Interview | Füchse-Verantwortliche Hanning und Kretzschmar - "Bob ist schon der Boss"

Do 07.04.22 | 15:01 Uhr
Bob Hanning und Stefan Kretzschmar am Rande eines Spiel ihrer Füchse Berlin (Bild: IMAGO/Camera4+)
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Video: rbb24 | 07.04.2022 | Torsten Michels | Bild: IMAGO/Camera4+

Lange Jahre waren Bob Hanning und Stefan Kretzschmar große Rivalen. Mittlerweile arbeiten sie beim Handball-Bundesligisten Füchse Berlin erfolgreich zusammen. Ein Gespräch über Hierarchien, Perspektivwechsel, Visionen und bunte Kleidung.

rbb24: Der Begriff "informelle Hierarchien" beschreibt, wenn Hierarchien in der Praxis von der Theorie abweichen. Erstmal zur Theorie, Herr Hanning: Sticht bei den Füchsen der Manager Hanning den Sportvorstand Kretzschmar?

Bob Hanning: Nee. Wir haben klare Aufgaben für uns definiert und am Ende des Tages muss jeder das verantworten, wofür er verantwortlich gemacht werden kann. Auch wenn wir natürlich versuchen, uns gegenseitig zu unterstützen.

Herr Kretzschmar, wie ist der informelle Teil, wenn wir über die Praxis reden? So wie Herr Hanning das gerade geschildert hat?

Stefan Kretzschmar: Bob ist schon der Boss. Das muss er auch sein als Geschäftsführer des Klubs. Man kann sich gute Leute dazu holen, die einen unterstützen. Aber wenn die Füchse Berlin erfolgreich sein sollen, dann muss einer den Hut aufhaben. Dass Bob die letzte Entscheidung trifft, ist gut so und ich habe überhaupt kein Problem damit.

Demokratie funktioniert also im Sport nicht?

Kretzschmar: Wir reden viel und tauschen uns täglich, oft auch sehr persönlich aus. Es ist also schon demokratisch und es ist auch nicht so, dass Bob jede Entscheidung von mir anzweifelt. Wir sind also ein gutes Duo. Trotzdem bin ich froh, jemanden an meiner Seite zu haben, der die Führungsrolle so trägt wie Bob.

Das hört sich nach ziemlich viel Harmonie an.

Hanning: Es ist auch ein Teil der Wahrheit, dass unser Verhältnis jahrelang schwierig war. Aber Menschen entwickeln sich ja und wir haben gemerkt, dass die Schnittmengen immer größer geworden sind.

Kretzschmar: Wir kennen uns seit 25 Jahren und waren zu unterschiedlichen Zeitpunkten auch auf gegnerischen Seiten. Als Bob das Projekt in Berlin gestartet hat und dann auch immer erfolgreicher geworden ist, hat uns das in Magdeburg natürlich nicht gefallen. Bob taugte damals bestens als eines der Feindbilder, die ich auch als Spieler schon immer brauchte. Aber irgendwann muss man auch mal die Perspektive des anderen einnehmen und anerkennen, was der eigentlich leistet.

Ich habe dann gemerkt: Scheiße, wir brauchen jemanden für den Sport.

Bob Hanning

Seit 2019 arbeiten Sie gemeinsam bei den Füchsen. Wie kam das zustande?

Hanning: Ich habe das schon wirklich gewollt. Ich hatte das Gefühl, dass wir ein bisschen stagnieren und habe überlegt, ob wir jemanden für den Sport, die Vermarktung oder die Organisation brauchen. Ich habe dann gemerkt: Scheiße, wir brauchen jemanden für den Sport. Auch, weil ich mit meinen Jugendmannschaften unterwegs war und gar nicht mehr den Überblick über den internationalen Markt hatte, den du aber zwingend brauchst.

Wieso fiel die Wahl dann auf Stefan Kretzschmar?

