Die Choreo der Union-Fans vor dem Derby gegen Hertha BSC. Quelle: imago images/Nordphoto
Bild: imago images/Nordphoto

Derbytag in Berlin - Der Olymp kocht über

Berlin erlebt sein erstes Derby in der Fußball-Bundesliga seit 42 Jahren. In der ganzen Stadt feiern Fans ein Stück neugewonnene Fußballkultur in der Hauptstadt. Am Ende bleiben aber auch unschöne Szenen hängen. Von Jonas Bürgener

Leuchtraketen aus dem Hertha-Block, die auf das Spielfeld und auf die angrenzenden Tribünen fliegen. Vermummte Zuschauer von der Unioner Waldseite, die den Innenraum des Stadion An der Alten Försterei stürmen und nur von ihren eigenen Spielern aufgehalten werden können. Szenen, die das unrühmliche Ende eines ereignisreichen Derbytages darstellen.

Die Berliner Fußballkultur - neu belebt durch das erste Bundesliga-Derby seit 42 Jahren - rückt in den Gesprächen nach dem Spiel so in den Hintergrund. Dabei hatte ein friedliches Fußballfest auf den Straßen zuvor die Geschehnisse in der Hauptstadt dominiert.

Hertha-Fans ziehen durch Friedrichshain

Bereits Stunden vor dem Anpfiff des ersten Derbys zwischen Union und Hertha in der Bundesliga machen beide Fanlager mobil. Die Hertha-Fans treffen sich mittags am Boxhagener Platz in Friedrichshain, um sich gemeinsam auf das Duell mit dem ungeliebten Rivalen aus Köpenick einzustimmen. Lautstarke Hertha-Schlachtrufe schallen durch die Straßen, die bei den Anwohnern für große Augen sorgen. Kinder, die mit ihren Eltern spazieren gehen, halten sich die Ohren zu und schauen ihre Eltern ungläubig an, ob des blau-weißen Chors, der lautstark und friedlich Richtung Warschauer Straße zeiht.  

Knappe elf Kilometer südöstlich - in Köpenick - hat dann die Anhängerschaft der Eisernen deutlich sichtbar die Oberhand. "Berlin sieht rot", hatte der Verein vor der Partie als Slogan ausgerufen. Für Köpenick gilt das an diesem Derby-Samstag allemal. Rot gekleidete Union-Fans prägen das Stadtbild um die Alte Försterei. Bereits weit vor dem Spiel platzen die Köpenicker Kneipen aus allen Nähten und auch im Stadion sind die Union-Fans zahlenmäßig und akustisch überlegen. Stadionsprecher Christian Arbeit kommt bei seiner üblichen Begrüßung kaum zu Wort, das Stadion kocht, bereits lange vor dem Anpfiff singen sich beide Fangruppen warm.  

"Angekommen im Fußballolymp"

Dann, kurz vor dem Spielbeginn, kommt es auf den Rängen zu einem Schauspiel der besonderen Art. Choreografien auf beiden Seiten läuten dieses historische Fußballspiel ein. "Angekommen im Fußballolymp", strahlt es den Union-Spielern von der Gegengerade entgegen, auf der Waldseite kämpft ein rot-weißer Krieger gegen ein blau-weißes Monster - Anlehnungen an die griechische Mythologie. Die Hertha-Fans antworten mit blau-weißem Konfetti.

Wie ein brodelnder Kochtopf tönt das Stadion An der Alten Försterei. Es zischt und pfeift. Auf eine ruhige Sekunde wartet man vergebens. Jeder Zweikampf, jeder Freistoß und jede Ballaktion wird lautstark begleitet.

Ein erstes Mal zum Überbrodeln kommt es kurz nach der Halbzeit. Beide Fanlager brennen massiv Pyrotechnik ab, aus dem Hertha-Block fliegt Feuerwerk auf das Spielfeld und in die benachbarten Blöcke. Schiedsrichter Deniz Aytekin unterbricht die Partie, schickt die Mannschaften in die Katakomben. "Die allerhöchste Priorität hat die Sicherheit der Verantwortlichen und der Spieler. Das hat mit Fußball nichts zu tun, wir alle lieben den Fußball. Wenn man so ein Derby hat, will man eigentlich die schönen Sachen mitnehmen", erklärt Aytekin nach dem Spiel seine Entscheidung. Nach einer achtminütigen Unterbrechung kann es weitergehen. Auf dem Platz und auf den Rängen.

