Serie | Sport im Teil-Lockdown - "Das ist dann für immer weg"

Bob Hanning schaut nachdenklich (Foto: imago images / Jan Huebner
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Die erneuten Corona-Auflagen treffen auch die Füchse Berlin hart. Sie dürfen zwar spielen, aber nicht vor Zuschauern. Für Füchse-Manager Bob Hanning ist das nicht nur ein finanzielles Problem, sondern auch eines für die Zukunft der Sportart Handball.

rbb|24: Herr Hanning, wie geht’s weiter für den Profisport im Teil-Lockdown?

Bob Hanning: Es ist die nächste Herausforderung. Von daher trifft es uns nicht ganz unvorbereitet, auch wenn sich die Gesamtsituation natürlich nicht vereinfacht.

Ohne Zuschauer fehlt etwas ganz Wichtiges. Was macht so etwas mit einer Mannschaft?

Das ist vielerlei Hinsicht ein großes Problem für uns. Wir hatten uns mit dem Senat auf 300 Teilnehmer und 500 Zuschauer verständigt. Einerseits war die Grenze von 500 Zuschauern dafür gedacht, seine wichtigsten Partner in die Halle lassen zu können. Andererseits, um auch den Fanklub mit hineinnehmen zu können, damit eine Grundstimmung und eine Atmosphäre entstehen, die für die Mannschaft eine hohe Bedeutung hat.

Können Sie den kompletten Ausschluss der Zuschauer nachvollziehen?

Man weiß, dass Hallen kein Hotspot sind und es keinen einzigen Fall gibt. Wir haben dem Senat - zusammen mit Alba, den Eisbären, den Volleys und den Betreibern der Mercedes-Benz-Arena sowie der Max-Schmeling-Halle - ein Sicherheits- und Hygienekonzept vorgetragen, mit dem wir das Risiko maximal minimieren konnten.

Alle waren begeistert und fanden das Konzept herausragend, konnten es aber trotzdem wegen der Vorbildfunktion des Sports nicht umsetzen. So haben wir uns auf diese kleine Zahl geeinigt, weil es das Minimum des Existenziellen ist. Wir hatten eigentlich eine gute Einigung mit dem Senat bis zum Ende des Jahres. Das zu kippen, ist schade und aus meiner Sicht nicht notwendig. Wenn man keine Förderer und Fans in die Halle lassen kann, ist das tragisch.

Wie fühlt es sich an, wenn man Zeit und Geld in Konzepte steckt, um über die Runden zu kommen und dann vor vollendete Tatsache gestellt wird?

Ich versuche immer, mich auch mal auf den Stuhl des anderen zu setzen und nicht immer nur Bashing zu betreiben. Ich kann die Politik verstehen, weil wir natürlich eine Vorbildfunktion haben und es schwierig ist, nach außen volle Hallen und Stadien zu rechtfertigen, während sich andere an die Regeln halten sollen.

Ich wünschte mir nur manchmal etwas mehr Augenmaß. Und das hatten wir ja eigentlich gefunden mit der Berliner Politik und uns auf ein Minimum geeinigt. Wir haben uns dabei verstanden gefühlt und auch die andere Seite verstanden. Aber jetzt ist es ein schwierig zu vermittelndes Thema.

Auch die Veranstaltungsbranche trifft der Lockdown hart. Dort wird über Klagen nachgedacht. Versucht das der Profisport in Berlin auch?

Wir wollen in unserer Vorbildfunktion bleiben und auch im Dialog. Wir tun gut daran, einfach zu sagen: "Komm, wir ziehen das jetzt durch!" Wir verstehen nicht alles und sind auch ein bisschen enttäuscht, aber wir machen das jetzt gemeinsam. Ich finde, wir müssen eine gewisse Gelassenheit für dieses Thema kriegen, aber wir brauchen in der Bevölkerung auch eine gewisse Disziplin. Und wir müssen Wege finden, wie wir damit leben können.

Der Bund hat Mittel bereitgestellt, aus dem Profivereine mit bis zu 800.000 Euro gefördert werden können. Wie gehen die Füchse damit um?

Wir haben das komplett angenommen. Wir haben im März zusammengesessen und die Situation offen und ehrlich analysiert. Da habe ich ein Best-Case-, ein Normal-Case und ein Worst-Case-Szenario entworfen. Selbst das Worst-Case-Szenario war noch zu positiv gerechnet, obwohl ich ein sehr konservativer Kaufmann bin. Wir haben uns damals auf Treibsand befunden: Wir haben es dann geschafft, vom Treibsand auf Sand zu kommen, vom Sand auf den Bürgersteig und eigentlich waren wir jetzt auf dem Weg auf die Straße. Aber das schaffen wir jetzt nicht mehr.

Wir haben mit 1,5 Millionen Euro Zuschauereinnahmen kalkuliert. Wenn wir davon ausgehen, dass wir im Februar wieder vor Zuschauern spielen können, werden wir auf Einnahmen von nicht mal 300.000 Euro kommen. Von daher haben wir die staatliche Hilfe komplett in Anspruch nehmen müssen. Die Hilfen sind eine Geste des Miteinanders und ein Zeichen, dass man den Spitzensport nicht sterben lassen will. Und natürlich zeigt es auch, dass man gemeinsam nach Lösungen sucht. Gleichzeitig müssen wir aber auch selbst weiter über kreative Lösungen nachdenken, um einen eigenen Beitrag zu leisten.

Aber?

Aber so bitter es ist und ohne uns gegeneinander auszuspielen: Man kann ein Restaurant mal vor die Wand fahren und neu starten. Im Spitzensport aber kann TuS Lichterfelde nicht Alba Berlin ersetzen, Hermsdorf kann die Füchse nicht ersetzen und Preussen kann die Eisbären nicht ersetzen. Das ist dann für immer weg. Es besteht die Gefahr, diese Leuchttürme und ihre Vorbildfunktion zu verlieren.

Zusätzlich mache ich mir Sorgen um die Sportartenviefalt. Der Breitensport macht jetzt dicht und kann nicht in die Hallen. Das wird uns auf Generationen zurückwerfen, weil die Leute dann keinen Sport mehr in den Vereinen machen. Im Berliner Handballverband haben wir vom Jahresbeginn bis Mitte Oktober 70 Prozent weniger Beantragungen von neuen Spielerpässen. Das ist ein klares Zeichen. Ich bin Jugendtrainer aus Leidenschaft, ich bin jeden Tag an der Basis. Und wenn ich die Sorgen anderer Klubs mitbekomme, weiß ich, was das nach sich zieht.

Ein Blick in die Kristallkugel: Was meinen Sie, wie es ab Dezember weitergeht?

Ich bin weder Virologe noch Epidemiologe und weiß es daher nicht. Ich glaube und hoffe aber, dass wir mit kleinen Zuschauermengen spielen dürfen und unser vernünftiges Hygienekonzept wieder greift. Sonst würde unserem Sport das Licht ausgehen, denn ohne Partner gibt es keine Überlebenschance.

Ich hoffe auch, dass wir im neuen Jahr auch wieder Breitensport machen können. Das muss sein und ich hoffe, dass die Politik Entscheidungen mit Augenmaß und am Bedarf trifft, ohne dass die Pandemie von uns kleingeredet wird. Denn die ist da.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Friedrich Rößler, rbb Sport.

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1 Kommentar

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  1. 1.

    Ich glaube nicht mehr daran daß man als Sportfan in dieser Saison überhaupt ein Spiel in der Halle sehen kann. Ganz schlimm sehe ich die Auswirkungen im Amateursport.

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