Die Kollage zeigt links einen enttäuschten Union-Fan (Bild: imago-images/Bernd König) und rechts einen enttäuschten Hertha-Fan (Bild: imago-images/Camera 4)
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Video: rbb spezial | 14.05.2020 | Torsten Michels | Bild: imago-images/König/Camera 4

Wiederbeginn der Fußball-Bundesliga - Und nun: Stimmung!

66 Tage hat die Fußball-Bundesliga pausiert. Am Wochenende beginnt sie als erste große Sport-Liga der Welt nach der Corona-Unterbrechung. Allerdings mit vielen Debatten und ohne Zuschauer in den Stadien. John Hennig sucht nach Vorfreude.

Ein Gewinner dieser Bundesliga-Saison steht bereits vor den verbleibenden neun Spieltagen fest. Christian Seifert, Chef der Deutschen Fußball Liga, hat es geschafft, den deutschen Profi-Fußball als ersten weltweit wieder auf den Platz zu bringen – lediglich in Weißrussland wurde die Saison während der Corona-Pandemie nicht unterbrochen, die Färöer-Inseln haben ihre Saison gerade zwei Monate später als geplant gestartet.

Argumente sind zur Genüge und Ermüdung ausgetauscht

An diesem Wochenende wird nun der deutsche Fußball das tun, wovon er immer träumt. Im Rampenlicht und nicht etwa im Schatten der englischen Premier League und spanischen La Liga stehen. Die Liga verweist bei Topspielen gerne auf eine Übertragung in knapp 200 Ländern der Welt. Am Samstag gilt zwischen Neuseeland und Hawaii tatsächlich: Wer endlich mal wieder Fußball schauen will, muss Düsseldorf gegen Paderborn oder Hoffenheim gegen Hertha schauen. Kein Manchester City oder United, kein Atletico oder Real Madrid, kein Inter oder AC Mailand.

Die Argumente für und wider den mittlerweile international verständlich Restart genannten Wiederbeginn sind zur Ermüdung ausgetauscht. Der Fußball, angeführt von Seifert, verwies stets darauf, dass es wirtschaftlich nötig sei, weil sonst zahlreiche Vereine finanziell aus dem Gleichgewicht geraten und dank beispielloser Fehlkalkulation mit Fernsehgeldern - die übrigens in allen anderen Sportarten in Deutschland utopisch sind - sogar insolvent gehen könnten. Ein sauber ausgearbeitetes, theoretisch überzeugendes Hygiene-Konzept wurde vorgestellt und gelobt – auch wenn mittlerweile genügend kleine Beispiele den Gesamteindruck vermitteln, dass es am Ende auch nur das ist: ein Konzept. Das für die Politik ausreichende Grundlage war, dem Bezirzen des Fußballs nachzugeben. Aber in der Praxis offenbar eher als grobe Orientierung dient.

Die Gegner verwiesen vor allem auf die Sonderrolle des Fußballs, der eben Sachen darf, die andere – auch Wirtschaftszweige – nicht dürfen.

Treue Fans fühlen sich ausgeschlossen

Nun darf die Bundesliga wieder starten. Doch die Fans, die jahrelang treu in die Stadien kamen, verspüren irgendwie keinerlei Dankbarkeit und Vorfreude. Im besten Fall ist es ihnen egal, doch etwa im Umfeld von Union Berlin herrscht spürbare Resignation. Die Fans fühlen sich ausgeschlossen. "Von freuen kann natürlich keine Rede sein", sagt etwa Sven Mühle vom Eisernen Virus im Gespräch bei Radioeins vor dem eigentlichen Saisonhöhepunkt gegen Rekordmeister Bayern München, "wir sind ja nicht im Stadion." Warten auf Union haben sie die Corona-Pause betitelt - das geht jetzt einfach weiter, sagen sie: "Als Fan möchte man Fußball nicht nur sehen sondern auch fühlen, da kommt der Fußball erst zum Vorschein. Und wenn man Fußball nicht live erleben kann, ist es für mich 'ne nette Unterhaltung im Fernsehen – aber nicht mehr", sagt Mühle stellvertretend.

