Sandro Schwarz über Zeit in Russland - "Es war eine innere Zerrissenheit jeden Tag"

Fr 03.06.22 | 16:57 Uhr
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Der neue Hertha-Trainer Sandro Schwarz. / imago images/ITAR-TASS
Audio: rbb24 Inforadio | 03.06.2022 | Stephanie Baczyk | Bild: imago images/ITAR-TASS

Am Tag nach seiner Verpflichtung stellte sich der neue Hertha-Coach Sandro Schwarz den Fragen der Medienvertreter. Er erklärte emotional, warum er auch nach Kriegsbeginn Trainer in Moskau blieb - und skizzierte seine Ziele mit Hertha BSC.

Bei seiner ersten Medienrunde als Trainer von Hertha BSC sprach Sandro Schwarz in einer virtuellen Schalte über ...

… seine Entscheidung, trotz des russischen Angriffskrieges bis zum Saisonende bei Dynamo Moskau zu bleiben:

Der Entscheidungsprozess ging eine ganze Weile und ist bis zum Ende immer wieder von mir und meiner Familie überprüft worden. Wer mich kennt, weiß, dass ich diesen Angriffskrieg verurteile, der in der Ukraine geführt wird. Glaubt mir bitte: Meine Entscheidung hatte nichts mit Sport, Titeln oder finanziellen Aspekten zu tun. Es ging einzig darum, den Menschen vor Ort zu helfen - mit dem Wissen, dass das, was in der Ukraine passiert, das Schlimmste überhaupt ist. Ich wusste, dass die Jungs mich in dieser Zeit gebraucht haben. Dennoch war es eine innere Zerrissenheit jeden Tag. Es gab unzählige emotionale Momente mit ukrainischen und russischen Spielern, die bei mir im Trainerzimmer waren, bei denen wir zusammen geweint haben und eine tiefe Betroffenheit herrschte.

… die Kritik an seiner Entscheidung.

Ich kann die Erwartungshaltung, dass ich den Klub sofort hätte verlassen müssen, total verstehen. Ich bin da keinem böse drum. Aber ich kann meine Entscheidung ja nur auf der Basis treffen, wie ich es fühle. Immer mit dem Wissen von meiner Haltung gegen den Angriffskrieg und immer in dem Wissen der Haltung meines Umfelds - der Klubverantwortlichen, der Spieler und des Staffs. Wenn ich nur ansatzweise gefühlt hätte und aus den Gesprächen herausgezogen hätte, dass sich das Leben ab dem 24. Februar normal anfühlt, wäre für mich die Tür keinen Spalt offen gewesen, zu sagen, ich bleibe weiter hier. Dann wäre es die logische Konsequenz gewesen, mit meiner Familie sofort den Klub zu verlassen.

… den Reiz, Hertha-Trainer zu werden.

Es ist ein großer Klub, bei dem wir jetzt aber fleißig arbeiten müssen, um als Gemeinschaft einen Stimmungswandel herzustellen. Bei allen Problemen und Schwierigkeiten aus der Vergangenheit gilt es jetzt, gemeinsam anzupacken. Ich bin ein Mensch, der gemeinsam mit den Verantwortlichen eine klare Richtung vorgeben möchte. Dieser Antrieb, dem Verein mit einer klaren Idee unseres Spiels zu helfen, ist extrem reizvoll für mich und meinen Staff - übrigens auch unabhängig davon, ob in der ersten oder zweiten Liga.

… seine Spielphilosophie

Der erste wichtige Punkt ist, als Gemeinschaft aufzutreten. Mit unseren Spielern, als Staff - und auch, was die Spielidee und Ausrichtung angehen. Wer mich in den letzten Jahren verfolgt hat, der weiß, dass wir einen sehr aktiven Spielstil haben. Wir wollen vorwärtsgewandt agieren und auftreten. Alles Weitere werden wir ab dem ersten Trainingstag gemeinsam mit den Jungs zusammen entwickeln. Aber wir wollen, dass eine Energie auf dem Platz entsteht.

… die Ziele mit Hertha:

Um ein Ziel in Sachen Ergebnissen auszugeben ist es viel zu früh, weil wir noch mitten in der Kaderplanung sind. Aber es wird ab dem ersten Tag darum gehen, eine Identität zu entwickeln. Dazu eine Spielweise, an der die Menschen erkennen: 'Okay, das ist eine Hertha-Mannschaft'. Das sind die Handlungsziele, um am Ende auch erfolgreich Fußball zu spielen.

… eine mögliche Vertragsverlängerung von Kevin-Prince Boateng:

Wir werden ein persönliches Gespräch führen, auch keines am Telefon. Mir ist es wichtig, offen und ehrlich persönlich mit dem Spieler zu sprechen, um seine Gefühlslage und Sichtweise zu hören. Dann werden wir uns zusammensetzen und gemeinsam eine Entscheidung treffen.

Sendung: rbb24, 02.06.2022, 18 Uhr

4 Kommentare

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  1. 4.

    Boateng wurde a) eher zur moralischen Unterstützung als eine Art Leithammel geholt und b) wurde ihm als Berliner gerne die Gelegenheit ermöglicht, in Berlin seine Karriere zu beenden. Das ist doch mal eine Komponente im Profifußball, die auch Sie wenigstens respektieren können, liebes Carölchen. Und zum letzten Spiel hat er seinen Beitrag geleistet. Niemand hätte erwartet, dass er fast das gesamte Spiel über auf dem Platz stehen würde. Er ist eine Persönlichkeit, über die man gewisse sehr verschiedene Meinungen haben kann und muss, aber insgesamt kann er schon respektiert werden für seien Professionalität.

  2. 3.

    "Insofern empfing die alte Dame wohl mehr das Gnadenbrot von ihm als umgekehrt."
    Insofern richtig, nur Kevin auch die gesamte Saison für die Hertha wohl gespielt/kassiert.
    Alles zusammen sehr dürftig. Hätte ihn nicht Magath wieder etwas "aktiviert", wäre wohl Ende mit lustig.

  3. 2.

    Ach Carola, was hat Ihnen der Kevin denn getan, dass Sie so boshaft über ihn reden müssen? Ich bin auch nicht sein größter Fan, aber sein Name dürfte wohl dauerhaft mit dem Nichtabstieg in der gerade beendeten Saison verknüpft bleiben. Insofern empfing die alte Dame wohl mehr das Gnadenbrot von ihm als umgekehrt.

  4. 1.

    Ich denke, Prince (Prinzeschen) bekommt noch ein Jahr Gnadenbrot. So zwei/drei Spiele nächste Saison sollten wohl möglich sein. Und wenn es in der nächsten Relegation ist.

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