20.11.2019, Brandenburg, Frankfurt (Oder): Zwei Beamte der Bundespolizei sichern während einer Kontrolle einen Rastplatz an der Autobahn 12. Am selben Tag findet entlang der deutsch-polnischen Grenze im Land Brandenburg mehrere Großkontrollen zu illegalen Einreisen nach Deutschland statt (Quelle: dpa / Patrick Pleul).
Bild: ZB

Grenzkontrolle in Brandenburg - Wie ein abgeschobener Mörder nach zehn Jahren wieder gefasst wurde

In einem Nebensatz teilte die Polizei am Mittwoch mit, dass bei Kontrollen an der Grenze zu Polen ein gesuchter Mörder festgenommen wurde. Der Fall hat eine längere Geschichte. Von Ulf Morling und Sebastian Schneider

Eigentlich war Eduard K. längst ein freier Mann, den Großteil seiner Strafe hatte er in einem Berliner Gefängnis verbüßt und die Bundesrepublik anschließend verlassen müssen. Doch am Mittwoch beging der 52 Jahre alte Este einen entscheidenden Fehler: Er kehrte nach Deutschland zurück. Nach fast zehn Jahren Fahndung erwischte die Brandenburger Polizei den verurteilten Mörder bei einer Grenzkontrolle in Frankfurt (Oder). Das sagte ein Sprecher der Bundespolizei rbb|24 am Donnerstag.

Ende der 1990er Jahre hatte K. illegal in Berlin gelebt, immer übernachtete der Mann aus Riga in Hotels. So steht es in der Akte der Berliner Staatsanwaltschaft. Am Vormittag des 27. Juli 1999 betrat K. die Rossmann-Filiale in der Köpenicker Bahnhofstraße. Eine Packung Waschmittel bezahlte er, die sechs Paar Damenstrumpfhosen in seiner Plastiktüte nicht. Wert: 23,94 Mark. K. hatte außerdem eine halbautomatische Makarov-Pistole einstecken, die er sich auf dem Schwarzmarkt besorgt hatte.

Als er den Drogeriemarkt verlassen wollte, sprach ihn der Ladendetektiv Mirko P. an. P. bat Eduard K. in einen Bürocontainer, um ihn zur Rede zu stellen. Als er die Polizei rufen wollte, versuchte K. zu verschwinden. Der Ladendetektiv wollte ihn aufhalten, da zog Eduard K. seine Waffe. Der erste Schuss traf den Schrank. Der zweite traf den 36-jährigen Familienvater Mirko P. in die Brust. Er verblutete innerhalb kürzester Zeit.

Haftbefehl bei Wiedereinreise

Eduard K. floh in eine Kleingartenkolonie in der Nähe. Aber wenige Tage später erkannten Zeugen ihn in einer Pension am Stuttgarter Platz in Charlottenburg. Am 2. August riss ihn ein Spezialeinsatzkommando aus dem Schlaf. Er gestand die Tat. Richter des Berliner Landgerichts verurteilten Eduard K. Anfang 2000 unter anderem wegen Mordes und Diebstahl mit Waffe zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. "Diese Strafhaft saß er auch bis zum 1. Juni 2010 ab", sagte eine Sprecherin der Berliner Staatsanwaltschaft am Donnerstag rbb|24. Die knapp sechs Monate U-Haft wurden ihm angerechnet. Dann versuchte die Justiz, ihn loszuwerden - eine Änderung im Strafrecht hatte das möglich gemacht.

Die Verbüßung seiner Reststrafe wurde ausgesetzt, gewissermaßen auf Pause gedrückt. Eduard K. wurde anschließend in sein Geburtsland Estland abgeschoben. Gleichzeitig erging - gewissermaßen prophylaktisch - Haftbefehl gegen den Mörder. Nur gültig, sobald er wieder deutschen Boden beträte. Nicht ungewöhnlich bei nichtdeutschen Tätern. "Weil der Mann zu einer lebenslänglichen Strafe verurteilt wurde, gilt das auch wirklich lebenslänglich, falls er wieder einreist. Mord verjährt schließlich nicht", sagte die Sprecherin.

ARCHIV - Ein Justizbeamter steht in einem Zellentrakt der Justizvollzugsanstalt Cottbus im Stadtteil Dissenchen (Brandenburg) (Quelle: dpa / Patrick Pleul).
Fürs Erste ist Eduard K. in der JVA Cottbus eingesperrt. Wann er nach Berlin überstellt wird, ist noch nicht klar. | Bild: dpa-Zentralbild

Reststrafe in Berlin absitzen

Was Eduard K. zwischen seiner Abschiebung 2010 und dem vergangenen Mittwoch getan hat, wissen die Behörden nicht. Ebensowenig, ob der Trip am Mittwoch seine erste Rückkehr nach Deutschland war. K. saß in einem Reisebus, der auf der A12 herausgewunken wurde. 1.600 Menschen kontrollierten die Beamten an diesem Tag entlang der deutsch-polnischen Grenze. Als sie Eduard K.s Daten in den Polizeicomputer eingaben, hatten sie sofort einen Treffer.

K. wurde in die JVA Cottbus gebracht, bald soll er in ein Berliner Gefängnis überstellt werden. Wie viele Jahre er dort noch für den von ihm begangenen Mord absitzen muss, konnte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft am Donnerstag noch nicht sagen. Nach 15 Jahren kann die Strafe zur Bewährung ausgesetzt werden.

