Hertha-Fankneipe in Berlin-Neukölln - "So einen Nervenstress brauch' ich eigentlich nicht"

Di 24.05.22 | 08:12 Uhr | Von Nico Hecht
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Menschen sitzen im Tresenraum im Neuköllner Rosel bei einem Fußballspiel vom HSV Hertha (Bild: rbb/Nico Hecht)
Bild: rbb/Nico Hecht

In der Fankneipe "Rosel" in der Weserstraße jubeln die Fans von Hertha BSC über das 2:0 ihrer Mannschaft beim Hamburger SV. Die Berliner bleiben damit erstklassig - gerechnet hatten in der Kneipe damit nur die wenigsten Fans. Von Nico Hecht

Im hinteren Raum der traditionellen Hertha-Kneipe in Berlin-Neukölln haben sich die Fans schon lange vor Anpfiff Mut angesungen für das Spiel. Denn nach der Niederlage im Hinspiel (0:1) stehen die Zeichen eher auf Abstieg für den Berliner Fußball-Bundesligisten. Wirklich gefreut, sagt Jonas, haben sie sich eher nicht auf das Spiel. "Nee, ich bin ehrlich, ich bin heute morgen aufgewacht und hatte eher Angst vor dem Spiel."

Auch andere sagen, sie wären schon lieber in der Sommerpause. So eine Relegation sei schon eine ganze Menge Stress. Und eigentlich sei es traurig, wenn die Mannschaft mit einem so teuren Kader nicht schon früher den Klassenerhalt festmache.

Ein gutes Omen und frühes Jubeln

Aber es gab auch gute Zeichen, sagt Jonas. Auf der Arbeit habe ihm ein Kollege erzählt, er hätte geträumt, Hertha gewinnt 5:0. "Wir sind hier. Und ich werde alles geben, um die Mannschaft anzufeuern. Auch wenn sie es nicht hören. Aber der Spirit ist da", sagt er und steht auf, um noch ein Bier zu holen.

Im vorderen Raum sitzt Alexander mit Freunden gegenüber vom Tresen. An dem stecken blaue Hertha-Fahnen. Über ihnen hängen Trikots von aktuellen und ehemaligen Spielern, die Bierdeckel ziert das Hertha-Logo. Seit 25 Jahre ist Alex dabei, sagt er - Dauerkarte für die Heimspiele, Dauerplatz im "Rosel" für die Auswärtsspiele.

In der 4. Minute fällt ihm vor Schreck seine Pfeife auf den Tisch. Nach einem starken Beginn hat die Hertha Eckstoß und trifft tatsächlich sehr früh zum 1:0. Jetzt könnte doch noch was gehen, meint Alex. "Eigentlich hatte ich schon mit allem abgeschlossen nach der Heimspielpleite. Jetzt erst einmal gucken, wie sie in den nächsten 15 Minuten weitermachen."

Freistoß von Plattenhardt bringt das 2:0

Noch ist Alex skeptisch. Zurecht. Zur Mitte des Spiels gelingt Hertha nicht mehr viel. Und im "Rosel" wird es ruhiger. "Jetzt bitte nicht wieder so mutlos werden, wie so oft in der Saison", sagt Andi am Tresen. "Immer dieses Hin und Her. Keiner sucht einen Abschluss."

Zur Halbzeit führen die Berliner mit 1:0. Aber das reicht nicht. Und auch in der zweiten Halbzeit warten die Fans immer nervöser auf einen weiteren Treffer. Mittlerweile ist im "Rosel" nicht mal mehr ein Stehplatz frei. Die Kellnerin muss sich ihre Wege frei schubsen. Von den Tischen rufen die Fans immer wieder: "Nun mach doch mal. Jetzt endlich das 2:0". Torchancen bleiben aber rar.

Das Tor für die Berliner kommt dann beinah wie aus dem Nichts nach mehr als einer Stunde: Freistoß für Hertha halbrechts, alle erwarten eine Flanke vor das HSV-Tor. Aber Nationalspieler Marvin Plattenhart schießt direkt auf das Tor. Die Fans im "Rosel" begleiten jeden Standard mit einem anschwellenden "Oooohhhh".

Sendehinweis

Das rbb Fernsehen sendet am Dienstag zwei Sondersendungen zu Hertha BSC. Um 20:15 Uhr und um 22:15 Uhr sind jeweils rbb24 spezial zu sehen. Der Titel beider Sendungen lautet "Gerettet - was nun Hertha BSC?".

Zittern in der Schlussphase

Das 2:0 fällt - Hertha wäre so gerettet. Der eine oder andere Stuhl kippt nun nach hinten weg. Jetzt liegen sie sich in den Armen. Zumindest die eine Hälfte, die anderen Gäste wollen sich nicht zu früh freuen. "Wir müssen noch vorsichtig sein. Ein Tor für Hamburg und wir müssen in die Verlängerung. Also noch kein Grund für verfrühte Euphorie", sagt Alex.

Seine Skepsis ist berechtigt. Die Hamburger werden besser, kriegen in der Schlussphase noch Chancen. Hertha verteidigt nur noch. Und im "Rosel" hauen sie immer öfter auf die Tische. Sie trauen der Mannschaft zu, auch diesen Vorsprung noch zu verspielen. Alex' Tischnachbar ruft nach Schnaps. Aber die Kellnerin hat viel zu viel zu tun und winkt ab. "Später vielleicht!"

Die Hertha-Fans zählen laut die letzten Minuten und Sekunden bis zum erlösenden Abpfiff. Als er kommt, stehen sie alle. Und liegen sich in den Armen. Und es dröhnt "Ha Ho He – Hertha BSC" durch die Kneipe. "Ich gebe es zu, das hätte ich nicht gedacht", sagt Alex. "Zur Halbzeit hat es mir ja vielleicht gedämmert. Aber so einen Nervenstress brauch' ich eigentlich nicht". Dann nimmt er seine Freundin in den Arm, die sich die Tränen aus dem Gesicht wischt.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Beitrags hieß es, die Fankneipe in der Weserstraße trüge den Namen "Rosels". Das ist falsch, sie heißt "Rosel". Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.

Sendung: rbb24 spezial: Gerettet - was nun Hertha BSC?, 24.05.2022, 20:15 Uhr

Beitrag von Nico Hecht

2 Kommentare

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  1. 2.

    Lieber Klaus-Dieter,

    Sie haben recht, dieser Fehler hätte uns nicht passieren dürfen. Wir haben ihn korrigiert, danke für den Hinweis und entschuldigen Sie bitte.

    Beste Grüße,

    Ihre Redaktion

  2. 1.

    Die Kneipe trägt den Namen "Rosel".
    Konnte der RBB gestern in der Abendschau und der Spätausgabe -dort noch in Wort und Bild- richtig wiedergeben. Leider häufen sich Fehler dieser und ähnlicher Art seit Monaten, wenn nicht sogar seit Jahren, sowohl hier auf rbb24.de als auch im RBB-Text.
    Diesbezügliche Hinweise per Mail oder Telefon sind offenbar sinnlos... So meine bisherigen Erfahrungen.

    Aber wichtig ist, Hertha hat es geschafft! Daher noch einen schönen Tag und mit Grüßen aus Rudow.

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