Hertha-Spieler Jordan Torunarigha liegt angeschlagen auf dem Platz und muss behandelt werden. (Quelle: imago images/Eibner)
Audio: Inforadio | 19.04.2020 | Stephanie Baczyk | Bild: imago images/Eibner

Möglicher Bundesliga-Wiederbeginn - Potsdamer Professor warnt vor Verletzungsrisiko

Hertha BSC und der 1. FC Union sind seit zwei Wochen zurück auf dem Trainingsplatz. Dass Zweikämpfe nach wie vor tabu sind, könnte mit Blick auf den möglichen Bundesliga-Restart im Mai Folgen haben. Das Verletzungsrisiko steigt. Von Stephanie Baczyk

Bruno Labbadia erinnert in seinen ersten Tagen als neuer Trainer von Hertha BSC an einen Tüftler. "Wir müssen ja auf drei verschiedenen Plätzen trainieren", beschreibt er die aktuelle Trainingssituation in Zeiten von Corona im Skype-Interview. "Wir müssen Gruppen wechseln. Aber es ist ja klar, dass die Gruppen sich dann manchmal begegnen könnten." Also lässt Labbadia Laufwege einstudieren. Koordination ist alles, Hertha sei "jeden Tag im Austausch mit dem Senat", so der 54-Jährige.

Nach dem wochenlangen Fithalten im Homeoffice geht es jetzt auf dem Rasen ums Improvisieren. Ist beim 1. FC Union im Berliner Osten nicht anders. "Die Herausforderung ist, dass wir eine solche Situation nicht kennen", sagt Unions Coach Urs Fischer. Auch die Eisernen trainieren seit zwei Wochen wieder – wie Hertha in Kleingruppen – und feilen an Ausdauer und Koordination. Mittelfeldmann Christian Gentner vergleicht das Ganze mit einer Art Saison-Vorbereitung, Fischer verweist darauf, dass es wichtig sei, "dass Du irgendwann wieder mit Spielformen und Zweikämpfen arbeiten kannst".

Keine Zweikämpfe, keine Routine

Nur sind Körperkontakt und Zweikämpfe verständlicherweise strikt tabu – und genau dieser Aspekt könnte mit Blick auf eine mögliche Wiederaufnahme des Ligabetriebs im Mai problematisch werden. "Wenn Sie über Wochen hinweg keinen Gegnerkontakt mehr hatten und im Moment in den Kleingruppen nicht haben, dann kann das am Ende des Tages dazu führen, dass das Verletzungsrisiko trotz guter Fitness steigt", sagt Urs Granacher, der Leiter der Professur für Trainings- und Bewegungswissenschaft an der Universität Potsdam.

Der typische Rhythmus, die Routine im Eins gegen Eins fehlt den Profis – das macht es bestimmten Prozessen, die eigentlich unterbewusst ablaufen, schwer. "Das sind einerseits Feedforward-Mechanismen, die im zentralen Nervensystem ablaufen", erklärt Granacher. "Hier antizipiere ich Situationen mit höchster Genauigkeit und Geschwindigkeit. Und auf der anderen Seite Feedback-Mechanismen. Die greifen, wenn der Gegnerkontakt schon stattgefunden hat. Wenn eine Situation entsteht, in der ich einen Störreiz – durch den Gegner – kompensieren muss." Um beispielsweise einen Kreuzbandriss zu vermeiden.

Auch Labbadia ist skeptisch ob des Mai-Starts

Granacher sieht das 'Bald-wieder-professionell-Fußballspielen' kritisch, spricht von sieben bis zehn Tagen Zeit, die man den Profis für eine spezifische Vorbereitung geben sollte. "Das ist zwingend notwendig." Mögliche Verletzungen beschäftigen derweil auch Bruno Labbadia. "Was für mich nicht machbar wäre: wenn wir am 5. Mai sagen, jetzt können wir in den Wettkampfmodus", sagt er. "Und würden am 16. Mai Fußball spielen und sollen dann garantieren, dass wir ein gutes Fußballspiel sehen und sich unsere Spieler nicht reihenweise verletzen – weil sie bis dahin sechs Wochen keinen Wettkampfmodus gehabt haben."

"Diese Spielfitness, die Du Woche für Woche hast, wenn Du elf gegen elf spielst und vor allem am Wochenende den Wettkampfmodus – diese Fitness geht Dir verloren", weiß auch Unions Christian Gentner. "Die kannst Du nicht eins zu eins durch Dein Training alleine zu Hause simulieren." Einige Profis hätten im Homeoffice zudem fitnessmäßig abgebaut. "Ich glaube, ich bin verhältnismäßig fit zurückgekommen, aber der ein oder andere hat sich da schwerer getan – auch ligaweit", so Gentner.

Fahrradergometer vs. Fußballfeld

"In der ersten Phase haben sich die Profis ja in ihrem Cybertraining zusammengeschaltet, das ist, glaube ich, auch ganz gut gelaufen", sagt Urs Granacher. "Die Fitnesscoaches haben Übungen angeboten, Fahrradergometer wurden zur Verfügung gestellt. Das ist aber nur eine Möglichkeit für eine gewisse Zeit, so zwei bis drei Wochen." Die hohen Intensitäten lassen sich zu Hause auf dem Heimtrainer noch gut umsetzen, die für den Fußball typischen Vollsprints allerdings nicht. "Auf dem Fahrradergometer arbeiten sie nur ganz bedingt gegen die Schwerkraft an, auf dem Fußballfeld haben sie aber natürlich immer ihre eigene Körpermasse, die sie beschleunigen müssen", so Granacher. "Das ist ein ganz anderer Belastungsreiz."

Ob tatsächlich im Mai wieder Fußball gespielt wird, steht noch nicht fest. Was fest steht: Die Berliner Bundesligisten basteln an einer ordentlichen Vorbereitung für den Tag X. So gut es eben geht.

Sendung: "Abseits" im rbb Inforadio, 19.04.2020, 6:04 Uhr

Beitrag von Stephanie Baczyk

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4 Kommentare

  1. 4.

    Es ist unglaublich dass der Fussball so hofiert wird wiedereinmal. Mit welchem Recht. Man sollte Klinik- und Altenheimpersonal testen und diese Testkapazitäten nicht an Fussball verschwenden.
    Man kann ja vor leeren Rängen spielen wollen, aber was ist mit den Anhängern die sich wohl vorm Stadion oder in der Stadt treffen werden.
    Für mich einfach unfassbar.

  2. 3.

    Während einer Pandemie überhaupt an Fussballspiele zu denken..... nicht nachvollziehbar. Wie immer eine Sonderrolle, Testkapizitäten unötig binden, riskieren, dass sich Menschen privat zum Fussball-TV treffen - wunderbar - freienn Lauf für Infektionsketten. Aber Altenheime, medz. Personal oder Personen aus systemrelevantenen Berufsgruppen werden nicht getestet. Hier sieht man, wie asozial sich die Gesellschaft verhält, insbesondere die DFL - Wir werden bald italienische Verhältnisse haben, aber dies ist anscheinend gewollt.

  3. 2.

    Bei Nichteinhaltung des Sicherheitsabstands sofort die rote Karte.
    Damit wird ein Verletzungsrisiko drastisch gemindert, Herr Professor.
    In einem leeren Stadion mit sehr wenigen Spielern? Wer denkt sich so etwas nur aus... :-)

  4. 1.

    Für Millionen von Euro ein Verletzungsrisiko? Nein? Doch! Oh!

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