Festival "Aquamediale" im Spreewald - "Manche sagen: Achso, Kunst ist das?"

Aquamediale in Schlepzig, Brandenburg findet bis 18. September 2021 statt. (Quelle: rbb/Sven Otto)
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Video: rbbKultur Reportage - Aquamediale | 26.06.2021 | Anne Kohlick | Bild: rbb/Sven Otto

Im Wasser der Spree spiegeln sich in diesem Sommer Arbeiten internationaler Künstler*innen: Das Festival "Aquamediale" hat sie nach Schlepzig eingeladen. Wie die Kunstwerke für das Spreewald-Dorf entstehen, hat Anne Kohlick begleitet.

Wenn Marie-Annick Le Blanc Keramik formt, taucht sie ein in eine andere Welt. "Es ist wie bei Meditation", erklärt die Künstlerin, während ihre Hände Röllchen aus feuchtem Ton aufeinanderschichten und festdrücken. "Es kommen viele Gedanken hoch, aber die ziehen weiter. Ich konzentriere mich auf das Spüren - darauf, was zwischen meinen Fingern passiert."

Die Französin arbeitet in Groß Eichholz bei Storkow und ist eine von elf internationalen Künstler*innen, die zum Festival "Aquamediale" eingeladen sind. Rund um das Spreewald-Dorf Schlepzig sind die Kunstwerke der Open-Air-Ausstellung seit Juni zu sehen. In der Natur spiegeln sich die zehn Installationen im Wasser der Fließe. Am besten ist die Kunst vom Paddelboot aus zu sehen - oder vom Kahn.

Wenn sich die Kunst in der Spree spiegelt

"Je mehr man eintaucht, umso interessanter wird es"

Die Fährleute in Schlepzig bieten dafür Kunst-Kahnfahrten an. Fährfrau Yvonne Huber hat eine Schulung beim Leitungsteam des Festivals mitgemacht, um den Gästen die Kunstwerke näherzubringen. "Manche sagen erstmal: Achso, Kunst ist das?", erzählt die Spreewälderin lachend. Ihr selbst sei es anfangs ähnlich gegangen: "Wenn einem die Informationen zu den Kunstwerken fehlen, dann ist man erstmal irritiert." Aber Irritation sei etwas Gutes, betont sie. "Je mehr man anfängt, sich Gedanken zu machen, je mehr man eintaucht in die Kunst, umso interessanter wird es."

In das 600-Einwohner-Dorf Schlepzig im Unterspreewald kommt mit dem Beginn des Festivals Aufbruchsstimmung nach einem schwierigen Frühjahr. Viele hier leben vom Tourismus: vermieten Ferienwohnungen oder Paddelboote, arbeiten in der Gastronomie oder bieten Kahnfahrten an. Zu Ostern beginnt normalerweise die Saison. Dieses Jahr fehlten die Gäste noch zu Pfingsten - erst wegen der Corona-Beschränkungen, später wegen Kälte und Regen. Jetzt hofft Schlepzig, mit dem Festival ein neues, kunstinteressiertes Publikum ins Dorf zu ziehen.

Eine Unterwasserwelt aus Keramik

"Das Zauberhafte an diesem Festival ist das Wasser - und es prägt die Kunstwerke auch inhaltlich", sagt Marie-Annick Le Blanc. Über 50 Keramik-Skulpturen hat sie für die Aquamediale modelliert. Manche passen auf eine Handfläche und erinnern an Seesterne, andere sind mehrere Meter groß und geformt wie riesige Röhrenkorallen. Eine Unterwasserwelt, die für die Künstlerin eine persönliche Bedeutung hat: "Als mich der Kurator des Festivals im November anrief und mich eingeladen hat, mitzumachen, habe ich mich gefragt: Was bedeutet der Spreewald für mich?"

Seit sieben Jahren lebt Marie-Annick in Brandenburg, eine halbe Stunde Autofahrt nördlich des Spreewalds. Vorher hat sie in Berlin gearbeitet als Managerin für klassische Musiker*innen - bis ihr Lärm und Stress zu viel wurden und sie mit Mitte Vierzig neu begann: auf dem Land und mit der Keramik. Hinter ihr liegen viele Umzüge, auch bedingt durch die internationalen Wurzeln ihrer Familie: geboren auf Mauritius, der Vater Franzose, die Mutter halb Italienerin, halb Österreicherin. Aufgewachsen ist Marie-Annick zwischen Rom und Wien, später ging es nach London und Berlin.

