Dr. Siegfried Stadelmayer in seiner Praxis in Lübbenau (Foto: rbb/Wussmann)
Audio: Antenne Brandenburg | 21.01.2020 | Iris Wussmann | Bild: rbb/Wussmann

Lübbenau (Oberspreewald-Lausitz) - Mit 79 Jahren: Stadelmayers erste Praxis stößt an Grenzen

Nirgendwo in Deutschland sind Ärzte für mehr Bürger zuständig als in Brandenburg. Neue Mediziner werden mit Kusshand genommen. Jüngst machte ein Arzt eine Praxis auf, der eigentlich längst in Rente ist. Sein Terminkalender ist randvoll. Von Iris Wussmann

Anfang vergangenen Jahres eröffnete Siegfried Stadelmayer in Lübbenau (Oberspreewald-Lausitz) seine erste eigene Praxis - mit 78 Jahren. Laut Kassenärztlicher Vereinigung eine einmalige Sache in Brandenburg. Stadelmayer wollte seine Patienten nicht im Stich lassen, die er vorher im Medizinischen Versorgungszentrum betreut hatte. 

Nun ist ein Jahr seit der Eröffnung vergangen - und der Praxiswarteraum an seine Kapazitätsgrenze gekommen.

Urkunde zum 50. Dienstjubiläum von Siegfried Stadelmeyer (Foto: rbb/Wussmann)
| Bild: rbb/Wussmann

Ruhestand? Keine Option.

In den Arzträumen von Siegfried Stadelmayer in der Lübbenauer Altstadt geben sich die Patienten die Klinke in die Hand. Sie schwärmen vom Familiären und der fachlichen Kompetenz.

Stadelmayer ist Internist, Kardiologe und Allgemeinmediziner. Lange Zeit hat er in der Poliklinik und später im Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) gearbeitet. Doch dort wurde ihm 2018 gekündigt. Er habe "nur Knüppel zwischen die Beine" geworfen bekommen, sagt er. Die Gründe bleiben vage. Auch aus dem Rathaus, dem das MVZ unterstellt ist, kam zum Zeitpunkt der Praxiseröffnung vor einem Jahr nichts Konkretes. Es hieß, man habe sich aus unternehmerischen Gründen getrennt.

In seiner Praxis kann sich Stadelmayer über einen Mangel an Arbeit nicht beklagen: "Der Patienten-Zustrom ist so groß, dass ich jetzt bremse und keine mehr annehmen kann." Konkrete Patientenzahlen will Stadelmayer nicht nennen, aber mit Blick auf seine Arbeitszeit sagt er, dass wöchentlich mindestens "60 bis 70 Stunden" zusammenkämen. 

Regelmäßig ins Gefängnis

Stadelmayer erzählt, dass er oft von früh um halb sieben bis abends in der Praxis ist. Er macht Hausbesuche, im Sommer in Lehde auch per Kahn. Außerdem betreut er eine Herzsportgruppe und seit kurzem auch ein Calauer Seniorenheim.

Besondere Sprechstunden hält er einmal pro Woche in der Justizvollzugsanstalt in Cottbus Dissenchen mit Drogenabhängigen und Herzkranken. Da sitze dann die ganze Palette: vom Kleinkriminellen bis zum Mörder. "Die werden ordentlich behandelt, als würden sie im zivilen Bereich sein", sagt Stadelmayer.

Siegfried Stadelmeyer im Patientengespräch (Foto: rbb/Wussmann)Im Patientengespräch in der Lübbenauer Praxis

Nachfolger steht bereit

Stadelmayer fühlt sich mit seinen 79 Jahren fit. Vielleicht liege es daran, sagt er, dass er nie geraucht, Alkohol in Maßen getrunken und Sport getrieben habe. "Dass mein Leben nicht unendlich sein wird, weiß ich auch." Deshalb hat er schon für einen Nachfolger gesorgt. "Der steht auf der Matte und wird, wenn ich hier abtrete, die Praxis übernehmen."

Wann es soweit sein wird, weiß Stadelmayer noch nicht. Vielleicht werde er sich schon in diesem Jahr so langsam rausschleichen und nur noch seine langjährigen Patienten betreuen, vielleicht aber auch nicht, sagt er.

Überdurchschnittliche Patienten pro Arzt

Die Versorgung mit Ärzten ist in Brandenburg schlechter als in allen anderen Bundesländern, wie Daten des Bundesarztregisters 2019 zeigten. Auf 100.000 Einwohner kommen demnach in Brandenburg etwa 180 niedergelassene Mediziner.

In Brandenburg fehlen vor allem Kinderärzte. Acht Prozent der Brandenburger Ärzte sind älter als 65 Jahre. Bei den Hausärzten ist der Anteil sogar noch etwas höher. Ähnlich Ergebnisse hatte auch eine rbb-Datenrecherche im September 2018 erbracht.

Ein Stipendium - und Ärztenachwuchs aus der Lausitz

Im vergangenen Sommer hat die Landesregierung ein Stipendium vorgestellt, dass junge Mediziner zum Bleiben in Brandenburg bewegen soll. Medizinstudenten bekommen 1.000 Euro monatlich, wenn sie sich für fünf Jahre zur Arbeit in Praxen auf dem Lande verpflichten. Das Programm startete für 100 Medizinstudenten an deutschen Hochschulen zum Wintersemester. Weitere Studenten konnten sich um ein Co-Stipendium in Höhe von 500 Euro bewerben, wenn sie bereits ein anderes Stipendium von einer Kommune oder einem Krankenhausträger erhalten. Außerdem wird die Weiterbildung von 20 Medizinern zu Fachärzten finanziell unterstützt.

Darüber hinaus will die Landesregierung zum Wintersemester 2023/24 eine staatliche medizinische Hochschule in der Lausitz eröffnen, um den Ärztenachwuchs für das Land zu sichern. Bereits seit dem Wintersemester 2014 existiert die Medizinische Hochschule Brandenburg, die in kommunaler und gemeinnütziger Trägerschaft Ärzte und Psychologen ausbildet.

Beitrag von Iris Wussmann

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