50 Jahre "Tor des Monats" | Thomas Häßler - Der dreifache Icke

Mo 15.03.21 | 07:46 Uhr | Von Johannes Mohren
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Thomas Häßler 1989 im WM-Qualispiel gegen Wales. / imago images/Sven Simon
Bild: imago images/Sven Simon

Drei Mal triumphierte Thomas Häßler bei der Wahl zum "Tor des Monats". Die Medaillen sind in einer Kiste verschwunden, die Erinnerungen aber noch sehr präsent: besonders an einen Treffer im November 1989 - den wichtigsten seiner Karriere. Von Johannes Mohren

Geschäftsstelle des BFC Preußen in Lankwitz. Landesliga heißt das Tagesgeschäft in den Räumlichkeiten im Berliner Südwesten, wenn nicht gerade die Corona-Pandemie den Amateurfußball stoppt. Doch an diesem Mittwochabend ist das Zuhause des Siebligisten die Bühne für große, sogar historische Momente: Auf einem kleinen Laptop ist das Müngersdorfer Stadion in Köln zu sehen. Kurz darauf der Idrottsparken im schwedischen Norrköping. Und im Zentrum der alten Videoaufnahmen schießt und jubelt der Mann, der es sich auch in einem Schreibtisch-Stuhl vor dem Bildschirm bequem gemacht hat: Thomas Häßler.

Oktober 1987, November 1989, Juni 1992. Drei Mal hat der 54-Jährige - heute Trainer eben jenes BFC Preußen - das "Tor des Monats" geschossen. Nur einem weiteren Berliner gelang das: Pierre Littbarski. Häßler hat mit den Treffern einen Derbysieg gekrönt, den späteren WM-Titel der deutschen Nationalmannschaft in Italien erst möglich gemacht und einen Auftakt in eine Europameisterschaft gerettet. Die Medaillen der ARD-Auszeichnung sind inzwischen verschollen. "Irgendwo in einer Kiste habe ich sie wahrscheinlich noch. Aber die habe ich schon seit 30 Jahren nicht mehr ausgepackt", sagt Häßler. Die Erinnerungen sind aber noch präsent. Zum 50-jährigen Jubiläum des "Tor des Monats" blickt er auf sie zurück.

Stolzer Oskar im Rheinderby

Es ist der 10. Oktober 1987. Im Müngersdorfer Stadion führt der 1. FC Köln mit 3:1 gegen den rheinischen Rivalen aus Mönchengladbach. Es ist jetzt schon ein Festtag für die meisten der 59.000 Zuschauer. Zehn Minuten vor Schluss gibt es einen Freistoß aus gut 20 Metern - und Thomas Häßler fühlt sich bestens. Bei seinen Extra-Schichten hat der damals 21-Jährige wieder und wieder richtig gut getroffen.

"Ich hatte mit Pierre (Littbarski, Anm. d. Red.) und Bodo (Illgner, Anm. d. Red.) nach dem Training immer noch geschossen. Eine oder anderthalb Stunden, manchmal länger. Da waren die anderen schon geduscht, umgezogen und auf dem Weg nach Hause", erzählt er. Es geht in den Einheiten mit den Teamkollegen um schöne Tore - und ein bisschen mehr: "Wir haben gewettet: Wer gewinnt, muss dem anderen danach eine Cola aus dem Restaurant holen und so weiter."

In Spielen ist Littbarski eigentlich Kölner Freistoß-Schütze Nummer eins. Doch in dieser 80. Minute überlässt er Häßler den Ball, ja: Er tippt ihn nur kurz für für ihn an. "Und dann passte alles zusammen. Optimal getroffen, Torwart chancenlos - und dass der hinten so einschlägt, ist natürlich ein Traum für mich." Der Fleiß des Trainings und das Glück des Moments kommen zusammen. "Wenn du das Derby gewinnst, das 4:1 reinhaust und das wird noch zum 'Tor des Monats', dann bist du natürlich stolz wie Oskar durch die Stadt gelaufen." (Video des Tores bei sportschau.de)

Das Tor nach Italien

Das zweite "Tor des Monats" gelingt Häßler am gleichen Ort, aber in anderem Trikot. Es ist ein Spiel, das in die Fußball-Geschichte eingehen wird. Mit der deutschen Nationalmannschaft muss der Berliner am 15. November 1989 - sechs Tage nach dem Fall der Mauer - die Quali-Partie gegen Wales gewinnen. Alle wissen: Gelingt das nicht, schaut die DFB-Elf bei der Weltmeisterschaft in Italien im Sommer darauf nur zu. Zur Pause steht es in Köln 1:1.

