Christoph Unger, Präsident des Bundesamts für Katastrophenhilfe (BBK), steht vor einer digitalen Werbetafel, die auf den Warntag 2020 hinweist. Am 10. September werden bundesweit alle vorhandenen Warnmittel getestet. Der Warntag soll dazu beitragen, die Akzeptanz und das Wissen um die Warnung der Bevölkerung in Notlagen und damit deren Selbstschutzfertigkeiten zu erhöhen. (Quelle: dpa/R. Vennenbernd)
Bild: dpa/R. Vennenbernd

Interview | Erster bundesweiter Warntag - "Den Königsweg der Warnung gibt es nicht"

Deutschland probt den Ernstfall. Gewarnt wird am Donnerstag mit Sirenen, Apps, Warntafeln und Lautsprecherwagen. Was an diesem sogenannten Warntag durcheinander erscheint, ist volle Absicht, sagt der Präsident des Bundesamts für Bevölkerungsschutz, Christoph Unger.

rbb|24: Christoph Unger, Sie sind Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, das den ersten bundesdeutschen Warntag in Zusammenarbeit mit den Behörden der Bundesländer inintiiert hat. Was genau wird da am Donnerstag um 11 Uhr passieren?

Christoph Unger: In großen Teilen der Republik werden gemeinsam um 11 Uhr die Sirenen ausgelöst. Gleichzeitig werden zentral ausgelöste Warn-Apps Signale abgeben. Wir werden Warnmeldungen über Rundfunk und Fernsehen verbreiten und parallel dazu werden digitale Werbetafeln beispielsweise in Städten diese Warnmeldungen anzeigen. Es werden auch Lautsprecherwagen durch Straßen fahren.

Wir versuchen, über die verschiedensten Warnwege, die Bevölkerung zu erreichen, um die Menschen zu sensibilisieren. Und nochmal ganz ausdrücklich: Es ist kein echter Alarm, es ist ein Probealarm.

Was muss ich denn am Donnerstag tun, wenn gewarnt wird?

Uns ist wichtig, dass die Bürger ud Bürgerinnen sich mit dieser Thematik befassen. Konkret wird es am Donnerstag darum gehen, dass, wenn vielleicht jemand in der Nachbarschaft nicht weiß, was da passiert, man ihn informiert und darauf hinweist: Achtung, es ist ein Probealarm, es ist keine echte Gefahrenlage.

Und was müsste ich tun, wenn es tatsächlich mal ernst wird?

Es hängt davon ab, was wir als konkrete Gefahrenlage haben. Aber es gibt dann bezogen auf diese Lage durch die auslösende Stelle, also eine Leitstelle im Landkreis, in der Stadt oder von uns [dem Bundesamt für Katastrophenschutz] konkrete Handlungsempfehlungen, was man jetzt zu tun hat. Beispielsweise – bei einer drohenden Gefahrennstoffwolke - Fenster und Türen zu schließen, oder auch Orte zu evakuieren. Dann könnten beispielsweise über die Warn-Apps auch Evakulierungsrouten angegeben werden. Und das ist wichtig, damit die Menschen sich dann in Sicherheit bringen können.

Außerdem gibt es in den Apps auch allgemeine Handlungsempfehlungen, die jeder und jede jetzt schon beherzigen müsste und auch nachlesen kann. Zum Beispiel Vorsorge zu treffen und Vorräte anzulegen. Die Notwendigkeit, Erste-Hilfe-Maßnahmen zu beherrschen oder zu wissen, wie man mit einem Feuerlöscher umgeht. In den einzelnen Lagen gibt es dann aber ganz konkrete Handlungsempfehlungen.

Sprich: Wenn Stromausfall ist, fährt wahrscheinlich die Polizei mit Lautsprecherwagen durch die Straßen und informiert.

Ja, denn Polizei oder Feuerwehr funktionieren ja dann noch, aber auch Warn-Apps funktionieren noch eine gewisse Zeit. Sirenen funtionieren auch, wenn sie batteriegepuffert sind. Es ist uns wichtig, dass die Menschen sich mit der Thematik befassen: Was kann uns eigentlich passieren? Wie kann man sich besser darauf vorbereiten?

