Ein Fan der deutschen Nationalmannschaft verfolgt das WM-Spiel zwischen Deutschland und Mexiko (Quelle: Uwe Anspach/dpa)
Audio: radioBerlin 88,8 | 18.06.2018 | Interview mit Christoph Markschies | Bild: Uwe Anspach/dpa

Interview | Theologe Christoph Markschies - "Fußball ist eine Teilzeit-Religion"

Sie pilgern, sie verehren, sie singen und hoffen: Fußballfans lassen sich fast so beschreiben wie gläubige Menschen. Auch der Theologe Christoph Markschies findet im rbb-Interview viele Ähnlichkeiten zwischen Fußball und Religion - aber auch einen großen Unterschied.

"Ist Fußball Religion?" Über diese Frage debattierte am Montagabend der Präsident des 1. FC Union, Dirk Zingler, mit Wissenschaftlern und Religionsvertretern: dem Berliner Psychologie-Professor Peter A. Frensch, mit Erzbischof Heiner Koch - und mit Christoph Markschies. Der evangelische Theologe ist Professor für Antikes Christentum an der Humboldt-Universität. Vor der Veranstaltung sprach er bei radioBerlin 88,8 mit Ingo Hoppe über das Thema.

rbb: Herr Markschies, ich habe erst überlegt, ob Sie allein aufgrund dieser Frage - "Könnte Fußball Religion oder Ersatzreligion sein?" - schon ein bisschen beleidigt sein könnten. Sind Sie aber gar nicht...

Christoph Markschies: Ach was! Das ist doch eine außerordentlich spannende Frage, wenn man sich vorstellt: Es gibt Leute, die alles daran setzen, ein verschwitztes Trikot ihres Lieblingsspielers zu bekommen. Das möchte man normalerweise doch frisch gewaschen haben. Ist das nicht ein bisschen wie eine Reliquie?

Wie das Grabtuch ...

[lacht] Also, da muss jemand schon sehr schlecht spielen, wenn das das letzte Trikot war, vor dem Rauswurf. Nein, es gibt Strukturanalogien, Dinge, die ganz ähnlich sind.

Theologe Christoph Markschies (Quelle: rbb/Kerstin Topp)
Christoph Markschies | Bild: rbb/Kerstin Topp

Bei einem Fußballspiel wird vorher gesungen. Der Ablauf beim Spiel ist etwas chaotischer als beim Gottesdienst - aber man hat einen gemeinsamen Wunsch, einen gemeinsamen Glauben. Wo sehen Sie noch Ähnlichkeiten?

Wallfahrten! Ich fahre nach Russland und schaue mir Spiele an - oder ich fahre nach Lourdes, nach Fatima, nach Rom, nach Jerusalem. Das ist eine Ähnlichkeit. Ich erwarte auch eine spontane Besserung meines Zustandes durch das Spiel. Ich erwarte Gemeinschaft - da ist ja auch die berühmte Fankurve. Es gibt religiöse Enthusiasten und solche, die nur immer dann, wenn die Weltmeisterschaft kommt, zu Enthusiasten werden und die Fahne raushängen.

Das Blöde ist: Nach dem Gottesdienst fühlen wir uns wahrscheinlich immer gestärkt - während wir, wenn Deutschland, so wie am Sonntagabend, verloren hat, erstmal traurig sind. Das ist sicher ein Unterschied. Aber wir sind immerhin kollektiv traurig - und Sie haben ja gesagt, es gehe um die Gemeinschaft. (...) Ein Unterschied scheint mir zu sein: Es gibt, wenn ich den Fußballgott anbete, kein religiöses Heilsversprechen, auch nicht nach dem Tod.