Negativhöhepunkt nach Abpfiff

Beide Lager peitschen ihre Teams - nun wieder friedlich -  nach vorne. "HaHoHe - Hertha BSC hier, ein immer wieder langezogenes "Uniiiooon" dort. Bis zur 87. Minute. Sebastian Polter bringt die Hausherren durch einen Foulelfmeter in Führung. Ein Jubelschrei, der wahrscheinlich in ganz Köpenick zu hören ist, schallt dem Torschützen und nun ewigen Derby-Helden entgegen. Im Gästeblock macht sich hingegen Frust breit. Fahnen werden eingerollt, zu Fangesängen können sich die meisten der 2.500 mitgereisten Herthaner in der zehnminütigen Nachspielzeit nicht mehr bewegen.

Rafal Gikiewicz stellt sich vermummten Zuschauern entgegen. Quelle: imago images/Nordphoto
Rafal Gikiewicz stellt sich den vermummten Zuschauern entgegen. | Bild: imago images/Nordphoto

Nach dem Schlusspfiff verlieren einige dann komplett die Kontrolle, gefährden durch Feuerwerk andere Zuschauer und die Spieler auf dem Feld. "Es gibt diesen grundsätzlichen Dissens von Vereinen und Fanlagern, die glauben, dass Pyrotechnik in ein Stadion gehört. Und Vereine glauben das nicht. Es gibt keinen Verband und keinen Verein, der diesem Thema Herr geworden ist. Wir hätten uns andere Szenen gewünscht", verurteilt Hertha-Manager Michael Preetz das Verhalten der Fans nach dem Spiel.

Einige vermummte Zuschauer aus dem Union-Block reagieren und versuchen das Feld zu stürmen, werden allerdings entschlossen von ihrer Mannschaft - allen voran Torwart Rafal Gikiewicz - zurückgehalten. Es ist der Schlusspunkt und fade Beigeschmack eines spektakulären Derbytages. Gikiewicz ist der Ärger über das Verhalten einiger Fans deutlich anzusehen, der Keeper beteiligt sich zunächst kaum an den Feierlichkeiten.

Er wird nicht der einzige gewesen sein, der sich lieber die stimmungsvollen und friedlichen Bilder dieses Derbytages bewahrt hätte. Sieg hin oder her.

Beitrag von Jonas Bürgener

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

20 Kommentare

  1. 20.

    Pyros auf andere Menschen feuern ist hochgradig asozial. Das sind keine Herthaner! Das sind krawallsuchende Idioten, die wir in unseren Reihen nicht haben möchten. Sie ziehen den Verein in ein schlechtes Licht. Ich hoffe sie kriegen lebenslanges Stadionverbot.
    Ich wollte ein friedliches Derby und einen blau-weißen Sieg. Bekommen habe ich menschenverachtende Peinlichkeiten vom feinsten und eine Niederlage auf dem Platz. Das Wochenende war versaut.

  2. 19.

    Danke an Deniz Aytekin dafür, dass er cool geblieben ist - guter Schiedsrichter!
    Danke an Rafal Gikiewicz und die anderen Union-Spieler, welche sich den roten Honks in den Weg gestellt haben - das nenne ich Zivilcourage!
    Danke an die vielen Zuschauer für den Chant "Ihr macht unsern Sport kaputt", bezogen auf die blauen Honks - man hat am Fernseher schon wahrgenommen, dass die allermeisten Unioner einfach nur ein geiles Spiel mit einer geilen Stimmung, aber ohne Hass wollten.

    Axel Kruse am 01.11. auf dieser Website:
    "Es sollte klar sein: Gewinnen kann jeder, zum Verlieren braucht man Stil."
    Wann hat die Hertha bzw. deren Fans in den letzten Jahren jemals eine solche Haltung gezeigt?
    Nach den angekündigten 6 Wochen Auszeit zum getätigten Ausspruch nochmal Stellung zu nehmen, hätte eine Größe, welche ich bei den Blau-Weißen leider immer wieder aufs Neue nicht erkennen kann - so gerne ich das eigentlich will!

  3. 18.

