Schriftwechsel (Quelle: rbb)
Audio: Antenne Brandenburg | 19.12.2017 | Bild: rbb

Ehemals jüdische Grundstücke sollen rückübertragen werden - "Altes Unrecht beseitigen, indem man neues Unrecht schafft?"

Die Situation ist kompliziert. Im Cottbuser Ortsteil Groß Gaglow gibt es Häuser auf Grundstücken, die bis 1935 jüdischen Besitzern gehörten. Die Nazis enteigneten sie, Deutsche zogen ein, es gab Verträge. Nach der Wende hat die Jewish Claims Conference (JCC) Ansprüche  auf Rückübertragung gestellt. Von Anne Holzschuh und Anja Kabisch

Dieses Haus soll rückübertragen werden (Quelle: rbb)
| Bild: rbb

Die Nerven liegen blank. Manche Groß Gaglower leben seit über 80 Jahren in ihrem Haus. Nun die Angst, sie könnten alles verlieren. Keiner traut sich, noch irgendetwas zu investieren.

Der Grund für diese Ungewissheit ist 82 Jahre alt. Die fraglichen Grundstücke am Cottbuser Stadtrand gehörten bis 1935 der Jüdischen Landarbeitgesellschaft. Die wurde von den Nationalsozialisten enteignet. Die Grundstücke wurden weiter verkauft.

Nach der Wende, hat die Jewish Claims Conference, kurz JCC, Ansprüche auf Rückübertragung gestellt. Als Rechtsnachfolgerin vertritt sie Entschädigungsansprüche jüdischer Opfer des Nationalsozialismus.

Nun prüft das Bundesamt für zentrale Dienste und offene Vermögensfragen die Fälle. Ein Nachbargrundstück wurde schon für die JCC versteigert.

Alfred Limberg aus Groß Gaglow (Quelle: rbb)
Bild: rbb

Leben mit der Ungewissheit

Dem rbb hat das Bundesamt mitgeteilt, es geht laut Gesetz um "Ansprüche von Bürgern und Vereinigungen, die vom 30.01.1933 bis 08.05.1945 aus rassistischen, politischen, religiösen oder weltanschaulichen Gründen verfolgt wurden (... und) infolge von Zwangsverkäufen, Enteignungen oder auf andere Weise (...) ihre Vermögenswerte verloren haben."

Jeder Fall bedeutet eine umfangreiche Recherche für die Behörde - beispielsweise in Archiven. Dass es immer noch keine Entscheidung gibt, zermürbt die Betroffenen, einer von ihnen ist Alfred Limberg. Er sagt, man habe damals nicht gewusst, das jüdischen Einewohnern Unrecht geschehen ist. Das bedauere man auch sehr. Aber, so Limberg, man könne nicht altes Unrecht beseitigen, indem man neues Unrecht schafft.

Die Groß Gaglower warten nun auf rechtskräftige Bescheide, vorher können sie gar nichts machen. Weder klagen noch sich möglicherweise mit der Jewish Claims Conference einigen.

Betroffene Bewohner in Groß Gaglow (Quelle: rbb)
Bild: rbb

Jewish Claim Conference (JCC) seit Jahren aktiv

Die JCC ist nach 1945 von den Alliierten als Rechtsnachfolgerin von im Holocaust ermordeten Juden eingesetzt worden. Seit Jahrzehnten kümmert sie sich um Entschädigungsansprüche. In Groß Gaglow haben Einwohner schon vor Jahren Mitteilungen bekommen, andere erst vor wenigen Wochen. Vor wenigen Tagen wurde in diesem Ortsteil ein Grundstück für 92-tausend Euro versteigert. Die JCC verwendet den Erlös nach eigenen Angaben auch für jüdische Rentenfonds der Überlebenden.

Das Bundesamt für offene Vermögensfragen prüft in jedem Einzelfall die Ansprüche der JCC. Bis die Betroffenen über das Ergebnis informiert werden, kann viel Zeit vergehen. Sollte dann der Rechtsanspruch auf Rückübertragung erklärt werden, gibt es für die Groß Gaglower nur drei Möglichkeiten.

Entweder sie einigen sich mit der JCC über einen Rückkauf des Hauses in dem sie wohnen oder sie mieten es. Ist keine Einigung möglich bleibt am Ende nur der Auszug aus dem Haus.

Kommentar

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3 Kommentare

  1. 3.

    Der Beitrag macht einfach traurig und wütend zugleich. Wie unser Staat mit Sorgen und Nöten der eigenen unbescholtenen Bürgern umgeht und einfach ignoriert. Es ist einfach nur eine Schande. Unrecht mit Unrecht zu vergelten. Es trägt auch zum Judenhass bei. Ich möchte betonen, daß ist bei der Presse erforderlich, ich bin nicht rechts.

  2. 2.

    " Ist keine Einigung möglich bleibt am Ende nur der Auszug aus dem Haus " und dann ? Verkauf und den etwaigen Erben den Erlös als sehr späte Entschädigung zukommen lassen. Füe die Betroffenen ( wie viele sind es ? ) muß eine polit. Lösung her und ist nur der Cottbuser Ortsteil Groß Gaglow betroffen ? oder sehr viel mehr Ortsteile in Brandenburg ??

  3. 1.

    ich meine, dass hier die Politik gefordert ist um Rechtssicherheit für die Beteiligten zu schaffen . Die Enteignungen fanden Jahre vor Beginn des 2.WK statt , die Käufer haben seinerzeit die Grundstücke in gutem Glauben erworben und leben dort z.T. über 80 Jahre. Die JCC hat auch legitime Ansprüche, diese sollten , nach meiner Ansicht , von der Bundesregierung befriedigt werden, so nach Art von Reparationen, damit wäre allen gedient. Nebenbei : in Polen lebten seinerzeit sehr viele Juden, die dort auch Immobilien besaßen , gibt es dort ähnliche Rückforderungen von der JCC ? fällt natürlich nicht ins Aufgabengebiet des rbb, deshalb nur am Rande bemerkt

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