Interview | Fanforscher Jonas Gabler - "Der Dialog sollte nicht erst aufgenommen werden, wenn etwas passiert ist"

Fr 22.04.22 | 16:20 Uhr
Hertha-Fans zeigen nach dem verlorenen Derby ein Banner: "Mehr Fussball, weniger Geschäft". (Bild: imago/camera4+)
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In der Fanszene von Hertha BSC rumort es gewaltig. Für den Fanforscher Jonas Gabler sind Grenzüberschreitungen wie das Stören des Trainings nichts Neues. Er sieht das Problem, dass sich Vereine und Fans in der Pandemie nachhaltig entfernt haben.

rbb|24: Herr Gabler, zuletzt wurden in der Hertha-Fanszene einige Grenzen überschritten, darunter ein Platzsturm während des Trainings und der Trikotvorfall nach dem verlorenen Derby vor zwei Wochen. Wie würden Sie diese Entwicklung beschreiben?

Jonas Gabler: Solche Vorfälle sind nicht völlig neu. Das gab es auch früher schon bei anderen Vereinen. Die Besonderheit ist jetzt, dass wir zwei Jahre Pandemie hatten, das Publikum war größtenteils ausgeschlossen und die aktiven Fanszenen sind nicht zu den Spielen gegangen. Und jetzt mit ihrer Rückkehr clasht es vielleicht noch mal besonders, und das gerade bei Vereinen, wo man mit höheren Erwartungen in die Saison gegangen war. Da gibt es offenbar einen großen Bedarf der aktiven Fanszene, der Mannschaft mitzuteilen, was man von ihr erwartet.

Woher kommt es, dass die Fans vermehrt das Gefühl haben, sie müssten der Mannschaft ihren Stempel aufdrücken?

Dahinter steht eine grundsätzliche Entwicklung. Das ist in den letzten zwei Jahren noch mal deutlich geworden: Der Profifußball der Männer ist eine Unterhaltungsindustrie und die Spieler sind letztlich Arbeitnehmer. Dadurch wechseln die Spieler häufiger durch und dadurch fällt es den Fans auch zunehmend schwerer, sich mit Spielern zu identifizieren. Die Identifikation passiert also mehr über Traditionen, über die Symbole und die Farben des Vereins. Die meisten aktiven Fans bleiben ihrem Club ein Leben lang treu, erleben, dass Spieler kommen und gehen und dass diese ihren ganz eigenen Karriereplan verfolgen. Und wenn dann die erwartete Leistung nicht erbracht wird, dann bricht diese Aufladung, die da passiert ist, in sich zusammen. Denn die aktiven Fans wollen ja, dass der Fußball eben mehr ist als nur reine Unterhaltungsindustrie.

Zur Person

Der Fanforscher Jonas Gabler bei einem Vortrag. (Bild: imago/Metodi Popow)
imago/Metodi Popow

Jonas Gabler, 40 Jahre alt, ist Politikwissenschaftler und Fanforscher aus Berlin. Er arbeitet er als freier Publizist zu den Themen Fankultur, Ultras, Diskriminierung und Anti-Diskriminierung. Durch sein 2010 veröffentlichtes Buch "Die Ultras - Fußbalfans und Fußballkulturen in Deutschland" bekam er bundesweite Aufmerksamkeit. Gabler ist Fan von Hertha BSC.

Die Fans achten vermehrt auch auf das Image des Vereins und nicht nur auf die sportlichen Ergebnisse. Inwiefern ist es bei der Hertha ein besonderer Fall, weil hier auch neben dem Platz so viel schief geht?

