Richtung der Leipziger, bis Forsberg in der Nachspielzeit nach einer feinen Flanke zum Siegtor einköpfte. Viel konnte man den Eisernen in dieser Szene nicht vorwerfen, und so mag man sich Trimmel anschließen, wenn er sagt: "Ich glaube, das zweite Tor war einfach gut gemacht."

Was bleibt ist ein Ohrwurm

Während mit Brychs Schlusspfiff im Stadion die Musik aufgedreht wurde, sanken die Unioner zu Boden. "Im Moment fühlt sich das einfach nur scheiße an", sagte Knoche und sprach den Mitgereisten aus der Seele.

Schon am Samstag bietet sich eine Chance zur Frustbewältigung. In der Bundesliga geht es wieder gegen Leipzig. Dann hoffentlich ohne die Beastie Boys, aber mit wichtigen Punkten im Kampf um den Europapokal.

Sendung: rbbUM6, 21.04.2022, 18 Uhr

Beitrag von Till Oppermann

16 Kommentare

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  1. 16.

    Natürlich war der Kommentar von Marco boshaft gemeint. Aber mal grundsätzlich: Wer Leipzig feiert, kann kein Fußballfan sein? Das glauben Sie doch selbst nicht, oder Sie sind einfach nur extrem engstirnig. Die Kommerzialisierung des Profifußballs ist nicht mehr umkehrbar, und Fußball ist doch ohnehin nur Unterhaltung, die bei Leipzig oft ziemlich gut ist. Natürlich darf jeder Mensch seinen Herzensverein nach eigenen Kriterien selbst aussuchen, genau wie Sie. Aber was ein Fußballfan ist bzw. sein soll bestimmen nicht Sie und auch sonst niemand.

  2. 15.

    Wer Leipzig feiert, kann kein Fußballfan sein. Der Rest des Kommentars: in der Justiz würde man sagen aus niederen Beweggründen. Einfach nur armselig

  3. 14.

    Das war einfach ein super Spiel von Union. Einige scheinen vergessen zu haben, wo Union herkommt. Jetzt können wir mit den Topvereinen mithalten. Mehr geht nicht. Und nicht vergessen, es war ein Auswärtsspiel. Mit etwas Losglück können wir so etwas in der AF auch packen. Im Pokal haben wir noch kein Losglück gehabt, wenn ich an die tollen Spiele z.B. in Dortmund denke. Übrigens hat der Büchsenverein ein super Stadion. Das ist tiefste Provinz, was ist mit der Hauptstadt?

  4. 13.

    Ein Pokalfinale Union Berlin gegen SC Freiburg wäre auch mir lieber gewesen Schade
    Aber Union Kopf hoch, ihr habt gut gespielt und es geht weiter in der Liga

  5. 12.

    Tja Geld schießt eben doch Tore.

  6. 11.

    Ich habe mir soooo gewünscht, das „WIR“ gewinnen ….
    Aber es war auch toll, das Union es bis hierher geschafft hatte. Ich bin Stolz auf Euch, Jungs!

  7. 10.

    Gut gespielt gut ab

  8. 9.

    Leider hat für mich der Trainer den Fehler gemacht ,2 Spieler vorn einzuwechseln die noch weitaus schlechter waren als die drin im Spiel waren.

  9. 8.

    Sie haben wohl das falsche Spiel gesehen. RB war grosskotzig! Schauspieleinlagen en mass. Diesen Silva hätte man verwarnen müssen. Union hat überzeugt. Hat leider nicht gereicht. Trotzdem Glückwunsch!! Weiter so.
    RB sollte nur aufpassen. Die sollten mal an Leverkusen denken an deren denkwürdige Saison.

  10. 6.

    Wieso großkotzig??? Da gibt es ganz andere Vereine, z.B. RB oder Hertha. Was da an Überheblichkeit vor jeder Saison reinkommt (z.B. der Dank von Hertha an Union für bereits eingeplante 6 Punkte) passt auf keine Kuhhaut. So was ist großkotzig. Wenn Union vor einer Saison sagt "40 Punkte" dann ist das doch nicht großkotzig- oder?

  11. 4.

    Ich habs gefeiert. Die großkotzigen Köpenicker haben bekommen was sie verdienen.

  12. 3.

    Na ja ... Geschmackssache mir gefällt der Frank besser . Aber Samstag kann man sich ja dann die nächste Musikeinheit abholen .

  13. 2.

    Union hat ein gutes Spiel gezeigt
    Die Bullen gingen bei der kleinsten Berührung zu Boden und hatten richtige Schmerzen. Im Vorfeld des 2:1 ist der Schiedsrichter leider auf eine solche Schauspieleinlage rein gefallen und hat an der linken Außenseite mach koerperbetontem Spiel Frostoss für RB gepfiffen. Das 2:1 war aber ein genauso schönes Tor, wie das 1:0. Kopf hoch in der Liga geht es weiter

  14. 1.

    Na ja, es gibt schlimmeres als die Beastie Boys, zum Beispiel Frank Zander;-)

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