Hertha sichert sich Klassenerhalt - Es ist ein blau-weißes Wunder

Di 24.05.22 | 07:25 Uhr | Von Marc Schwitzky
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Suat Serdar (Hertha BSC Berlin #8), Prince Boateng (Hertha BSC Berlin #27) und Team jubeln ueber den Sieg und Klassenerhalt (Bild: dpa/Memmler)
Video: Sportschau | 24.05.2022 | Jan Neumann | Bild: dpa/Memmler

Als niemand mehr daran glaubt, zieht Hertha BSC noch einmal den Kopf aus der Schlinge. Der Relegationssieg über den HSV rettet eine verkorkste Saison in letzter Sekunde und produziert gleich mehrere Helden. Von Marc Schwitzky

Das rbb Fernsehen sendet am Dienstag um 20:15 Uhr ein rbb24 spezial: Gerettet - was nun, Hertha BSC?

Nach dem Schlusspfiff wird auf beiden Seiten geweint. Den Spielern des Hamburger SV steht die Enttäuschung und Leere ins Gesicht geschrieben, den Aufstieg schmerzhaft knapp verpasst zu haben. Aber auch bei Hertha BSC ist zunächst keine unbändige Freude zu sehen. Spieler wie Dedryck Boyata und Ishak Belfodil liegen von der Erleichterung erschlagen auf dem Boden, die Tränen stehen symbolisch für den Druck, der von ihnen abfällt.

Soeben haben die Berliner die Relegation für sich entschieden - und das denkbar dramatisch. Nachdem das Hinspiel im heimischen Olympiastadion von schlotternden Herthaner Beinen und einer verdienten 0:1-Niederlage gezeichnet war, findet die "Alte Dame" im Rückspiel ihr verstaubtes Herz und ihren verlorenen geglaubten Mut wieder.

Hertha schreibt das Drehbuch um

Eben jener Mut spiegelt sich bereits in der Aufstellung wider, die Trainer Felix Magath wählt. Im Gegensatz zum Hinspiel bringt der 68-Jährige all die Erfahrung und individuelle Klasse auf den Platz, die Herthas Kader nur zur Verfügung steht. Santi Ascacibar, Kevin-Prince Boateng und Stevan Jovetic rücken in die Startelf. Die Marschroute ist klar: Die älteste Hertha-Mannschaft der letzten 15 Jahre soll das jüngste Team der 2. Bundesliga "auffressen".

Es ist ein einfaches Stilmittel in solch einer Situation, aber ein brauchbares. Ein einfaches Stilmittel ist auch der ruhende Ball. Magath beschwört die Paradedisziplin von Marvin Plattenhardt seit Wochen als eine der größten Waffen Herthas, auch im Vorfeld dieser Begegnung. Und dieser dankt es ihm. Der Eckball Plattenhardts findet den Kopf Boyatas - und plötzlich steht es 1:0 für die Gäste. Ein Tor, das Hertha infolge beflügelt und dem HSV den Kopf verdreht. Nach dem 1:0-Sieg im Hinspiel und nun vor eigener Kulisse ist ein völlig anderes Drehbuch geplant gewesen. Dass es nicht dazu kommt, lässt die Rothosen sichtlich zweifeln.

"Kein Larifari, sondern voll Druck"

So diktiert Hertha den ersten Durchgang. Zum einen greift das neue 4-4-2 mit Mittelfeldraute und auffällig hoch stehenden Außenverteidigern perfekt. In jener Formation läuft Hertha den Hamburger Spielaufbau unermüdlich an. Dort hat man die Achillesferse des Gegners ausgemacht. Mit einer gänzlich anderen Haltung als im Hinspiel - plötzlich stimmen Mut und Aggressivität - nimmt Hertha die Zweikämpfe an. Durch die zwei anlaufenden Stürmer und einen aufgerückten Mittelfeldspieler macht Berlin die Mitte zum eigenen Bezirk. Weicht der HSV daraufhin auf den engen Flügel aus, sind die blau-weißen Pressingfallen dort bereits aufgestellt. So kann sich der Nordklub kaum lösen, immer wieder erzielt Hertha hohe und damit gefährliche Ballgewinne.

