Kane und Maguire jubeln nach einem Tor.
Bild: imago/Itar-Tas

Interview | Fußballjournalist Jacob Sweetman über den England-Hype - "Sympathischstes Team, seitdem Gascoigne aufgehört hat"

Der englische Sportjournalist Jacob Sweetman lebt seit elf Jahren in Berlin, schrieb unter anderem für den "Exberliner", das Blog "Textilvergehen" und verfasst gerade ein Buch über Fußball und Berlin. Wie er hier als Brite die WM erlebt, in welcher Kneipe man die Spiele gucken sollte und ob England Weltmeister wird, erklärt er im Interview.

rbb: Welchen Song hören Sie gerade am häufigsten?

Jacob Sweetman (lacht): Ich höre das Lied der englischen Nationalmannschaft von der Weltmeisterschaft 1982 ["This time (we'll get it right)"] gerade ziemlich oft. Ich habe es mindestens 40-mal in den letzten drei Wochen gehört. Meine Frau ist sehr gelangweilt von mir.

"Football's coming home" wird momentan überall rauf und runter gespielt. Hören Sie das nicht?

Nein, ich bevorzuge da andere Lieder. Ich habe immer andere Songs gehört.

Wie erleben Sie als Engländer die WM in Berlin?

Jacob Sweetman ist englischer Fußballjournalist.
Bild: Jacob Sweetman

Bisher ist es wunderbar. Es ist meine dritte WM in Berlin, ich habe hier schon die 1:4-Niederlage von England gegen Deutschland gesehen. Bei dieser WM habe ich viel Spaß. Das meine ich ohne Ironie, denn ich habe meinen deutschen Freunden Größenwahn und Arroganz vorgeworfen. Nun muss ich aufpassen. Ich unterstütze das englische Team, das mir sehr sympathisch erscheint, seit einer langen Zeit. Sie sind die Underdogs. Es gibt keinen blöden Steven Gerrard oder Wayne Rooney, keine aufgeblasenen Egos mehr. Ja, es macht gerade viel Spaß!

Der Hype um die englische Nationalmannschaft ist weltweit sehr groß. Was hören Sie von Ihrer Familie und Ihren Freunden in der Heimat?

Es ist interessant, alle freuen sich wie verrückt in England. Das liegt daran, dass wir seit 1990 zum ersten Mal in einem WM-Halbfinale stehen. Wichtiger ist aber die Art und Weise, wie wir es gemacht haben. Meiner Meinung nach ist diese Mannschaft die erste im englischen Fußball, die nicht von den Geistern der Vergangenheit gejagt wird. Dele Alli (Spieler der aktuellen WM-Mannschaft, d. Red.) hat interessanterweise gesagt, dass er das Foul von David Beckham an Diego Simeone von der WM 1998 nicht kennt. 17 Spieler aus der Mannschaft sind nach 1990 geboren. Sie sind jung, sympathisch und spielen als Team: Es ist so selten, dass wir in dieser Position sind.

Es scheint so, als habe England Social Media für sich eingenommen. Viele Fans, aber auch Spieler wie Jesse Lingard, posten Witze oder Memes. Ist es das sympathischste englische Team, das wir seit Jahren sehen?

Wahrscheinlich ist es das sympathischste Team seit Paul Gascoigne aufgehört hat. Sie sind die liebenswerteste Mannschaft der letzten 20 Jahre. Sie kämpfen füreinander, sie scherzen miteinander herum, sie sind jung und modern. Als Vierzigjähriger verstehe ich einige Memes nicht, aber meine Neffen verlieben sich gerade deswegen in den Fußball. Ich hoffe für die Mannschaft, dass es nicht zu einer Horrorshow wird.

Glauben Sie, England wird Weltmeister? Kommt der Fußball dieses Jahr nach Hause?

(Lacht) Was soll ich sagen? Ich hoffe es wird passieren, aber ich glaube es wäre noch etwas zu früh. Ich kann es mir einfach nicht vorstellen und wüsste nicht, wie ich reagieren würde. Zufälligerweise bin ich am Finaltag in England und werde das Spiel mit meinem Vater und Sohn schauen. Ich denke, ich werde explodieren, wenn es passiert.

Ich lehne Nationalismus ab, aber das ist Fußball, und England war zu meiner Lebenszeit noch nie Weltmeister. Ich denke, wir hauen die Kroaten im Halbfinale raus, aber Frankreich werden wir im Finale nicht schlagen. Das kommt zu früh. Wenn du mich in fünf Minuten nochmal fragst, dann sage ich: Wir werden es auf jeden Fall gewinnen.

Wo schauen Sie die Englandspiele in Berlin? Gibt es hier eine englische Fangemeinde?

Ich habe zwei Kinder und schaue viele Spiele mit ihnen bei mir zuhause. Ich lade auch englische und deutsche Freunde ein, über die kann ich dann lachen. Im Tante Käthe (Fußballkneipe im Prenzlauer Berg) habe ich Kolumbien gegen Polen geschaut, und über 500 Kolumbianer haben gesungen, getanzt und einige haben mit Kuhglocken Musik gemacht. Das war fantastisch. Wir Engländer können einiges von den Lateinamerikanern lernen.

Können Sie einen Ort empfehlen, wo Deutsche die Englandspiele schauen sollten?

Ich würde Tante Käthe empfehlen. Es ist eine tolle Bar mit mindestens drei großen Bildschirmen für mehrere hundert Fans. Ich denke, da werden am Mittwoch und Sonntag viele Engländer Fußball schauen.

Dürfen Deutsche die englische Nationalmannschaft gut finden?

Ich denke schon. Die Erfahrung, die ich als Fußballfan und Fußballjournalist in den letzten zehn Jahren in Berlin gemacht habe, ist, dass die Deutschen den englischen Fußball respektieren und lieben. Das muss nicht automatisch in Liebe für die Nationalmannschaft münden. Aber ich denke, dass die Deutschen England respektieren.

Als England Deutschland bei einem Freundschaftsspiel mit 2:1 geschlagen hat, hing im Olympiastadion ein Banner mit der Aufschrift: "Danke, dass ihr das Spiel erfunden habt." Das hätten die Engländer niemals gemacht, denn wir sind zu sehr mit unserer Geschichte beschäftigt. Ich denke es gibt Deutsche, die sich freuen, dass England im Halbfinale steht.

Das Interview führte Simon Wenzel.

Beitrag von Simon Wenzel

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1 Kommentar

  1. 1.

    Jede Menge Deutsche respektieren den englischen Fußball, absolut. Ich habe es immer gehasst, wenn die Three Lions schlechten Fußball gespielt haben gegen uns und verloren haben, wenn deutscher Rumpelfußball wieder mal alles im Griff hatte. Eine grandiose Mannschaft hat Southgate da geformt und ich wünsche Ihnen, dass Sie den Titel holen! Auch ich halte die Franzosen für kaum zu schlagen und erst einmal müsst ihr an den Kroaten vorbei. Aber nie war der Titel greifbarer und verdienter als jetzt!

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