Carolin Haentjes in der Redaktion (Quelle:rbb/Thomas Krüger)
Audio: Antenne Brandenburg | 23.02.2018 | Bild: rbb/Thomas Krüger

Wie schwer sich eine Stadt mit sich selbst tut - Cottbus - abgehängt und allein gelassen?

Mit Integrationsproblemen allein kann man nicht erklären, was in Cottbus passiert.  Innenstadt-Patrouillen und Bundespräsident-Besuche lösen das Problem auch nicht. Das findet Carolin Haentjes, die die letzten beiden Monate im RBB-Studio Cottbus verbracht hat. Beobachtungen einer Nachwuchsjournalistin.

Cottbus, Cottbus, Cottbus. In den vergangenen Wochen ist die Lausitzstadt zu zweifelhaftem Ruhm gekommen. Als ich Anfang des Jahres herkam, um zwei Monate im Regional-Studio in Cottbus zu arbeiten, haben sich weite Teile der Republik nicht sonderlich um die Lausitz-Stadt gekümmert. Die Themen, die mich beschäftigen würden, wären Braunkohle, Karneval und Regionales, vielleicht ein bisschen Grenzkriminalität.

Dachte ich. Nun ist Cottbus in aller Munde. Wegen Auseinandersetzungen zwischen syrischen und deutschen Jugendlichen, wegen rechter Demonstrationen, wegen Anfeindungen gegen Journalisten. Und auch in der Stadt ist einiges passiert, Sicherheitskräfte patrouillieren durch die hübsche Altstadt, es gibt einen Zuweisungs-Stopp von Flüchtlingen, bald mehr Sozialarbeiter, aber vor allem geht ein Riss durch die Stadt: Zwischen denen, die sich für Flüchtlinge einsetzen, und denen, die der Integration kritisch gegenüberstehen.  

Carolin Haentjes bei der Arbeit in der Redaktion (Quelle:rbb/Thomas Krüger)
| Bild: rbb/Thomas Krüger

Eine Zeit mit vielen Fragen

Die wichtigste ist: Wie konnten eine Hand voll Jugendlicher ein derartiges Erdbeben auslösen? Ich möchte, was passiert ist, nicht kleinreden. Von einem älteren Ehepaar Vortritt zu verlangen, ist unverschämt. Die Forderung mit einem Messer zu unterstreichen und den Ehemann anzugreifen ist gefährlich. So etwas gehört bestraft. Genauso wenn ein Jugendlicher einem anderen das Gesicht aufschlitzt. Und das wird auch geahndet. Einer der Jugendlichen wird mit seinem Vater der Stadt verwiesen. Die anderen bekommen ein Verfahren. Wenn manchen das nicht hart genug erscheint, dann muss man über das Jugendstrafrecht reden, das für alle gilt: Für Deutsche, wie für Ausländer.

Carolin Haentjes bei einer Umfrage (Quelle:rbb/Thomas Krüger)
Bild: rbb/Thomas Krüger

Warum so viel Wut, so viel Verunsicherung?

Ich war bei den Demonstrationen beider Seiten, denen für Weltoffenheit und denen für geschlossene Grenzen. Ich habe in den vergangenen Wochen mit vielen Leuten gesprochen: Dem Chef der Jugendhilfe und dem Bürgermeister zum Beispiel, aber vor allem habe ich mit vielen Cottbusern geredet, mit Alteingesessenen und Zugezogenen, mit Jungen und Alten. Und dabei ist mir aufgefallen, dass es etwas gibt, dass sehr viele Menschen hier umtreibt. Dass aber in der Diskussion um die Probleme in der Stadt kaum eine Rolle spielt. Das ist das Thema der Identität. Und das Gefühl, veräppelt und vergessen worden zu sein.

