Fußballprofi Lennart Czyborra (Quelle: imago images/Sportimage)
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Interview | Lennart Czyborra - "Man denkt schon darüber nach, einfach nach Hause zu fahren"

Es war alles wie im Traum. Im Winter wechselte der Wandlitzer Fußball-Profi Lennart Czyborra in die Serie A zu Atalanta Bergamo. Nun ist er plötzlich im europäischen Epizentrum der Corona-Pandemie. Ein Interview über die Lage, Angst und Einsamkeit.

Was Sie jetzt wissen müssen

rbb|24: Herr Czyborra, wie viele besorgte Anrufe und Nachrichten erreichen Sie in diesen Tagen und Wochen - ob aus der Brandenburger Heimat oder von ehemaligen Mitspielern?

Lennart Czyborra: Generell sind es schon sehr, sehr viele Nachrichten. Besonders auch von meiner Familie, die macht sich viele Gedanken. Natürlich meldet sich auch meine Freundin und ehemalige Mitspieler, mit denen ich in Holland oder bei Schalke, aber auch ganz früher bei Union, Hertha oder Cottbus gespielt habe. Alle haben irgendwie mitbekommen, dass ich jetzt nach Italien und nach Bergamo gegangen bin - und genau hier ist jetzt dieses sogenannte Epizentrum. Viele dieser Jungs fragen, wie es mir geht.

Was können Sie diesen Anrufern und uns berichten - wie geht es Ihnen aktuell?

Mir geht es trotzdem soweit gut. Ich bin noch nicht infiziert - und hoffe natürlich, dass das auch so bleibt. Dennoch ist das natürlich schon eine dramatische Situation.

Die Bilder sind teilweise kaum auszuhalten, die in der Corona-Krise aus Norditalien in die Welt gehen. Und Bergamo ist besonders hart getroffen. Die Rede ist vom Wuhan Italiens. Vor einigen Tagen war etwa das Video von Militärfahrzeugen zu sehen, die Leichen aus der Stadt abtransportieren müssen. Wie nehmen Sie die Lage wahr?

Es ist schon eine Situation, die hatte ich noch nie in meinem Leben - und denke, dass das anderen ähnlich wie mir geht. Auf den Straßen läuft fast gar keiner und wenn doch, dann komplett ausgestattet mit Mundschutz, Handschuhen und allem drum und dran. Persönlich habe ich die Leichenwagen nicht gesehen, aber durch das Fernsehen, durch die sozialen Medien und auch die Zeitung bekommt man viel mit. Vielleicht sogar noch einen Tick mehr als in Deutschland. Wie es den Menschen in Bergamo geht, kann ich nicht wirklich sagen. Ich habe wenig zu tun mit Leuten außerhalb des Vereins und kenne wenige, weil ich ja erst seit sechs Wochen hier bin. Mit den Mitspielern bin ich in Kontakt. Wir schreiben darüber. Und natürlich sprechen wir alle eine Sprache. Das ist sehr, sehr traurig, wenn man sieht, was hier geschieht und passiert. 

Gibt es bei Ihnen selbst Momente der Angst - vielleicht auch solche, in denen Sie gerne einen Koffer packen und einfach nach Wandlitz fahren würden?

Ja, zu 100 Prozent. Sehr, sehr oft sogar. Ich bin hier - wie schon angesprochen - neu und alleine in Bergamo. Ich habe ja hier noch kein gefestigtes Umfeld. Meine Familie ist zuhause, meine Freunde sind zuhause, meine Freundin ist zuhause. Ich kenne hier so gut wie niemanden und zu Anfang passiert dann direkt so etwas. Da denkt man schon das ein oder andere Mal darüber nach, einfach nach Hause zu fahren.

Sie sind erst zur Rückrunde aus der holländischen Eredivisie von Almelo zu Atalanta Bergamo gewechselt, sprich: Sie kennen ihre neue Heimat und ihr neues Team noch gar nicht so gut. Vermutlich - korrigieren Sie mich - muss auch der Italienisch-Lernprozess erst angeschoben werden. Droht da manchmal das Gefühl von Einsamkeit?

Absolut. Ich bin komplett alleine hier und habe nichts zu tun. Wirklich nichts zu tun. Ich halte mich mit dem Sport ein bisschen fit, aber den ganzen Tag machst du halt auch keinen Sport. Es wäre nach so einer kurzen Zeit schon schön, wenn ich jemanden hier hätte. Aber gerade bin ich natürlich gleichzeitig froh, dass niemand aus meinem näheren Umfeld in diesem Epizentrum ist.

Wie nehmen Sie den Umgang der Menschen mit der Krise wahr. Die Balkon-Konzerte der Italiener zum Beispiel hat man sich in Deutschland zum Vorbild genommen. Haben Sie diese Momente auch selbst erlebt?

