Füchse-Trainer Michael Roth. / imago images/Bernd König
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Interview | Füchse-Trainer Michael Roth - "Das Virus wird in den Köpfen hoffentlich etwas freisetzen"

Erst Ende Februar kam Michael Roth als Trainer zu den Füchsen Berlin. Als Übergangslösung bis zum Sommer. Drei Spiele coachte er, dann folgte die Corona-Pause. Auch Roth selbst infizierte sich. Ein Gespräch über turbulente Zeiten, die Erkrankung - und seine Zukunft.

Was Sie jetzt wissen müssen

rbb|24: Herr Roth, die erste Frage gilt natürlich Ihrem persönlichen Befinden. Sie waren mit dem Coronavirus infiziert und in Quarantäne. Wie geht es Ihnen?

Michael Roth: Mir geht es eigentlich ganz gut. Ich spüre immer noch leichte Erschöpfungszustände. Wenn ich mich mal mehr bewege, merke ich schon, dass der Körper noch ein bisschen Erholung braucht. Aber prinzipiell bin ich gerade guter Dinge.

Wie haben Sie die zwei Wochen an sich verlebt?

Für mich war es noch relativ angenehm. Meine Ehefrau und meine zwei Söhne mussten die Quarantäne mit mir gemeinsam machen. Ich war also nicht ganz alleine, sondern wir konnten uns zumindest ein bisschen unterhalten. So hatte ich noch gute Beschäftigung und zudem eine Ehefrau, die hervorragend kocht. Von daher ging es eigentlich gut. (lacht)

Die sportliche Situation bei den Füchsen Berlin ist in Ihrem Fall fast schon ein bisschen skurril. Sie haben Ende Februar den entlassenen Velimir Petkovic abgelöst und sollten übergangsweise bis zum Sommer bleiben, bis Jaron Siewert - wie schon lange geplant - den Job übernimmt. Bis zur Corona-Pause haben Sie nun in drei Spielen gecoacht. Vielleicht kommt kein weiteres mehr dazu. Wie gehen Sie mit dieser Situation um?

Na ja, ich glaube, die letzten vier oder fünf Wochen in meinem Leben sind irgendwann mal aufschreibenswert. Ich bin von null hier in Hamburg losgefahren Richtung Berlin. Zwei Tage später hatte ich schon ein ganz wichtiges Europapokal-Spiel mit meiner Mannschaft. Wieder zwei Tage später haben wir in Düsseldorf Bundesliga gespielt (Anm. d. Red.: beim Bergischen HC) und kurz danach zu Hause gegen Flensburg. Das war eine sehr, sehr turbulente Zeit. Sie hat mir unheimlich Spaß gemacht, weil ich das Gefühl gehabt habe, dass da in kurzer Zeit was zusammenwachsen kann. Wir hatten natürlich auch sportliche Ziele - hauptsächlich mit dem Final Four im EHF-Pokal. Das ist jäh unterbrochen. Aber in dieser Gesamtsituation wäre es jetzt idiotisch, das auf meine Person zu reduzieren. Es ist für alle Vereine der Handball-Bundesliga gerade ganz schwierig zu überleben. Da geht es jetzt nicht um mich. Aber es war natürlich eine unheimlich intensive Zeit.

Logischerweise gilt gerade für alle Lebensbereiche und auch Unternehmen, dass keiner so wirklich Planungssicherheit hat. Dennoch: Inwiefern gibt es vielleicht doch mit den Füchsen oder anderen Vereinen Gespräche, wie es für Sie weitergehen kann?

Momentan denken glaube ich eher wenige Vereine daran, Leute noch neu einzustellen. Da gibt es ganz andere Probleme, die zu bewältigen sind. Meine Aufgabe ist es, als Trainer der Füchse bis zum 30.6. die Verantwortung zu tragen, dass wir sportlich mit der Mannschaft das Optimale machen. Es ist wichtig, dass man optimistisch bleibt und - wenn die Saison zu Ende gespielt wird - auch vorbereitet ist. Das ist das einzige, was man gerade machen kann.

Ich war eine Woche ausgeknockt. Da war ich erstmal nicht bereit und willens, groß zu telefonieren und mir über irgendetwas Gedanken zu machen. Ich war auch beschäftigt mit der Krankheit. Wenn man den ganzen Tag Nachrichten sieht und mitbekommt, was alles Schlimmes passieren kann, macht man sich natürlich Sorgen.

Michael Roth

Sie haben das Final Four im EHF-Pokal bereits angesprochen. Das wurde auf den 29./30. August verschoben. Die Füchse sind noch im Wettbewerb und wollen als Ausrichter natürlich die Endrunde erreichen. Ihr Vertrag endet am 30. Juni. Ist es denn ein Szenario, dass man dann sagt: Sie betreuen den Verein doch darüber hinaus im EHF-Pokal und die Füchse hätten womöglich zwei Trainer zur gleichen Zeit?

(lacht) Na ja, das ist ja das Skurrile. Mein Vertrag endet am 30.6. - damit habe ich mich auseinandergesetzt und das war auch nie anders besprochen. Wenn das EHF-Pokal-Finale wirklich im August gespielt werden sollte, macht das deshalb mein Kollege Jaron. Ich werde ihn natürlich unterstützen, aber dann nur von der Tribüne aus. Das werde ich mir nämlich angucken.

Inwiefern sind Sie aktuell mit der Mannschaft in Kontakt?