In den letzten Wochen ging es viel um Gefühle, um Angst, um Sorge. Wie man das empfindet ist sehr subjektiv. Bei den flüchtlingskritischen Demonstrationen, die der Verein „Zukunft Heimat“ organisiert hat, ging es zum Beispiel oft darum, dass man in Cottbus nicht mehr auf die Straße gehen könne. Dass man Angst haben müsste, wenn man in der Ferne „dunkle Gestalten“ sehe. In meinen zwei Monaten hier, habe ich nie Angst gehabt, auf die Straße zu gehen, auch nachts nicht. Das mag daran liegen, dass ich in Berlin lebe und deswegen „abgebrüht“ bin. Aber viele Cottbuser haben mir etwas Ähnliches gesagt: Dass sie das Gefühl haben, die Situation wurde extremer dargestellt, als sie ist. Von den Medien einerseits, aber auch von politischen Akteuren andererseits, wie zum Beispiel dem Verein „Zukunft Heimat“.

Carolin Haentjes im Studiogespräch (Quelle: rbb/Thomas Krüger)
Bild: rbb/Thomas Krüger

Cottbus - eine Stadt im Wandel

Viele Menschen, mit denen ich geredet habe, haben nicht nur über Flüchtlinge gesprochen. Sie haben auch „von denen da oben geredet“, von dem Geschachere um Posten bei den Koalitionsverhandlungen, der Enttäuschung über das, was in diesem Land „Demokratie“ heißt. Viele Menschen haben gesagt, es hat keinen Sinn mehr, in den Medien zu diskutieren oder sich an die etablierten Parteien zu wenden, es nütze am Ende ja doch nichts. Viele Leute hatten zugemacht. Sich abgewandt. In Cottbus ist mir dieses Gefühl begegnet, wie sonst in keiner größeren Kommune.

Die Stadt ist gezeichnet von den vielen Leuten, die weggegangen sind und die Jungen rennen immer noch in Scharen fort, suchen ihr Glück woanders. Nun ist Cottbus wenigstens nicht mehr Schrumpf-Stadt, hat die Großstadt-Marke von 100.000 wieder übersprungen. Ironischerweise auch wegen der zugezogenen Flüchtlinge. Die kommen her und setzen sich in diese Wunde. Wollen Arbeit, wo es eh schon wenig gibt, Geld, Familienglück. Die bieten sich an, um all die Wut abzulassen, all den Frust, der einen schon länger umtreibt.  

Selbst reden, selbst denken

Nach den vergangenen zwei Monaten, in denen eine gigantische Medienwelle über die Stadt gewalzt ist, kann ich dieses Gefühl nachvollziehen. Da wurde in ein paar Tagen die ganze Innenstadt durch-interviewt. Irgendwelche Fackel-Märsche herbeigeschrieben, die es gar nicht gibt. Und irgendwelche Radio-Moderatoren kündigen aus Versehen „Kotz-Bus“ statt Cottbus an. Und dann lädt der Bundespräsident in sein Schloss und bittet nur die Cottbuser Elite an seinen Tisch.

Damit ich nicht missverstanden werde: Ich entschuldige Fremdenfeindlichkeit und Gewalt nicht. Ich erwarte von jedem Menschen, sich selbst eine Meinung zu bilden. In den letzten Wochen bin ich auch oft angefeindet worden, weil ich für den „RBB“ arbeite. Wurde als „Hetzerin“ beschimpft oder mit Propagandisten aus DDR-Zeiten verglichen. Ich halte die Leute hier nicht für dumm. Deswegen glaube ich, sie müssen es besser wissen. Wenn auf einer Demo jemand sagt, vor 2015 hätten Jugendliche sich nicht mit dem Messer angegriffen, so was machten deutsche Jugendliche nicht, und ich sehe 3000 Leute zustimmen und jubeln, dann werde ich wütend. Weil das offensichtlicher Unsinn ist.

Ich versuche zu verstehen, warum Leute gewillt sind, so einen Schwachsinn zu glauben. Ich habe Verständnis für den Frust, aber was man daraus für Konsequenzen zieht, ist immer noch eine andere Frage. Da ist jeder einzelne gefragt. Deswegen wünsche ich mir von den Cottbusern, dass sie nicht einfach zu machen, sondern in sich auf Gespräche einlassen. Dass sich jeder traut selbst zu denken und selbst zu reden.

Carolin Haentjes ist Volontärin an der Electronic Media School (ems) in Potsdam. Seit Anfang Januar hat sie im RBB-Regionalstudio in Cottbus gearbeitet. 

Beitrag von Carolin Haentjes

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