"Ich habe den Tim-Walter-Fußball in Stuttgart miterlebt - daher war mir klar, dass wir Fehler provozieren können. Deswegen haben wir gesagt, wir machen kein Larifari, sondern voll Druck", erklärt Marc Oliver Kempf. Zum anderen kommt auch die spielerische Klasse von Jovetic, Boateng und Ishak Belfodil zum Tragen. Das offensive Dreiergespann schafft es immer wieder, Bälle gut zu halten, Dreiecke zu stellen und somit Räume im letzten Drittel zu öffnen. Auch das ist beileibe nicht die hohe Wissenschaft dieses Sports, aber dennoch etwas, das es bei Hertha viel zu selten zu sehen gibt. Durch die bessere Raumaufteilung und ein sauberes Kombinationsspiel kommen die Hauptstädter zu überdurchschnittlich vielen Möglichkeiten - nach 35 Minuten sind es mehr als im gesamten Hinspiel.

Plattenhardts Freistoß für die Ewigkeit

So scheint es im zweiten Durchgang, als hätte Hertha ihr Pulver schon etwas verschossen. Das ständige hohe Anlaufen, die Körperlichkeit im Zweikampf und das disziplinierte Verschieben fordern ihren Tribut. Hat der HSV in der ersten Halbzeit noch keinerlei nennenswerte Chance vorzuweisen, entwickelt sich nach dem Pausentee ein deutlich offenerer Schlagabtausch. Zwischenzeitlich scheint Hertha das Heft des Handelns tatsächlich aus der Hand zu geben. Hertha-Fans verfluchen in diesen Minuten die Hoffnung, die ihnen völlig unerwartet noch einmal geschenkt wurde - sie verbinden sie mit zahllosen Erlebnissen, in der sie nur in Schmerz mündete.

Es ist aber einmal mehr der goldene Fuß des Marvin Plattenhardt, der Großes vollbringt. In der 63. Minute tritt der Linksverteidiger zum Freistoß an. Halb rechts, eine gute Position. Eine Position, die meist mit einer Hereingabe endet, aber als Fußball-Fan immer die Hoffnung weckt, dass der Schütze es doch einmal direkt probiert. "Der würde doch nicht."

Er würde - und wie. Plattenhardt schenkt dem Ball eine mathematisch schöne Flugkurve, die ihn über Torhüter Daniel Heuer Fernandes ins Tor fallen lässt. 2:0 - ein Traumtor aus dem Nichts. Infolgedessen beginnt der rudimentäre Überlebenskampf. Minuten, die sich wie Stunden anfühlen, zahllose Flanken und Zweikämpfe, eine Angriffswelle nach der anderen. Doch Hertha hält stand, schenkt dem HSV keinen Zentimeter zu viel und bringt das Ergebnis über die Zeit. Mission erfüllt.

Sendehinweis

Das rbb Fernsehen sendet am Dienstag zwei Sondersendungen zu Hertha BSC. Um 20:15 Uhr und um 22:15 Uhr sind jeweils rbb24 spezial zu sehen. Der Titel beider Sendungen lautet "Gerettet - was nun, Hertha BSC?".

Das Real Madrid des kleinen Mannes

Manch einem Zuschauenden wird Herthas Auftritt zu wenig gewesen sein - zu viel K(r)ampf, zu wenig Fußball, zu wenig System. Doch sind das keine neuen Erkenntnisse für die Alte Dame, genau diese Defizite haben sie in die Relegation getrieben. Es musste der Heldenfußball her. Im Hinspiel fehlten die Helden, im Rückspiel stiegen sie alle zu jenen auf. Der Vergleich mit Real Madrid mag vermessen sein, doch niemand verkörpert das Phänomen, nur durch individuelle Qualität, Teamgeist, Mut und einen unzerstörbaren Glauben in den größten Spielen zu außergewöhnlichen Leistungen auszuholen, so gut wie die "Königlichen".

Diesen Geist weckt Hertha am Montagabend in sich. Es mag eine alte Idee des Fußballs sein, die gegen die modernen mit ihren Automatismen und ausklügelten Taktiken statistisch unterlegen ist. Doch in diesem einen Spiel kann sie ungeahnte Kräfte freisetzen. Plötzlich kann ein Boateng das erste Mal in dieser Saison 89 Minuten marschieren; plötzlich verwandelt Plattenhardt den ersten direkten Freistoß seit 2017; plötzlich machen sich Jovetic und Belfodil dreckig; plötzlich ist die sonst so wackelige Viererkette ein undurchdringliches Bollwerk; plötzlich können alle über ihre Schmerzgrenze hinausgehen; plötzlich ist Hertha eine vor Kraft und Einsatz strotzende Gemeinschaft. Heldenfußball, dieses Mal - das entscheidende Mal - mit Helden. "Wir haben nicht aufgegeben, sondern Herz gezeigt. Totgesagte leben eben länger", resümiert Boateng.

