Zweikampf zwischen Peter Niemeyer und Santi Kolk (imago images)
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So viel Derby steckt in Union-Hertha - Kuschelnde Mühlsteine

Ganze vier Pflichtspiele gab es bisher zwischen dem 1. FC Union Berlin und Hertha BSC. Warum die Partie trotz der fehlenden Tradition ein Derby im Wortsinn ist und welche unumstößliche Weisheit am kommenden Samstag auf jeden Fall gilt. Von Ilja Behnisch

Wenn es um Derbys geht, ist manches glasklar, anderes wiederum fortwährender Anlass für endlose Diskussionen.

Klar ist, woher der Begriff stammt. Und zwar aus dem Englischen und dort aus der Stadt Ashbourne in der, Achtung, Grafschaft Derbyshire. Dort wo mindestens, so meinen es die Historiker zu wissen, seit dem 12. Jahrhundert das Shrovetide-Fußballspiel ausgetragen wird. Ein alljährliches Spektakel, bei dem die "Up'ards" (Oberstädter) gegen die "Down'ards" (Unterstädter) antreten im Versuch, einen Ball zwischen Tore aus Mühlsteinen zu bugsieren.

Derby vs. Klassiker

Ein recht archaisches Treiben ist das mit nur wenigen Regeln wie jenen, dass der Ball nicht auf Friedhöfen gespielt oder mit motorisierten Fahrzeugen transportiert werden darf. Unnötige Gewalt ist verpönt, wegen des erhöhten Verletzungsrisikos wird das Volksfußballspiel von der britischen Regierung dennoch mit Argwohn betrachtet.

Womit wir beim modernen Fußball wären, denn auch dort stehen Derbys zumeist unter besonderer Beobachtung des Staates. Was ein Derby ausmacht, darüber streiten sich hingegen nicht nur in Berlin die Geister.

Für Jan-Henrik Gruszecki, Fan von Borussia Dortmund, Filmemacher und Autor, ist es so: "Man muss unterscheiden zwischen Derby und Klassiker. Es gibt Spiele, die sind beides, wie Köln gegen Mönchengladbach oder Dortmund gegen Schalke, aber Spiele wie Dortmund gegen Bayern sind ein Klassiker."

Kein Kuschelderby

Ein Klassiker, das muss Union gegen Hertha erst noch werden. Ein Derby ist es allein schon wegen der räumlichen Nähe. Ganz egal, ob beide während des Kalten Krieges eine Fanfreundschaft pflegten oder nicht. Zumal diese Zeiten wohl ein für allemal vorbei sind, wie Gruszecki sagt: "Das Kuschelderby wird nicht zurückkommen, dafür ist zu viel passiert zwischen den aktiven Fanszenen in den letzten Jahren. Die jüngere Generation hat auch einfach Bock, den anderen als Antagonisten zu sehen."

Oft geht es dabei um mehr als nur Fußball. In Glasgow, beim sogenannten "Old Firm" zwischen Celtic Glasgow und den Glasgow Rangers etwa um das Duell der katholischen Celtics gegen die protestantischen Rangers. Beim "Superclasico", den Begegnungen zwischen den Boca Juniors und River Plate im argentinischen Buenos Aires, um die Gegensätze zwischen Hafenarbeitern (Boca) und den eher wohlhabenden Einwohnern (River) der Stadt.

Von Kenia nach Köpenick

Aus Südamerika stammt auch eine der unumstößlichen Weisheiten schlechthin: "Derbys spielt man nicht, Derbys gewinnt man." Und wer entscheidend daran Anteil trägt, wird zur Vereinslegende. Ganz egal, ob der Siegtorschütze nun gebürtig aus der Stadt kommt oder vielleicht nur für ein Jahr auf Zwischenstation im Verein Halt macht.

Seine ursprünglichste Form findet das Derby in Kenia. Denn dort geht es wirklich um "Wir gegen die", nämlich um die Stammeszugehörigkeit: Entweder zu den Luhya (A.F.C Leopards) oder zu den Luo (Gor Mahia). Wie ernst diese Fehde ist, zeigte sich zuletzt im Mai dieses Jahres.

"Gutes Ding auf den Rängen"

Während die Spieler beider Teams in Zusammenarbeit mit "Missing Child Kenya" jeweils mit dem Foto eines vermissten Kindes auf den Rasen liefen, versuchten die von den Klubs eigens abgestellten Sicherheitsmitarbeiter beider Vereine, die Fanlager in gebührendem Abstand voneinander zu halten. Das gelang auch. Blöd nur, dass es die Securityleute selbst waren, die sich stattdessen eine wüste Prügelei lieferten.

Beim Berliner Haupstadtderby zwischen Union und Hertha steht zumindest das wohl kaum zu befürchten. Aber auch Jan-Henrik Gruszecki ist sich sicher: "Das wird ein gutes Ding auf den Rängen."

Eine Derby-Weltreise

Beitrag von Ilja Behnisch

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