Die "United Supporters of Europe" [cc97.de | pdf] veröffentlichten einen Aufruf von hunderten Gruppierungen, auch 20 aus Deutschland, mit dem Titel: "Nein zum Fußball ohne Fans!" Sie bitten darin "die UEFA und die nationalen Verbände ausdrücklich darum, den Stopp der Fußball-Wettbewerbe aufrechtzuerhalten, bis volle Stadien wieder ungefährlich für die öffentliche Gesundheit sind".

Auch die allgemeine Zustimmung für den Wiederbeginn der Bundesliga sank zuletzt, laut einer aktuellen Umfrage von Infratest dimap sind nur knapp ein Drittel der Befragten für einen Neustart der Bundesliga, der aktuelle DeutschlandTrend verzeichnet ebenso eine Mehrheit bei den Gegnern, fast zwei Drittel sind gegen Geisterspiele. Vor Wochen, als die Corona-Pandemie auf ihrem vorläufigen Höhepunkt war, war das Stimmungsbild noch ausgeglichener.

Selbst für die Sportbars ist der frühe Start "beschissen"

Denn mittlerweile scheitern viele, die sich gerne freuen würden, an alltäglichen Problemen. Die Gastronomie darf seit diesem Freitag wieder vermehrt öffnen, Bars und Kneipen – von denen einige ihr Geschäft auf die Übertragung von Fußball ausrichten – jedoch nicht.

Das "Jonas" in Berlin-Schöneberg darf öffnen, zeigt normalerweise Fußball - und verzichtet freiwillig darauf, erzählt Betreiberin Iris Juschka. Zunächst haben sie damit zu tun, das Geschäft unter den strengen Hygiene-Richtlinien neu zu organisieren. Wenn dann am Samstag Dortmund gegen Schalke und am Sonntag Union gegen Bayern spielen, ließe sich das nicht mehr garantieren: "Wir setzen erst mal auf unsere Stammgäste, die wieder kommen werden. Wenn Fußball laufen würde, müssten wir ja ständig aufpassen und auswählen, wer bei uns rein darf."

Juschka sieht das Problem nicht darin, dass sich die Gäste dann mit zunehmendem Alkoholkonsum näher kommen würden, ganz im Gegenteil beobachtet sie häufig, dass Fußballfans in zwei Stunden auch mal nur ein Getränk nehmen. "Gerade bei anfangs wenigen Gästen müssen wir auch wirtschaftlich denken", sagt Juschka. Wo früher bis zu 60 Leute sitzen konnten, werden es nun sauber abgezählt maximal 20 sein, je nachdem wie viele Menschen sich an jeden Tisch setzen. "Dass es jetzt schon wieder los geht, ist für uns eigentlich ziemlich beschissen", sagt Juschka deutlich. Immerhin habe ihnen der Bezahlsender Sky die Gebühr für den Monat erlassen, was sehr helfe – auch deshalb werden sie bis Ende Mai abwarten, wie das Geschäft wieder anläuft und sich alles entwickelt.

Ähnliches hört man von anderen Orten, wo sonst Fußball gezeigt wird. Statt Vorfreude dominiert Vorsicht.  "Ich denke nicht, dass irgendwelche Gaststätten übertragen, weil ich dann die Gefahr sehe, dass einfach zu viele Leute auf engstem Raum zusammen kommen", sagte auch Hertha-Fan Jörg Hans, der normalerweise in Neukölln die Hertha-Spiele schaut. Dabei findet er "es wichtig, dass die Bundesliga wieder startet, weil für die Fans – und da spreche ich schon für alle Fans – ist Fußball auch eine gewisse, soziale Komponente."

