Benedetto Muzzicato, Trainer von Viktoria Berlin (imago images/Michael Taeger)
Audio: Inforadio | 08.11.2020 | Interview mit Benedetto Muzzicato | Bild: imago images/Michael Taeger

Interview | Viktoria-Berlin-Trainer Benedetto Muzzicato - "Es gibt Wichtigeres als Regionalliga-Fußball"

Elf Spiele, elf Siege: Die Saison-Bilanz von Viktoria Berlin ist makellos. Da kommt die coronabedingte Spielpause der Regionalliga Nordost zur Unzeit. Doch Trainer Benedetto Muzzicato sieht in ihr auch eine Chance.

rbb|24: Als die neuen Corona-Maßnahmen vor eineinhalb Wochen verkündet worden sind, wussten Sie da eigentlich gleich, welchen Status die Regionalliga hat?

Benedetto Muzzicato: Nein, das nicht. Ich glaube, dass das wirklich auch ein bisschen gedauert hat, bis da Entscheidungen getroffen wurden. Man sieht es ja, dass nicht ganz Deutschland dieselbe Meinung hat. In der Regionalliga West wird weitergespielt und das ist bei uns eben nicht der Fall.

Was ist denn bei Ihnen passiert seit voriger Woche. Der Spielbetrieb ruht. Der Trainingsbetrieb auch?

Wir mussten handeln, haben ja auch positive Fälle innerhalb des Teams. Also haben wir auch den Trainingsbetrieb erstmal ruhen lassen. Wir sind aber davon überzeugt, dass wir jetzt diese Woche, genauer gesagt am Dienstag, wieder starten.

In der Regionalliga Nordost spielen insgesamt 20 Klubs aus fünf verschiedenen Bundesländern. Und in diesen Bundesländern gelten unterschiedliche Regelungen, was den Trainingsbetrieb angeht. Grenzt das schon an Wettbewerbsverzerrung?

Nein, das ist ein ganz, ganz schwerer Begriff. Mal davon abgesehen, dass es im Moment einfach Wichtigeres gibt als Regionalliga-Fußball, als Fußball insgesamt. Es ist einfach, wie es ist: Regionalliga, das ist ein Mix aus Professionalität und Amateuren. Und dass wir die Jungs wieder 'ready to play' bekommen, das ist das, was wichtig ist. Das andere Vereine damit vielleicht etwas mehr Probleme haben, das ist nicht fair, das ist nicht schön, aber ich glaube, dass es auch schon über Jahre so ist, dass es professionelle Teams gibt und eben Teams, die sich weniger in der Woche sehen und dann trotzdem auch gute Leistungen bringen.

Am Mittwoch gab es eine Videoschalte der Vereine mit dem zuständigen, nordostdeutschen Fußballverband. Man wollte sich an die Politik wenden, in der Hoffnung, dass a) der Trainingsbetrieb bei allen Vereinen und b) möglichst auch der Spielbetrieb wieder aufgenommen werden kann. Gibt es da Ergebnisse oder Tendenzen?

Da kann ich leider nicht wirklich viel zu sagen. Ich habe die Info, dass eventuell doch eher als am 6. Dezember wieder gespielt wird, und dass man direkt mit einer englischen Woche startet. Aber wie sicher das ist, das weiß ich nicht.

Ist es überhaupt sinnvoll, schnell zum Spielbetrieb zurückzukehren? In den Wochen vor der Pause sind bereits diverse Spiele coronabedingt ausgefallen. Kann das gut gehen?

Das ist eine ganz, ganz schwierige Frage. Weil ich einfach wirklich auch das große Ganze sehe. Aber natürlich fehlt uns auch der Ausgleich, es fehlt der Sport. Egal ob das der Breitensport ist oder ob es das Professionelle ist. Ich glaube, dass der Sport gut tut. Inwieweit man die Liga fortsetzen kann und soll, dazu gehört mehr als der Wunsch, dass das wieder ganz normal weiter geht.

Wenn wieder gespielt werden sollte, dann ja höchstwahrscheinlich ohne Zuschauer. Kann Viktoria einen längeren Zeitraum ohne Zuschauereinnahmen überleben?