    Also 11,- bis 13,- € für die Stehplätze sind ja wohl nicht horrend. Dieter Bohlen zum Beispiel war erst für über 50,- € zu sehen. Also ich für mich weiß, wo Stammstehplatz ist und mein Herz lauter schlägt!
    @ M. König - Über 20.000 Leute über einen Kamm zu scheren und für unwürdig zu erklären widerspricht ja wohl genau dem, was sie erwarten. Respekt! Warum sollten sie denn gehen? Den Idioten das Feld überlassen? Nein, sie haben gezeigt, wie Begeisterung, Freude am Sport und friedlicher Support gehen.
    @Graubär - Ohne Worte!

  4. 17.

    Egal ob Angriffe auf Schiris, Spieler oder Zuschauer. Diesen Idioten ist die Gesundheit von anderen vollkommen egal. Der Fußball ist schon seit längerer Zeit regelrecht verkommen. Heißt für mich nicht mehr ins Stadion zu gehen, es gibt genügend andere Sportarten. Man muss dem Torwart von Union danken für seinen Einsatz trotz übler körperlicher Attacke.

  5. 16.

    Das sehe ich genauso. Chaoten und Idioten gibt's überall. Aber warum hat kein Hertha Spieler oder Verantwortlicher sich in die Kurve getraut und Klartext geredet.
    Trotz Meines Unionherzes kann ich mich über den Sieg nicht richtig freuen. Einfach nur traurig und schade was aus dem Herthablock geflogen kam. Mann stelle sich mal vor es würden Raketen im Olympiastadion in den Familienblock fliegen. Alle die daran beteiligt waren, auf beiden Seiten Mitgliedschaft, Dauerkarte entziehen und Stadion Verbot. Auch wenn letzteres eigentlich nicht in meine Ansicht von Fussball ist.

  6. 15.

    Würden sie als Bürgermeister jmd das Vereinsrecht entziehen, würden sie die längste Zeit Bürgermeister gewesen sein, das ist nämlich Sache der Justiz, bzw des Landesinnenministers/Bundesinnenministers oder maximal noch Angelegenheit des Bundesverfassungsgerichtes...

    Mal abgesehen von den anderen Stuss den Sie so verzapfen: nur weil 10-20 Anhänger! der Profimannschaft! daneben sind, sollen die zwei größten Sport und Jugendvereine der Stadt aufgelöst werden.

  7. 14.

    Es ist in erster Linie dem Schiedsrichtergespann um Deniz Aytekin zu verdanken, das dieses Spiel überhaupt zu Ende gebracht werden konnte, dafür mein ausdrücklicher Dank. Leider haben einige Hitzköpfe es nie gelernt sich in der Gesellschaft respektvoll zu bewegen, so leider auch in beiden Fanlagern. Wer Raketen auf Menschen abfeuert macht sich strafbar und hat auf unseren Fußballplätzen nichts verloren. Ein Wort der Entschuldigung von Seiten der Verantwortlichen von Hertha BSC habe ich bisher nicht gehört. Schade! Aus dem Unionblock wurden zwar kein Raketen aufs Spielfeld abgefeuert, allerdings konnte ein Platzsturm nur durch das beherzte Einschreiten der Mannschaft von Union verhindert werden. Pyrotechnik kann und darf nicht toleriert werden, nur Geldstrafen scheinen ihre Wirkung zu verfehlen.

  8. 13.

    Ich hatte irgendwo gelesen, dass es zum Lokalderby keinen Alkoholausschank im Stadion geben sollte. Hoffe natürlich dass das auch so war. Schon das alleine war ein Grund, sein Geld in das Bierlokal seines Vertrauens und nicht in die horrenden Ticketpreise zu investieren.

  9. 12.

    Quatsch. Die allermeisten waren friedlich. Und nur ein paar waren auf Stress aus. Also bitte sachlich bleiben!

  10. 11.

    Vielleicht identifizieren sich die Union-Spieler mehr für Ihren derzeitigen Verein als die Hertha-Profis? Kann auch ein Grund sein, daß die Union Spieler eingeschritten sind und sich vor den eigenen Block gestellt haben!

  11. 10.

    Der unbeliebte Verein aus Charlottenburg kann nicht nur nicht gewinnen, sie sind auch noch schlechte Verlierer.

  12. 9.

    Was ist aus unserem BerlinDas geworden
    Krawall beim Fußball, zeitgleich ziehen linke Chaoten durch Berlin,
    Anschläge auf Gebäude, grenzt
    langsam an Bürgerkrieg. Das ist nicht
    mehr meine Heimatstadt, oder leider doch!

  13. 8.

