Saisonrückblick 2021/22 - Eine Eisbären-Saison wie ein furioses Eishockey-Match

Do 05.05.22 | 16:40 Uhr | Von Shea Westhoff
Mathias Niederberger
Video: Abendschau | 05.05.2022 | Dennis Wiese | Bild: IMAGO/Passion2Press

Beim EHC München haben die Berliner Eisbären am Mittwoch eine verrückte Saison mit der neunten Meisterschaft gekrönt. Jetzt wird mit den Fans gefeiert. Dabei stand die Spielzeit zuvor mehrfach auf der Kippe. Von Shea Westhoff

Als die Eishockey-Profis der Eisbären am Donnerstagmittag unweit der Berliner Arena am Ostbahnhof aus dem Mannschaftsbus stiegen, wirkten einige ziemlich träge. Manche waren gar blass um die Nase. Besorgniserregend? Keineswegs. Alle trugen ein breites Grinsen im Gesicht. Immerhin hatte das Team am Abend zuvor ein mächtiges Ausrufezeichen hinter eine beeindruckende Spielzeit gesetzt - und im vierten Final-Spiel beim EHC München die neunte Meisterschaft perfekt gemacht.

Entsprechend kurz war die Nacht. "Wir haben ziemlich lang gefeiert", sagte ein strahlender Coach Serge Aubin ins rbb-Mikrofon. "Ich freue mich nun auf mein Bett." Im Hintergrund sah man, wie Offensivspieler Blaine Byron stolz die Trophäe der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) in die Höhe reckte und sich dabei von einer versammelten Fan-Schar ablichten ließ.

Eine entbehrungsreiche Saison mit Pandemie, Kader-Umbruch, Verletzungspech und Spielplan-Irrsinn bogen die Eisbären letztlich um zum erneuten Titelgewinn. Wer hätte das gedacht? Der Verlauf der Eisbären-Spielzeit glich dabei einem furiosen Eishockey-Match.

Erstes Drittel: Zum Saisonstart auf dem Glatteis

Die Frage zum Auftakt der Saison lautete: Können die Eisbären nach dem überraschenden Titelgewinn der Vorsaison noch einmal etwas draufsetzen gegen die Spitzenmannschaften aus München, Mannheim oder Wolfsburg? Die Ausgangslage war suboptimal, immerhin hatte der Klub zahlreiche Abschiede zu verkraften, besonders die Abgänge des Assistenzkapitäns John Ramage und des 2021er Playoff-MVPs Ryan McKiernan schmerzten.

Gleichzeitig mussten sechs Sommer-Neuzugänge beim Hauptstadtklub integriert werden, darunter erfahrene Profis wie Byron und der - mit dem Ruf eines Raubeins ausgestattete - Kanadier Yannick Veilleux sowie der bereits DEL-erprobte Routinier Kevin Clark.

Zu Saisonbeginn erwies sich das Team noch nicht als Einheit. Ausgerechnet bei Heimspielen wurden die Eisbären von den Gästeteams ein ums andere Mal aufs Glatteis geführt. Vor pandemie-bedingt ausgedünnter Kulisse erlitten die Eisbären teils heftige Abreibungen: 1:4 zum Auftakt gegen den großen Rivalen EHC München, 0:3 im Traditionsduell gegen die Adler Mannheim.

Zweites Drittel: Die Eisbären finden in ihre Rolle

"Zu Hause versuchen wir oft, Plays und Tore zu machen, die etwas ganz Besonderes für die Zuschauer sind. Wir müssen einfacher spielen", sagte ein enttäuschter Marcel Noebels nach der vierten Heim-Niederlage in Folge. Hinzu kam wenige Wochen später das frühe Aus in der Champions-Hockey-League-Vorrunde.

In der Folge berappelte sich der Titelanwärter. Genau wie die anderen DEL-Teams hatten auch die Eisbären immer wieder Corona-Fälle und Verletzungs-Ausfälle zu verzeichnen. Trainer Aubin musste häufig improvisieren und teils mit nur drei Sturmreihen antreten. Aber seine Spieler passten sich, im Gegensatz zu anderen Topteams, immer wieder erfolgreich an und legten nun mehrere Siegesserien aufs Eis.

Nach dem 3:1-Erfolg gegen die Kölner Haie am 29. Spieltag übernahm der Titelverteidiger schließlich die Tabellenführung – und gab diese fortan nicht mehr her.

Drittes Drittel: Durchblick behalten im Spielplan-Dickicht

Nach einer mehrwöchigen und für die deutschen Eisbären-Nationalspieler ernüchternden Olympia-Pause schlug das Virus bei den Berlinern ein und zwang den Klub zu einer Quarantäne. Nicht zuletzt aufgrund der nachzuholenden DEL-Partien hatten die Berliner von da an ein Mammut-Programm zu überstehen: Ende März etwa musste man innerhalb von acht Tagen gleich fünfmal zum Ligaduell antreten (20.-27.3). Dass die Ausbeute dabei mau blieb (zwei Siege, drei Niederlagen) überraschte nicht weiter. Der eng getaktete Spielplan begann seinen Tribut zu fordern.

Es war ein Glück für Coach Aubin, dass er sich in dieser Phase auf die individuelle Qualität seiner Profis verlassen konnte. Außer den üblichen Torlieferanten Matt White und Marcel Noebels war bemerkenswert, wie Neuzugang Blaine Byron als umsichtiger Vorlagengeber die Eisbären-Offensive immer wieder vorantrieb.

Angeführt von Kai Wissmann und Jonas Müller hielt die Eisbären-Verteidigung dabei größtenteils stand. Nach der Olympiapause im Februar kassierten die Berliner nur bei den beiden Niederlagen gegen die Straubing Tigers mehr als drei Gegentore (zweimal 3:6).

Overtime: In den Play-offs hält Niederberger den Titel fest

Nachdem die Berliner in der ersten Play-off-Runde den Kölner Haien keine Chance ließen und diese mit 3:0 in die Sommerpause schickten, erwartete das Team von Aubin im Halbfinale mit den Adler Mannheim eine harte Nuss. In einer spektakulären Serie egalisierten wehrhafte Kurpfälzer mit zwei Siegen den zwischenzeitlichen 0:2-Rückstand. Im entscheidenden fünften Spiel des Halbfinales, als die gesamte Saison auf der Kippe stand, gelang dem Goalie Niederberger mit unfassbaren 26 Saves ein Shutout und der Mannschaft dadurch ein ungefährdeter 3:0-Sieg.

Auch im darauffolgenden Final-Schlager gegen EHC München war der Nationalkeeper ein ums andere Mal die sichere Bank. Im vierten Spiel bezwangen die Eisbären den EHC entscheidend mit 5:0. "Es hätte eng werden können", sagte Leo Pföderl nach Spielschluss ins ARD-Mikrofon. "Aber Mathias war wieder überragend, du hast keine Angst haben müssen, dass was reingeht."

Am kommenden Samstag will das Team mit den Fans zusammen eine große Party feiern - im Gegensatz zum letztjährigen Titelgewinn, der pandemiebedingt ohne Zuschauer stattfinden musste. "Es bedeutet uns viel", sagte Stürmer Marcel Noebels am Donnerstag im rbb. "Ich glaube, auch die Fans haben darauf gewartet, dass man so einen Moment zusammen erleben kann."

Ein Happy End, so schön, dass es fast ein wenig dick aufgetragen wirkt.

Sendung: rbb24 Indoradio, 05.05.2022, 13:15 Uhr

Beitrag von Shea Westhoff

Nächster Artikel