Analyse | Hertha verliert Relegations-Hinspiel - Klassenerhalt nur noch mit viel Fantasie

Fr 20.05.22 | 10:12 Uhr
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Hertha-Spieler Marc Oliver Kempf fasst sich nach dem Relegationshinspiel an den Kopf. (Quelle: imago/Matthias Koch)
Video: Sportschau | 20.05.2022 | Dietmar Teige | Bild: imago/Matthias Koch

Im Hinspiel der Bundesliga-Relegation präsentiert sich Hertha BSC im ausverkauften Olympiastadion desolat. Felix Magaths ungebrochener Optimismus ist das Letzte, was Hertha noch vom siebten Abstieg der Vereinsgeschichte trennt. Von Till Oppermann

Als Harm Osmers mit seinem Schlusspfiff das Relegations-Hinspiel zwischen Hertha BSC und dem Hamburger SV beendete, begannen auf den Rängen des Olympiastadions leise Minuten des Abschieds. Rauchschwaden der Bengalos aus dem Gästeblock legten einen leichten Nebel über das Feld. Wer nicht wie ferngesteuert aus dem Stadion lief, um schnell möglichst viel Entfernung zwischen sich und Hertha zu bringen, stand mit leerem Blick vor seinem Sitz und trauerte.

Auf dem Platz sagte Hamburg-Kapitän Sebastian Schonlau grinsend: "Es ist ein Traum, wunderschön, ich weiß nicht, ob wir in Berlin oder Hamburg gespielt haben." Aus den Boxen tönte die melancholische Ballade "Bitter Sweet Symphony". Obwohl der Zweitligist Hamburg das erste der beiden Ausscheidungsspiele um den letzten Startplatz in der Bundesliga nur mit 1:0 gewann, wirkte der Abend wie eine Vorentscheidung. Im kommenden Jahr wird Hertha wahrscheinlich zweitklassig sein.

Es könnte so schön sein

Dabei fehlte nicht viel, um das Olympiastadion zum lautesten Ort Berlins zu machen. Ein Dribbling von Ishak Belfodil, das nach vier Haken beim Gegner endete oder ein Ballgewinn von Suat Serdar, der nach einem Sprint von seiner rechten auf die linke Seite den Ball vor dem Seitenaus rettete, aber dafür nur eine Ecke bekam, deuteten das an.

Herthaner sind begeisterungsfähige Menschen. Jahre der Krise haben ihren Durst nach positiven Erlebnissen ins Unendliche wachsen lassen. In den ersten 20 Minuten des Relegations-Hinspiels gegen den Hamburger SV schien es, als wüssten die Spieler das. Hertha war im Spiel, Hertha ließ dem HSV keinen Platz. Die rund 55.000 Hertha-Fans unter den 75.500 Zuschauern sangen sich die Seele aus dem Leib. Sie wollen doch nur ein bisschen Kampf.

Schon wieder enttäuscht

Sie wurden enttäuscht. Mal wieder. Im Vorfeld hatte Trainer Felix Magath, der sich gerne rühmt, insgeheim seit Wochen geahnt zu haben, dass es in der Relegation gegen Hamburg geht, gesagt: "Wir kennen Hamburg und haben eine Antwort auf ihr Spiel". Nach Abpfiff wirkte das wie Hohn. Denn wenn das was Hertha spielte, wirklich eine Antwort war, bleibt offen, was die Frage gewesen sein soll. "Wir haben gespielt wie eine Bundesliga-Mannschaft", beteuerte Magath und wusste wahrscheinlich selbst nicht so genau, was er damit sagen wollte.

Denn auch nach 35 Spieltagen und unter dem dritten Trainer wirkten die Teile dieser Bundesligamannschaft sich untereinander so fremd, wie eine neu zusammengestellte Truppe im ersten Testspiel nach der Sommerpause. Fehlpass reiht sich an Fehlpass und Gefahr drohte nur nach erfolgreichen Einzelaktionen. Insgesamt gelangen den Gastgebern nur drei Schüsse aufs Tor. Herthas Passquote von knapp 72 Prozent wäre im Saison-Schnitt die schlechteste der zweiten Liga gewesen. Der Fußballgott wird von Fans oft bemüht, um Erstaunliches zu erklären. Für Herthas harmlose Halbfeldflanken müsste in diesem Bild der Fußballteufel verantwortlich sein.

Hamburg vertraut Tim Walter

Ganz anders die Hamburger. Die jüngste Mannschaft der zweiten Liga zeigte sich in den ersten 20 Minuten durchaus eingeschüchtert von der atemberaubenden Kulisse zweier erstligareifen Fanlager. Und vielleicht auch von Felix Magaths engem 4-4-2-System mit U-19-Stürmer und Startelfdebütant Luca Wollschläger im Sturm neben Belfodil, Suat Serdar erneut im rechten Mittelfeld und Innenverteidiger Niklas Stark als Sechser neben Lucas Tousart. Mit zwei flachen und engen Viererketten und engen Abständen machte Hertha den Hamburgern in der Anfangsphase das Leben schwer.

