50 Jahre "Tor des Monats" | Kerstin Elger - Wie ein Fallrückzieher zum "besten Moment im Fußballer-Leben" wurde

Di 09.03.21 | 17:14 Uhr | Von Lynn Kraemer
Kerstin Elger wird für ihr Tor des Monats im Oktober 1996 ausgezeichnet (Quelle: rbb)
Video: rbb UM6 | 15.03.2021 | Uri Zahavi | Bild: rbb

In 50 Jahren "Tor des Monats" ist Kerstin Elger die bisher einzige Frau, die es mit einem Fallrückzieher auf die Liste geschafft hat. Vor 25 Jahren traf sie für Tebe Berlin. Von ihrer Nominierung erfuhr sie erst, als sie sich selbst in der Sportschau sah. Von Lynn Kraemer

Der Ball kommt über einen Freistoß von der rechten Seite in den Strafraum, wird durch eine Gegenspielerin mit dem Kopf abgefälscht und hat so die perfekte Höhe. Kerstin Elger kann gar nicht anders: Sie streckt den rechten Fuß dem Ball entgegen und lässt sich leicht nach hinten fallen - verwandelt zum 1:1.

Mit diesem Treffer wird sie im Oktober 1996 zur ersten und bisher einzigen Frau, die das "Tor des Monats" mit einem Fallrückzieher gewinnt [sportschau.de]. "In dem Moment war es einfach schön mal ein Tor geschossen zu haben, weil das war nicht so meine Spezialität", erzählt Kerstin Elger, die sonst eher in der Abwehr stand.

Fallrückzieher verlernt man nicht

Und auch 25 Jahre später hat sie den Fallrückzieher noch drauf. Dieses Mal nicht im weißen Tennis-Borussia-Trikot mit breiten lila Streifen, sondern in einer schwarzen Kapuzenjacke mit bunten Blumen. Und auf der Wiese hinter ihrem Wohnblock und nicht im Mommsenstadion. Seit dreieinhalb Jahren hat Elger nicht mehr richtig gekickt, aber "wenn ich einen Ball sehe, dann juckt’s", sagt sie. "Wenn sich die Möglichkeit ergibt, dann spiele ich auch noch mal. Aber ich merke, ich bin nicht mehr im Training. Der Körper zickt dann danach." Der Fußball sei aber weiter ein Teil ihres Lebens.

Gerahmte Zeitungsausschnitte, die inzwischen schon etwas vergilbt sind, ein grüner DFB-Wimpel, mehrere Pokale. Die vielen Medaillen hängen an einem Holzbrett, auf dem "Kerli" steht - denn lange Namen gebe es auf dem Platz nicht, erklärt Elger. In Kerstin Elgers Wohnung erinnert eine ganze Wand an ihre Zeit als aktive Fußballerin. "Es ist halt irgendwie das Gesamtbild, das für mich passt und stimmt", sagt sie zu den Erinnerungen. Ihre schönste ist die goldene Sportschau-Münze: "Das ist und war nach wie vor das absolute Highlight."

Vier Wochen Rummel

Von ihrer Nominierung erfuhr die damals 29-Jährige auf dem Sofa, als sie die Sportschau einschaltete und sich plötzlich selbst den Fallrückzieher schießen und jubeln sah. "Fußball ist zwar Mannschaftssport. Klar, ohne die Mitspielerinnen geht's nicht. Ohne die hätte ich ja auch dieses Tor nie schießen können. Aber es ist für mich halt auch ein schöner Einzelerfolg", erzählt sie. Durch Zufall war beim Spiel ein Kamerateam gewesen, das den Treffer gefilmt hatte. Sonst hätten vermutlich nur die wenigen Zuschauerinnen und Zuschauer im Stadion mitbekommen, wie Elger als Abwehrspielerin abdrückte.

"Und dann ging es irgendwie Schlag auf Schlag. Dann kam der Anruf vom Abteilungsleiter. Dann kam der Anruf vom WDR", erzählt sie. Am Tag der Verleihung hatte Elgers Mannschaft ein Spiel. Sie spielte die erste Halbzeit, flitzte vom Platz und fuhr dann zum Flughafen Tegel. Um 15:50 Uhr ging es nach Köln. Wenig später stand sie im Sportschau-Studio und um 20:40 Uhr flog sie schon wieder zurück in die Hauptstadt. Alles ein wenig unwirklich. "Nach diesen vier Wochen war ich dann auch ein stückweit froh, dass Ruhe eingekehrt ist", sagt Elger.

"Der beste Moment im Fußballer-Leben"

Inzwischen werde sie nur noch hin und wieder darauf angesprochen. Und dennoch: “Dieses Tor ist einfach der beste Moment im Fußballer-Leben - ohne Frage." Wenn sie aus Spandau auf dem Weg in die Stadt am Mommsenstadion vorbeifahre, sei "das immer wieder ein schönes Gefühl und wird auch immer in Erinnerung bleiben". Für Kerstin Elger war es vor 25 Jahren "irgendwie viel spannender mal ein Tor geschossen zu haben", Fallrückzieher hin oder her. Heute ist es vielleicht doch ein wenig mehr.

Beitrag von Lynn Kraemer

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