Ja. Immer um 18 oder 19 Uhr gehen Leute auf ihre Balkone und spielen ein Instrument, das sie können. Und wenn sie eben keins können, dann gehen sie raus gucken einfach nur zu, klatschen, spielen Triangel oder irgendetwas. Das ist natürlich ein Zeichen der Solidarität, das jeder Bürger ausdrücken will.

An Fußball ist in der Situation selbstverständlich nicht zu denken. Wie sieht ein typischer Tag bei Ihnen aus - wie halten Sie sich fit?

Ich schlafe aus, denn ich habe zurzeit ja keine sozialen Verpflichtungen. Danach gehe ich direkt aufs Laufband und mache ein bisschen Home-Workout. Das versuche ich jeden Tage durchzuziehen, damit ich in meinem Rhythmus bleibe. Danach dusche ich, mache mir was zu essen und dann beginnt schon der sogenannte Couch-Nachmittag. Mit Netflix-Filmen und -Serien und FIFA und Fortnite.

Danach dusche ich, mache mir was zu essen und dann beginnt schon der sogenannte Couch-Nachmittag. Mit Netflix-Filmen und -Serien und FIFA und Fortnite.

Lennart Czyborra

Da geht es dem Fußball-Profi dann nicht groß anders als jedem anderen ...

Das stimmt. Mir sind die Hände gebunden. Man kann nichts anderes machen.

Bevor das Virus ausbrach, wurde auch über Bergamo gesprochen. Weil Atalanta ein Fußball-Märchen schrieb. Vierter in der Serie A, Valencia im Achtelfinale der Champions League rausgehauen. Und dieser Verein wollte Sie nun haben. Wie war es - um an bessere Zeiten zurückzudenken, als dieses Angebot kam?

Das war ein unbeschreibliches Gefühl. Als ich gehört habe, dass so ein großer Klub mich will, konnte ich das zum Anfang gar nicht glauben. Ich habe in Holland gespielt und dann so eine Nachricht zu bekommen und ein Angebot von einem Erstligisten aus der italienischen Serie A zu erhalten, ist natürlich unglaublich. Und die spielen auch noch in der Champions League. Das kommt dann natürlich noch on top!

Bis vor ein paar Wochen haben Sie - der einstige Jugendspieler von Union Berlin, Hertha BSC und Energie Cottbus - also vermutlich Ihren absoluten Traum gelebt...

Ja. Ich denke mal, da spreche ich jetzt für viele Fußballer: Es ist schon das Ziel von jedem, mal in einer der Top-5-Ligen in Europa anzukommen. Also sei es jetzt Deutschland, Spanien, Frankreich, England oder eben Italien. Einmal da zu spielen in der höchsten Spielklasse, ist natürlich schon unbeschreiblich. 

Gespielt haben Sie noch nicht. Wie lief der Start - vor der Krise?

Der generelle Plan mit mir ist ja ohnehin gewesen, dass Atalanta mich im Winter holt und ich bis zum Sommer aufgebaut werde. Dass ich Zeit bekommen, die Sprache zu lernen und die Abläufe kennenzulernen. Das ist ja schon nochmal was anderes als in Deutschland oder Holland. Ab Sommer werden wir dann weitergucken.

Wie ist momentan der Zeitplan in Absprache mit dem Verein: Wann hoffen und glauben Sie, wieder mit Ihren Teamkollegen auf dem Platz stehen zu können und vielleicht sogar Spiele bestreiten zu können?

Wir haben jetzt schon zwei, drei Mal in unserer Teamgruppe angesprochen, wann unser Trainingsbeginn wieder sein soll. Der wurde dann immer wieder nach hinten verschoben. Der nächste Treffpunkt ist am 4. April. Da soll unser Training weitergehen. Ob das dann natürlich wieder verlegt wird, weiß man noch nicht. Aber wie gesagt: Das ist der aktuelle Stand. Und was die Spiele betrifft, haben wir als Spieler absolut keine Meldung. 

Wie wichtig ist - gerade in diesen schweren Zeiten - die Vorfreude auf den ersten Pflichtspiel-Einsatz im Atalanta-Trikot?

Ja, schon wichtig. Daran kann ich mich auf jeden Fall aufziehen, weil ich bis jetzt noch kein Spiel für Atalanta gemacht habe. Sich das vorzustellen und im Kopf zu haben, sein Debüt für so einen großen Klub zu geben, ist natürlich schön. Aber erstmal gibt es viel Wichtigeres als Fußball. Das Thema jetzt ist es, den Virus zu bekämpfen und zu versuchen, die Verbreitungsgeschwindigkeit zu reduzieren. Da steht der Fußball hintenan.

Vielen Dank für das Gespräch - und bleiben Sie gesund!

Das Interview führten Johannes Mohren und Astrid Kretschmar, rbb Sport.

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