Vielleicht ist das Image hier ein falscher Eindruck. Denn man hat ja ein Selbstverständnis, wie man den Verein sieht. Wenn ein Verein in eine Saison reingeht und sich nach oben orientiert, und dann läuft es gar nicht, dann spiegelt sich das bei den Fans wider. Bei Vereinen wie Fürth und Bielefeld, die kleinere Ziele haben, da wird das eher nicht passieren. Ein anderes Beispiel haben wir letzte Saison gesehen: Schalke 04. Vor zwei Jahren eine starke Hinrunde gespielt, dann eine ganz schlechte Rückrunde und im folgenden Jahr steigen sie ab, das hat auch dort zu massiven Vorfällen geführt wie Bedrohungen und tätlichen Übergriffen gegen Spieler. Bei solchen Vorfällen liegt oft eine Erwartungshaltung zu Grunde, wo die Mannschaft stehen sollte. Bei den Fans kommt dann schnell das Gefühl: Die nehmen das hier nicht ernst. Die ehren den Verein nicht ausreichend. Mit solchen Handlungen wollen sie dies einfordern und ihren Frust zum Ausdruck bringen.

Inwiefern können solche Nebenkriegsschauplätze, wie etwa bei Hertha um den Investor Lars Windhorst, in die Unzufriedenheit der Fans hineinwirken?

Sicherlich wünschen sich auch Fans, dass sich alle im Verein auf den sportlichen Erfolg konzentrieren. Ich kann es ehrlich gesagt gar nicht beurteilen, ob das für Spieler eine Rolle spielt oder deren Leistung beeinflusst, wenn es solche Störgeräusche gibt. Das ist oft eine Erzählung der Medien. Den Fans geht es in erster darum, dass einerseits der Verein sportlich erfolgreich ist und dass sie sich andererseits damit identifizieren können. Das zweite kann häufig nicht gegeben sein, wenn der Verein sich in eine Richtung entwickelt, wo dann die Identifikation nicht mehr gegeben ist. Klassischer Fall ist etwa, wenn die Trikots die falschen Farben haben oder das Logo verändert wird. Das kann zu massiven Konflikten führen, denn die Fans wollen ja, dass ihre Interessen gehört und wahrgenommen werden.

Wie kann man als Verein nach solchen Vorfällen wie dem Trikotausziehen vor der Kurve den Dialog zu den Fans intensivieren, damit so etwas nicht noch einmal vorkommt?

Die Schwierigkeit im Moment ist, dass durch die Pandemie die Kommunikation zu den Fans gestört ist. Viel passiert normalerweise in den Spielen. Dort kann man das regeln. Das ging aber eine Zeit lang nicht. Auch die vielen Gespräche von Vereinsmitarbeitern mit den Fans können dabei helfen, dass ein Gefühl für die Stimmung entsteht. Ich habe von vielen Vereinen gehört, dass in der Pandemie die Fans kaum greifbar waren. Dass es auch in der Fanszene vielleicht Veränderungen gegeben hat, von denen der Verein erstmal nichts mitbekommen hatte. Dass es für sie teilweise nicht mehr so klar ist, wer sind die Ansprechpartner. Und wenn dann in der Endphase der Saison die sportliche Situation schwierig ist, ist es nicht mehr so einfach, in einen fruchtbaren Dialog einzutreten. Vielleicht muss man da jetzt durch, um dann mit der neuen Saison einen Neubeginn zu versuchen.

Wie sollte denn ein Verein grundsätzlich auf die Fans zugehen, damit ein engerer Draht entsteht?

Wichtig ist, dass der Dialog nicht erst dann aufgenommen wird, wenn etwas passiert ist. Der verlässliche, vertrauensvolle Kontakt muss schon davor bestehen, dann kann man dem vorbeugen und es entsteht bei den Fans nicht der Eindruck, man redet nur mit uns, wenn es Probleme oder Ärger gibt. Die Strukturen bei den meisten Vereinen in der Bundesliga sind aber größtenteils so, dass das gegeben ist. Ich glaube nicht, dass es da grundsätzlichen Handlungsbedarf gibt. Das Problem ist eher die zwei Jahre Pandemie, die den Dialog nachhaltig gestört haben.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Max Zobel für den rbb Sport.

Sendung: rbb|24, 22.04.2022, 16 Uhr

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