Hanning: Mir war klar, dass ich jemanden holen muss, der in seinem Bereich nicht nur besser ist als ich, sondern der Beste, den ich kriegen kann. Mir war auch klar, dass ich Stefan nicht sagen werde, was er machen soll. Stattdessen soll er mir sagen, was wir machen müssen. Ich erinnere mich noch, wie Stefan ein bisschen gehadert hat. Er meinte: "Ich liebe neben Handball auch noch meine Frau, meinen Job bei Sky und meinen Golfplatz." Von der Idee eines Schreibtisches für Stefan konnte ich mich also gleich verabschieden.

Auch ohne Schreibtisch haben Sie die Füchse gemeinsam zu einem Kandidaten für die Champions League gemacht. Wie ist das gelungen?

Kretzschmar: Wir haben uns zusammengesetzt und überlegt, was in einer Stadt wie Berlin unsere gemeinsame Vision ist. Auch wenn die am Anfang nicht unbedingt identisch war.

Wie meinen Sie das?

Kretzschmar: Bob ist ein absoluter Verfechter des Nachwuchses. Was er hier mit der Nachwuchsakademie leistet, ist etwas ganz Besonderes. Ich hingegen komme aus der absoluten Spitze des Leistungssportes und kannte nur den Gewinn von Titeln als mein Ziel. Das zu vereinbaren ist eine extreme Herausforderung. Aber natürlich ist es das Ziel, uns dauerhaft auf den Champions-League-Plätzen zu etablieren und die Großen zu attackieren.

Hanning: Bei der Arbeit muss ja nicht das Erlebnis Freude machen, sondern das Ergebnis. Wenn ich das Ergebnis unserer Arbeit aktuell sehe, dann habe ich wieder Fantasie. Auch, weil wir eine Balance zwischen der Ambition ein Weltklub zu werden und unseren Zielen in Sachen Nachhaltigkeit und Nachwuchsförderung halten.

Wo kann diese Balance in den kommenden Jahren sportlich hinführen?

Hanning: Entscheidend ist, dass du Erfolg wahrscheinlicher machst. Wir bekommen in der nächsten Saison mit Max Darj einen Spieler, der super zu uns passt und es ist Stefan gelungen, mit Mathias Gidsel einen der besten Spieler der Welt zu holen. Wenn man sich solche Spieler zu unserer Mannschaft dazu denkt, bekomme ich das Gefühl, dass wir im Moment fast alles richtig machen.

Kretzschmar: Wir haben die Basis für drei sehr erfolgreiche kommende Jahre gelegt.

Ich war lange genug bunt.

Stefan Kretzschmar

 

Vom Sportlichen zur Garderobe: Haben sich ihre Rollen in Sachen Extravaganz mittlerweile getauscht?

Hanning: Ich habe tatsächlich schon immer gerne bunt getragen. Bei der Pressekonferenz vor einer WM hat sich der Verband dann sehr beschwert, dass ich nicht im Anzug gekommen bin (Anm. d. Red.: Bob Hanning war bis Oktober 2021 auch Vizepräsident des Deutschen Handballbundes). Also bin ich nochmal extra einkaufen gegangen, um den Schmerzpunkt für den einen oder anderen nochmal deutlich zu erhöhen.

Kretzschmar: Ich war lange genug bunt. Und selbst wenn ich mir jetzt etwas Buntes kaufen wollen würde, ginge das nicht… Das macht ja jetzt Bob. Für mich ist mittlerweile eher klassisch angesagt, auch weil meine Frau darauf besteht.

Herr Hanning, stimmt es eigentlich, dass Herr Kretzschmar und seine Frau bald einen neuen Nachbarn bekommen?

Hanning: Das stimmt und Stefan ist sogar selbst Schuld. Ich habe schon immer von einem Haus am See geträumt und über Stefan ist es mir gelungen, an ein Wassergrundstück heranzukommen. Der Plan ist, im August oder September einzuziehen.

Kretzschmar: Zehn Minuten Fußweg sind es. Dann müssen wir nicht mehr telefonieren, sondern können uns einfach besuchen. Am Sonntag in schönem Ambiente am Wasser bei einem Kaffee das Samstagsspiel auswerten – das kann ich mir gut vorstellen.

Das Interview führte Jens-Christian Gußmann.

Sendung: rbb24, 07.04.2022, 18 Uhr

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