Fans von Deutschland blicken zum Brandenburger Tor. (Quelle:dpa/Simon)
Bild: dpa/Simon

Kommentar | Fußball-WM in politisch schwierigen Zeiten - Schland kann nach Hause fahren

Die Unionsparteien zerfleischen sich, die gesellschaftliche Stimmung in Deutschland ist aufgeheizt – und ausgerechnet jetzt beschwört der kollektive Fußball-Jubel wieder ein allgegenwärtiges "Wir"-Gefühl. Nein danke, kommentiert Fabian Wallmeier.

Berlin im Juni 2018: Schwarz-rot-goldene Feiergemeinden ziehen durch die Stadt. Die Komplettvermarktung der deutschen Fußballnationalmannschaft ist vom Supermarktregal bis zum Großplakat unausweichlich. Nicht nur auf der Fanmeile, sondern allüberall wird wieder ein Konsens beschworen, dem man sich nur mühselig entgegenstellen kann: "Wir" sind angetreten, um "unseren" Titel zu verteidigen.

Wenn Schland spielt, ist alles vergessen

Die Fußball-Weltmeisterschaft hat begonnen – und selten hat sie mir mehr Magengrimmen bereitet als dieses Jahr. Dass diese Weltmeisterschaft ausgerechnet in Russland stattfindet, und dass genau das mit Blick auf die Machenschaften des russischen Präsidenten problematisch sein könnte, ist schnell zum Randthema verkommen. Der Jubel ist lauter – wenn Schland spielt, ist alles andere vergessen.

Die Weltmeisterschaft fällt zudem in eine Zeit, in der rechtspopulistische Positionen nicht mehr nur von einer lauten Minderheit propagiert werden, sondern plötzlich allen Ernstes mehrheitsfähig erscheinen. Die SPD-Chefin Andrea Nahles redet mit ihrer Beteuerung, "wir" könnten nicht alle Flüchtlinge aufnehmen, der AfD nach dem Mund. Als hätte das jemals irgendjemand verlangt: "alle" aufzunehmen. Die Unionsparteien zerfleischen sich in der Frage, wann sie wie viele Flüchtlinge ab- und ausweisen können. Die CDU-Kanzlerin lässt sich dabei von ihrem in Bayern wahlkämpfenden CSU-Innenminister vor sich hertreiben, auch der Rückhalt aus der eigenen Partei zu ihrer historischen "Wir schaffen das"-Position schwindet.

"Wir" werden nicht Weltmeister

Dass die Stimmung in Deutschland zu kippen droht, zeigen auch drei aktuelle Beispiele aus deutschen Medien. Sie sind im Ton sehr unterschiedlich scharf, aber sie alle eint eines: Sie beschwören ein sehr problematisches und dazu völlig diffuses "Wir".

"Werden wir wieder Weltmeister", fragt die Redaktion von "Hart aber fair" bang in der Ankündigung der aktuellen Ausgabe ihres Talks im Ersten. Das sei eine der "Fragen, die Deutschland jetzt bewegen". Nein, diese Frage "bewegt"  nicht Deutschland. Sie bewegt zwar ganz offensichtlich viele Fußball-Fans, aber ganz sicher nicht gleich das ganze Land. Das hat nämlich gerade noch ganz andere Probleme. Und nein, "wir" werden nicht Weltmeister, allenfalls die deutsche Fußball-Nationalmannschaft – auch wenn das seit der Auftakt-Niederlage am Sonntag nicht mehr ganz so wahrscheinlich wirkt.

"Welt am Sonntag" baut die Mauer

"Sorry, Mexiko. Heute bauen WIR die Mauer", titelt die "Welt am Sonntag kompakt". Schwarz-rot-goldene Fähnchen schmücken dort den Stacheldraht einer Mauer –und das ausgerechnet am 17. Juni, dem Jahrestag des blutig niedergeschlagenen DDR-Arbeiteraufstands. Viel deutlicher als mit dieser Geschmacklosigkeit kann man die ignorante Rücksichtslosigkeit des Schland-Wahns nicht auf den Punkt bringen.

"Spiegel" in Schwarz-Rot-Gold

"Der Spiegel" schließlich glaubt, auf seinem aktuellen Titelbild "Die deutsche Frage" schlechthin stellen zu können. Sie lautet: "Wie gehen wir mit Migranten um?" Doch wer sind da "wir"? Und was ist mit all den Menschen, die in Deutschland wohnen und formal als Migranten gelten, obwohl sie schon lange hier leben oder gar hier geboren wurden? Wo sollen sie sich einordnen in dieser Gegenüberstellung von "wir" und "Migranten", die "Der Spiegel" hier anstrengt?

