Innen- und Sportsenator Andreas Geisel (SPD) bei einer Pressekonferenz zu den Finals 2019 (Bild: dpa)
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Audio: Inforadio | 02.08.2019 | Interview Andreas Geisel | Bild: dpa

Interview | Innensenator Geisel vor den "Finals" - "Berlin kann große Sportereignisse"

Es ist ein Sport-Höhepunkt des Sommers: Zehn Deutsche Meisterschaften finden am Wochenende erstmals zeitgleich bei den "Finals" in Berlin statt. Sportsenator Andreas Geisel über Vorbilder für die Jugend - und Olympische Spiele in der Hauptstadt.

rbb: Herr Geisel, was werden Sie sich bei den "Finals" anschauen?

Andreas Geisel (SPD): Ich bin das ganze Wochenende unterwegs - und fange bei den Kanuten an der Oberbaumbrücke an. Danach gehe ich in die Max-Schmeling-Halle zum Mehrkampf der Männer (Anm. d. Red.: im Turnen), in die SSE an der Landsberger Allee zum Schwimmen, mache dort eine Siegerehrung - und schaue am Samstag noch am Wannsee vorbei, da sind die Triathleten unterwegs. Am Sonntag fange ich beim Bogensport an. Ich bin beim Familienfest des Landessportbundes, da kommen 80.000 Menschen hin. Und ich bin noch im Olympiastadion bei der Leichtathletik.

Was versprechen Sie sich von diesem Sport-Event für Berlin und für die Berliner?

Wir sprechen immer von der Sportstadt oder Sportmetropole Berlin. Das hat den Hintergrund, dass die Berlinerinnen und Berliner sportbegeistert sind. 600.000 sind hier allein in der Stadt in Vereinen organisiert. Und da gehört Spitzensport dazu. Breitensport funktioniert nicht ohne Spitzensport, weil sie Helden brauchen, denen man nacheifert. Deshalb haben solche nationalen und internationalen Ereignisse einfach eine herausragende Bedeutung.

Das ist aber doch auch der tiefenpsychologische Ansatz des Dr. Geisel. Nach dem Motto: Wenn ich den Berlinern jedes Jahr so ein tolles Event serviere - 2018 die Leichtathletik-EM, 2019 die "Finals" - dann sind die spätestens in drei Jahren weichgekocht und wollen Olympia, oder?

Berlin kann große Sportereignisse. Die Berliner mögen das. Am Anfang sind sie immer ein bisschen skeptisch - und ehrlich gesagt bin auch ich das und habe die Befürchtung, ob wir denn genügend Karten verkaufen und das wirklich alle sehen wollen. Bei den "Finals" jetzt am Wochenende muss man sagen, dass schon im Vorverkauf 30.000 Tickets verkauft wurden. Das ist für Deutsche Meisterschaften ewiger Rekord. Das hat es noch nie gegeben. Und wenn wir dann nochmal so viele an die Sportstätten kriegen, ist das schon was Besonderes.

Bei den 'Finals' muss man sagen, dass schon im Vorverkauf 30.000 Tickets verkauft wurden. Das ist für Deutsche Meisterschaften ewiger Rekord. Das hat es noch nie gegeben. Und wenn wir dann nochmal so viele an die Sportstätten kriegen, ist das schon was Besonderes.

Andreas Geisel

Na, das ist doch eine gute Werbung für Olympia ...

Wenn wir über Olympia reden, brauchen wir vor allem ein Bekenntnis der Bundesregierung. Was wir nicht machen werden ist eine Städtebewerbung Berlins - möglichst noch in Konkurrenz zu Hamburg oder zu Nordrhein-Westfalen. Dann streiten wir uns mit denen und die Bundesregierung sagt hinterher, so haben wir es nicht gemeint. Da haben wir schon Erfahrungen mit dem Scheitern gemacht. Das wollen wir nicht noch einmal wiederholen.

Der Bundesinnenminister Horst Seehofer hat ja auch schon gesagt, Berlin 2036 - was Sie sich ja überlegt hatten - wird nichts hundert Jahre nach den Nazi-Spielen. Sie haben da eine andere Ansicht. Wie können Sie denn den Bundesinnenminister und auch andere Bundesländer auf Ihre Seite ziehen - oder muss es dann eben 2032 sein oder 2040?

Sie müssen für eine erfolgreiche Bewerbung eine Geschichte erzählen können. Da gehört zunächst einmal dazu, dass es keine Gigantomanie geben darf. Es müssen nachhaltige Spiele sein. Was ich nicht will sind vier Wochen Spaß, dafür Milliarden ausgeben - und wir sitzen dann noch jahrelang auf den Kosten. Nachhaltig heißt, dass wir auf vorhandene Sportanlagen zurückgreifen können müssen. Das kann Berlin. Wir haben die Sportanlagen. Wir können auch jetzt die "Finals" - zehn Meisterschaften - einfach mal so stemmen, ohne zusätzliche Investitionen, weil wir die Infrastruktur dafür haben. Wenn man das also anders und nachhaltiger angeht, haben wir - glaube ich - mehr Erfolg und Rückhalt bei der Bevölkerung, als wenn wir uns in das übliche Vergabeverfahren des IOC einreihen.

Und die Bundesregierung und die anderen Bundesländer ...

Wenn Herr Seehofer sagt, dass wir nicht hundert Jahre Nazi-Spiele feiern können, hat er recht. Denn wenn man mit dieser Ansicht herangehen würde, ist die Sache von Anfang an tot. Man kann es aber auch genau andersherum erzählen, dass hundert Jahre nach dem größten Missbrauch einer solchen sportlichen Großveranstaltung durch die Nationalsozialisten Deutschland ein total anderes Land ist. Weltoffen, bunt, tolerant. Dieses andere Deutschland präsentieren wir der Welt.

Also dann: Olympiabewerbung 2032, 2040 - Sie geben es nicht auf?

Ich finde, Deutschland muss sich mal bekennen und solche sportlichen Großveranstaltungen nicht immer nur Ländern mit autokratischen Regierungen überlassen. Deutschland wird irgendwann mal springen müssen. Was nicht geht, ist zu sagen: Wir wollen alle nur Breitensport haben. Dann haben wir aber keine Helden. Und wenn dann Olympische Spiele oder Weltmeisterschaften stattfinden, wird ganz genau der Medaillenspiegel gezählt und kritisiert, dass Deutschland nicht mehr im Spitzenfeld ist. Das geht nicht. Wir brauchen solche Veranstaltungen, wenn wir Vorbilder für die Jugend haben wollen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Sabine Dahl für das rbb-Inforadio. Es handelt sich um eine gekürzte und redigierte Fassung. Das komplette Interview können Sie hören, wenn Sie im Artikelbild auf den Playbutton klicken.

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2 Kommentare

  1. 1.

    Weshalb nicht 2036? Die Bewerbung auf 1936 kam doch nicht von Hitlerpartei, er hat nur ausgerichtet, ohne Sanktionen.
    Die Bewerbung war doch vor dem 3rd Reich. Ausserdem waren 1936 die ersten olympischen Spiele mit TV-Übertragung, warum soll das kein Jubiläum wert sein?

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