Sexualisierung und Singlebörse - Belästigung von Frauen im Fitnessstudio: Ist "Ladies Only" die Lösung?

Immer mehr Frauen trainieren regelmäßig im Fitnessstudio. Ein männerdominierter Ort bleibt das Gym aber weiterhin. Über sexualisierte Übungen, Tabu-Bereiche - und die Frage: Können abgetrennte Bereiche das Problem lösen? Von Antonia Hennigs
Ein dunkelhaariger Mann im grünen Kapuzen-Pullover und kleinem Mikrofon in der Hand sitzt an seinem Schreibtisch. Er spricht in die Kamera und erklärt: "In diesem Video erfährst Du, wie Du die hübsche Frau im Fitnessstudio ansprechen kannst, ohne dabei creepy rüberzukommen." 17 Minuten lang geht sie: die "Schritt für Schritt Anleitung - Frauen im Fitness-Studio kennenlernen" von "DonJon verfuehrt".
Ein sogenannter Pick-Up-Artist, der detailliert erklärt, wie Männer auf Frauen zugehen sollten, welche Sprüche in der Praxis "funktionieren" und was vor allem im Fitnessstudio zu beachten ist. Oberste Priorität ist hier: Bloß nicht des Studios verwiesen werden. Deshalb die Faustregel: Maximal zwei Frauen ansprechen und sich bei einer Studio-Kette anmelden, um an mehreren Standorten unterschiedliche Frauen "kennenlernen" zu können.
Grundsätzlich sei das Gym aber ein empfehlenswerter Ort, um Frauen aufzureißen, erklärt der Pick-Up-Artist in seinem Video. Warum? Für "DonJon verfuehrt" selbsterklärend: "Oftmals sind die Fitness-Tussis ein bisschen unsicherer. Die gehen ja oft ins Fitnessstudio, weil die Selbstwertprobleme haben und ein bisschen besser aussehen wollen."
Das Video ist kein Einzelfall. YouTube-Kanäle wie "Alpha Mentalität" und "Flirt Empire" liefern ähnliche "Anleitungen".
Mikrokosmos Fitnessstudio
Michelle Struwe ist Anfang 20 und trainiert im "McFIT Berlin Charlottenburg". Sie berichtet: "Man sieht einigen Typen hier an, dass sie keine Ahnung vom Trainieren haben. Die gucken nach Mädchen, die man ansprechen könnte und gehen dann direkt dahin."
McFIT - so wie die überwiegende Mehrheit der Fitnessstudio-Angebote in Deutschland - ist für Männer und Frauen ausgelegt. Weitläufige Flächen, auf denen alle Mitglieder alle Muskelgruppen trainieren können, stehen hier im Mittelpunkt. So zumindest in der Theorie. Denn Frauen fühlen sich nicht immer wohl zwischen lautem Stöhnen, aufdringlichen Blicken und viel Testosteron.
Die vermeintliche Lösung: Abgetrennte Bereiche, in die Männer keinen Zutritt haben. Hier gilt: "Ladies Only". "Ein Bereich, den man aufsuchen darf, aber nicht muss", sei grundsätzlich ein sinnvoller Ansatz, erklärt auch Tim Bindel, Professor für Sportpädagogik und Sportdidaktik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Denn auch in der Wissenschaft weiß man: "Viele Frauen lassen sich beim Sport nicht gerne beobachten."
"Es gibt bestimmte Übungen, bei denen Männer gerne glotzen"
In der Praxis sind diese Bereiche aber oft klein, eng und nur spärlich ausgestattet. "Wenn es alle Geräte im Frauenbereich gäbe, würde ich nur im Frauenbereich trainieren", sagt Loreen deutlich. Sie trainiert ebenfalls im "McFIT Berlin Charlottenburg". Der Bereich im Studio in der Tauentzienstraße biete aber kaum Auswahl. Ein ganzheitliches Training ist - erst recht zu Stoßzeiten - nicht möglich.

Cardio-Geräte bietet der Frauenbereich keine und die wenigen vorhandenen Geräte seien eigentlich immer besetzt, erzählt auch Studio-Besucherin Aideen. Kniebeugen oder beckenhebende Bewegungen an der Hip-Thrust-Maschine wolle sie aber nicht umgeben von Männern durchführen.
Sportpädagoge Bindel überrascht das nicht: "Die Muskelgruppen, die von Frauen im Fitnessstudio klassischerweise bearbeitet werden, werden stärker sexualisiert als bei Männern."
Frauenbereiche werden ausgebaut
McFIT ist Teil der RSG Group (Rainer Schaller Global Group), zu der unter anderem auch Marken wie "John Reed" und "Gold’s Gym" gehören. Der Konzern fährt aktuell eine umfangreiche Umbauoffensive der McFIT-Standorte. Nacheinander werden bestehende Studios modernisiert. Ein Hauptbestandteil dieser Modernisierung: die "Ladies Only"-Bereiche.
"Wir haben strategisch entschieden, die weibliche Zielgruppe weiter auszubauen", erklärt Sascha Linz, Vice President Sport & Fitness der RSG-Group. Die Ausstattung der Bereiche solle aufgestockt werden und die Flächen vergrößert, erklärt Linz. Die Begründung dafür ist primär wirtschaftlicher Natur: "Man sieht in der Fitnessbranche seit einigen Jahren einen Trend. Frauen legen einen größeren Fokus auf Gewichtstraining und trainieren deutlich muskelaffiner."