Ein Symbol für das Ankommen

"Wo komme ich her? Diese Frage hat für mich immer eine große Rolle gespielt. Und Mauritius war ein Ort, an dem ich mich festhalten konnte", erinnert sie sich. Seit Jahren schon formt sie Keramiken, die von Korallen und Muscheln inspiriert sind - Erinnerungen an ihre tropische Heimat im indischen Ozean. Jetzt bringt sie diese Skulpturen in den Spreewald - ein Symbol für das Ankommen, ein neues Gefühl von Verwurzeltsein, das sie in Brandenburg gefunden hat.

Die Keramik-Korallen von Marie-Annick Le Blanc säumen in diesem Sommer das Spreeufer nördlich des Schlepziger Weidendoms. Gleich auf der anderen Seite des Fließes hat Künstler Gong Zhang aus China einen schwarzen Ballon in mehreren Metern Höhe zwischen die Bäume gehängt. Zweieinhalb Meter Durchmesser hat sein kugelförmiges Kunstwerk - und wirkt vom Wasser aus gesehen, als würde es schweben.

Die Feuerwehr im Einsatz für die Kunst

Die metallisch glänzende Oberfläche überziehen filigrane goldene Linien: chinesische Schriftzeichen und Bilder von Ungeheuern mit Federn und Krallen. Inspiriert hat den Künstler ein Mythos aus seiner Heimat: die Sage vom traumfressenden Biest. "Wenn man in China schlecht geträumt hat", erklärt Gong Zhang, "dann kann man sich am nächsten Morgen nach Osten wenden und zum Biest beten, damit es den Alptraum auffrisst."

Beim Aufbau seines Kunstwerks hat die Schlepziger Feuerwehr geholfen, um den riesigen Ballon sturmsicher zwischen den Bäumen festzumachen. Bis Mitte September sind die Installationen des Festivals draußen dem Wetter ausgesetzt - dann sollen sie bei der Finissage verkauft werden. Bis dahin stehen die meisten Werke direkt am oder im Wasser - auf Grundstücken, die Schlepziger Privatleute kostenlos zur Verfügung stellen.

Handwerk trifft Kunstwerk

"Ohne die Unterstützung, die wir aus dem Dorf bekommen, wäre die 'Aquamediale' nicht möglich", sagt Festival-Leiterin Anika Meißner. Ursprünglich war für die 14. Ausgabe des Festivals geplant, dass lokale Handwerksbetriebe mit den Künstler*innen zusammenarbeiten und die Kunstwerke in Kooperationen entstehen - passend zum diesjährigen Motto "Hand Werk Kunst". "Das hat sich so leider nicht umsetzen lassen", erklärt Kurator Harald Larisch, "wegen der Kontaktbeschränkungen, die im Frühjahr noch strikt waren."

Nur vereinzelt konnten die eingeladenen Künstler*innen mit Menschen aus Schlepzig zusammenarbeiten - so wie das israelische Künstler-Duo Dan Farberoff und David Behar Perahia mit dem Schlepziger Holz-Bildhauer Achim Nocka. "Uns ist es wichtig, lokale Materialien zu nutzen", erklärt Dan Farberoff, "uns inspirieren zu lassen von Traditionen, die es vor Ort gibt - hier im Spreewald zum Beispiel vom Blaudruck." Mit dieser traditionellen Technik wurden in der Region früher Textilien verziert. Typisch sind dunkelblaue Schürzen aus Leinen, geschmückt mit weißen Mustern, wie Kahnfährfrau Yvonne Huber sie bei der Arbeit trägt.

Eine Arche aus Schlepziger Holz

In Schlepzig haben die beiden Israelis mit Holz aus den Wäldern ringsum das Dorf gearbeitet. Achim Nocka hat ihnen geholfen - mit seinem Werkzeug und seinem Wissen. Er hat ihnen gezeigt, wo er Totholz für seine Tierskulpturen sammelt und die beiden Künstler bei der Konstruktion ihrer begehbaren Installation beraten.

Dan Farberoff und David Behar Perahia haben lange Äste zu Bögen kombiniert - und mehrere davon über einen Firstbalken verbunden. "Die Struktur erinnert an ein Boot, das man umgedreht hat, um sich daraus einen Unterschlupf zu bauen", erklärt Dan Farberoff. “Archa” haben die beiden Künstler ihre Installation genannt - nach dem sorbischen Wort für “Arche”. Sie steht im Großen Hafen von Schlepzig, dort wo Yvonne Hubers Kahn auf Gäste wartet, direkt neben einem spreewaldtypischen Heuschober.