Es gibt inzwischen Friedhöfe in Hamburg, wo ich mich als Fan des HSV beerdigen lassen kann - in der HSV-Abteilung des Ohlsdorfer Friedhofs. Sagen wir mal: Es kommt ein bisschen darauf an, ob Sie einen Begriff von Religion haben, der klassisch am Christentum orientiert ist. Dann wird man sagen müssen: Nein, Fußball ist natürlich keine Religion - trotz großer Ähnlichkeiten. Es gibt nicht die Vermittlung von Heil, die definitiv an das religiöse Ereignis gebunden ist. Wie man beim Spiel Deutschland gegen Mexiko sehen konnte: Man steht vom Fernseher auf und denkt: Warum bist du so blöd gewesen, dir dieses Spiel anzugucken?

Aber wenn man sich Religionen in der Welt anschaut, stellt man fest: Es gibt Religionen, da gibt es gar keinen persönlichen Gott, den Buddhismus zum Beispiel. Da könnten wir natürlich sagen: Wir machen einfach eine neue Kategorie auf. Dann müsste man sich aber auch fragen: Ist nicht auch der Kommunismus eine Form einer Religion? Je weiter man die Definition von Religion aufmacht, desto eher könnte man den Fußball reinrechnen. Aber Sie ahnen schon: Da ich ein christlicher Theologe bin, würde ich sagen: Wir brauchen schon ein paar harte Definitionen.

Es gibt Ähnlichkeiten, was die Heiligenverehrung angeht, den feierlichen Einzug, die Fahnen, den wöchentlichen Weg zum Stadion - oder in die Kirche. Selbst beim Sterben, haben Sie gesagt, gibt es Gemeinsamkeiten. Bei den Religionen gibt es ja auch Menschen, die sich in erster Linie als Christ, als Moslem, als als Buddhist definieren - und vielleicht deshalb die anderen nicht so gut finden. Dass ist beim Fußball auch so: Wenn ich Hertha-Fan bin, finde ich die Bayern eben doof. Ist das eine weitere Ähnlichkeit?

Ja und nein. Ja, es gibt gewaltbereite Religion, so wie es gewaltbereite Fans gibt. Ich drehe noch ein bisschen weiter: Man kann sich auch als Fan ziemlich die Köpfe einschlagen. Aber es gibt etwas, das es im Fußball nicht so gibt: die weltweite Gemeinschaft bestimmter Religionen. Ich kann im Urlaub in eine Kirche in Irland gehen. Ich verstehe überhaupt kein Gälisch, aber ich fühle mich zu Hause und ich bin Teil dieser Gemeinschaft. Eine weltweite Gemeinschaft eines einzigen Vereins - das gibt es, glaube ich, sonst so nicht.

Aber ich könnte mich doch dazustellen, jubel und einen Pint trinken - dann wäre ich auch Teil der Gemeinschaft...

Ja, aber ich habe noch meinen Verein zu Hause und sehe mit Missfallen, dass mein Verein jetzt gerade verloren hat gegen die irische Mannschaft... Nein, ich glaube, man kann über eine ganz lange Zeit Parallelen aufmachen - und dann ist eben doch klar: Religionen betreffen Leben und Tod, die Ordnung meiner Familie und meiner Partnerschaft, das ganze Leben. Das tut Fußball nicht - und das ist vielleicht auch gut so. Sonst wäre das heute ein ziemlich schrecklich Tag, wenn mein ganzes Leben durch das gestrige Spiel bestimmt wäre.

Religion betreffen das ganze Leben - was vor mir war und was nach mir war. Insofern ist der Anspruch viel größer. Fußball ist eine Teilzeit-Religion, eine Ersatzreligion.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Ingo Hoppe. Im Text ist das Interview gekürzt. Die Langfassung können Sie nachhören, wenn Sie das Audio im Beitragskopf anklicken.

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 2.

    Er muss einhalten, kein Wunder, das unser Glauben und dessen Werte so verkommen: Blasphemie! Blasphemie!

  2. 1.

    So irrational manch einer das Verhalten von Fußballfans auch finden mag, ist es immer noch wesentlich rationaler als das von Religionsanhängern. Vereine wie Union, Hertha oder auch der FC Bayern existieren, für irgendwelche Götter dagegen gibt es keinerlei Evidenz.

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