Skisport und Talentförderung in Berlin - Wintersport fernab der Berge

die Bernkogelbahn, die Bergstation und die frequentierte Skipiste bei Sonnenschein , aufgenommen am 21. Jaenner 2020 in Saalbach Hinterglemm, Oesterreich
Bild: imago images / Eibner Europa

Die Sportmetropole Berlin spielt in vielen Sportarten ganz vorne mit - aber nicht im Wintersport. Doch der Skiverband Berlin bietet viel für die Skifans der Hauptstadt und fördert seit einigen Jahren sogar Ski-Alpin-Talente. Von Friedrich Rößler

"In Berlin leben fast eine halbe Million Skibegeisterte" und "Wir haben um die 2.000 Mitglieder" - mit diesen beiden Fakten überrascht der Vorsitzende des Skiverbandes Berlin (SVB) Matthias Mikolajski-Kusche sofort im Gespräch. Die Sportmetropole an der Spree ist, wenn es denn um Wintersportarten geht, eher für erfolgreiches Eishockey bekannt oder für die Zweierbob-Olympiasiegerin Mariama Jamanka. Aber Skisport in Berlin? Wie soll das denn funktionieren?

"Wir sind ein anerkannter Landesverband und blicken auf eine lange Tradition zurück", sagt der Berliner Skiverbands-Vorsitzende. Erst im letzten Jahr feierte zum Beispiel der "Ski Club Pallas" 100. Geburtstag und die Hauptstadt besaß sogar mal wenige Wintersportanlagen. Mikolajski-Kusche erinnert da an den Teufelsberg im Westen der Stadt. Dort gab es mal eine Skisprungschanze, zwei Skilifte und ein Weltcup-Rennen im Parallel-Slalom. Daran erinnere heute nichts mehr, denn der Teufelsberg ist mittlerweile zugewachsen und soll auf Senatsbeschluss renaturiert werden.

Skihallen dicht, Reisen abgesagt

"Über die Jahre hinweg fehlt uns in Berlin auch der Schnee als Grundlage für unsere Sportart", ergänzt der Berliner Skiverbandsvorsitzende. So sind Skibegeisterte aus der Bundeshauptstadt eben auf Sportstätten und Skigebiete außerhalb der Metropole angewiesen. Das Training finde normalerweise fast ganzjährig in der rund zwei Autostunden entfernten Skisporthalle im mecklenburgischen Wittenburg statt. In der Wintersportsaison kämen noch Schul-, Vereins- oder Lehrgangsfahrten in die deutschen Mittelgebirge oder dem Alpenraum dazu.

"In der aktuellen Lage sind uns aber beide Hände und Füße gebunden", beklagt Mikolajski-Kusche. Die Skihalle in Wittenburg ist, wie auch zum Beispiel die Senftenberger Sportstätte, geschlossen, die deutschen Skigebiete ruhen ebenfalls im Pandemie-Winterschlaf. Dabei wäre gerade jetzt die Hochsaison beim SVB. Schon letztes Jahr Ende Februar mussten die Berliner Meisterschaften alpin in Thüringen und nordisch im Erzgebirge abgesagt werden. So erging es auch den Berliner Hallenmeisterschaften am 6. Dezember 2020. Ob im Februar 2021 Wettkämpfe stattfinden können, stehe ebenfalls noch nicht fest.

Talentierter Alpin-Nachwuchs aus Berlin

Finanzielle Unterstützung erhält der Skiverband Berlin durch die Mitglieder seiner elf Vereine, durch den Landessportbund Berlin und dem Deutschen Skiverband (DSV). "Dadurch, dass wir seit mehreren Jahren als Talentpunkt Ski Alpin anerkannt sind, erhalten wir vom DSV Trainingsmittel", sagt der Vorsitzende vom Berliner Skiverband. In diesem Bereich verzeichnet Berlin auch erste Erfolge, dank des langjährigen Engagements vom Verbandsmitglied Rainer Siegel. Die beiden Töchter Helene und Amelie zählen zu den besten Nachwuchstalenten auf der Piste. Ihr Vater kommt ursprünglich aus Österreich und hat dem Berliner Ski-Alpin-Nachwuchs in den letzten Jahren ordentlich Schwung verliehen.

Der vereinsübergreifende Kader trainiert an Wochenenden oder in den Ferien in der Skihalle Wittenburg, in der auch der britische Skirennfahrer David Ryding (2. Platz Slalom Kitzbühel 22. Januar 2017, vierfacher britischer Meister) regelmäßig anzutreffen war. Auch in den Alpen kurvt der Berliner Nachwuchs die Hänge herunter und besitze mit David Unger (17 Jahre) ein Juwel, das in der Rangliste Slalom zu den TOP20 gehört. "David holt auch bei internationalen Rennen bereits Punkte", berichtet Mikolajski-Kusche. Je mehr sein Punktekonto anwächst, desto besser sei seine Startposition. Unger besitze mittlerweile den Kaderstatus, der ihm ein quaräntefreies Reisen ermögliche.

Ohne die Unterstützung seiner Eltern wäre das Berliner Skitalent aber nicht dort, wo es jetzt ist. Durch dessen Erfolg wird der Skistandort Berlin sein Pistenkind David Unger aber bald verlieren. Der 17-Jährige plant, nach Innsbruck zu ziehen - klarer Standortnachteil für den Stadtstaat.

Hoffnung auf Wiedereröffnung der Skigebiete

Fundisziplinen wie Snowboard oder Freestyle bietet der SVB nicht wettkampforientiert an, Nordische Kombination und Skispringen ebenfalls nicht, da in der Hauptstadt keine Sprungsportstätten zur Verfügung stehen. Dafür existiert eine aktive Langlaufszene, die in den wärmeren Monaten auf Rollski umsteigt und im Februar im Erzgebirge ihre Berliner Meisterschaften austrägt. "Wir haben da einige erfolgreiche Seniorensportler, die bei Volksläufen wirklich gute Ergebnisse erzielen.", berichtet Matthias Mikolajski-Kusche. Im Sommer sei man zum Beispiel auf dem Tempelhofer Feld präsent, mit einem Aktiv-Zentrum vom Deutschen Skiverband. Auch Biathlon habe der SVB in Kooperation mit einem Schützenverein angeregt. Die Resonanz solle sich aber in Grenzen gehalten haben, sodass diese Wintersportart in Berlin nicht stattfinde.

Damit die Ski-Alpin-Talenteförderung noch besser funktionieren könne, wäre man auf regelmäßigen Schneefall in Berlin oder ganzjährig nutzbare Indoor-Trainingsmöglichkeiten angewiesen. Aber da macht sich der SVB-Vorsitzende keine Illusionen. "Wir erwarten nicht, dass wir eine Berliner Skihalle bekommen", sagt er. In den letzten Jahren gab es genügend Ideen und Projekte, die alle scheiterten. Und so hoffe man darauf, dass wenigstens bis zu den Osterferien Reisen in die Skigebiete wieder möglich sind. Denn viele der Skifans in Berlin könnten dann ja eher ans Meer statt in die Berge fahren oder auch ihre Mitgliedschaft im Skiverband kündigen.

Und auch, dass sämtliche Schulfahrten bis Ostern und der Grundkurs Ski an den Berliner Oberschulen gestrichen worden sind, mache dem SVB-Vorsitzenden ein paar Sorgen. Denn dadurch kommen viele Kinder und Jugendliche erst gar nicht in den Kontakt mit dem Skisport und eventuell sinke dadurch die Zahl der zukünftigen Berliner Pistensäue.

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Beitrag von Friedrich Rößler

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