Nehmen Sie aus Ihrer Region im letzten Jahr die Waldbrände in der Nähe von Berlin, wo Dörfer evakuiert werden sollten. Da gäbe es dann konkrete Handlungsempfehlungen. Eine grundsätzliche Empfehlung von uns in dieser Situation ist, dass man wichtige Dokumente in einer Tasche parat hat oder jedenfalls Kopien davon für den Fall, dass man evakuiert werden muss. Und solche Dinge kann man jetzt schon machen.

Können Sie ein paar Beispiele für Ereignisse nennen, vor denen in Zukunft gewarnt werden könnte?

Wir auf der Bundesebene haben nur den Auftrag, die Bevölkerung im Verteidigungsfall zu schützen. Deshalb warnen wir auch vor besonderen Gefahren unter solchen Bedingungen, das ist auch unser gesetzlicher Auftrag. Es ist im Kabinett ausdrücklich bestätigt worden, dass die Warnung dafür da sein und optimiert werden soll,

Andere Szenarien sind beispielsweise mit den Konsequenzen des Klimawandels verbunden. Wir werden häufiger Starkregenereignisse haben. Wir werden wahrscheinlich häufiger Waldbrände haben. Darauf muss die Bevölkerung sich einstellen. Um diesen Schutz zu gewährleisten, ist eine frühzeitige Warnung wichtig - und vor allen Dingen auch Information.

Wir haben hier in der Kölner Region beispielsweise wichtige chemische Industrieanlagen, da ist es in den letzten Jahren wiederholt zu Freisetzungen gekommen. Es gibt aber auch Terrorlagen, bei denen gewarnt werden muss. Wir hatten den Amoklauf in München.

Wir gehen davon aus, dass die Herausforderung für Bevölkerungsschutz wachsen. Deshalb brauchen wir ein sehr schnelles Warn- und vor allem auch Informationssystem.

Sie sagen, es ist der erste bundesweite Warntag…

In der alten Bundesrepublik – vor der Wiedervereinigung - gab es regelmäßig solche Sirenen-Übungen, samstags unter den Bedingungen des Kalten Krieges. Luftalarm und ABC-Alarm. Damals verfügte meine Behörde über 500 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in zehn sogenannten Warnämtern und über 86.000 Sirenen, die dann ausgelöst worden sind.

Auf den Rückseiten der damals gelben Telefonbücher in Westdeutschland waren die unterschiedlichen Signale abgebildet. Das gibt es nicht mehr. Wir haben heute gut 30.000 Sirenen in der gesamten Bundesrepublik, die aber nicht zentral angesteuert werden können. Deshalb brauchten wir jetzt ein neues Warnsystem.

Die ersten Erfahrungen haben wir 2002 an der Elbe gemacht, als nicht schnell genug gewarnt werden konnte. Als dann die Weißeritz oder die Mulde, Nebenflüsse der Elbe in Sachsen, zu reißenden Strömen wurden und ganze Stadtteile zerstört haben. Aus dieser Zeit sind die ersten Überlegungen, seitdem haben wir dieses System wieder auf- und ausgebaut.

Jetzt ist es eben auch mit technisch unterschiedlichen Endgeräten ausgestattet, und das müssen wir tatsächlich mal in der Komplexität üben: Wenn wir hier in Bonn auf den Knopf drücken, werden zwar nicht die Sirenen ausgelöst, weil die noch nicht angeschlossen sind, aber die Warn-Apps. Wir gehen an die Rundfunk- und Fernsehanstalten und wir lösen digitale Werbetafeln aus.

Sirenen werden im Moment noch dezentral ausgelöst. Da basteln wir gerade an technischen und finanziellen Lösungen, wie wir auch die noch vorhandenen oder vielleicht künftig noch mehr vorhandenen Sirenen zentral ansteuern können.

Warum wird der Warntag ausgerechnet jetzt wieder eingeführt? Was ist der Auslöser dafür zu sagen, wir wollen das wieder jährlich auf den Weg bringen und die Bevölkerung informieren?

