Der 71-jährige Wilfried Köhnke bei seinem Lauftraining in Berlin-Lankwitz
Bild: rbb|24/Daniel Tautz

Interview | 46. Berlin-Marathon - "Niemand ist den Marathon so oft gelaufen wie ich"

Beim Berlin-Marathon laufen am Sonntag wieder Tausende durch die Hauptstadt. Wilfried Köhnke startet bereits zum 44. Mal - ein absoluter Rekord. Doch der Marathon habe sich verändert, sagt der 71-Jährige: Früher war mehr Sport, heute mehr Smartphone.

rbb|24: Herr Köhnke, kein anderer Läufer war so oft beim Berlin-Marathon dabei wie Sie. Was hat sich in all den Jahren verändert?

Wilfried Köhnke: In den Anfangsjahren waren es gerade mal 250 Läufer, viel mehr hätte die alte Strecke entlang der Avus auch nicht vertragen. Ab 1981 ging die Strecke ja dann durch die Innenstadt, da wurden es immer mehr Teilnehmer. Jetzt gehen rund 40.000 Menschen an den Start, viele reisen extra aus China, Mexiko oder Brasilien an.

Das spricht ja vor allem für die Beliebtheit des Marathons. Wie finden Sie diese Entwicklung?

Mit der Größe der Veranstaltung ist auch der sportliche Wettkampf-Charakter verloren gegangen. Keine Frage, ich find’s toll, dass Läufer aus aller Welt in Berlin zusammenkommen. Aber der Marathon hier ist mittlerweile mehr zum Massen-Event geworden, bei dem es vor allem um hohe Teilnehmerzahlen geht. Sicher, es gibt auch die Weltrekord-Läufer, aber als Breitensportler möchte man auch nicht mit der Masse rumtrudeln. Im letzten Jahr habe ich Läufer gesehen, die auf der Strecke mit ihrem Smartphone ein Selfie gemacht haben. Das finde ich schon ziemlich schade.

Wilfried Köhnke läuft bereits seit seiner Jugend
Bild: rbb|24/Daniel Tautz

Wie sind Sie damals zum Laufen gekommen?

Ich bin im Rheinland zwischen Köln und Bonn groß geworden. Da war ich auch in meinem ersten Sportverein und hab mit dem Laufen angefangen. 1969 kam ich dann nach Westberlin und nahm an den sogenannten Volksläufen teil – 10, 12, 15 Kilometer. Aber als 1974 der erste Berlin-Marathon stattfand, dachte ich mir: 'Du bist doch nicht bescheuert und läufst 42 Kilometer.' Ein Jahr später habe ich es dann aber doch versucht und gerade so durchgehalten.

Und seitdem sind Sie drangeblieben. Was treibt Sie an?

Ich bin gelernter Industriekaufmann und habe mein Leben lang in der Buchhaltung gearbeitet. Deshalb lasse ich mich unglaublich von Zahlen faszinieren. So habe ich auch angefangen, über meine Läufe Statistik zu führen. Und nach den ersten Marathons wollte ich erst zehn haben, dann zwanzig. Diese Marathonläufe zu sammeln, das hat mich immer weiter motiviert. Früher habe ich die in einem kleinen, grünen Notizbuch festgehalten, später dann in einer Excel-Tabelle. Niemand ist den Marathon so oft gelaufen wie ich. Mein einziger Ausfall war 1982, da hatte ich mich verletzt.

Dann waren Sie ja auch zur Zeit der Wende dabei. Welchen Einfluss hatte das auf den Marathon?

Der Unterschied zwischen '89 und '90 war schon groß. Es war für alle Läufer immer ein Ziel, auch mal durchs Brandenburger Tor laufen zu können. Sonst sind wir ja immer vor dem Reichstag gestartet und haben das Wahrzeichen nur hinter der Mauer gesehen. Und 1990 hat sich dieser Traum dann endlich erfüllt. Ich war natürlich nicht der erste, der durchlief. Aber das war schon ein prägendes Erlebnis. Ich hätte vor '89 gern mal an einem Lauf drüben teilgenommen, aber das hätte die DDR nicht gern gesehen.

Wie haben Sie den Mauerfall außerhalb des Sports erlebt?

Tatsächlich wollte ich gerade laufen gehen, als die Pressekonferenz von Günter Schabowski im Fernsehen lief. So richtig begreifen konnte ich das da aber noch nicht. Erst am nächsten Morgen um fünf bekam ich in den Nachrichten mit, was passiert war. Da habe ich vor der Arbeit zwei Flaschen Sekt gekauft und mit meinen Kollegen angestoßen.

Wilfried Köhnke nahm bereits beim 2. Berlin-Marathon im Jahr 1975 teil.
Bild: rbb|24/Daniel Tautz

Im Laufe der Jahre haben Sie auch an Marathons in der ganzen Welt teilgenommen. Worin lag für Sie der Reiz?

