Fußball-Historie - Diese Berliner Vereine scheiterten daran, feste Größen im Profifußball zu werden

Mo. 09.06.25 | 12:37 Uhr
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Leo Bunk (re.) jubelt im Trikot von Blau-Weiß 90 Berlin [Quelle: IMAGO / Pressefoto Baumann]
Bild: IMAGO / Pressefoto Baumann

Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte hatten mehrere Berliner Vereine die Ambition, sich nachhaltig im hochklassigen Fußball zu etablieren - scheiterten jedoch mit ihren Versuchen. Teil 1 des Rückblicks: mit Blau-Weiß 90, Tennis Borussia und Türkiyemspor.

Blau-Weiß 90

Obwohl es die Vorgänger-Vereine BFC Vorwärts und TuFC Union zu einer Meisterschaft (Union, 1905) und einer Finalteilnahme (Vorwärts, 1921) brachten, und das fusionierte Blau-Weiß 90 Berlin im Jahr 1942 Platz drei im Kampf um die deutsche Meisterschaft belegte, ist der Klub den meisten Fußball-Fans wohl vor allem wegen seiner Bundesliga-Saison 1986/87 bekannt.

Es blieb zwar nach dem direkten Wiederabstieg die einzige Spielzeit in Deutschlands Eliteliga. Aber immerhin waren die Mariendorfer in diesem Jahr die unangefochtene Nummer eins der Stadt. Oder zumindest des West-Teils, da Hertha BSC und Tennis Borussia im Gleichschritt aus der zweiten in die drittklassige Oberliga abgestiegen waren.

Windiger Werbekaufmann verpflichtete Spieler

Ermöglicht wurde der blau-weiße Höhenflug durch den Werbekaufmann Konrad Kropatschek, den aufmerksame Zuschauer der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY ... ungelöst" noch aus dem Jahr 1978 kennen könnten, als der wegen Kreditbetrugs Verurteilte öffentlich gesucht wurde.

Leicht windig mutete auch die Idee an, mit der Kropatschek 1983 bei Blau-Weiß 90 aufschlug. Der gebürtige Franke, der in seiner Heimat auch nach dem Einstieg bei den Berlinern wohnen blieb, verpflichtete die Spieler aus eigener Tasche, der Klub musste lediglich die Siegprämien zahlen. Auf der anderen Seite sollte Kropatschek sämtliche Einnahmen beim Verkauf der Spieler erhalten. Doch die Finanzierung beruhte auf einem Schneeballsystem, dem vorwiegend Landwirte und Kleinunternehmer zum Opfer fielen. So soll Top-Torjäger Leo Bunk 20 Anlegern zugleich "gehört" haben.

Neuanfang nach Konkurs

Zum Glück für den Klub übernahm 1985 der Sanitätsgroßhändler Hans Maringer für geschätzte drei Millionen Mark die Rechte an 19 Spielern, die es anschließend bis in die Bundesliga schafften. Und zusammen mit Schlagersänger Bernhard Brink einen Klassiker für die Ewigkeit einspielten, mit dem die Mannschaft sogar im "Aktuellen Sportstudio" live auftrat: "Wir sind heiß auf Blau-Weiß."

Die drei in der Bundesliga errungenen Siege, bei immerhin zwölf Unentschieden, waren schließlich aber eher kühlender Natur und entschieden zu wenig für den Klassenerhalt. Nach einem Jahr war das Abenteuer Bundesliga wieder beendet. Die Berliner Wirtschaft wendete sich fortan wieder eher Hertha zu.

1992 entzog der Deutsche Fußball-Bund (DFB) Blau-Weiß die Zweitliga-Lizenz, der Klub meldete anschließend Konkurs an und wurde aus dem Vereinsregister gelöscht. Danach führte der SV Blau-Weiß Berlin die sportliche Tradition des Klubs weiter, seit 2015 nennt er sich auch wieder Blau-Weiß 90 und spielt aktuell in der Landesliga.

TeBe-Trainer Hermann Gerland (li.) mit seinem Co-Trainer Stanislav Levy in der Saison 1998/99 [Quelle: IMAGO / Camera 4]TeBe-Trainer Hermann Gerland (li.) mit seinem Co-Trainer Stanislav Levy während der Saison 1998/99.

