Public Viewing in der 12-Apostel-Kirche in Berlin (Quelle: rbb/Michael Hölzen)
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Audio: rbb|24 | 26.06.2018 | Michael Hölzen | Bild: rbb/Michael Hölzen

Public Viewing in der Zwölf-Apostel-Kirche - "Kirche, Orgel, Fußball, Bier - vier Brechungen in einem Satz"

Der Ball ist rund, die Orgel eckig, beides zusammen klingt laut und dreckig. Der Berliner Stummfilmpianist Stephan von Bothmer veredelt WM-Spiele mit der Kirchenorgel - und plötzlich wird Fußball zur Hochkultur. Von Michael Hölzen

Die Berliner Zwölf-Apostel-Kirche an der Kurfürstenstraße. Draußen brummt der Straßenstrich, drinnen wummert die Kirchenorgel. Über dem Altar thront eine riesige Video-Leinwand, auf der das WM-Gruppenspiel Spanien gegen Marokko übertragen wird - ohne Ton. Stattdessen haut Stephan von Bothmer beherzt in die Kirchenorgel-Tasten, Spanien verliert im Mittelfeld den Ball, Marokko stürmt auf den spanischen Strafraum zu. Die Musik schwillt an, es fällt das 1:0, dramatische Orgeltöne untermalen die Zeitlupenwiederholung des Treffers.

"Das Spiel hat keinen richtigen Rhythmus"

Organist von Bothmer schwitzt, der Spielverlauf ist nicht nach seinem Geschmack: "Das Spiel hat keinen richtigen Rhythmus, wenn die in einem musikalischen Rhythmus sind, dann fällt auch bald ein Tor, und diese Regel gilt heute nicht. Wenn ich immer nur anderthalb Takte habe von der Musik, dann muss ich richtig arbeiten".

Die Zuschauer auf den voll besetzten Kirchenbänken können den Kraftakt hautnah mitverfolgen. Von Bothmer sitzt hoch oben vor der Orgel, aber ein kleiner Screen neben der Großleinwand zeigt per Live-Cam, wie er schwitzend alle Register zieht.

Hände wie zum Gebet gefaltet

Trotz aller Hektik in diesem Spiel: Das Konzept funktioniert. Fußballübertragungen sind heutzutage eine geradezu sakrale Inszenierung, die man in der 12-Apostel-Kirche spürt. Geht ein Schuss knapp über das Tor, dann bekommen die Zuhörer den zum Himmel gerichteten verzweifelten Blick des Schützen in Nahaufnahme präsentiert, die Hände wie zum Gebet gefaltet. Und der schmerzhafte Gesichtsausdruck eines gefoulten Sergio Ramos steht dem des gekreuzigten Jesus in nichts nach. Die Orgel arbeitet diese Parallelen wunderbar heraus.

In der hinteren Ecke des Kirchenschiffes steht die Küsterin Ariane Schütz. Sie freut sich über die voll besetzten Kirchenbänke: "Unsere Kirche ist häufiger so voll, leider nicht so häufig am Sonntag, aber das ist eine gute Werbung für uns. Die Leute sind überrascht, dass man hier was trinken und was essen kann."

Auf die Mischung kommts an

Erdnüsse und Salzstangen, Bier und Altar, das ist eine Mischung, die Stephan von Bothmer gefällt: "Wir haben Kirche, wir haben Orgel, wir haben Fußball, wir haben Bier, für viele Leute sind das ja vier Brechungen in einem Satz."

Die zweite Hälfte ist gerade angepfiffen. Von Bothmer konzentriert sich wieder gebannt auf das Spiel und freut sich auf die nächste spektakuläre Situation: "In der Zeitlupe sind ganz oft auch Schmerz-Szenen, wo Verletzungen oder Fouls sind, und da gehe ich auch mal in die Dissonanzen, die ich sonst nicht so spielen kann. Das ist dann eine schöne Abwechslung."

Manchmal kommt einem an diesem Abend der Verdacht, dass der moderne Fußball wie geschaffen ist für eine Aufführung mit Organisten. In der Stummfilm-Ära machten die Schauspieler den fehlenden Ton mit übertriebener Gestik wett, und genau das leisten heutige Fußballstars auch. Auch mit Ton.

Wer schon immer wissen wollte, wie ein Elfmeter klingt oder was man bei einem Foul auf der Orgel zu hören bekommt. Hier die nächsten Termine in der Zwölf-Apostel-Kirche Berlin:

Mo. 02.07. 15.45 Uhr Achtelfinale Sieger Gr. E - Zweiter Gr. F

Mo. 02.07. 19.45 Uhr Achtelfinale Sieger Gr. G - Zweiter Gr. H

Di. 03.07. 15.45 Uhr Achtelfinale Sieger Gr. F - Zweiter Gr. E

Di. 03.07. 19.45 Uhr Achtelfinale Sieger Gr. H - Zweiter Gr. G

Beitrag von Michael Hölzen

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