"Am Ende werden doch wieder viele schauen und darüber reden"

Doch gerade das fehlt den meisten ohne die Nähe, die Gemeinschaft – egal ob im Stadion oder in der Kneipe. Einer der wenigen uneingeschränkt vorfreudigen Stimmen ist die von Jim Hartwig, ein 23-jähriger Hertha-Fan, der zurzeit in Stralsund lebt und nahezu jedes Spiel der Mannschaft im Fernsehen sieht:  "Für mich ist das jetzt klassisch: Brot und Spiele. Ich freue mich auf den Fußball, den Sport an sich und da – wenn ich ehrlich bin – sind Fans nur ein Beiwerk, auf das ich jetzt auch verzichten kann, auch wenn das keine populäre Meinung ist."

Er habe in den vergangenen Wochen eine polemische unsachliche Diskussion mitverfolgt und sich mitunter gewundert - über den Umgangston und die Argumente. Die würden doch längst für den Wiederbeginn sprechen. Trotzdem hat er das Gefühl einer von wenigen zu sein, die sich zurzeit auf Fußball freuen. Auch in seinem Umfeld seien 90 Prozent der Menschen, auch Fußballfans, skeptisch und pessisimistisch.

Hartwig ist sich auch sicher: "Am Ende werden doch wieder viele schauen und darüber reden. Und das auch lieber als 24/7 über Corona." Auch Sig Zelt, Sprecher des unabhängigen und bundesweiten Bündnisses ProFans, prognostiziert, dass am Anfang viele Menschen die Bundesliga schauen werden - zumal die Konferenz frei empfangbar zu sehen sein wird: "Aber irgendwann werden viele Menschen merken, dass es nicht das ist, was sie gerne möchten. Ohne Fans fehlt dem Fußball etwas Essenzielles und das wird die Leute, die Fußball sonst auch nur im Fernsehen sehen, nicht begeistern."

Angst vor dem Abstieg an der Alten Försterei

Viele Fanforscher und Medien überbieten sich bereits darin, nach dem Wert- auch einen Sympathieverlust für die Bundesliga vorherzusehen. Die Fanbasis könnte für immer verloren gehen. Doch bislang ist sie stets treu geblieben - all der Kommerzialisierung zum Trotz und obwohl es mit Leverkusen, Wolfsburg, Hoffenheim und Leipzig längst de facto vier Ausnahmen gibt, die die 50+1-Regel des deutschen Profi-Fußballs umgehen und sich mit reichlich finanziellen Ressourcen einen Platz im Oberhaus gesichert haben. Und gerade diese Vereine könnten die großen Profiteure von Geisterspielen sein, sind sie doch von der Unterstützung ihrer Fans nicht so sehr abhängig wie etwa Union.

Bei all den missmutigen Tönen bei denen, die es gut mit den Köpenickern meinen, klingt nämlich auch immer die Angst mit, dass die Mannschaft ohne ihre Unterstützung noch abstürzen und absteigen könnte. Das Stadion An der Alten Försterei gilt als Festung, bei dem die Fans eine der wichtigsten Verteidigungslinien vor gegnerischen Angriffen gelten. Will man gehässig sein, könnte man auch Hertha einen Vorteil bei den Geisterspielen bescheinigen - selbst Herthaner würden ihr überdimensioniertes Olympiastadion nicht als Hexenkessel bezeichnen. Doch angesichts der völlig chaotischen bisherigen Saison hätten die Anhänger der Alten Dame auch gut damit leben können, für längere Zeit nichts mehr von ihrem Verein zu hören.

Am Ende gefunden: aufrichtige Vorfreude

Die DFL und Teile der Medienlandschaft, die in den vergangenen Wochen vehement für "ihre" Bundesliga kämpften, haben andere Zuschauer im Sinn. Wie wichtig Faninteressen genommen werden, hatte just vor der Auszeit die hitzige Debatte rund um Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp gezeigt, bei der die Liga und Verband schließlich die Schiedsrichter dazu trieb, einen seit Jahren bei rassistischen und sexistischen Vergehen kaum angewandten Drei-Stufen-Plan exklusiv für den beleidigten Milliardär durchzusetzen und einen Krieg gegen die Kurve zu provozieren.