Anfahrt

Inspiriert vom Blaudruck

Ein Dach aus Leinen haben die Künstler auf der einen Seite über das Holz gespannt - gefärbt in einem abstrakten blau-weißen Muster. "Zu den Farben hat uns der Blaudruck inspiriert", sagt David Behar Perahia. "Unser Muster ist aber nicht so filigran wie auf den Stoffen der historischen Vorbilder. Es ist großflächiger und den Spiegelungen der Bäume im Wasser nachempfunden."

Teil des Kunstwerks ist auch eine Soundinstallation mit Naturgeräuschen und Gedichten der 88-jährigen Schlepziger Dorf-Poetin Edith Baatz [commonviews.art]. Ihre Stimme kombiniert mit dem Plätschern des Wassers soll Menschen anlocken, das Kunstwerk zu betreten, von hier aus den Blick auf die Spree zu richten und sich in die Natur zu vertiefen.

"Unsere 'Archa' ist ein Gegenpunkt zum Hafen, der mir sehr ordentlich vorkommt, mit seinen Buden und Sonnenschirmen, wo alles seinen festen Platz hat", sagt Dan Farberoff. "Unser Kunstwerk bringt Wildnis hier rein und wirft Fragen auf - nach Flucht und Migration, nach einem provisorischen Unterschlupf, der vielleicht einmal nötig wird." In Schlepzig hätten sie ein Dorf kennengelernt, erzählen die beiden Künstler, das stolz sei auf seine Traditionen, seine Natur, seine Geschichte. Einen Ort, der es vor allem gewohnt ist, sich Touristen zu präsentieren, findet Dan Farberoff: "All das mal von einer anderen Seite zu zeigen - durch die Kunstwerke - ich denke, das ist es, was wir Künstler dem Dorf schenken."

Sendung: rbbKultur-Reportage "Aquamediale - Kunst im Spreewald", 26.06.2021, 18:30 Uhr

5 Kommentare

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  1. 5.

    Guten Morgen. Ihr Kommentar wirkt etwas wirr. Sie haben also etwas gegen Naturschutz, gegen Kunst, und Sie sehen Vogelscheuchen, wo keine sind. Alles in Ordnung bei Ihnen?

  2. 4.

    Nicht als Kritik, vielmehr als Anmerkung gemeint. Kunst, Mode, Musik, Lifestyle, uvm. liegt immer im Auge oder Ohr des Wahrnehmenden. Nicht jeder muss alles mögen und wie langweilig wäre es, wenn alle die gleichen Präferenzen haben.

  3. 3.

    Man sollte endlich damit aufhören, die Natur, die uns noch erhalten bleibt, zu schützen und nicht mit so einem Quatsch, die Tierwelt im Spreewald zu erschrecken! Vogelscheuchen waren noch nie gut für die dort lebenden Vögel. Vielleicht sollten sich die Naturschutzverbände, vorne weg NABU lieber darüber aufregen, als Tesla das Leben schwer zu machen. Man könnte doch auch dort die Vogelscheuchen aufstellen, dann wäre sie wenigstens permanent in den Medien!

  4. 2.

    Ich finde, bei zu vielen "Kunst"-Aktionen bemerkt man die Kunst erst, wenn ein Schild daneben hängt, das auf die Kunst hinweist.
    Manchmal wirkt die Kunst - so wie hier - so natürlich, dass sie sich nicht von der normalen Umgebung abhebt.
    Bei manch anderen "Kunst"-Objekten fragt man sich, worin die Kunst des Objektes besteht...

    Und bei Kunst ist es wie mit Witzen: Wenn man sie erst erklärt bekommen muss, um sie zu verstehen, verlieren sie das meiste ihres Reizes...

  5. 1.

    Wir waren letztens in Schlepzig und haben kaum Kunstwerke gefunden. In einem anderen Artikel des RBB hieß es, diese wären auch von Land aus zu sehen. Es gab aber keine Hinweistafeln und einen Plan auf der Website der Aquamediale hab ich auch nicht gefunden. Der Besuch war trotzdem schön. Ich wünschte mir aber allgemein bessere Infos. Mir ist das leider bei Artikeln zu Kultur schon häufiger aufgefallen, dass oft Ortsangaben und Hinweise für den Besuch, wie Öffnungszeiten und Eintrittspreise, fehlen. Ich bin durch meinen Beruf geübt in Recherche, aber viele andere Leser sind es nicht.

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