Bebildert ist der Titel des Magazins übrigens in Schwarz-Rot-Gold: Schwarz ist der Horizont, vor dem sich ein zahlreich bemanntes Schlauchboot dem heftigen rot-gelben Wellengang entgegenstemmt. Hier werden also ganz unverhohlen Flüchtlinge als Bedrohung Deutschlands dargestellt – und das auf dem Titelbild eines Magazin, das bei aller Lust an der unfairen Zuspitzung doch eigentlich nach wie vor zurecht als Vorreiter des Qualitätsjournalismus gilt.

Scheidet Schland aus? Von mir aus gern.

Zugegeben: Mein Herz hat noch nie merklich höher geschlagen, wenn "unsere Jungs" eine Weltmeisterschaft gespielt haben. Die Fanmeile hätte ich auch in vergangenen Jahren nicht mal für viel Geld betreten. Dass vier Wochen lang die laute Mehrheit im Fußball-Taumel war, war mir noch nie sympathisch. Das muss es auch nicht sein.

Grundsätzlich habe ich auch rein gar nichts dagegen, wenn sich viele Menschen kollektiv für etwas im Grunde so Harmloses wie Fußball begeistern. Aber in diesem Jahr fühlt es sich anders an: Schwarz-rot-goldene Seitenspiegelkondome an den Autos, Schminke im Gesicht, Fahnen in den Fenstern und in den Händen kann ich nicht mehr sehen, ohne das problematische deutsche "Wir", das sie hervorrufen, mitzudenken. Wenn also tatsächlich das Undenkbare passieren sollte, wenn nämlich die deutsche Nationalmannschaft schon in der Vorrunde aus dem Turnier ausscheidet: Ja, bitte, von mir aus gern. Schland kann nach Hause fahren – und Deutschland sich wieder darauf besinnen, wer "wir" eigentlich sind und wie wir zusammenleben wollen.

Sendung: Inforadio, 18.06.2018, 07:00 Uhr

Beitrag von Fabian Wallmeier

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereNetiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

26 Kommentare

  1. 26.

    Schland kann nach Hause fahren – und Deutschland sich wieder darauf besinnen, wer "wir" eigentlich sind und wie wir zusammenleben wollen.

    Da kann ich nur hoffen, das es nicht so wird, wie sie es sich vorstellen.

  2. 25.

    Spielen anstatt schreiben wäre auch mal ein Bild! So eine Schande! Was für eine Berichterstattung...

  3. 24.

    Ein typischer Kommentar,eines Gefangenen der Twitter-Blase. Da sind mir ja sogar die Nur-beim-Tunier-Fußballfans noch lieber.

    Schade,dass nicht weiter auf Absatz 2 eingegangen wurde. Welche Machenschaften das sein sollen,um dem russischen Volk nicht auch mal eine WM zu gönnen,würde mich schon interessieren.

    Und was soll dieses Abarbeiten an dem Wörtchen "wir"? Verzeihung,natürlich das problematische deutsche "Wir".
    Aber ich weiß es eigentlich,da hat jemand wieder Angst vorm 4. Reich,weil ein paar Fußballhanseln die deutsche Fahne schwenken. Es ist so lächerlich,warum beschäftige ich mich mit dem Murks überhaupt..

  4. 23.

    @20: Ja, Ingolf, ich verstehe Sie: in meiner ersten Therapie damals hat es mich auch sehr entlastet zu sagen, "Mutti ist an allem schuld". Hat allerdings meine Probleme nicht gelöst. Das konnte ich erst, nachdem ich meinen Teil der Verantwortung erkannt hatte.

  5. 22.

    Eines ist klar. Merkel muss sich vielleicht beeilen, damit sie nicht in der Umkleidekabine eintrifft wenn die "Mannschaft" schon wieder zuhause ist.

  6. 21.

    ich kann mich nur anschliessen.

    Danke!

  7. 20.

    Leute, Leute, beruhigt euch...
    "Nous avons perdu une bataille, pas la guerre!"
    Im übrigen denke ich, der gute Herr Wallmeier meint das mehr ironisch, denn in Wirklichkeit fiebert er - wie die meisten anderen auch - wie besessen vor der Glotze, wenn die "Teutonen" kicken.
    Aber eins müssen wir doch alle zugeben, die Stimmung in Deutschland vor dieser WM - aber auch ganz allgemein - hat sich irgendwie total verschlechtert. Das "Wir gegen den Rest", was es eigentlich normal wäre, ist einem "jeder gegen jeden" gewichen und dabei spielt ein Grund keine besondere Rolle mehr. Straßenverkehr, Politik, Sport... wo immer sich welche begegnen gibt es Zoff, die Nerven liegen blank, alle und keiner hat Recht und schnell gibt´s auch gleich mal paar auf´s Maul.
    Jetzt könnte man natürlich darüber nachdenken wann das alles begann, was löste diesen gesellschaftlichen Dissens eigentlich aus? Na ja, wer mich kennt, der kennt auch meine Antwort. Sagt alle "Danke ..."!