Hertha steht vor dem nächsten Umbruch, der nächsten Zeitenwende

Herthas Klassenerhalt ist das vielleicht letzte Meisterstück von Felix Magath, der im März übernommen hatte. "Er hat etwas Außergewöhnliches geleistet. Er hat die Mannschaft zusammenbekommen", lobt ihn Fredi Bobic nach dem Spiel. "Er war unser Retter."

Aber: "Er war nicht das Projekt". Magath wird gehen, der Geschäftsführer Finanzen Ingo Schiller folgt ihm nach 21 Jahren im Amt und der Rücktritt von Präsident Werner Gegenbauer wird am Dienstag oder Mittwoch erwartet, wie der rbb aus Vereinskreisen erfuhr. Auch im Profikader wird es viele Abschiede geben. Hertha steht vor dem nächsten Umbruch, der nächsten Zeitenwende.

Von der Euphorie des Klassenerhalts wird schnell wenig bleiben - zu desaströs war der Rest der Saison, zu viele Störfeuer brennen nach wie vor lichterloh, zu groß und zahlreich sind die Fragen zur Zukunft des Vereins. Letztlich wurde nur der Super-GAU verhindert. Die Alte Dame darf kurz durchatmen und sich für den nächsten Sturm wappnen, denn die unruhigen Zeiten scheinen nicht vorbei.

Sendung: rbb24 spezial: Gerettet - was nun Hertha BSC?, 24.05.2022, 20:15 Uhr

Beitrag von Marc Schwitzky

43 Kommentare

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  1. 43.

    Niemand bei Hertha BSC hat von "Real Madrid des kleinen Mannes" gesprochen. Das sind die Worte des Autoren dieses Artikels. Ich glaube viele in diesem Forum können oder wollen nicht zwischen den Presseartikeln mit teilweise übertriebenen unpassenden Formulierungen, Ansprüchen und Zielen und den Aussagen des Vereins unterscheiden. Alles wird immer gleich so kommentiert, als ob es sich um offizielle Aussagen von Hertha BSC handelt und mit Häme, Spott und Niedertracht überschüttet.

  2. 42.

    Ihr habt gestern euer blau weißes Wunder erlebt ,
    Ich und die FCK Fangemeinde unser Rot Weißes Wunder
    Endlich aus dieser drittklassigen Trisstesse raus
    Diese wünsche ich niemandem

  3. 41.

    Was ist bei dir verkehrt. NIEMAND träumt von der CL.
    Es geht auch in der nächsten Saison nur um den Klassenerhalt.
    Schreib doch deine Märchen woanders. Danke

  4. 40.

    Wann hat der BCC nach 2017 "International gespielt"?
    Und flogen sie da und davor nicht schon in der Gruppenphase raus? Selbst da schon Punkebringer.
    Und nach 2017? Dümpelt diese Truppe nur am unteren Tabellenrand herum. In der letzten Saison 17 Niederlagen(mehr als in den Saisons zuvor)=51 Punkte für andere Mannschaften, dazu kommt noch der eine Punkt je Unendschieden. Das nenne ich PUNKTEBRINGER

  5. 39.

    Viel Text, wenig Ahnung. Wenn Hertha immer Punktelieferant gewesen wäre, hätte man niemals international gespielt.

  6. 38.

    BCC kommt nur von Leuten die keine Ahnung haben. Sorry musste mal sein. Habt ihr jemals gesehen das ein Spieler oder Funktionär was von BCC gefaselt. Also hört endlich auf mit dem gelaber davon

  7. 37.

    Mein Glückwunsch.
    Nichts gegen den Klassenerhalt, aber sich als "Das Real Madrid des kleinen Mannes" zu etablieren?
    Gut, an Arroganz, Größenwahn und Selbsherrlichkeit mangelte es dem Big City Club nicht.
    Fehlt eigentlich nur noch, dass der Verein in der nächsten Saison Champions Liga spielt.
    Letztlich bleibt der Verein, was er immer ist: ein Punktebringer und wieder das herum dümpelt auf den unteren Plätzen.

  8. 36.

    … Fortsetzung zu 5.
    die Menschen der Region wieder dauerhaft ins Stadion zu bewegen und sich ebenda wohlfühlen und guten Fußball sehen, erleben und spüren. Einfach Leidenschaft und Freude.

    Das sind nur Fünf Punkte, die mich skeptisch machen, hoffentlich nicht zu viele auf einmal für die „Alte Dame.“
    Ich hoffe das die Punkte 1., 2. und 5. nicht auf der Strecke bleiben.