Und am Ende gibt es doch eine Gruppe, die sich aufrichtig auf die Fußballspiele freut: Viele Kinder und Jugendliche sind nach Wochen elterlicher Beschulung und Quarantäne froh, zur Abwechslung mal wieder frischen Fußball schauen zu dürfen - für einen alten Aufguss des 1974er WM-Finals sind sie ähnlich wenig zu begeistern wie für Kaiserslauterns 5:3-Erfolg im DFB-Pokal gegen Borussia Dortmund 1993. Felix und Ben, zwei achtjährige Jungs aus Charlottenburg und Pankow, sagen fast wortgleich: "Ich freue mich auf den Bundesligastart, weil ich dann endlich mal wieder mitfiebern kann."

Und die Jugend könnte jetzt noch einfacher abgeholt werden, die schon per se mehr Fußball am Bildschirm als im Stadion sieht - und den Sport oftmals sogar nur als Computerspiel kennt. Da Sky bereits angekündigt hat, bei den Übertragungen eine Tonspur mit extra eingespielten passenden Fangesängen anzubieten, nähert sich die Fußball-Realität der -Simulation an und nicht umgekehrt.

Andreas Rohr, ein weiterer Union-Fan, sagte unlängst gegenüber dem rbb: "Wir sind bei einem modernen Gladiatorentum angekommen." Den Daumen heben hier aber fortan im Stadion für längere Zeit nicht mehr die Fans.

Sendung: rbb spezial, 14.05.2020, 20.15 Uhr

Beitrag von John Hennig

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6 Kommentare

  1. 6.

    Aha, sinnvolle Berufe? So so so. Na dann definieren Sie das mal. Manche finden Theater unsinnig, andere Sport, andere wieder die Autoindustrie.. Sie haben also eine Liste mit sinnvoll und unsinnigen Berufen? Klar, Sportreporter können wir auch abschaffen. Merken Sie eigentlich noch was? Welchen sinnvollen Beruf üben Sie denn aus?

  2. 5.

    Das ist korrekt. Und ohne diesen Schwachsinn könnten diese 100.000 Menschen in sinnvollen Berufen arbeiten und dem Fachkräftemangel entgegen wirken. Aber nein, es gibt genug Intelligenzflüchtlinge die dafür Geld zahlen um 22 Personen beim „Ball zuschubsen“ zugucken zu können.

    Es bleibt der Wermutstropfen. Zu kann man die Einen von den Anderen unterscheiden :)

  3. 4.

    am Profifussball hängen in Deutschlandland rund 100.000 Arbeitsplätze. Braucht kein Mensch? Wie arrogant sind Sie eigentlich? Es geht nicht nur um die Kicker und die Fans. Auch Kurzarbeit ist keine Lösung.

  4. 3.

    "...bis volle Stadien wieder ungefährlich für die öffentliche Gesundheit sind"

    Haha, also nie wieder?
    Mal abgesehen davon dass sich diese sogenannten Fans immer ein Sch... darum gekümmert haben, sprich in den Stadien und vor allem Toiletten und Sanitärbereichen ging es säuisch zu.
    Also möchte nicht wissen was da vorher schon immer übertragen wurde.
    Aber am Ende muss man auch sagen, hat's uns geschadet, gab es ein großes Massensterben, nein und genauso sieht es jetzt auch aus.
    Daher könnte jetzt locker, zumindest mit der Hälfte der Zuschauer, gespielt werden.

  5. 2.

    "Braucht kein Mensch"
    Bitte nicht immer von sich auf andere schließen. Wenn Sue es nicht brauchen ist mir das recht. Brauchen braucht es keiner. Ich finde es trozdem schön das wieder gespielt wird. Ich zwinge es aber keinem auf.
    Wünsche allen die es wie ich sehe viel Spaß bei den Spielen. Dem Rest: hört auf zu meckern. Kümmet euch um euren Sch....

  6. 1.

    Das hätte man ruhig noch nach hinten schieben können, braucht kein Mensch.

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