Es ist ein wahrer Krimi. Der Ausgang? Mehr als ungewiss. Es läuft die 48. Spielminute: Der Kölner Teamkollege Littbarski flankt, ein Waliser fälscht ab - und Häßler trifft. Ausgerechnet mit seinem schwachen linken Fuß drischt er den Ball volley aus rund zehn Metern ins Netz. Absolut unhaltbar. "Das war das wichtigste Tor meiner Karriere", erzählt er mehr als 30 Jahre später, "das kann ich ohne Wenn und Aber sagen. Hätten wir das Spiel nicht gewonnen, wären wir auch nicht nach Italien gefahren. Das wird mir auch immer wieder gesagt." (Video des Tores bei sportschau.de)

Denn Deutschland zittert sich zum 2:1. Deutschland reist nach Italien. Und Deutschland wird Weltmeister. Eine Erfolgsgeschichte, die 235 Tage vor dem Finale im Olympiastadion in Rom mit dem "Tor des Monats" von Häßler beginnt - und mit einem WM-Titel endet, den es sonst womöglich nie gegeben hätte. Die eigene Schilderung des Treffers fällt da auch heute noch emotional aus: "Meine Intuition war, sich ein Stückchen abzusetzen. Und dann kam der genau auf den linken Schlappen. Das hat alles geklappt. Aus der Luft, boom, links."

Der Last-Minute-Mann von Norrköping

Sommer 1992. Zwei Jahre nach dem WM-Triumph steht die Europameisterschaft in Schweden an. Deutschland trifft in der Gruppe 2 auf die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS), Schottland und die Niederlande. Am 12. Juni in Nörrkoping sieht es vor knapp 18.000 Zuschauern lange Zeit so aus, als würde das Team von Trainer Berti Vogts im Idrottsparken einen richtig verkorksten Auftakt ins Turnier erwischen. Die GUS führt ab der 64. Minute durch einen Elfmeter mit 1:0. Bis in die Schlussminute ändert sich nichts am Spielstand.

Und in dieser Schlussminute tritt Häßler nun zum Freistoß an - der Ball liegt direkt an der Strafraumkante. "Er war zu nah am Tor, als dass ich ihn über die Mauer hätte heben können. Deswegen habe ich mir die Torwart-Ecke ausgeguckt", sagt er. Fünf Jahre sind seit seinem ersten Freistoß vergangen, der zum "Tor des Monats" wurde. Inzwischen spielt der Berliner in Italien für AS Rom. Von den frühen Kölner Freistoß Einheiten mit Littbarski und Illgner profitiert er aber immer noch.

"Zwei Mann standen vor der Mauer und haben sich weggeduckt. Und dann habe ich den natürlich auch sensationell gut getroffen - reingezirkelt in den Winkel", erzählt er. Dimitri Charin im GUS-Tor ist geschlagen. Es ist der Treffer zu einem denkbar wichtigen Punktgewinn. "Wenn wir zum Auftakt gleich verloren hätten, hätten wir dermaßen unter Druck gestanden", sagt Häßler. So kommt das Team mit einem Sieg gegen Schottland und einer Niederlage gegen die Niederlande so gerade durch die Gruppenphase - und bis ins Finale. Da verliert Deutschland mit Häßler aber dann in Göteborg als großer Favorit gegen Dänemark. Es ist die Krönung eines Fußballmärchens und die Geburt des Mythos "Danish Dynamite". (Video des Tores bei sportschau.de)

Beitrag von Johannes Mohren

1 Kommentar

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  1. 1.

    Danke Icke!

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