    Es gibt 2 Vereine in Berlin und das ist gut so und auch daraus sollte man mehr machen, zum Beispiel Verbundenheit.

    HaHoHe

  9. 35.

    Veränderungen und ein Neubeginn ist immer wichtig und auch richtig, ich sehe dem sehr skeptisch entgegen.
    1. Neuaufbau einer konkurrenzfähigen „Mannschaft“ 2. Es muss ein zu Hertha passender Trainer gefunden werden.
    3. Ein neues kompetentes Präsidium eingebunden werden. 4. Ein fragwürdiger Investor ist nicht die richtige Verfahrensweise, es müssen mehrere Investoren gefunden werden. 5. Es müssen vernünftige Lösungen gefunden werden, …

  10. 34.

    Entschuldigen Sie, aber was Sie schreiben, ist ziemlicher Blödsinn. Ich bin seit Jahr und Tag Unioner und freue mich, dass die Hertha in der 1. Liga bleibt. Davon profitiert die Stadt und beide Vereine (volle Stadien, attraktiver Sendeplatz). Sie scheinen eher andere Probleme zu haben.

    Schade, dass Viktoria abgestiegen ist, der Verbleib wär auch noch cool gewesen. Also, auf in die neue Saison. Eisern Berlin.

  11. 33.

    Genau so ist es und das als einzige Stadt in Deutschland. Glückwunsch an Hertha und Vorfreude auf die Derbys. So viele gab es ja noch nicht.

  12. 32.

    Och Hilda, das ist es, was ich so an euch liebe!(Was euch heißt, können Sie sich hier selbst überlegen.) Nicht gönnen können und dann auch noch das dauernde Mimimi der Benachteiligung. So macht man sich beliebt. Falls Fußball was Neues für Sie ist: Relegation ist existentiell und bietet einfach einen gewissen Unterhaltungswert und jede Menge Spannung. Davon abgesehen wurden die Leistungen von Union hier die ganze Saison über breit gewürdigt. Die hatten halt kein besonders aufwühlendes Finale, hätten wir auch gerne nicht gehabt. Und es ist auch nicht einfach so, dass das Interesse der Fußballfans an einem Verein nur vom Tabellenplatz abhängt. Da gehört schon noch mehr dazu.

  13. 31.

    Ach Hilda, wat haste denn für Kummer, dasde so griesgrämig bist?
    Ist doch dufte, dass wa zwei Erstligisten haben!

  14. 30.

    Ich habe auf den Kommentar von Hilda reagiert, die dem RBB einseitige Berichterstattung, zu Gunsten Hertha, unterstellt.
    Und wenn ein Moderator in der Sendung auf die Frage“ob er der Hertha den Abstieg wünsche“nur mit einem süffisanten Grinsen kommentiert und zu seiner Kollegin sagt“du weißt doch, ich bin Unioner“, halte ich das für unangemessen.

  15. 29.

    Es gibt eine Medienpartnerschaft zwischen dem RBB und dem 1. FC Union. Wo ist denn da Ihre Kritik? Aber vermutlich schweigen Sie dann?

  16. 28.

    Der rbb macht das Spezial selbst, warum sollten sie es dann verhindern? Mal abgesehen davon: Gleichberechtigung? Warum gibt es dann eine (eigentlich nicht zulässige) Medienpartnerschaft zwischen dem öffentlich-rechtlichen rbb und dem 1. FC Union? Hm? Siehste.

  17. 27.

    Hertha hat eine grottige Saison gespielt (bis auf wenige Ausnahmen). Wenn der HSV nach dem Hinspiel zu sicher ist, keinen Plan hat, die eigentlich desolate Hertha zu schlagen, dann haben die es eben schlichtweg auch nicht verdient aufzusteigen. Zumal der HSV gegen Ende der Saison die leichtesten Gegner hatte. Merkste selber, ne?

  18. 26.

    „ Sogar ein Moderator in der Abendschau bekundete ganz öffentlich seine Union Sympathien.“
    Ja, stimmt, finde ich immer sehr sympatisch, während seine Kollegen Hertha-Sympatien ablassen ;-)

  19. 25.

    Ja, das kann ich nur bestätigen, zumal ich als Köpenickerin immer darauf gelauert habe ;-)

  20. 24.

    Nochmal Glück gehabt ihr müsst euch mehr in der neuen Saison anstrengend
    Also bis bald beim ersten Heimspiel

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