Sendung: Antenne Brandenburg, 21.11.19, 14 Uhr

Kommentar

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12 Kommentare

  1. 12.

    Ich würde es nicht als "grundsätzlich etwas im Argen liegt", nur bei Polizei und Justiz wurde die letzten Jahre massiv gespart und wenn man die Beamte auch noch zu eigenen Wahlkampfhilfe mißbraucht, dann fehlt die halt wo sie wirklich gebraucht wird, z.B. bei der Bekämpfung der OK. Das gleiche bei den Finanzämtern, da macht man publicitywirksame Razzien auf Baustellen statt öfter Banken zu durchsuchen. Bei den Milliarden, die dort hinterzogen werden, könnte man alle Beamten besser ausstatten.

  2. 11.

    Da haben Sie recht. Das grundsätzlich etwas im Argen liegt, ist unstrittig. Ich finde es nur bemerkenswert, welchen Effekt solche Kontrollen haben.

  3. 10.

    "Es spielt doch keine Rolle, ob es Schwerverbrechner waren."

    Quatsch! Darum ging es doch nicht, man hätte mit viel weniger Aufwand und Personal, sinnvoll eingesetzt noch mehr Haftbefehle vollstrecken können.

    Aber de Misere gehört auch zu denen, die lieber plakative Aktionen sehen wollen, statt effektive Polizeiarbeit.

  4. 9.

    Es spielt doch keine Rolle, ob es Schwerverbrechner waren. Sollen nur noch die bestraft werden? Es wurden offene Haftbefehle vollstreckt, und dann ist gut so. Punkt. Im übrigen war das nur ein positiver Nebeneffekt. Es ging eigentlich darum, Gewaltbereite vom G20-Gipfel fernzuhalten.

  5. 8.

    1.) Die Dauer bis zu Beginn des Verfahrens hat etwas mit Personalmangel zu tun, das Strafmaß allerdings gar nichts.
    2.) Die Berliner JVAs sind nicht überfüllt, sondern haben noch gut Luft nach oben.
    3.) Es finden regelmäßige Polizeikontrollen von Bundes- und Landespolizeien statt. Zur Kriminalitätsbekämpfung sind diese aber ohnehin zweitrangig. Moderne Polizeiarbeit funktioniert schon lange anders.
    4.) Ja, Justiz und Polizei benötigt mehr Personal (wie sehr viele andere Branchen auch), schwer erkrankt ist das System aber lange nicht. Mehr so ne kleine Erkältung ;)

  6. 7.

    Dann kommen sie eben einen anderen Tag, und schon sind sie wieder hier. All diese aktuellen Aufgriffe sind doch eh nur bei Stichproben erwischt worden, also quasi per Zufall.

  7. 6.

    Mit Beamten, die dann überall woanders gefehlt haben. Aber 673 Festnahmen liest sich schön in der Presse. Wieviele Schwerverbrecher waren darunter? Darüber liest man leider nichts. Also ein extrem hoher Auswand um ein paar Eierdiebe hops zu nehmen. Sehr effizient.

  8. 5.

    Die Kette heißt: Kriminell => entwischt wegen Personalmangel / erwischt => erwischt: niedrige Strafe wegen Personalmangel / Strafe mit Freiheitsentzug => Knast überfüllt: Haftbefehle werden nicht durchgesetzt wegen Personalmangel => Interesse, die überfüllten mit zu wenig Personal besetzten JVAs weiter zu füllen : NULL====> Keine Kontrollen (auch wegen Personalmangel) => keine "neuen" Bewohner für die JVAs.
    ======> System schwer erkrankt !

  9. 4.

    Würde man eine Autobahn mitten in Deutschland komplett sperren und jedes Fahrzeug kontrollieren wie im Vorfeld des G20-Gipfels an den Grenzen, so würden vergleichbar viele Haftbefehle vollstreckt. Das ist keine Frage von Grenzenkontrollen, sondern einfach der Kontrolldichte.
    Die Idee, Kriminelle würden nach Deutschland "einsickern" wird der komplexen Realität nicht gerecht. Zudem fallen seit Jahren die Kriminalitätsraten, die offenen Grenzen haben also keinesfalls zu mehr Kriminalität geführt. Ausnahme bilden die Einbruchs- und Eigentumsdelikte im grenznahen Raum zu Polen. Hier muss die europäische Polizeizusammenarbeit verbessert werden, es hat sich in den letzten Jahren allerdings auch schon viel getan.

  10. 3.

    Trotz Schengen dürfen seit einigen Jahren auch wieder Grenzkontrollen durchgeführt werden. Und das ist auch gut so, damit wenigstens ein Teil solcher Kriminellen nicht bei uns einsickert.

  11. 2.

    Unter anderem weil es kaum noch Grenzkontrollen gibt. Als es 2017 wegen des G20-Gipfels kruzfristig Grenzkontrollen an den Schengen-Grenzen gab, konnten 673 offene Haftbefehle vollstreckt werden! https://rp-online.de/politik/deutschland/mehr-als-670-straftaeter-bei-g20-grenzkontrollen-verhaftet_aid-17833139

  12. 1.

    Mal eine Erfolgsmeldung, bravo.
    Passiert ja leider nicht sehr oft.

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