    Ein wirklich guter Beitrag. Ansonsten müssen sich wohl eher beide Vereine Gedanken machen, wie sie wieder Ordnung herstellen. Als alter Unioner hat es mir nicht gefallen, dass nach dem Mauerfall die Vereine nichts mehr zum Erhalt der Fanfreundschaft getan haben. Besonders einige Äußerungen von " meinem " Präsidenten, Herrn Zingler , haben mir gar nicht gefallen und Hertha setzt einfach darauf, dass sie sowieso die Nr. 1 sind. Trotzdem war es ein geiles Derby und wird hoffentlich Bestandteil der Berliner Sportkultur.

  14. 7.

    Langweiliges Spiel, 0-0 wäre genau das richtige Ergebnis für diesen belanglosen Kick gewesen. Union wird es schwer haben, die Liga zu halten, es wird noch Spiele ohne geschenkte Elfmeter geben. Und Hertha : Spielanlage und Fähigkeiten sind vorhanden, liegt aber brach und es geht keinen Meter vorwärts. Trotz des Trainer Wechsels und der Millioneninvestitionen

  15. 6.

    Es ist schon Wahnsinn. Am Mittwoch pfeifen wir noch die Dresdner Fans für ihr Verhalten aus und ein paar Tage später legen wir noch eine Schippe drauf. Die Bilder der Choreografen von beiden Seiten waren beeindruckend, doch Pyro auf andere Menschen zu schießen ist Menschenverachtend. Hut ab vor den Unionspielern, die sich relativ schnell vor ihren Block gestellt haben, um deren Chaoten aufzuhalten. Das hätte ich mir von unseren Jungs bei der Spielunterbrechung gewünscht. Ein klares Statement, entweder ihr hört auf, oder wir stellen das Spiel ein. Egal mit welchen Folgen

  16. 5.

    Beide Mannschaften nur noch ohne Zuschauer bis zum Ende, punkt. Anders geht es nicht. Gekaufte Karten werden nicht erstattet, damit es auch ordentlich weh tut bei den Fans. Aber so eine Wunschvorstellung wird es wohl nie geben...,

  17. 4.

    Beide Vereine und Fan-Lager haben klar gezeigt, dass sie eines Stadt-Derbys nicht würdig sind. Ich plädiere klar dafür beide Teams nur noch in einem neutralen Stadion ohne Fans gegeneinander antreten zu lassen. Das Verhalten an diesem Abend von beiden Seiten war eine Schande für Berlin.

    Wäre ich Bürgermeister würde ich beiden Vereinen das Vereinsrecht entziehen.

    Der Auftritt von Hertha-Manager und Union-GF im ZDF war nur noch peinlich und deutlich davon geprägt, die Realitäten nicht zu begreifen. Beide Vereine kennen das Thema seit Jahren und ihre Maßnahmen sind unzureichend. Dasselbe gilt für die Zurückweisung der Fans, das seien ja keine Fans. Nach all den Jahrzehnten ist mir die Unterscheidung egal: Mitgehangen / mitegfangen? Ist auch nur einer aufgestanden und gegangen? Nein, war nicht erkennbar. Schön weiter die Idioten mit der eigenen Anwesenheit unterstützen.

    Berlin braucht keine solchen Vereine, die den Hass in der Gesellschaft auch noch schüren. Keinen Respekt mehr.

  18. 3.

    Zu den Ausschreitungen wurde ja schon im letzten Artikel viel beschrieben. Über 40 Jahre nach dem letzten Derby und 30 Jahre nach dem Mauerfall 30 Jahre - sind die Ereignisse ein Abbiild der allgemeinen Verrohung oder stellen sie trotz Schönrederei und all der Ausnahmen, die Stimmung zwischen Ost und West in dieser Stadt, auf anschauliche Weise dar?
    Ein autentisches erstes Event zum 9.11.19?

  19. 2.

    Ist ja kein Fußball spielen mehr .die meisten wollen nur Krawalle ausüben . Eine Schande für den Sport.

  20. 1.

    Fussballspiele sollten generell nicht in der Stadt stattfinden sondern irgendwo weit weg in der Pampa. Es ist unerträglich was sich vor und dach den Spiel da abspielt . Völlig ausser Rand und Band wird zerstört gröhlend durch die Strassen gezogen vom Alkoholkonsum will ich gar nicht erst anfangen.
    Das alles hat mit Fussball nichts mehr zu tun.
    Das brauch kein Mensch.

Das könnte Sie auch interessieren