Theo Gries im Trikot von Hertha BSC (imago images)
Bild: imago images

Interview | Theo Gries über Hertha vs. Union - Wie ein Ex-Herthaner und Jetzt-Unioner das erste Derby erlebte

Für Hertha BSC hat er 79 Tore in 185 Spielen erzielt und im Wiedervereinigungsderby gegen Union gespielt. Heute arbeitet Theo Gries für die Eisernen aus Köpenick. Ein Gespräch über Freundschaft, Rivalität und die Stimmung beim ersten Nachwende-Derby.

rbb: Herr Gries, wenn Sie sich an den 27. Januar 1990 erinnern, das Wiedervereinigungsderby. Sie standen auf dem Platz im Berliner Olympiastadion...

Theo Gries: Ein überragendes, ganz besonderes Gefühl. Das Spiel war praktisch als Vorbereitungsspiel für die Rückrunde gedacht, aber es war natürlich deutlich mehr: historisch einmalig – auch für uns als Spieler.

Ein Union-Fan aus dem Westen und ein Hertha-Fan aus dem Osten waren beide da und haben erzählt, dass es unfassbar kalt gewesen ist.

Es war Ende Januar und ziemlich kalt, das stimmt. Aber die Fans und die Stimmung im Stadion haben das Herz erwärmt. Es konnte jeder ertragen. Im Frühjahr oder im Sommer wäre es natürlich besser gewesen. Das Rückspiel haben wir dann, glaube ich, in der Sommervorbereitung in Köpenick gemacht.

Sie hatten auch Ihre eine große Szene: Sie haben den Pfosten getroffen.

(lacht) Ich habe mich auch geärgert. Ich hätte da schon gerne ein Tor gemacht. In diesem Spiel – da würde man heute immer noch drüber sprechen, wenn es mir gelungen wäre. Aber es ist nicht gelungen und das war ja auch nicht maßgebend für mich, sondern es waren insgesamt die Eindrücke, die wir mitgenommen haben, die an erster Stelle standen.

Viele Zuschauer saßen mit Union-Schal und Hertha-Mütze gleichzeitig im Stadion. Hat sich dieses friedliche Gefühl, dieses Miteinander auch auf den Platz übertragen?

Absolut, das konnte man fühlen. Wir hatten ein sehr freundschaftliches Verhältnis mit den Spielern und den Mitarbeitern. Logischerweise wollte jede Mannschaft gewinnen. Ich kann mich erinnern, dass die Unioner uns richtig gut hergespielt haben und eigentlich die bessere Mannschaft waren. Wir haben dann die beiden Chancen genutzt, die wir hatten, und das Spiel 2:1 gewonnen.

Sie sind so lange bei Hertha BSC gewesen, haben so viele Spiele für die Herthaner gemacht und arbeiten jetzt für den 1. FC Union. Wie passt das zusammen?

Ich habe 2002 meine Fußballlehrer-Lizenz erworben. Ein paar Jahre später konnte ich mich bei Union bewerben als Nachwuchsleiter und U23-Trainer – und seitdem bin ich hier. Nach drei Jahren bin ich aus dem Nachwuchs in die Profiabteilung zum Scouting. Das habe ich mitbegründet und mitgeprägt in den letzten Jahren. Jetzt sind mehrere Kollegen dazugekommen. Ich arbeite sehr gerne hier und fühle mich sehr wohl.

Bevor die Mauer fiel, gab es eine Fanfreundschaft zwischen Union und Hertha. Danach hat sich das in eine Rivalität umgekehrt. Trotz alledem haben Sie gesagt: Ich gehe diesen Schritt und gehe zu Union, obwohl ich eine Hertha-Vergangenheit habe.

Für die Fans ist das manchmal schwer zu verstehen. Als Profisportler wechselt man genauso wie andere Arbeitnehmer auch mal den Verein oder den Arbeitgeber. Es gab ja mehrere Spieler, die von Union zu Hertha gegangen sind und es gab auch Spieler oder Mitarbeiter, die genau den anderen Weg gegangen sind. Ich glaube, alle können sagen, dass sie in beiden Vereinen gerne gearbeitet haben.

