WM-Couchsurfer David Donschen auf seiner Luftmatratze in Moskau (Quelle: rbb)
Video: rbb|24 | 09.07.2018 | Mareike Witte | Bild: rbb

Interview | zibb-Serie WM Couchsurfing - "Mit Kopf und Herz noch ein bisschen in Russland"

Drei Wochen lang sind David Donschen und seine Crew durch Russland gereist. Immer dorthin, wo gerade die deutsche Nationalmannschaft spielte. Als Couchsurfer ist er Land und Leuten nahe gekommen - auf der Couch, der Luftmatratze oder im gemeinsamen Bett.

In der zibb-Serie "WM Couchsurfing Russland" taucht David Donschen in die russische Gesellschaft ein: als Couchsurfer übernachtet er bei Einheimischen auf dem Sofa. Mit Rucksack und Kamera im Gepäck macht er sich gemeinsam mit den Co-Autoren Raphael Jung und Philipp Katzer auf nach Moskau, Sotschi und Kasan. Ihr Ziel: Die Menschen und ihr Leben in Russland fernab vom WM-Trubel erleben. Jetzt sind sie zurück in Berlin.

Trailer-Foto zur zibb-Serie "WM Couchsurfing Russland" (Quelle: rbb)
zibb-Serie WM Couchsurfing in Russland | Bild: rbb

Ihr wart drei Wochen lang in Russland unterwegs, habt die drei Städte besucht, wo auch die deutsche Nationalmannschaft gespielt hat: Moskau, Sotschi und Kasan. Wo hat es dir am besten gefallen?

In Moskau. Und da besonders im Gorky Park. Jetzt im Sommer, wenn in Moskau die Sonne nie so richtig untergeht, vibriert es da richtig. Ich war 2009 das letzte Mal in Moskau. Und da hast du im Gorky Park die Sowjetunion noch förmlich gerochen. Jetzt gar nicht mehr. Die haben den Park vor sieben Jahren neu gestaltet. Das sieht da jetzt aus wie im Central Park in New York. Da kann man richtig gut abhängen. In der Mitte des Parks gibt es so eine Boule-Bahn. Schöne Menschen, gute Drinks, feine Musik. Das war unser absoluter Lieblingsort während der Reise.

Du hast als On-Reporter Russland von einer ganz anderen Seite erlebt, fernab vom WM-Trubel. So nah kommt man seinen Protagonisten sonst ja nicht. Wie war das, bei wildfremden Menschen zu übernachten und dann auch noch einen Film über sie zu drehen?

Ich hab schon vor neun Jahren in Russland gecouchsurft. War toll. Russland ist ein echtes Couchsurfing-Mekka. Die russische Gastfreundlichkeit, die gibt es wirklich. Selbst wenn sie eigentlich gar keinen Platz für Gäste haben. In Moskau zum Beispiel hat mir Katerina in ihre 1-Zimmer-Wohnung eine Matratze gelegt. In Kasan habe ich mir mit Ksenia sogar ein Bett geteilt. Die Russen waren da alle ziemlich unverkrampft. Und dass wir mit der Kamera angerückt sind, hat auch keinen gestört. Im Gegenteil: Vor allem in Moskau hatten wir richtig viele Zusagen. Mein Gefühl ist, dass es vielen ein Bedürfnis war, uns Deutschen mal zu zeigen, wie ihr Leben in Russland aussieht. So fernab der Schlagzeilen und großen Politik.

Warum gerade Couchsurfing in Russland?

Russland, weil wir drei Autoren alle eine Affinität zum Land haben. Raphael hat nach dem Abitur in Weißrussland gelebt und kennt auch Russland gut. Philipp ist mit der Transmongolischen Eisenbahn von Moskau nach Peking gefahren. Und ich hab' jetzt mittlerweile zum vierten Mal – kein Witz – mit einem Russisch-Sprachkurs angefangen, um endlich mal mehr als "Spasiba" ("danke", Anm.d.Red.) sagen zu können. Weil wir alle Russland im Herzen tragen, wollten wir jetzt die Chance nutzen und zur WM über das Land berichten. Aber fernab der Fußballstadien. Couchsurfing eignet sich dafür ziemlich gut. Couchsurfer sind von Natur aus offene Menschen und gute Geschichtenerzähler. Und danach suchen wir Reporter ja immer.

Euer Ziel vor der Reise war es, ein "Sittengemälde der russischer Gesellschaft" zu zeichnen. Dein Fazit: Ist es euch gelungen, einen Einblick in verschiedene Bereiche der russischen Gesellschaft zu bekommen?

Mit so einem Anspruch kann man nur scheitern. Vor allem in einem so großen und diversen Land wie Russland. Aber wir haben schon versucht, ein bisschen einen Querschnitt von Russland zu zeigen. Auf der einen Seite Ksenia, die Feministin, die es in Kasan nicht mehr aushält, weil ihr da alles zu konservativ und reaktionär ist. Auf der anderen Dmitrii, der Playboy aus Sotschi, der die wilden Neunziger in Russland genutzt hat, um zu Geld zu kommen.

Dmitrii ist ein erfolgreicher Unternehmer, der die Frauen liebt und in sein Bier zur "Geschmacksverstärkung" Wodka kippt. Wie hast du Dimitrii erlebt, der – wie er selbst sagt – sich nicht auf die Zukunft freut, weil jetzt die beste Zeit seines Lebens ist?