Aber die Hanseaten vertrauten konsequent dem Plan ihres Trainers Tim Walter. Schnell rissen sie den Ballbesitz an sich und dominierten so das Spiel. Maximilian Rohr zeigte mit seinem Selbstvertrauen und Mut exemplarisch, warum Hamburg die bessere Fußballmannschaft ist. Vor nicht allzu langer Zeit spielte der 26-Jährige noch in der Verbandsliga. Vor der Saison wurde er als Führungsspieler für die Regionalligamannschaft verpflichtet. Gegen Hertha glänzte er mit klugen Laufwegen und gechippten Flanken. Wenn das Korsett stimmt, können auch durchschnittliche Fußballer effektiv sein.

Der Gegner war etwas glücklicher als wir.

Felix Magath

Magaths Antworten befriedigen nicht

Nach dem Spiel sprach Felix Magath nicht über das Kombinationsspiel der Hamburger, mit dem sie nach dem glücklichen Führungstor von Ludovit Reis aus der 57. Minute das Spiel kontrollierten. "Der Gegner war etwas glücklicher als wir." Für die Niederlage seiner Mannschaft machte er das Fehlen von Santiago Ascacibar verantwortlich, der gelbgesperrt ausfiel. Immerhin sei der sein zweikampfstärkster Spieler. Tatsächlich gewann Hertha nur erschreckend schwache 108 zu 142 Zweikämpfe.

Das lag aber weniger daran, dass Magaths Spieler keine Lust hatten, die Knochen hinzuhalten, sondern daran, dass sie ihr kompaktes System spätestens nach zwei unnötigen gelben Karten für Stark und Tousart auflösten. Wo anfangs nie ein größerer Abstand als 40 Meter zwischen dem vordersten und dem hintersten Herthaner bestanden hatte, klafften jetzt riesige Löcher. Nach Ballverlusten blieben mindestens drei Spieler resigniert vorne stehen, während sich die Abwehr nach hinten fallen ließ. Im verwaisten Mittelfeld konnten die Hamburger kombinieren, wie sie wollten.

Hertha bleibt nur Hoffnung

Da verwundert es wenig, dass die Hamburger Fans auf dem Weg aus dem Stadion feierten, als wären sie schon aufgestiegen. Um sich vorzustellen, dass Hertha am Montag beim HSV zwei Tore schießt, während die Hamburger leer ausgehen, braucht man viel Fantasie. Die konnte nicht mal Trainer Magath aufbringen: "Heute war Hamburg die glücklichere Mannschaft, warum sollten wir das nicht am Montag sein?"

Das ist der Zweckoptimismus eines sportlich Schiffsbrüchigen, der sich an die letzte verbale Planke klammert. Es wäre wohl eine der größten Leistungen des Meistertrainers Magath, wenn er seine Mannschaft bis zum Rückspiel mit seiner Zuversicht anstecken könnte. "Wir haben die Möglichkeit am Montag aufzustehen und das Ding umzudrehen."

Sendung: rbb24, 20.05.2022, 16 Uhr

21 Kommentare

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  1. 21.

    Da gibt es Amateure in unteren Spielklassen, die besser mit dem Ball umgehen können als diese überbezahlten Profis. Und Felix Magath geht besser endgültig in den Ruhestand.

  2. 20.

    Wenn Hertha absteigt kann Berlin ja die Stadien tauschen. Union ins große und Hertha das kleine.

  3. 19.

    Berliner und ihr Fußball… Eine seit Ewigkeit sehr strapaziöse Beziehung. Hertha hat nur selten wirklich Spaß gemacht. Und das ändert sich offenbar nicht. Egal ob Hertha es packt oder absteigt, schön wird es nächste Saison eh nicht. Aber in der 2. Liga ist es ruhiger. Da steht Hertha nicht so im Fokus wie in der BL. Nehmt es locker, es gibt in der BL leistungsstarke Vereine genug, für die man sein kann. Und auch der Krieg zwischen Unionern und Herthaner hat dann endlich Pause. Das war ja echt das Allerletzte, was in Berlin so ablief.

  4. 18.

    Der Kommentator des Beitrags behauptete, dass, als der Dudelsackspieler ins Bild kam, bei dem musikalischen Beitrag handele es sich um das Stück "Amazing Grace", welches er spielte. https://de.wikipedia.org/wiki/Amazing_Grace
    Das ist mehr als falsch!
    Richtig ist, dass der schottische Dudelsackspieler ein altes Lied, welches in der Bundesrepublik als "Nehmt Abschied Brüder ...." bekannt ist, präsentierte (im Original: Auld lang Syne). Und d a s macht Sinn!
    Hier ein Hinweis:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Auld_Lang_Syne
    Es wäre wünschenswert, wenn solche krassen Fehler im ÖRR nicht passieren würden.

  5. 17.

    Es wird erzählt, dass Hertha BSC geheimnisvolle Strukturen hat. Es geht ums Geld, Geld und noch mal Geld. Wo sind die über 400 Millionen geblieben? Vielleicht können das Herren Gegenbauer und Schiller beantworten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass hier sportlicher Erfolg Priorität hat. Club gründlich erneuern, Herrn Schiller zur Verantwortung ziehen, wenn nicht anders geht, Hertha BSC 2 gründen.