Wie würden Sie das aktuelle Verhältnis der Fans beider Vereine beschreiben?

Vielen alte Herthaner sagen: "Die Generation von damals ist einfach verjüngt und hat diese Zeit nicht mehr mitbekommen." Deswegen ist die Freundschaft schnell abgeklungen. Die Alten verstehen sich immer noch, die sind immer noch befreundet. Aber es ist nicht mehr so in der Öffentlichkeit verwurzelt. Außerdem sind wir jetzt natürlich auch Konkurrenten. Ich hoffe einfach, dass es eine faire Auseinandersetzung gibt. Hoch spannend. Emotional. Aber ohne irgendwelche Krawalle in den Fanlagern.

Warum hat es so lange gedauert, bis beide Teams in der Bundesliga aufeinandertreffen?

Die Unioner hatten ja in den 90er Jahren schwierige Zeiten zu überstehen, auch finanziell. Aber man hat sich entwickelt. Das wir jetzt in der Bundesliga aufeinandertreffen, ist schon mal klasse für die Hauptstadt. Wir haben alle hier im Verein lange dafür gearbeitet. Und wir wollen daran arbeiten, dass es für die nächsten Jahre noch mehrere Derbys gibt.

Wenn man Ihnen zuhört, merkt man, wie sehr Sie sich darauf freuen. Was glauben Sie: Wie wird dieses erste Bundesliga-Derby zwischen Hertha und Union?

Ich kann mich an die Derbys der 2. Bundesliga erinnern, mit Hertha gegen Tennis Borussia, gegen Blau-Weiß. Da war schon 14 Tage vorher die Berichterstattung auf dieses Spiel ausgerichtet. Man hat das als Spieler gespürt und im Training ganz anders gearbeitet, anders miteinander kommuniziert. Jeder wollte bei dem Spiel dabei sein, weil ja auch 30.000 oder mehr Zuschauer da waren. Das war etwas Besonderes für uns, für die Blau-Weißen noch mehr, weil die im Schnitt nur 2.000 oder 3.000 Zuschauer hatten. Dieses Fiebern auf dieses Derby war einfach klasse.

Sie waren ein klassischer Straßenfußballer. Welcher Spieler von Hertha oder Union kommt Ihnen am nächsten? Und wer hat den besseren Angriff?

Ich bin ja nicht als Stürmer aufgeboten worden. Ich kam immer aus dem offensiven Mittelfeld in diese Position gelaufen. Wer mir da aktuell am nächsten kommt? Schwierig. Und mehr Bundesligatore, mehr und auch internationale Erfahrung hat natürlich Hertha. Muss man einfach sagen. Aber wir schöpfen unsere Qualität und Kraft aus der Gemeinschaft. Alle arbeiten zusammen und unterstützen sich gegenseitig. Und ich hoffe, dass wir am Derbytag die besseren Stürmer auf dem Platz haben werden.

Ein Blick in die Kristallkugel: Wie geht es denn aus im Stadion an der alten Försterei?

Ich sage: ein 3:2-Sieg für uns.

Eine Derby-Weltreise

Interview: Stephanie Baczyk und Sebastian Meyer

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

1 Kommentar

  1. 1.

    Schönes Interview. Ich freue mich immer, wenn der rbb solche Sachen wieder ausgräbt. Gerne mehr davon....

Das könnte Sie auch interessieren

Louis-Marc Aubry vor dem Iserlohner Tor.
imago images/Nordphoto

Eisbären schlagen Iserlohn - Mühelos zum Heimsieg

Es war ein verdienter Sieg nach einer dominanten Leistung über die gesamte Spielzeit: Die Eisbären Berlin haben ihr Heimspiel gegen Iserlohn mit 4:0 gewonnen. Die Gäste waren gerade offensiv viel zu harmlos - einer von ihnen wurde aber dennoch bejubelt.