Der Beschluss ist vor zwei Jahren von der Innenministerkonferenz auf den Weg gebracht worden. Hintergrund ist der Aufbau und die wachsende Komplexität des Systems. Wir haben heute fast acht Millionen Nutzer, unserer Warn-App Nina. Das sind technisch sehr schwierige Systeme, die dahinter liegen. Und wir wollen auch ausdrücklich die Bevölkerung für die wachsende Herausforderungen des Bevölkerungsschutzes sensibilisieren. Es sollte einen Tag nach den Ferien sein. Es sollte ein Arbeitstag am Vormittag sein, damit viele Menschen in ihrem alltäglichen Umfeld tatsächlich diese Signale hören, das mitkriegen, sich damit befassen. Und - um Ihre Frage vorwegzunehmen - es hat nicht unbedingt was mit Corona zu tun.

Nun sind die guten, alten Sirenen ja oft abgebaut – hier in Berlin zum Beispiel gibt es keine mehr. In Brandenburg dagegen ist es ein großes Thema, dass es nicht überall belastbare Internetverbindungen gibt und nicht alle Menschen Smartphones haben, um so eine App zu nutzen. Wäre es nicht ratsam, ein flächendeckendes Warnsystem zu haben, das wirklich jeden überall und sofort erreicht?

Wir brauchen ein flächendeckendes Warnsystem mit verschiedenen Geräten. Es ist ja nicht nur eine Frage der Internetverbindung. Es gibt unterschiedliche Bevölkerungsgruppen. Ältere Menschen haben vielleicht eher noch nicht das Smartphone. Auf der anderen Seite gibt es viele Menschen mit Migrationshintergrund, die des Deutschen nicht so mächtig sind.

Wir brauchen die verschiedensten Wege, und jedes dieser Warn-Endgeräte hat unterschiedlichen Nutzen, aber auch Nachteile. Sirenen haben vergleichsweise wenige Signale. Sie geben mir keine Informationen weiter. Und das würde auch voraussetzen, dass ich mit unterschiedlichsten Signalen tatsächlich umgehen kann. Deshalb sagen wir: Nein, nicht nur Sirenen, auch wenn sie in verschiedenen Gegenden beispielsweise in Bayern oder an der Rheinschiene in den letzten Jahren wieder aufgebaut worden sind.

Es gibt nicht den Königsweg der Warnung, wir brauchen einen Mix der verschiedenen Warnmittel, damit wir möglichst viele Menschen erreichen - im Idealfall natürlich alle.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Florian Dietz.

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24 Kommentare

  1. 24.

    Es wäre sinnvoll, in die Software eine Bedarfsanfrage zu freiwilligen Helfern zu integrieren, die täglich aktualisiert werden sollte, mit Angaben zu den jeweiligen Ansprechpartnern. Als freiwilliger Hochwasserhelfer habe ich immer wieder erlebt, das vor allem Alte und Behinderte sich über fehlende Hilfe beklagen. Andererseits gab es immer wieder Kommunen, die ihren Helferbedarf herunter spielten, vielleicht wollte man im (Dauer) Wahlkampf suggerieren, alles im Griff zu haben. Diesem Problem begegnete ich auch bei Versuchen, eine bundesgesetzliche Regelung zu erreichen. Aber ich denke, das Bundesamt fuer Katastropfenschutz kann eine Softwareaenderung auch selbst verantworten. Dabei sollten auch Helfer berücksichtigt werden, die sich ausunterschiedlichen Gründen nicht verbindlich gegenüber einer Hilfsorganisation verpflichten können. Beispiel wäre die Pflege eines Angehörigen, aber dieser kann zum Zeitpunkt des Helferbedarf im Krankenhaus sein.

  2. 23.

    Ich habe ein Tastenhandy, kein Smartphone. Da geht KATWARN? Wie soll das funktionieren?

  3. 22.

    Eine Sirene muss mir doch nicht sagen was passiert ist. Sie muss doch nur signalisieren das ich mich informieren soll über Rundfunk, Fernsehen oder Internet. Da erfahre ich dann alles weitere.
    Jedenfalls hätte ich nichts mitbekommen wenn mein Radio nicht angewesen wäre.
    Eine Sirene ist auch in der Nacht gut zu hören.
    Und ob einmal im Jahr so eine Übung etwas bringt?
    So müssen Korrekturen und überarbeitungen erst im nächsten Jahr ausprobiert werden.