Ich war ja eine Woche ausgeknockt. Da war ich erstmal nicht bereit und willens, groß zu telefonieren und mir über irgendetwas Gedanken zu machen. Ich war auch beschäftigt mit der Krankheit. Wenn man den ganzen Tag Nachrichten sieht und mitbekommt, was alles Schlimmes passieren kann, macht man sich natürlich Sorgen. Da bin ich sehr respektvoll mit umgegangen. Aber jetzt bin wieder fit und habe seit zwei, drei Tagen intensive Telefongespräche mit den Spielern geführt. In erster Linie geht es auch darum, Interesse zu zeigen, wie es den Spielern geht und was sie gerade alle so machen. Nächste Woche werden die Entscheidungsträger - Bob Hanning, Stefan Kretzschmar und ich - eine Telefonkonferenz machen, um verschiedene Szenarien durchzuspielen. Meine Aufgabe ist es dann, Pläne zu entwickeln für den Fall, dass es weitergeht - oder eben auch nicht. Weil letztendlich können wir ja Spieler im Leistungssport nicht über drei Monate nicht organisiert bewegen.

Wie sehen denn diese möglichen Szenarien aus, die Sie gerade mit Blick auf Training und sonstige Aktivitäten durchspielen?

In erster Linie sind die Leistungssportler - meine Spieler - auch Menschen. Sie haben auch alle Familien und machen sich Sorgen. Es gibt Spieler, die gerade in Kroatien sind und da automatisch 14 Tage in Quarantäne waren. Ich habe mit Jakov Gojun telefoniert, der ganz alleine war, weil seine Familie nicht dazu durfte. Inzwischen ist sie dabei. Wir haben gegenüber unseren Mitarbeitern und ich gegenüber meinen Spielern eine Fürsorgepflicht. Das heißt auch zu sehen: Wie geht es ihnen mental? Und sobald klar wäre, dass wir - egal wie - wieder trainieren können und die Saison vielleicht zu Ende gespielt wird, müssen wir auch vorbereitet sein. Das mache ich als Trainer, indem ich versuche, die Spieler über unsere Szenarien zu informieren. Sobald Dinge wieder leicht geöffnet werden, werden wir uns natürlich auch treffen und gemeinsam mit den Möglichkeiten, die man aus der Kurzarbeit heraus hat, etwas tun. 

Viele Spieler haben sich - wegen der finanziellen Nöte der Vereine - dazu bereiterklärt, auf einen Teil ihres Gehalts zu verzichten. Auch bei den Füchsen ist das so. Wie sehr erleichtert es in diesen Zeiten auch die Arbeit eines Trainers, wenn man weiß: Der Verein ist trotz der schwierigen wirtschaftlichen Lage nicht unbedingt in seiner Existenz bedroht?

Die Füchse Berlin sind ein top geführter Verein, der sehr professionell ist. Sie befinden sich in einer Lage, mit der man natürlich auch nicht rechnen konnte - und doch wurde mit Sicherheit in den letzten Jahren ordentlich gehaushaltet, was die Finanzen betrifft. Bob Hanning hat in der Richtung alles im Griff. Aber natürlich ist es auch für ihn und die anderen Verantwortlichen eine schwierige Situation. Ich denke, dass die Füchse Berlin trotzdem einer der Vereine sind, die das noch überleben können und werden. Aber ich könnte mir auch vorstellen, dass es eine längere Zeit dauern wird, in der die Spieler auf gewisse Dinge verzichten müssen. Natürlich auch die Trainer. Wir müssen alle an einem Strang ziehen. Es wird ja nicht von heute auf morgen alles wieder rosig sein, sondern vielleicht ein ganzes Jahr dauern, um diese Krise auch finanziell und wirtschaftlich zu meistern.

Man sieht die Hilflosigkeit und wird mit etwas konfrontiert, das man nicht greifen kann. Man ist abhängig von Experten, die einschätzen, was am Besten ist und was nicht. Das Virus wird in den Köpfen hoffentlich etwas freisetzen - nämlich dass man weiß, wie schnell alles auch vorbeigehen kann.

Michael Roth

Sie haben die Krankheit selbst erlebt und Sie bekommen den Sport in dieser Phase hautnah mit. Gibt es vielleicht am Ende auch irgendetwas, was man aus der Krise mitnehmen kann?

Man sieht die Hilflosigkeit und wird mit etwas konfrontiert, das man nicht greifen kann. Man ist abhängig von Experten, die einschätzen, was am Besten ist und was nicht. Das Virus wird in den Köpfen hoffentlich etwas freisetzen - nämlich dass man weiß, wie schnell alles auch vorbeigehen kann. Das ist für Leute klar, die schon einmal eine schwere Krankheit hatten oder gesundheitlich vorbelastet sind. Wie für mich zum Beispiel, der ich Krebs hatte. Dieses schneller, höher und noch mehr wird sich vielleicht ein bisschen einstellen, wenn man weiß, wie schnell es auch alles anders sein kann.

Zum Abschluss eine schwierige Frage: Glauben Sie, dass Sie in Ihrer Zeit bei den Füchsen noch einmal in einem Pflichtspiel am Seitenrand stehen werden?

Ja, da glaube ich fest dran. Ich bin einfach auch ein optimistischer Mensch, der gerne positive Signale sendet. Wenn es gesundheitlich vetretbar ist - und seien es Geisterspiele - dann wäre Normalität, die so in einem gewissen Maße wieder einkehrt, das Beste für alle. Dass die Zuschauer ihre Mannschaft sehen können, auch wenn es nur im Fernsehen ist. Dass die Spieler wieder das machen können, was sie am liebsten tun, nämlich trainieren und spielen. Und somit vielleicht auch für alle ersichtlich ist, dass man wieder nach vorne schauen kann. 

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Dennis Wiese für das Inforadio des rbb. Es handelt sich um eine redigierte und leicht gekürzte Fassung.

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