Guido Ringel vor dem Hauptstadtderby. Quelle: rbb
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Radioreporter beim Berlin-Derby - Alles leer

Das Hauptstadt-Duell in der Bundesliga zwischen Hertha und Union: Ein Fest für alle Fans -  in normalen Zeiten. Jetzt aber sind Zuschauer verboten, ein volles Olympiastadion nur ein Wunsch. Das ist schwere Kost für alle Beteiligten – auch für Radio-Reporter Guido Ringel.

Leere Anfahrtswege, leere Wurstbuden, leere Luft. Keine Atmosphäre – nirgends. Schon der Weg ins Stadion ist außerirdisch, nicht von dieser Fußball-Welt. Mit der Bundesliga und einem Hertha-Heimspiel - und erst recht mit einem großen Spiel - hat das alles nichts zu tun.

Keine Fans, keine Fahnen, keine Stimmung. Ein Abend wie jeder andere auch im Berliner Westend. Rund um das Olympiastadion huschen Kaninchen ins Gebüsch – und man fragt sich, ob das Stadion heute Abend eines ist, denn seine Funktion hat es verloren: Es ist niemand da, der es mit Leben füllt.

Zugang nur der richtigen Temperatur

Ich darf rein, als einer von 300 "Auserwählten" - aber nur, wenn die Temperatur stimmt! Fieber messen am Eingang, alles unter 38 Grad Celsius ist genehmigt. Dazu aber noch Papierkram und ein Ausweis, der mir nur Zutritt zu streng abgetrennten Zonen erlaubt. Und Mundschutz tragen! Den ganzen Abend! Dieser Frühling ist und bleibt eine herausfordernde Zeit.

Ich betrete das Olympiastadion und der Empfang ist betongrau: graue Wände, Granit, Tristesse. Leere eben. Hier und da huscht eine Gestalt vorbei - geduckt, jeder ist potentiell gefährlich. Generalverdacht.

Nach dem Anpfiff ist der Schalter umgelegt

Und dabei soll jetzt hier eigentlich ein Fest steigen. Mit 75.000 Menschen, die Freude spüren. Und fast wie zum Trotz erklingt aus einer Ecke "Nur nach Hause...", die inoffizielle Hymne von Hertha BSC. Ein Hauch von Normalität. Aber sie klingt nur zart, diese Hymne von Frank Zander, als ob sie sich unter diesen Umständen nicht recht traut.

Und in all dieser Leere, einem Vakuum ähnlich, soll ich jetzt dieses Derby reportieren? Mit Leidenschaft und Hingabe? Mit rund 5 Metern Abstand zum Kollegen auf der Tribüne, mit dem man sich sonst angeregt austauscht und diskutiert? Und vor allem: Reportieren MIT Maske im Gesicht?

Und wo sind die Pfiffe der Fans oder der Jubel, wo sind die Transparente? Es bleibt bedrückend. Aber ein Wunder: Nach dem sehr lauten Anpfiff im hallenden Oval ist der Schalter umgelegt. Konzentration auf Fußball. Der Blick auf die Taktik, auf das Verschieben, die Aufteilung der Räume. Pässe, Strafraumsszenen, Fouls. Auf dem Rasen ist alles wie immer.

Der etwas andere Augenblick

Bis auf die Momente, in denen die Tore fallen: Die Spieler weichen einander aus, um Jubel und Umarmung zu verhindern. Man wird fast brutal daran erinnert, dass alles doch weit entfernt ist von Normalität.

Und das Schildern der Treffer wird zur Qual. Die Maske verhindert das geregelte Luftholen. Ein Ringen mit der neuen Norm des Abnormen.

Auf dem Spielfeld werden sogar die Bälle nach jedem Tor desinfiziert von zugeteilten Helfern. Das ist natürlich nicht der Fußball, wie wir ihn kennen. Aber wir haben ihn dennoch weiterhin lieb. Denn vielleicht erleben wir das einfach als andere Seite dieses Sport, als Variante. Das direkte Hören der Trainer-Anweisungen, der Kommandos der Spieler untereinander, das ist neu - und dadurch trotz allem auch interessant, fast spannend.

Aber eben nur fast. Eine Perspektive kann Fußball ohne seine Seele nicht sein. Das Ende bringt die Einsicht: Es fehlt zu viel. Bedrückend leer alles. Zu leer.

Sendung: Inforadio, 22.05.20, 20:30 Uhr  

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Beitrag von Guido Ringel

Kommentar

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Antwort auf [Wolfgang Gonschorreck] vom 25.05.2020 um 12:23
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2 Kommentare

  1. 2.

    Am meisten werden die besoffenen und prügelnden Fans vermisst. Die schwarzen Rauchschwaden und die sog. Polenböller werde auch schmerzhaft vermisst.Ausserdem sieht man keine Polizei in voller Kampfausrüstug, können die jetzt ihre Überstunden abfeiern?

  2. 1.

    Der Bericht spiegelt alles wieder, was man dazu sagen kann.
    Stellt sich nur noch die Frage, wozu braucht man dann noch zukünftig teuer bezahlte TV/Radio Reporter ?

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