Tennis Borussia

Über Tennis Borussia (kurz TeBe) ließe sich gefühlt noch ein Buch mehr schreiben als über die anderen, ebenfalls illustren Klubs dieser Liste. Da wäre der Umstand, dass der Verein 1902 als Berliner Tennis- und Ping-Pong-Gesellschaft Borussia gegründet wurde und schon 1903 beschloss, vorerst auf Tischtennis zu verzichten.

Oder Showmaster-Legende Hans Rosenthal, der dem Verein lange Jahre vorsaß. Oder die Verpflichtung von Karl-Heinz Schnellinger im Jahr 1974, dem Ex-Nationalspieler und Deutschlands Fußballer des Jahres 1962, der als einer der ersten Profis überhaupt ins Ausland gewechselt war. Der aus der Privatschatulle des Musik-Produzenten und späteren TeBe-Präsidenten Jack White bezahlt wurde, der zudem als Trainer der sehr erfolgreichen Frauen-Mannschaft fungierte. Mit Schnellinger spielte TeBe 1974/75 in der Fußball-Bundesliga, nach einem Ab- und Wiederaufstieg 1976/77 ohne Schnellinger noch mal eine Saison.

Champions-League-Träume mit der Göttinger Gruppe

Und dann ist da noch der Einstieg des Finanzdienstleisters der Göttinger Gruppe, der den überschuldeten Klub Mitte der 1990er Jahre übernahm und schnell von der Champions League fabulierte. Ein Einstieg, der im Rückblick wie ein Vorreiter von Lars Windhorsts Plänen bei Hertha BSC zu lesen ist. Schließlich dachte die Göttinger Gruppe vor allem an eines: Profit.

Doch trotz namhafter Trainer wie Hermann Gerland oder Winfried Schäfer, trotz teurer Profis wie Sergej Kirjakow oder Uwe Rösler gelang der Aufstieg in die Bundesliga nicht. Stattdessen geriet der Investor unter Druck, von Schneeball-Systemen und Betrug war die Rede. In der Folge wurde TeBe die Lizenz verweigert. Der Klub musste runter in die Regionalliga. Vom Profifußball kann TeBe seither nur noch träumen.

Türkiyemspor

Nicht ganz so größenwahnsinnige Ambitionen hegte Türkiyemspor Anfang der 1990er Jahre. Als sich der Klub im Januar 1987 und neun Jahre nach Gründung von BFC Izmirspor in Türkiyemspor umbenannte, weil er längst nicht mehr nur Heimat für türkische Migranten aus der Region um Izmir war, stand er gerade kurz vor dem vierten Aufstieg in Folge.

In der drittklassigen Oberliga angekommen, war der Schritt in den Profi-Fußball tatsächlich nah. Zu den Duellen mit Hertha BSC und Tennis Borussia kamen schonmal mehr als 10.000 Zuschauer ins Stadion - mehr als so mancher Bundesligist vorzuweisen hatte damals. Nach zwei starken fünften Plätzen und Platz acht in der dritten Drittliga-Saison schnupperte Türkiyemspor in der Saison 1990/91 am ganz großen Wurf - dem Aufstieg in die zweite Liga. Am Ende fehlte ein Punkt auf Tennis Borussia, Platz eins und damit der Teilnahme an der Aufstiegsrunde. Der Nackenschlag kam zudem schmerzhaft spät - ein 0:5 im direkten Duell am letzten Spieltag.

Nach der Wiedervereinigung und der damit verbundenen, neuen Konkurrenz aus dem Osten (etwa mit dem 1. FC Union Berlin und dem damals kurzzeitig unter dem Namen FC Berlin spielenden BFC Dynamo) konnte sich Türkiyemspor noch einige Jahre in der Drittklassigkeit halten, ehe es sukzessive die Ligen hinunter ging. Aktuell spielt die erste Mannschaft in der Landesliga.

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1 Kommentar

  1. 1.

    Als ich klein war, spielten die Reinickendorfer Füchse tatsächlich um den Bundesliga-Aufstieg. Hertha, TeBe, SC Charlottenburg, Blau-Weiß 90 waren die renommierten Namen im Westen und im Osten eben der BFC. Jetzt scheint es so, als ob das maximale Limit zwei Clubs im Profibereich sind. Und aus der Regionalliga Nordost kommst Du nur alle drei Jahre hoch, weil die Reli für die Dritte immer schief geht, ganz gleich ob Bayern oder Nord die Gegner sind. Daher, und das für alle Ost-Klubs: Meister müssen aufsteigen können!

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