  8. 18.

    Danke Fabian für diesen treffenden Kommentar. Zu meinem & unserem (!) Glück gibts in Berlin immer auch was anderes zu feiern ;)

  9. 17.

    Ich hab`da auch mal `nen Vorschlag, der RBB bzw. die ARD könnte doch ihren Kollegen Seppelt jetzt darauf ansetzen, dass er rausbekommt, dass die gesamte mexikanische Nationalmannschaft gedopt war und nur deshalb gewinnen konnte !!
    Oder ist er doch nur für Russland zuständig ???

  10. 16.

    Na wir wollen das doch mal mit dem Fußball und der Politik nicht gesellschaftlich in eine politische Waagschale werden. Die Bayern unter König Seehofer machen ihr Ding und Löwis Truppe versucht für Deutschland das Beste rauszuholen. Mir wäre es eigentlich ganz lieb, wenn die CSU dies auch für die Politik umsetzen könnte in für BILD-gebildete Bürger nicht so einfachen Zeiten. Jetzt ist Zusammenspiel gefragt! Alleingänge von einem kann die Politik und der Fußball derzeit nicht gebrauchen. Was hat der Seehofer außer die Bayern-Landtagswahl eigentlich für ein Problem?

  11. 15.

    " deutsche Fußballnationalmannschaft " ich meine gelesen zu haben, dass es jetzt nur noch " Mannschaft " heißt,
    das " National " wurde gestrichen, ist ersatzlos weggefallen.

  12. 14.

    Hoffentlich scheiden diese elenden Rumpelfüßler in der Vorrunde aus. Ansonsten boxt die Koalition wieder während wichtiger Spiele dubiose Gesetze im spärlich besetzten Bundestag durch.

  13. 13.

    Falscher Kommentar: Jetzt ist es Zeit für "GERMANY FIRST!" Ist das hier nicht der selbe Schreiberling, welcher auch schon versucht hat, den Männertag fertig zu machen?

  14. 12.

    Hervorragender Text! Da kann ich jeden einzelnen Satz nur unterschreiben. Danke an den Autor!

  15. 11.

    Diese Leute, die alle zwei Jahre zur EM oder WM ihren Patriotismus und ihre Fahnen herauskramen, haben keine anderen Probleme als ihren Fußball. Die interessiert das nicht, ob die Parteienfinanzierung um 25 Mill. € angehoben wurde oder sich die CDU mit der CSU in der Flüchtlingsfrage streiten. Die Römer nannten es "Brot und Spiele", daß heißt, gib ihnen zu essen und lenke sie mit Spielen ab. Das sind die besten Untertanen.

  16. 10.

    Nicht wirklich!
    In der DDR wurde, meist staatlich verordnet, ohne Ende zu sportlichen Events gejubelt, als Ablenkungsmanöver für die Bevölkerung und zur Profilierung der Regierung.
    Jeder soll machen was er meint, aber es muss bitte auch akzeptiert werden, wenn man sich diesem Hokuspokus entzieht.

  17. 9.

    @ 8: Aus der Tiefe der Herde schaue ich hinauf auf in Dein Oberwasser, Anonymus, und LOBE Dich ENDLICH mal: Eigentlich kann ich Fußball nicht ausstehen, aber so Pseudo-Überlegen(d)e bringen ihn mir irgendwie doch näher.

  18. 8.

    Deutschland, ein Sommermärchen: genau das gleiche einfallslose Herdentier sein wie sonst auch, aber ENDLICH mal dafür GELOBT werden. Alle klopfen sich gegenseitig auf die Schulter weil alle genau gleich blöd sind. Erwachsene mit Kinderschminke im Gesicht. Zweiundzwanzig überbezahlte Kicker die Interviews geben wie frisch lobotomierte. "Patrioten" die alle vier Jahr glauben sie hätten JETZT aber mal Oberwasser. Gewinnt die deutsche Mannschaft, oder verliert sie..? Wenn sie früher ausscheiden gibt es weniger Ruhestörung & Umweltverschmutzung, das wäre vielleicht ein Vorteil. Ansonsten scheißegal. Ach, und Autokorsos: wenn ich wissen will wie das Spiel ausgegangen ist schaue ich im Internet nach, ihr braucht nicht unter meinem Fenster rumstinken und -hupen wie gottverdammte Vollidioten, die glaube ich euch auch so! SCHLAAAAAAAAAAAAAAAAND

Das könnte Sie auch interessieren