Ich denke, dass der Zuschauerfaktor bei Viktoria Berlin in den letzten Jahren nicht so gewaltig war, als dass wir dadurch einen großen Schaden haben würden. Aber natürlich gibt es viele Klubs, gerade auch bei uns in der Liga, die einfach eine super Fan-Base haben, die mit ihren Einnahmen die Mannschaft, die Spieler und den Verein unterstützt. Das sind natürlich Sachen, die ganz, ganz schwierig sind. Ich persönlich glaube, dass man auch ohne Zuschauer auf einem guten Level spielen kann. Das sieht man ja auch im großen Fußball. Wobei das natürlich der Reiz im Fußball ist: Dass da eine Stimmung ist, dass man Lust hat, dieses Spiel zu spielen, dass die Fans einen tragen. Aber im Großen und Ganzen glaube ich, dass das schon ein super Vorteil wäre, wenn einfach wieder gespielt werden würde.

38 Spieltage sind es in der Regionalliga Nordost, einige sind jetzt schon ausgefallen, müssen nachgeholt werden. Ist es Stand jetzt überhaupt möglich, dieses Programm bis zum nächsten Sommer durchzuziehen?

Ich denke schon. Es ist eine besondere Saison, eine besondere Zeit. Ich denke, dass die ganzen englischen Wochen dazu führen, dass man nicht auf dem Top-Level spielen kann. Das heißt, wir müssen schon auch dosierter arbeiten. Wir müssen eine andere Sprache sprechen, müssen vielleicht auch die Spiele mit anderen Augen sehen. Das gehört alles dazu, aber trotzdem ist es eine Sache, für die wir uns alle entschieden haben. Und ich glaube, dass wir alle froh sein können, wenn man eine Saison zu Ende spielen kann. Davon haben vielleicht auch andere etwas. Das ist mehr wert als ein Saisonabbruch wie im März mit den Problemen um die Platzierungen. All diese Dinge würde man sich sparen, wenn man die Saison zu Ende bringt.

Wenn es nicht klappen sollte, weil der Einstieg im Dezember noch nicht geht, vielleicht auch erst wieder im neuen Jahr: Gibt es schon einen Plan B? Zum Beipiel: Nur die Hinrunde zu Ende spielen und dann in Playoffs den Meister und damit auch den Drittliga-Aufsteiger zu ermitteln?

In was für einer Konstellation das dann geschieht, darüber habe ich mir noch nicht wirklich Gedanken gemacht. Ich hoffe einfach, dass man diese Spiele zu Ende bringen kann. Was die Idee sein kann, dazu möchte ich nicht viel sagen. Eine Form von Playoffs, wie Sie das formuliert haben, finde ich gar nicht so schlecht. Im Großen und Ganzen geht es mir darum, dass man vor dieser Saison gesagt hat, dass der Meister das Recht hat, direkt aufzusteigen und dass das dann auch nicht gefährdet ist. Ich glaube, das wäre auch nur fair.

Viktoria trifft diese Spielpause zu einem ganz besonders ungünstigen Zeitpunkt. Die Mannschaft ist ungeschlagen, Sie haben alle Spiele bislang gewonnen, sind souveräner Tabellenführer. Wie bitter ist das jetzt gerade?

Natürlich kommt man ein Stück weit aus dem Rhythmus. Wir waren wirklich im Flow und wir wollten unbedingt auch spielen. Aber ich bin trotzdem auch davon überzeugt, dass die Jungs wissen, was wir bis jetzt erreicht haben. Vielleicht sind diese paar Tage Pause, die wir jetzt hatten, auch so ein kleiner Energieschub für den ein oder anderen, der jetzt vielleicht auch angeschlagen war. Ich glaube aus den Gesprächen mit den Jungs rauszuhören, dass sie alle brennen. Und deswegen sind wir einfach nur froh, sobald es wieder losgeht.

Wird es schwierig sein, die Spannung hochzuhalten?

Das Gute bei uns ist die Mischung. Wir haben sehr junge Leute, aber wir haben auch Jungs dabei, die wissen, wie man gewinnt, wie es ist, da oben in der Tabelle zu stehen. All das in Kombination war bis jetzt unsere große Stärke. Wir haben mit unserem Sportdirektor Rocco Teichmann einen, der sich das auch alles genau anschaut und auch mal was sieht, was uns vielleicht nicht gleich auffällt. Und deswegen bin ich da sehr guter Dinge. Die Spannung im Training war in dieser Saison von Tag eins an sensationell. Ich kann an einer Hand abzählen, wieviele Trainingseinheiten dabei waren, mit denen ich unzufrieden war. Das macht positive Stimmung und wir haben einfach Lust auf mehr davon.

Vielen Dank für das Interview!

Das Gespräch führte Lars Becker, Inforadio.

Das könnte Sie auch interessieren