Tabu-Zone Freihantelbereich
Um das Sicherheitsgefühl von Frauen ging es bei der Entscheidung vordergründig nicht. Die Realität ist aber häufig: Vor allem der Freihantelbereich ist ein Männerort. Zwei weitere Trainierende berichten: "Ich würde voll gerne in den Freihantelbereich, aber ich traue mich da nicht hin", gibt Naemi Reinhardt zu. Und auch Karo erzählt: "Da würde ich nur mit einer zweiten, weiblichen Person hingehen. Da sind so viele Männer, da habe ich nicht das Gefühl, respektiert zu werden."
Viele Frauen haben Mechanismen entwickelt, um gaffende Blicke zu vermeiden und nicht angesprochen zu werden. Arnela, die auf der pink-gepolsterten Adduktoren-Maschine im Frauenbereich trainiert, sagt zum Beispiel: "Immer Jogginghose. Ich würde mich nicht trauen, eine kurze Hose anzuziehen." Und Naemi Reinhardt erklärt "Ich binde mir immer ein Sweatshirt um die Hüfte, wenn ich hier durchlaufe."
Michelle Struwe wiederum erzählt, dass sie Kopfhörer trägt, den Blick nach unten senkt und lächeln vermeidet. "Ich versuche, so pissig wie möglich auszusehen, dass die [Männer] keinen Bock haben, mich anzusprechen."
Wer mit männlicher Begleitung in Form von Bruder oder Freund trainieren geht, werde zudem seltener angesprochen, erzählen mehrere Frauen.
Singlebörse Fitnessstudio
Ungefragte Tipps, die Frage nach der Handynummer, Männer, die offensiv zuzwinkern: Alltag für Frauen im Fitness-Studio. Fitness-Influencerin Kim Komnenic bestätigt das: "Das sind die typischen Dinge. Da wird man von Zeit zu Zeit abgestumpfter."
Auch Johannes Kwella, selbst Fitness-Trainer, vermutet: "Ich denke schon, dass manche Männer das Studio als Singlebörse wahrnehmen." Der Gedanke dahinter: Beim Sport treffe man auf Personen, die das gleiche Hobby haben.
Aber auch Belästigung und grenzüberschreitendes Verhalten gehören zur Realität. Kwella berichtet von einer Freundin, der schon mehrfach zwischen die Beine gegriffen wurde. Auch ein "Klaps auf den Po" komme häufig vor, berichten ihm seine Kundinnen. Kwella und auch Komnenic, die ebenfalls als Fitness-Coach arbeitet, erzählen daher von großem Interesse ihrer Kundinnen an Trainingsplänen für zu Hause. Mit einem Home-Workout setzt man sich diesem Risiko nicht aus.
Schulungen, Maßnahmen, Hausverbote
Die Schulung der Mitarbeiter bei McFit zu Beginn ihrer Tätigkeit umfasst auch das Thema Belästigung im Studio. Sollte es zu solchen Vorfällen kommen, "findet zunächst ein klärendes Gespräch zwischen den beteiligten Personen und der Studioleitung statt", erklärt eine Sprecherin der RSG Group.
"Bei Grenzüberschreitungen greifen wir allerdings direkt zu weiterführenden Maßnahmen, wie etwa einem sofort ausgesprochenen Hausverbot", erklärt sie weiter. Studio-Besucherin Michelle Struwe bestätigt, dass das bei einer ihr wiederfahrenen Situation, die sie meldete, auch genauso passiert sei. Laut der RSG Group handele es sich insgesamt aber um Einzelfälle.
Trainieren nur unter Frauen: ein teurer(er) Spaß
Und was ist mit reinen Frauen-Studios? Es gibt sie natürlich, sowohl von Studio-Ketten als auch einzeln geführt. Ob ein solches Studio für die eher jungen Frauen bei McFIT in Frage kommen würde? Grundsätzlich ja, bestätigen sie, aber einen viel längeren Fahrtweg wollten sie dafür nicht in Kauf nehmen. Vor allem sei es aber eine Preisfrage. "Die sind meistens ein bisschen teurer, deswegen war das für mich keine Option", gibt Naemi Reinhardt zu.
Und tatsächlich: McFIT berechnet 29,90 Euro im Monat, Superfit 26,90 Euro und FitX 29 Euro - alle drei sind gemischte Studios. Zum Vergleich: Das günstigste Angebot bei Mrs. Sporty liegt bei 45 Euro im Monat, die Lady Company berechnet 34,90 Euro monatlich und Pink Frauen Fitness 39,90 Euro. Tim Bindel von der Universität Mainz überrascht das nicht: "Dass Frauen nach ihrem Interesse handeln können, kostet im Durchschnitt mehr Geld."
Wo stehen welche Geräte?
Raumkonzepte, die Frauen schützen anstatt "auszuliefern", sind in gemischten Studios daher essenziell. Dabei geht es um die Platzierung von Geräten vor Wänden und Fenstern, um Laufwege im Studio und darum, in welche Richtung gewisse Geräte ausgerichtet sind. "Das ist gängige Praxis und sind Dinge, auf die wir stark achten", bestätigt Sascha Linz von der RSG Group.
Bei der Modernisierung der Studios sollen die Frauenbereiche teilweise auf bis zu 300 Quadratmeter vergrößert werden. Auch ein direkter Zugang von der Frauen-Umkleide soll - wenn möglich - realisiert werden. Einen konkreten Zeitpunkt für die Modernisierung der Berliner Standorte gebe es aber noch nicht.
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