  4. 21.

    Warum verteilt man Warnungen nicht über SMS wie in Polen, den USA oder sonst wo? Schön lokal an die Funkzelle, in der sich das Telefon befindet. Teure Apps versagen, aber SMS funktioniert auch wenn das Internet gestört ist.

  5. 19.

    "Den Königsweg der Warnung gibt es nicht". Na aber Hallo und wie es den gibt: bundesweit pro Feuerwehrhof eine Sirene - notfalls händisch bedient, eine Telefonhotline (Kabel nicht Voice-over-IP) explizit für Katastrophenalarme - rotes Telefon ;) - und fertig ist der Lack!

  6. 18.

    "Den Königsweg der Warnung gibt es nicht". Na aber Hallo und wie es den gibt: bundesweit pro Feuerwehrhof eine Sirene - notfalls händisch bedient, eine Telefonhotline (Kabel nicht Voice-over-IP) explizit für Katastrophenalarme - rotes Telefon ;) - und fertig ist der Lack!

  7. 17.

    Hier gab es über RBB - Fernsehen keine Warnungen.
    Andere Öffis haben berichtet aber nicht gewarnt.
    Nina, Katwarn und DWD keine Warnmeldung.
    Entwarnungen gab es auch nicht.
    Da ist noch viel Luft nach oben. Also wieder Sirenen kaufen und aufbauen und Wartung und Entstörung nicht vergessen. - Wir werden doch noch Corona-Hilfsmittel zurückbezahlt bekommen. Wird schon nicht so teuer, wie die fehlenden Schutzräiume ! - Nein, ich habe nichts gegen R2G, die Parteien die die Schutzmittel eingespart haben sind immernoch im Abgeordnetenhaus und im Senat.

  8. 15.

    Es gab doch genug Vorabinfo‘s in Presse, Rundfunk und Fernsehen. Lesen und sehen muss man allerdings schon selber.

  9. 14.

    Diese Übungen sind auch den Ostberlinern bekannt, Mittwochs um 12.00 Uhr wurden die Sirenen getestet und so bekam auch die Freiwillige Feuerwehr ihr Signal.

  10. 12.

    Traurig dass es in der Hauptstadt solch ein Ton nicht gibt ihr seid echt zum heulen für alles ist Geld da Hauptsache eure Taschen sind voll

  11. 10.

    Warn-Apps schön und gut, aber auch wenn die jüngere Generation über Smartphones verfügt, heißt das nicht, dass auch diese Apps installiert werden können.
    Ich habe ein iPhone 4s, mein iOS endet mit der letzten 9er Version, damit ist NINA raus. Ich hoffe, das KATWARN noch etwas länger unter dieser Softwareupdate läuft.
    Solange ich damit noch telefonieren kann, wird es bei mir kein neues iPhone geben. Ich denke mal, dass ich da nicht die einzige bin, die in dem Punkt nachhaltig denkt.

  12. 9.

    Diese “Übungen “ sind vielen “Westberlinern “ aus den Zeiten der Berliner Mauer bereits bekannt. Ich hätte mir vorab diesmal aber mehr Informationen für ältere Menschen gewünscht, um Panik zu verhindern. Das selbe gilt für Familien mit Fluchterfahrung.Da es sich „nur“ um eine Übung handelt, hätte man auch mit Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern die möglichen Folgen der Übung besprechen konnen

  13. 8.

    Wenn ich immer höre, "Sirenen können keinen Informationen übermitteln." muss ich immer an Dresden denken. Dort kann man Stadtweit durchsagen mit den Sirenen machen lassen. Vielleicht guckt der RBB mal nach dort und promotet nicht die Halbwahrheit der doofen Sirene.

  14. 7.

    @Matthias: Ihre App wird kaputt sein. Am besten reparieren sie das Ding. Manchmal muss man nur an ein paar Schrauben drehen. Vielleicht funktioniert sie ja dann morgen. ;-) Nichts für ungut :-)

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