  6. 16.

    Ja, genau, die unfassbar guten Fans. Die stehen immer hinter der Mannschaft. Andernorts verlangen Fans von Spielern nach desolaten Leistungen, die Trikots abzulegen. Solche Demütigungen würde es bei Hertha nie geben. Oh, wait...

  7. 15.

    Wie gut die Fans in extrem schlechten Zeiten sind, war von einem Teil der Fanszene im November 2019 zu beobachten, als Raketen auf Menschen in die Heimbereiche, auf das Spielfeld und die Trainerbank geschossen wurden! Auch wenn das einzelne waren- der Block hat es geduldet!
    Von der Trikotherausgabeerpressung nach dem letzten Derby rede ich mal erst gar nicht und vom schnellen Sichleeren des Olympiastadions-bei Niederlagen-noch vor Abpfiff schon gar nicht ("Nur nach Hause geh'n wir nicht!").

  8. 14.

    Wo ist denn diese "Seele"? Wird/Wurde sie von Windhorst/Preetz verkörpert? Ist sie auf dem Deck des Gründungsschiffes "Hertha" zu finden, für das sich der Verein jahrzehntelang nicht interessierte?
    Wofür steht Hertha? Reicht es aus, sich als alleinseeligmachenden Hauptstadtclub zu definieren, wenn man diesen Anspruch weder sportlich noch vom Charisma erfüllen kann? "Große Klappe - nischt dahinter!"

  9. 13.

    Eigentlich brauchen die Herthafans ja nicht so enttäuscht zu sein , der Abstieg ( wahrscheinlich) hat sich ja die ganze Saison abgezeichnet
    Kopf hoch, vielleicht schafft Hertha sich in der 2. Liga neu aufzubauen in allen Bereichen des Vereins
    Es kommt halt auch auf die Mentalität an, da habe ich manchmal so meine Bedenken ob die stimmt

  10. 12.

    Eins haben wir tatsächlich gemeinsam, Lutti: Ich wünsche mir auch ein 0:5 im Spiel HSV vs. Hertha. Das war's aber schon mit den Gemeinsamkeiten.

  11. 11.

    Jetzt noch ein 0: 5 in Hamburg, dann ist das Glück perfekt
    Dann ist dieser Arrogante Verein weg, und ich wünsche Herta, daß sie in der Amateuerklasse landet
    Dort gehört dieser Chaosverein hin

  12. 10.

    Da der HSV fast genauso schlecht war , bleibt noch ein Restfunken Hoffnung für das Rückspiel , allerdings muß da schon ein mittelschweres Wunder geschehen.

  13. 9.

    Seelenlos? Ein großes Wort … und nicht zutreffend. Der Verein ist stark, allein schon durch die unfassbar guten Fans. Die Mannschaft ist erschreckend schwach. Aber die letzte Strophe ist noch nicht gesungen.

  14. 8.

    Leute die haben seit Jahrzehnten nix in der Liga zu suchen.

  15. 7.

    Was heißt glücklich? Die Hamburger haben bei diesem Spiel mehr gewollt und vor allem gekämpft! Man muss sich wirklich mal die Frage stellen, wer war denn nun der Erstligist und wer der Zweitligist! Und das ist das eigentliche Dilemma! Das Niveau war trotzdem schwach auf beiden Seiten!

  16. 6.

    Was für ein erbärmliches Spiel von beiden Mannschaften. Meiner Meinung hat keine der beiden Mannschaften den Verblein/Aufstieg verdient. Das ganze Konstrukt Bundesliga ist doch gähnende Langeweile. Bayern siegt meist, der Rest? Na ja, ohne mich, rangehe ich lieber spazieren.

  17. 4.

    Wie kann man eigentlich bei so wenig Ahnung so viel Unsinn schreiben?

    Die Seele dieses von dir bezeichneten "Charlottenburger Konstrukts" ist vor 130 Jahren am Arkonaplatz entstanden und zieht seither seine Kreise durch die Bezirke dieser historisch gebeutelten Stadt.

  18. 3.

    Mit so einer Leistung gehört die Mannschaft nicht mal in Liga zwei oder drei und in der Bundesliga schon gar nicht. . Man kann dann nur hoffen daß dann bei Hertha ordentlich aufgeräumt wird und die Schlüsselstellen mit ordentlichen Personal besetzt wird die auch hungrig auf Erfolg sind und nicht nur mit Möchtegern Leuten die den großen Mund haben wo nichts dahinter steckt. Man sollte mal anfangen kleine Ziele zu setzen. Ich werde am Montag den HSV die Daumen drücken.

  19. 2.

    Aussage Magath :"Heute war Hamburg die glücklichere Mannschaft, warum sollten wir das nicht am Montag sein?"
    Stimmt, denn fußballerisch wird Hertha nicht überzeugen, also muss das Glück herhalten.
    Glück gehört dem Fleißigem, also ist Hertha doch raus....

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