Eigentlich fing das mit Boris Becker an. Der hatte 1986 in Paris, Sydney und Tokio bei Tennisturnieren gesiegt. Da schrieb die Zeitung, dass es nur selten vorkomme, dass ein Sportler in so kurzer Zeit auf so vielen Kontinenten gewinnt. Das hat mich angespornt. 1991 ging ich im australischen Canberra an den Start, von '92 bis '94 lief ich in New York. 1996 folgte dann der Marathon in Hongkong und ein Jahr später machte ich im südafrikanischen Johannesburg die fünf Kontinente voll. Und dazwischen: natürlich immer wieder in Berlin.

Da bleibt natürlich die Frage: Welche Strecke macht am meisten Spaß?

Das kann man nicht so einfach sagen. Der New Yorker Marathon ist der größte weltweit, das ist natürlich beeindruckend. Aber in Australien, in Orange City, bin ich mit rund 100 Läufern über die Landstraße gelaufen, vorbei an Pferden, Kühen und Schafen. Das ist natürlich was anderes als Häuserschluchten. Aber Berlin ist einfach meine Heimatstrecke, hier kenn' ich mich aus.

Als Dauer-Teilnehmer beim Marathon hat Köhnke sogar seine eigene Startnummer: die 415.
Bild: rbb|24/Daniel Tautz

Was nehmen Sie sich für dieses Jahr vor?

Also meine beste Zeit hatte ich im Jahr 1985 mit 2:44 Stunden. Insgesamt bin ich 17-mal unter drei Stunden gelaufen, für einen Breitensportler ist das schon erstrebenswert. Aber davon ist heute natürlich keine Rede mehr. Im letzten Jahr waren es schon knapp über vier Stunden, so wird es wohl auch in diesem Jahr sein. Aber ich trainiere gerade fünf bis sechs Tage die Woche und hoffe natürlich auf eine gute Zeit.

Mit 44 Teilnahmen sind Sie ja jetzt schon kaum noch einzuholen. Wie lange wollen Sie noch weiterlaufen?

Ob ich noch den 50. Berlin-Marathon schaffe, weiß ich nicht. In meinem Alter fängt man an, von Jahr zu Jahr zu denken. Es ist noch nicht lang her, dass ich meinen 100. Marathon gelaufen bin. Freunde von mir haben ein Transparent gemalt und entlang der Route auf mich gewartet. Da hab' ich dann auch mal ein Foto auf der Strecke gemacht – aber kein Selfie.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Interview mit Wilfried Köhnke führte Daniel Tautz, rbb|24.

Sechsmal die Woche trainiert der 71-Jährige vor einem Marathon.
Bild: rbb|24/Daniel Tautz

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6 Kommentare

  1. 6.

    Hallo Herr Köhnke,
    beim 50. stehe ich garantiert an der Strecke mit einem Plakat.
    Ich freue mich schon. A.S.

  2. 5.

    Es ist einfach ein schöner Moment, und das „Teilen“ dieses Momentes ist halt heutzutage wichtig geworden. Lieber Herr Köhnke: Als Sportsmann sollte man doch „leben und leben lassen“, denn selbst Selfie-Macher sind dennoch bewundernswerte Marathonis. Viel Glück für Sie weiterhin, und „Daumen hoch“ für Ihre Disziplin, Leistung und das Durchhaltevermögen.

  3. 4.

    Es ist einfach ein schöner Moment, und das „Teilen“ dieses Momentes ist halt heutzutage wichtig geworden. Lieber Herr Köhnke: Als Sportsmann sollte man doch „leben und leben lassen“, denn selbst Selfie-Macher sind dennoch bewundernswerte Marathonis. Viel Glück für Sie weiterhin, und „Daumen hoch“ für Ihre Disziplin, Leistung und das Durchhaltevermögen.

  4. 3.

    Es ist einfach ein schöner Moment, und das „Teilen“ dieses Momentes ist halt heutzutage wichtig geworden. Lieber Herr Köhnke: Als Sportsmann sollte man doch „leben und leben lassen“, denn selbst Selfie-Macher sind dennoch bewundernswerte Marathonis. Viel Glück für Sie weiterhin, und „Daumen hoch“ für Ihre Disziplin, Leistung und das Durchhaltevermögen.

  5. 2.

    Bin bei 16x angelangt. Aber Fotos habe ich auch schon gemacht. Für meine Lauffreunde in Tansania. Ich unerstütze dort 3 Familen und etliche davon sind Läufer und die wollen immer Laufbilder von ihrem Babu ( Großvater )..

  6. 1.

    Wahnsinn!
    Wirklich bewundernswert und ich drücke die Daumen für No. 50.

    Ich wäre schon stolz, es auch nur 1 x zu schaffen. Leider benötige ich dafür aber guten sportmedizinischen Beistand, der ist nicht so leicht zu finden. Dabei ginge es mir auch um eine "gute Sache" im Sinne der "Lupus-Läufe", wie sie gerade in den USA gang und gäbe sind. Morgen ist die "Vital Berlin", vielleicht komme ich da dem Ziel näher, mal nicht nur Anzufeuern (wobei das auch immer riesen Spaß bereitet, weil die Stimmung an der Strecke so klasse ist).

    Vielleicht sehe ich ja Hrn. Köhnke :). Für ihn: einen super Lauf und viel Spaß!

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