Dmitrii ist der Beweis, dass Russland auch ein Land der Möglichkeiten ist. Immer wieder haben wir während unseres Trips gehört, wie beschissen die neunziger Jahre in Russland waren. Dmitrii dagegen hat sofort nach dem Zerfall der Sowjetunion verstanden, wie das mit dem Geldverdienen funktioniert. Er war erst Eisverkäufer, dann Juwelier, hat mit Zierkaninchen gehandelt und schließlich hat er da oben im hohen Norden in seiner Heimatstadt Plessezk einen privaten Radiosender aufgemacht. Und mit den Werbeeinahmen macht er soviel Geld, dass er jetzt gemütlich in Sotschi am Strand liegen kann.

Der Gegensatz dazu Ksenia aus Kasan. Sie hat ein liberales Frauenbild, ist Feministin. Bald will sie nach Berlin ziehen, um ein neues Leben zu beginnen. Du hast im Film gesagt, du hältst einen Platz auf deiner Couch für sie frei. Warum?

Weil ich wirklich erlebt habe, wie sie an Russland verzweifelt. Meine anderen beiden Protagonisten, die bei zibb zu sehen waren, sind zufrieden damit, wie es in Russland läuft. Ksenia nicht. "Die wollen uns umbringen", hat sie uns gesagt. Damit meint sie die Regierung. Sie spielt damit darauf an, dass Gewaltanwendung in der Familie seit 2017 in Russland nur noch mit einer Geldstrafe geahndet wird, wenn das Opfer dabei nicht schwer verletzt wird. Und das in einem Land, in dem nach Schätzungen jedes Jahr 14.000 Frauen durch häusliche Gewalt ums Leben kommen. Auf all das hat Ksenia keinen Bock mehr. Alle ihre Freunde sind schon weg aus Kasan und jetzt will auch sie weg. Aber ihr fehlt das Geld, um einen Englischtest zu machen, mit dem sie sich dann an einer Berliner Uni bewerben könnte.

Eure Gastgeberin in Moskau war Katerina. Sie ist selbst Journalistin, Putin-Fan und hat ein ganz anderes Verständnis von freier Presse als du. Wie hast du die Gespräche mit ihr erlebt?

Wir haben viel diskutiert über Feminismus, den Westen und wie jeder in seiner Welt gefangen ist. Wir waren zwar fast nie einer Meinung, trotzdem waren wir gut miteinander. Katerina arbeitet für eine politische Talkshow im russischen Staatsfernsehen. Propaganda sei das nicht, meinte sie zu mir. Wobei sie dann am Ende gesagt hat, dass sie nicht daran glaubt, dass es so etwas wie freien Journalismus überhaupt gibt. Da haben wir uns dann ein bisschen gezofft, weil ich da anderer Meinung bin. Aber wir konnten danach trotzdem Tee trinken und russischen Rap hören.

Eine Aufgabe, die ihr euch so ein bisschen gestellt hattet, war: "Zuhören und die richtigen Fragen stellen" – ein Tipp von Natalia, einer Journalistin aus St. Petersburg, mit der ihr vor eurem Trip gesprochen habt. Ist euch das gelungen?

Na, vielleicht nicht immer. Vor allem unserer russischen Fernsehkollegin Katerina habe ich schon ab und zu widersprochen. Da konnte ich nicht anders. Wenn Katerina sagt, dass sie nicht glaubt, dass es so etwas wie unabhängigen Journalismus gibt, dann muss ich da was sagen. Sonst würde ich mich ja selbst verleugnen. Aber ich glaube, in allen Beiträgen sehen die Zuschauer, wie offen unsere Couchsurfer mit uns gesprochen haben. Weil sie, glaube ich, gespürt haben, dass wir ehrlich an ihrem Leben interessiert sind.

Nach drei Wochen in Russland: Was hat dich an den Menschen überrascht?

Wie offen, freundlich und zugewandt die Russen jetzt während der Weltmeisterschaft der vergangenen Wochen sind. Nicht nur unsere Couchsurfer, sondern auch die Taxifahrer und Menschen auf der Straße. Eigentlich heißt es ja immer, dass Russen im ersten Moment ein wenig misstrauisch und abwartend sind. Aber das haben wir während der WM gar nicht gespürt. Wäre toll, wenn die Russen von diesem Spirit etwas mitnehmen für die Zeit danach.

Wie ging es dir nach der Reise? Bist du froh, wieder in Deutschland zu sein?

Im eigenen Bett schlafen ist auch mal wieder schön. Aber wir haben bis Ende vergangener Woche noch an einer längeren Doku über das Couchsurfing für das Y-Kollektiv gesessen. Von daher sind wir mit Kopf und Herz immer noch ein bisschen in Russland. Und das wird wahrscheinlich auch noch eine Weile so bleiben.

Y-Kollektiv: Doku "Generation Putin" (von Donschen, Jung, Katzer)

Das Interview führte Mareike Witte.

Kommentar

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1 Kommentar

  1. 1.

    Die Russen sind nicht nur zur WM freundliche Menschen, Gastfreundschaft gehört zu ihrem Naturell. Einfach mal hinfahren und Vorurteile abbauen.

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